Leben in Warschau

Warschaus skurrile Wohnen

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Es gibt in Warschau einige höchst interessante und skurrile Wohngebäude oder gar Wohnviertel, die ich Euch heute vorstellen möchte.

Aus meiner Zeit als Erasmus-Student in Warschau im akademischen Jahr 2008/2009 habe ich neben den zahlreichen Stunden in der Bibliothek (Augenzwinker) vor allem die großen freien Flächen und die horrende Anzahl von Plattenbauten in Erinnerung. Die unbebauten Grundstücke wurden als wilde Parkplätze, illegale Basare oder Möchtegern-Grünflächen genutzt. Vor allem der Plac Defilad vor dem Kulturpalast bot einen tristen Anblick. Und ich spreche hierbei von innerstädtischen Bezirken wie Srodmiescie (Innenstadt), Wola oder Ochota. Der Plattenbau hingegen war damals allgegenwärtig und äußerst dominant. Moderne Wohnhäuser gab es nur vereinzelt. Zudem war ich verwundert über die vielen Einfamilienhäuser.

Mittlerweile hat sich einiges geändert. Die freien Grundstücke werden langsam zur Mangelware und die Platte verschwindet im Dickicht moderner Büros, Wohngebäude und Wolkenkratzer. Von einheitlicher Architektur kann in Warschau nicht die Rede sein und soll es auch nicht. Die Stadt kann nicht anders ausschauen, was nicht nur allein durch die Zerstörung während des 2. Weltkrieges allein erklärt werden kann. Aber davon erzähle ich Euch ein ander Mal. Schaut Euch jetzt einige Prachtexemplare an.

 

Die Platte

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Renovierte Plattenbausiedlung in Rzeszow

In ganz Polen gibt es knapp 60 000 Gebäude, die aus Betonfertigteilen konstruiert wurden. Bei 50 000 (80 %) dieser Gebäude wurde die sogenannte Dreischichtentechnologie ohne Thermoisolierung angewandt. Zusammen bieten die Wohnblöcke über 4 Millionen Wohnungen, in welchen 12 Millionen Polen leben. In Warschau leben über 350 Tausend Menschen in der Großen Platte.

Die Ostdeutschen können ein Lied davon singen, wie es sich in einem solchen Ding lebt. Ich persönlich habe wirklich sehr gemischte Gefühle. Das ist eine Welt für sich. Die Küchen sind überhaupt nicht Ikea-tauglich, die Badezimmer haben keine Fenster, die Fußböden sind schief, die Decken verschieben sich alle paar Monate und will man ein Bild an die Wand hängen, benötigt man dafür sehr effiziente Bohrer. Balkone? Die eignen sich im Prinzip nur für Raucher. Die sind so schmall und klein, dass dort nur ein Wäscheständer Platz findet. Man verbringt sehr viel Zeit damit, um die Inneneinrichtung „zu vollziehen“. Draußen geht es weiter mit fehlenden Parkplätzen, einem infrastrukturellen Chaos und trotz der 12 Etagen kaum Leben auf den relativ großen Wiesen zwischen den Gebäuden. Hier kommen wir zu den Vorteilen. Der großzügige Freiraum! Zwischen den Gebäuden sind oft mehrere hundert Meter Platz und die Gebäude stehen alle etwas versetzt, damit niemand im Schatten stehen muss. Die Positionierung der Wohngebäude war damals sehr sozial. Da könnten sich die heutigen Investoren etwas abgucken.

Meine erste Wohnung war in einem solchen Plattenbau auf der 12. Etage. Über die Erfahrungen mit der Wohnung und vor allem mit dem Eigentümer könnte ich einen gesonderten Beitrag schreiben. Aber dennoch erinnere ich mich gerne an jene Zeit. Es ist diese Art Wohnung, die man nicht nach dem Inventar bewertet. Platte ist halt Platte. Eine Idee, eine Epoche, eine Welt.

Die Pekins von Warschau

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Das Modell des Osiedle Hansenow

Im längst vergagenen Warschauer Dialekt, der noch in den 50ern existierte und heute nahezu unbekannt ist, war Peking die Bezeichnung für überfüllte Mietshäuser. Das hatte in der Zeit bis zum 2. Weltkrieg seine Berechtigung. Die Bevölkerungsdichte Warschaus schätzte man auf etwa 25 Tausend Einwohner pro Quadratkilometer. Vor allem im Nördlichen Viertel, welches 1940 von einer Mauer umgeben und zum Jüdischen Ghetto umfunktioniert wurde, schliefen bis zu 25 Personen in einer Schlafstube.

