Wolkenkratzer in Warschau

Varso Tower | 310m

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Vom Chmielna Business Center zum Varso Tower

Am 01. September 2016 habe ich über das Chmielna Business Center berichtetDamals war das Projekt noch ungewiß und es lagen auch noch keine verbindlichen Visualisierungen des Gebäudes vor. Man wußte lediglich, dass der Wolkenkratzer 310 Meter hoch in den Himmel ragen würde. Die angekündgten Höhenmeter erregten europaweit für viel aufsehen, da es das höchste Gebäude in der EU werden sollte. Für viele war es schon erstaunlich zu erfahren, dass es in Polen überhaupt Wolkenkratzer gab. Damals sollte das Projekt noch Chmielna Business Center heißen, da es sich an der Chmielna-Straße befindet. Schließlich hat der Investor am 10. Januar 2017 auf der lang erwarteten Pressekonferenz die Gerüchte über den Bau bestätigt. Lediglich der Name wurde in Varso Place umbenannt. Das höchste Gebäude dieses Komplexes heißt Varso Tower. Und diese möchte ich Euch näher vorstellen. 

Endlich höher als der Kulturpalast…

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Visualisierung / Pressefoto des Investors

Der Kultur- und Wissenschaftspalast war von 1955 bis Ende 2020 das höchste Gebäude in Polen. Vier Generation sind in Polen mit diesem unumstößlichen Naturgesetz aufgewachsen Und obwohl seit der Verkündung des Baus des Varso Towers klar war, dass in ein paar Jahren ein anderes Gebäude den ersten Platz der höchsten Gebäude des Landes einnehmen würde, herrschte absolute Ruhe, als dann soweit war. Der Kulturpalast gehörte schließlich nicht zu den beliebtesten Gebäuden der Stadt und wird bis heute mit Stalin und dem Kommunismus in Verbindung gebracht. Wie es scheint, waren alle auf den Moment der Stabsübergabe gut vorbereitet. Der Kulturpalast ist mit Antenne 237 Meter hoch, ohne Antenne sind es immerhin noch 188 Meter. Der Varso Tower ist bis zum Dach 230 Meter hoch. Mit Antenne bringt er es auf 310 Meter.  Auf dem Dach wird es ein Restaurant geben, sodass man vom Esstisch über den Kulturpalast wird hinwegschauen können.

Die Gegend

Varso Place grenzt im Norden an die Chmielna-Straße, womit noch anfangs der Name des ganzen Projektes zusammenhing (siehe oben). Ursprünglich wurde stets vom Chmielna-Business-Center berichtet. Der Haupteingang wird von dieser Straße aus zugänglich sein. Auf der Visualisierung sieht man in der linken Bildmitte den Zentralbahnhof (Dworzec Centralny) und den südwestlichen Teil der Goldenen Terrassen (Zlote Tarasy), eine der größten Einkaufsmalls in der polnischen Hauptstadt. In der oberen Bildmitte ist die Spitze des 170 Meter hohen LIM-Centers, wo sich auch das Mariott-Hotel befindet, erkennbar. Rechts daneben steht der 1979 errichtete Oxford Tower mit 150 Metern Höhe. In der Ecke zwischen den letztgenannten Wolkenkratzern soll in den nächsten Jahren der Lilium-Tower errichtet werden.

Die auf der Visualisierung schräg von links nach rechts, geographisch von Nord nach Süd, verlaufende Vekehrsader heißt Aleja Jana Pawla II und trennt die Stadtbezirke Innenstadt (Śródmieście) und Wola voneinander. Das Varso Place gehört zu Wola.

