Warschau – die größte Baustelle Europas

Seit ich Anfang 2013 nach Warschau gezogen bin, befindet sich die Stadt im stetigen Wandel. Es werden Büros, Wolkenkratzer und große Wohnviertel gebaut, alte Gebäude werden renoviert oder restauriert, es wird gehämmert und verputzt, die LKWs liefern tonnenweise Beton und anderes Baumetarial und die Gerüste wurden ständig auf- und abgebaut. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Vielmehr sieht man, dass Warschau für die Baufirmen zu einem Spielplatz geworden ist, auf dem sie sich sehr wohlfühlen. Nachfolgend möchte ich die einzelnen Großprojekte näher darstellen.

Wolkenkratzer 

In Warschau stehen aktuell (Juni 2018) 21 Gebäude, die höher als 100 Meter hoch sind. Davon übersteigen 3 die 200-Meter-Marke. Allen voran der Kulturpalast mit 237 Metern, gefolgt vom Warsaw Spire (220m) und dem Warsaw Trade Tower (208m).

Seit der 2012 in Polen und der Ukraine ausgetragenen Fußball-Europameisterschaft wurden in Warschau fünf Gebäude fertiggestellt, die höher als 100 Meter sind:

GebäudeGesamthöheFertigstellungFunktion
Nationalstadion1132012Sport und Kultur
Cosmopolitan Twarda 2/41602013Wohnen
Zlota 441922013Wohnen
Q221952016Büro
Warsaw Spire2202016Büro

Seit der Eröffnung des Bürokomplexes West Station I + II am Westbahnhof hat Warschau mehr als 5 Millionen Quadratmeter an Büroflächen.

Die immer sichtbar werdende Skyline von Warschau entsteht zwischen der Marszalkowska-Strasse und der Towarowa-Straße. Der westliche Teil liegt im Stadtteil Wola, wo sich bis 1990 das Industriegebiet der Stadt befand. Heute können die Investoren dort billige und brachliegende Grundstücke erwerben. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat diese Ecke eine unglaubliche Transformation erlebt. Die Zukunft gestaltet sich noch interessanter.

Die nachfolgende Karte zeigt die fertiggestellten Wolkenkratzer ab 100 Meter Höhe im Bereich der Warsaw City (oben rechts gibt es die Vollbildfunktion). 

Doch das ist erst der Anfang. Zahlreiche weitere Wolkenkratzer befinden sich im Bau. Unter anderem der Varso Tower, der mit seiner Gesamthöhe von 310 das höchste Gebäude in der EU sein wird. Des weiteren gestaltet sich die Liste der sich im Bau befindenden Wolkenkratzer wie folgt:

GebäudeGesamthöheFertigstellungFunktion
Varso Tower3102020Büro
Spinnaker1802020Büro
Port Praski1602022Wohnen
Skyliner1952020Büro
Mennica Legacy Tower1402019Büro
Generation Park1402019Büro
Spark1302019Büro
The Warsaw Hub1302019Büro
B4 Office Center1202020Büro
Nowa Emilia1962021Büro
Roma Tower1702020Wohnen

Schon jetzt gehört Warschau zu der Top-5 der höchsten Städte Europas neben Städten wie Moskau, London, Paris und Frankfurt am Main. Diese Position wird Warschau in den nächsten sicherlich festigen und sich sicherlich hocharbeiten. 

Im Menü gibt es den Tab „Wolkenkratzer“, wo es weitere Details zu einzelnen Wolkenkratzern gibt. 

Wohnviertel

Auch auf dem Wohnungsmarkt herrscht ein Bauboom, welcher seit 5 Jahren anhält. Monat für Monat werden in Warschau ca 1000 Wohnungen fertiggestellt.