Der Warschauer Innenstadtbereich ist durch die heftigen Zerstörungen während des 2. Weltkrieges und vor allem nach dem Warschauer Aufstand von 1944 ein Areal mit sehr vielen unbebauten Flächen. Südlich vom Varso Place ist ein riesiger Parkplatz erkennbar, wo der 220 Meter hohe Centralna Park (Visualisierung: 7 Fotos) errichtet werden soll. In unmittelbarer Nähe befinden sich weitere elf Gebäude, die eine Mindesthöhe von 100 Metern erreichen, vier sind im Bau oder befinden sich in der Planungsphase. Warschau erlebt seit 2012 einen in seiner Geschichte nie dagewesenen Bauboom. Auch im Bereich des Wohnungsbaus brechen die Investoren seit Jahren Rekorde. Der Coronavirus konnte die Bauaktivität nicht aufhalten. Ganz im Gegenteil: man hat sogar das Gefühl, dass das Tempo sogar beschleunigt wurde. Am sichtbarsten sind die Veränderungen in den Straßen Grzybowska, Chlodna, Lucka, Zelazna und Targowa, welche alle in Stadtbezirk Wola liegen, und das moderne Business City Centre umschließen. Es ist kaum zu glaiben, dass hier bis zum Ende der 1990er Jahre ein Schwerindustriegebiet war. Die Fabrikhallen wurden geschlossen, die Grundstücke wurden wertlos und in der Nähe wurde die Metrolinie M2 gebaut: Das perfekte Rezept für einen Strukturwandel.

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Das höchste Gebäude in der EU

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Das Projekt Varso Place mit dem 310-Meter-hohem Hauptturm Varso Tower

Großbritannien ist nicht mehr Mitglied der EU, dort stand jedoch das einzige Gebäude, welches der Gesamthöhe des Varso-Tower etwas anhaben könnte. The Shard (the-shard.com) ist nämlich genau 309,6 Meter hoch. Etwas mehr ist auch höher! Es sind zwar nur 40 Zentimeter, aber in der Liste ist der Varso schlicht vor The Shard.

Von den 310 Metern des Varso Towers nimmt die Antenne ganze 80 Meter ein. In offiziellen Höhenstatistiken richtet man sich jedoch an der Gesamthöhe, sodass es nun an den Briten liegt sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Konkurrenz aus Dänemark

Im April 2019 verkündete die dänische Bekleidungsfirma Beststeller den Bau eines noch höheren Gebäudes. Die Welt staunte nicht schlecht, als der Ort des Projektes bekannt wurde. Das Örtchen heißt Brande und das Baugrundstück befindet sich mitten auf dem Land. Das Gebäude soll 320 Meter hoch und Bestseller Village & Tower genannt werden.

Die umliegende freie Fläche macht es möglich das Gebäude aus einer Entfernung von 60 Kilometern zu sehen.

Varso Place – ein Komplex

Varso Place setzt sich zusammen aus drei Gebäuden. Der Hauptturn wird mit seinen 52 Stockwerken (+ Erdgeschoss) eine Höhe von 310 Metern erreichen, das mittlere Gebäude wird 90 Meter und der kleinste Turm 81 Meter messen. Die kleineren Türme wachsen aus einem gemeinsamen Podium heraus, dessen Fassade aus Stein in der Farbe beige gehalten wird. Auf deren Dächern entstehen grüne Terrassen für die Angestellten des Bürokomplexes. Auf dem Parterre schaffen die Architekten ein öffentlich zugängliches Terrain mit Geschäften, Restaurants und Cafés. Unterirdisch wird das Grundstück mit dem Hauptbahnhof auf der anderen Seite der aleja Jana Pawla II verbunden sein. Die gesamte Bürofläche wird ca. 144.000 Quadratmeter betragen. Für diesen Gebäudekomplex musste ein Grundstück von 18 Tausend Quadratmetern erworben werden, welches den Investor 171 Millionen PLN kostete. Das Projekt kostet weitere 500 Millionen EUR, also ca. 2,2 Milliarden PLN.

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Lageplan des Varso Place / Pressefotos

Auf dem Grundstücksplan sieht man die Aufteilung des Varso Place. Der Plan hat eine Nord-Süd-Ausrichtung. Im Norden verläuft die Chmielna-Straße, im Osten die aleja-Jana-Pawla-II-Straße. Im Westen entsteht ein Fußgängerweg ohne Namen. Der Varso Tower wird in der nordöstlichen Ecke stehen. In der Mitte und im Westen die zwei kleineren Türme.