In Stadtviertel Bialoleka im Norden der Stadt sieht man deutlich, wieviel Erde bewegt wird. Die dortigen Gebiete bieten viele Grundstücke, die für relativ wenig Geld zu habens sind. Lebten in Bialoleka im Jahre 2002 ca. 55 Tausend Menschen, waren es 2012 schon über 98 Tausend. Dabei handelt es sich um die angemeldeten. Viele Hinzugezogenen melden sich nicht an. Daher schätzt die Stadtverwaltung, dass dort schon über 130 Tausend Einwohner leben.

Ein weiteres Beispiel ist das Wohnviertel Miasteczko Wilanow (Städtchen Wilanow) im Süden der Stadt in der Nähe des Wilanow-Schloßes. Auf dem 169 Hektar großem Feld lebten 2010 knapp 10 Tausend Menschen, wovon vielleicht mal 3,5 Tausend angemeldet waren. Am Ende können dort sogar 50 Tausend Einwohner Platz finden.

In der Baubranche sind derzeit über 50 Tausend Bauarbeiter eingestellt und es werden von Jahr zu Jahr immer mehr.

Ursa Smart City – ein Megaprojekt

Auf ca. 220 ha entsteht im südwesten von Warschau gelegenen Stadtbezirk Ursus eine Megaprojekt. Auf diesem Gelände befand sich die die Firma Ursus, welche in der Vergangenheit Landmaschinen und Traktoren herstellte. Nun liegt das Grundstück brach und erwartet eine Neubelebung. Insgesamt entsteht hier eine Nutzfläche von 740 Tausend Quadratmeter, wovon 450 Tausend als Wohnfläche genutzt werden sollen.

Die ersten Wohnblöcke werden 2017 fertiggestellt sein.

Ausbau der Warschauer Metro

Die Warschauer Metro besteht momentan aus lediglich 2 Linien – M1 und M2. Die M1 durchzieht die Stadt von Nord nach Süd und die M2 von West nach Ost. Die erste Metrolinie wurde 1995 eröffnet, erreichte ihre volle Länge von 23 Kilometern mit 21 Stationen jedoch erst 2008.

Die M2 ist aktuell (Juni 2018) 6,1 Kilometer lang und hat 7 Stationen.

Stadtplan mit dem U-Bahn-Netz in Warschau

Verwirklich wird gerade das Projekt 3 + 3 – die Linie M2 wird in beide Himmelsrichtungen um jeweils 3 Stationen erweitert. Die ulica Gorczewska wurde geschlossen, was bis 2019 eine herbe infrastrukturelle Einbuße darstellt. Doch es lohnt sich zu warten, denn ab 2019 verkürzt sich der Weg aus den östlichen und westlichen Stadtvierteln in die Innenstadt erheblich. Zusätzlich wird eine wichtige Hauptschlagader – die eben genannte Gorczewska-Strasse-  komplettsaniert. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit für die Autofahrer auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.

Der Ausbau soll 2019 abgeschlossen sein. Dann wird die M2 insgesamt 13 Stationen umfassen. Die Baukosten belaufen sich auf 4,1 Milliarden PLN.

Anschließend wird das Projekt 3 + 5 begonnen (3 Stationen Richtung Osten / 5 Stationen Richtung Westen).

Im Jahre 2020 beginnt zudem der Bau der dritten Metrolinie M3, welche am Nationalstadion beginnen wird und in südwestlicher Richtung gezogen wird.

Erneuerung des städtischen Schienennetzes

Mit dem Bau der Metro steht auch die Erneuerung des Warschauer Schienennetzes im Zusammenhang. Zum einen werden fast alle Schienen neu verlegt, neue Stationen entstehen und es wird, wo es möglich ist, eine Verbindung zwischen der Metro, dem Schienennetz, dem Busverkehr und dem S-Bahn-Netz hergestellt.

Am Westbahnhof der Stadt wird eine unterirdische S-Bahn-Station gebaut, welche einen direkten Umstieg von der S-Bahn in den nationalen wie internationalen Schienenverkehr ermöglichen wird. Zeitgleich wird der Süden der Stadt mit dem nördlichen Teil via Straßenbahn erreichbar sein. Bisher musste man ein kleines Stück mit dem Bus oder zu Fuß zurücklegen. Insgesamt will der Straßenbahnbetreiber 30 Kilometer neue Schienen verlegen.