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Fahrräder und Autos

Warschau entwickelt sich zu einer echten Fahrrad-Stadt. Daher verwundert nicht die Anzahl von 750 Fahrradabstellplätzen im neuen Komplex. Natürlich wird es zusätzlich noch Duschen und Umkleideräume geben, was in Warschauer Bürogebäuden mittlerweie zum Standard gehört. Der Investor wird in den umliegenden Straßen die Fahrradwege an das gesamte Fahrradwegenetz, welches mittlerweile über 500 Kilometer lang ist, anschließen.

Für die Autos wird ein Parkplatz auf drei unterirdischen Etagen gebaut. Insgesamt wird es vier unterirdische Stockwerke geben.

Aussichtsturm und Restaurant

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Blick aus dem Restaurant im 46. und 47. Stockwerk / Pressefotos

Auf 230 Meter Höhe wird eine Aussichtsterrasse entstehen. Damit wird diese fast so hoch sein wie die Turmspitze des Kulturpalastes. Zusätzlich werden zwei (von insgesamt sechzehn) Panorama-Fahrstühle installiert. Obwohl hier hauptsächlich Büroflächen vermietet werden, findet sich dennoch Platz für Kulinarisches. Auf den Stockwerken 46 und 47 wird man mit schönem Ausblick seine lecker zugerichteten Mahlzeiten zunehmen können.

Weitere Interessenten

In den niedrigeren Gebäuden Varso 1 oder Varso 2 wird das erste NYX-Hotel in Polen einziehen.  Zudem wird hier ein Cambridge Innovation Center gegründet.

Baukosten und Finanzierung

der höchste Baukredit in der Geschichte des polnischen Immobilienmarktes. 

Der Investor schätzt die Baukosten im Moment auf 500 Millionen Euro, was ca. 2,2 Milliarden Polnische Zlotys macht.

Am 11. März 2019 gab der Investor hbreavis bekannt, dass er einen Baukredit iHv. 350 Millionen Euro für die Realisierung des Varso Place erhalten hat. Die Finanzierung wurde erst durch eine Zusammenarbeit von vier Banken möglich, Santander Bank Polska, Bank Pekako S.A., Helaba sowie UniCredit. Das ist zugleich der höchste Baukredit in der Geschichte des polnischen Immobilienmarktes.

Ein prominenter Architekt

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Norman Foster

Für ein architektonisches Highlight dieser Art in der polnischen Hauptstadt und mittlerweile dritthöchsten Stadt Europas (nach Moskau und London – siehe dazu die Liste der Wolkenkratzer in Europa) muss auch ein Architekt der Weltklasse her. Diesen hat man gefunden. Sir Norman Foster wird mit seinem Architekturbüro Foster & Partners sicherlich einen Eintrag in die warschauer Geschichtsbücher finden. Das wird sein zweites Projekt in Warschau. 2002 wurde das erste moderne Bürogebäude Metropolitan eingeweiht. Damals hat niemand auch nur ahnen können, dass Warschau im Jahre 2017 London, Frankfurt a. M. und Moskau Konkurrenz machen würde.Soweit hat damals womöglich noch nicht einmal Sir Foster gedacht.

Foster und Partners haben nur den Varso Tower [310m] entworfen, die zwei kleineren Türme Varso 1 und 2 das Architekturbüro HRA Architekci.

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Bürogebäude Metropolitan in Warschau / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

Der Investor

Investor und Geldgeber ist die slowakische Gruppe HB Reavis. In Polen wird die Gruppe von Stanislav Frnka vertreten, der am 10.06.2016 zum ersten Mal etwas ausführlicher auf das Bauprojekt eingegangen ist (zum Interview / polnisch). HB Reavis ist erst seit 2011 auf dem polnischen Immobilienmarkt aktiv und u.a. für das Büroprojekt West Station (Dworzec Zachodni / Eröffnung 29.08.2017) verantwortlich.  Mit dieser Fertigstellung überschritt Warschau die ersehnte 5 Millionen-Hürde, sofern es um die gesamte Bürofläche in der Stadt geht.

Bis November 2017 war HB Reavis nur auf dem Warschauer Markt aktiv. Anfang November 2017 unterschrieb die Gesellschaft mit der Firma Enkev einen Kaufvertrag über das Grundstück an der Targowa-Straße 2 in Łódż.

Zertifikate

Der Varso Tower erhielt als erstes Gebäude in Europa das Vorzertifikat WELL Core & Shell (Quelle: varso.com). Darin heißt es u.a., dass Lösungen gesucht werden, die der Gesundheit und dem Wohlbefinden dienen.

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Außerdem entsteht der Gebäudekomplex nach den Anforderungen des Zertifikats BREEAM Outstanding, also auf dem höchsten Niveau.

Die Mieter

Varso 1 und 2

Firma/UnternehmenMietfläche in m²
Hotel Nyx
Cambridge Innovation Center
Fitnesscenter Zdrofit3000
PZU Zdrowie900

Der Bauverlauf

Das bauausführende Unternehmen ist HB Reavis Construction. Der erste Unterauftragnehmer ist Warbud.

Bevor 2016 der Grundstein gelegt werden konnte, mussten der Baugrund (Geotest aus Warschau) und die Windverhältnisse überprüft werden. Für die Windanalysen wurden 24 Windrichtungen in Betracht gezogen, natürlich in Miniatur. Im Ergebnis wird sich der Varso Tower um knapp 36 Zentimeter bewegen was einen zugelassenen Wert darstellt.

Die zwischen 3 und 3,6 Meter dicken Fundamentplatten wurden von BuroHappold Engineering entwickelt. Sie leiten die Last in den Grund. Unterstützt wird diese Konstruktion von sogenannten baret unterstützt und sind knapp 40 Meter tief. Für das Fundament wurden 8620 Tonnen Beton und 2850 Tonnen Stahl verarbeitet. Aus dem Stahl könnte man 60 Panzer herstellen.

Baubeginn im September 2016

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Baugelände von der Chmielna-Straße gesehen.

Auf dem Foto sieht man in der linken oberen Ecke die obere Hälfte des LIM Centre [170m] und weiter rechts den Oxford Tower [150m]. Das blaue Gebäude in der Bildmitte heißt Central Tower [115m].

Oktober 2017: Der größte Findling Warschaus ausgegraben

Ein Findling ist ein sehr großer Stein, der während der Eiszeit durch Gletscher transportiert und an seinem heutigen Standort abgelegt wurde (Quelle: wikipedia).

Im Oktober 2017 wurde ein solcher Stein in zehn Meter Tiefe auf dem Baugelände des Varso Place gefunden und ausgegraben. Wahrscheinlich hat ihn ein Gletscher vor 1,5 Millionen Jahren hierhin transportiert. Er wiegt 60 Tonnen und hat einen Umfang von zwölf Metern. Es ist der größte Stein dieser Art, der in Warschau gefunden wurde.

Nun wird man ihn auf die Pola Mokotowskie bringen und direkt neben der Nationalbibliothek (Biblioteka Narodowa, Aleja Niepodległości 213 [Karte]) ausstellen.

Marcin Chruśliński, Leiter des Projektes von HB Reavis, würde den Findling gerne vor dem Eingang zum Varso Tower ausstellen.

Februar 2018: Immer tiefer

Seit einigen Monaten hat HB Reavis eine kleine Aussichtsplattform installiert, von der aus man das Baugelände sehr gut überblicken kann. Momentan geschichte dort nicht sonderlich viel. LKW fahren hin und her, Bagger buddeln und buddeln. Statt in die Höh, immer tiefer!

 

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Das Baugelände aus Richtung der Aleja-Jana-Pawła-Straße / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

Baugelände März 2019

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Varso Place im Bau. März 2019 [Pressefotos]
Mittlerweile kann man ganz gut erkennen, wo die einzelnen Gebäude stehen werden. Die kleineren Nebentürme haben ihre Gesamthöhe fast erreicht. Das Hauptaugenmerk ist nun auf den Varso Tower gerichtet.

25. März 2019 – Varso 1

Varso 1 hat seine endgültige Höhe von 81 Metern erreicht.

Basisdaten

Die Informationen sind auf (aber nicht nur) www.eurobuildcee.com, www.propertynews.pl und www.transport-publiczny.pl zu finden.


Beitragsbild: Varso Place / Pressefoto

Antoni Administrator
Gründer von MeinWarschau
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur
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