Der Weichselboulevard

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Weichselboulevard in Warschau. Im Hintergrund das Nationalstadion / Antoni Wladyka  [CC BY-SA 2.0]

Die Weichsel ist DIE Neuentdeckung des 21. Jahrhunderts in Warschau. Die Königin unter den polnischen Flüssen entwickelt sich zum Lieblingsort der Warschauer – vor allem im Sommer.

Der Weichselboulevard wird auf einer Länge von über 6 Kilometern am westlichen Flußufer komplettsaniert. Abgeschlossen ist in etwa die Hälfte. Genaueres kann man im Beitrag über den Weichselboulevard nachlesen.

Fahrradwege

Als ich im akadmischen Jahr 2008/2009 an der Uni Warschau studiert hatte, wurde jeder Vorschlag einer Fahrradtour abgewunken. Das wurde damals als idiotischer Selbstmordversuch abgestempelt. Mittlerweile hat Warschau das 5-größte städtische Fahrradverleihsystem in Europa  und dank des kommunistischen Baustils – lies: sehr breite Straßen und viel Raum zwischen den Gebäuden – kann man heute in Warschau nahezu überall Fahrradwege verlegen. Allein im Jahr 2017 wurden 100 Kilometer Fahrradwege gebaut.

Warschauer Ringstraße

Diese ist noch nicht ganz fertig – leider. Es fehlen noch ca. 25 % der Gesamtlänge, hauptsächlich der Ost- und Südring. Momentan wird der längste Tunnel in Polen gebaut, damit ein gutes Stück Straße nicht mitten durch Wohnviertel verläuft. In ein paar Jahren kann man dann auf dem über 80 Kilometer langen Ring jeden Ort in der Stadt in kürzester Zeit erreichen.

Die Stadt konzentriert sich aktuell auf den südlichen Abschnitt des Ringes. 2020 soll dieser Abschnitt fertiggestellt sein.

Es bleibt noch viel zu tun

Man muss dabei eines beachten – Warschau benötigt diese Investitionen dringend. In westeuropäischen (Haupt)-Städten sind Ringstraßen, U-Bahn-Strecken und weitreichende brachliegende ehemalige Industrieflächen eher selten anzutreffen. Daher erfreut es, vor allem mich, dass die Stadt diesen Bedarf erkennt und ihn abdeckt. Man sieht, dass das Geld investiert wird und die Bürger der Stadt einen großen Nutzen davon ziehen. Selbstverständlich hat die Finanzierung seitens der Europäischen Union einen großen Anteil daran. Warschau würde solch großangelegte Projekte selber nicht stemmen können. Allein die Metro-Erweiterung könnte sich aus finanzieller Sicht als nahezu unmöglich erweisen.

Und so geht es hoffentlich weiter – es macht Spaß hier zu leben, weil man an der Entwicklung teilnehmen kann.

Am besten Sie überzeugen sich selbst!

Was in vielen Städten Westeuropas sicherlich schon zum Standard gehört, ist in Osteuropa erst seit kurzem möglich. Dabei geht es nicht nur um die finanziellen Möglichkeiten. Denn was nützt eine moderne Infrastruktur, wenn sie niemand benutzt? In Polen entsteht zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine Mittelklasse, welche sogar darauf angewiesen ist eine funktionierende Stadt bewohnen zu können. In dieser Hinsicht muss man diese Entwicklung ebenfalls betrachten und analysieren. Die Nachfrage nach einer Modernisierung der Stadt ist unheimlich groß.

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Kulturpalast in Warschau by A. Władyka / CC BY-SA 2.0

 

 

 

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Kategorien:Leben in warschau, Wirtschaft und Politik

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