Noch heute haben wir solche Pekins. Und auch ich habe in einem solchen Wohnkoloss gelebt. Das war meine zweite Wohnung in der Gorczewska-Straße 200B. In dem Gebäude hat der Investor 1300 Wohnungen und über 2500 Menschen untergebracht. Morgens war draußen die Hölle los. Die Menschenmassen sahen aus wie ein „Mrowisko“, also Ameisenhaufen. Dieser Klotz stand damals auf einer grünen Wiese. Heute ist es ein Wohnviertel mit weiteren 15 Tausend Menschen. Aus einem Ameisenhaufen wurden zahlreiche Ameisenkolonien und die Gegend ähnelt jeden Morgen und jeden Abend einer illegalen Autodemonstration mit Hupeinlagen.

Ein weiteres Peking befindet sich im Stadtviertel Praga-Poludnie. Das Bauprojekt heißt Przyczolek Grochowski und wurde 1974 eröffnet. Die Verantworlichen Architekten heißen Oskar und Zofia Hansen, daher auch der Name Osiedle Hansenow. Das Wohnhaus besteht aus 23 Blöcken mit 3 bis 7 Etagen, wird 8 Mal im geraden Winkel gebrochen und die Wohnelemente werden mit sogenannten Galerien verbunden. Die gesamte Wohnfläche beträgt 85 Tausend Quadratmeter. Das Gebäude ist 1,5 Kilometer lang und es leben dort 7000 Menschen. Mit der Zeit haben die Bewohner aufgrund von Einbrüchen, Unruhe und rumlungernden Pennern die Galerien geschlossen, zugemauert oder Durchgangsgeld verlangt. Ihr könnt Euch also vorstellen, was das für Postboten oder Gäste bedeutet. Dort etwas zu finden grenzt an ein Wunder.

Hong Kong

Das neueste Wohnprojekt, das nach einer chinesischen Stadt benannt wurde, ist noch nicht fertig. Hong Kong im Stadtviertel Wola ist derzeit in aller Munde, weil dort noch nicht mal Sonne durchkommt und die Balkone so nah aneinander gebaut wurden, dass man mit Leichtigkeit rüberhüpfen könnte. Der Investor nannte das Projekt Bliska Wola, also das Nahe Wola. Soll noch jemand behaupten, die Bauherren hätten die Nähe zueinander nicht zum höchsten Prinzip erhoben. Am Ende sollen hier 10 000 Menschen quasi-leben. Einige Wohnungen bieten sogar ganze 18 Quadratmeter an. Wahnsinn! In dem Wohnivertel Odolany hinter Bliska Wola werden weitere Tausende Wohnungen gebaut. Bisher gibt es dort weder eine Buslinie, noch eine Straßenbahn noch eine Metro. Falls Ihr interessiert seid, dann nix wie los. Die Immobilien verschwinden wie warme Brötchen.

Lemmingrad

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Die Zitronenpresse von Wilanow

Das Städtchen Wilanow war in der Vergangenheit das größte Wohnbauprojekt Osteuropas. Es sieht sehr voll aus, aber es hat zumindest eine gewiße Ordnung. Diejenigen, die dort nicht wohnen behaupten, dass es unwürdig ist dort zu leben. Doch etwas anderes behaupten die Bewohner selbst. Und die Statistiken sind auf der Seite der Bewohner: keine Verbrechen, sehr international und sehr wohlhabend. Der Lebensstandard ist hier wesentlich höher als im restlichen Warschau. Lediglich ein Gebäude bricht aus dem Rahmen. Es ist der in der Mitte des Viertels stehende Tempel der Göttlichen Vorsehung, der von weitem aussieht wie eine Zitronenpresse oder Polens Raumfahrtprogramm.

Little Vietnam

In den 80ern kamen Tausend Vietnamesen nach Warschau im Rahmen sozialistischer Austauschprogramme. Ein echtes China (Vietnam) Town wurde daraus zwar nicht, aber es gibt die Wohnsiedlung Little Vietnam knapp 1 Kilometer vom Kulturpalast entfernt. Dort stehen 19 übergroße Plattenbauten, in denen die meisten Bewohner aus Vietnam kommen.

Mordor und Isegard

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Die kostenlose Zeitung für die im ASAP lebenden Korpomenschen

Aktuell lebe ich im Warschauer Mordor. In den 90ern gingen im Industriegebiet Sluzew die Fabriken pleite. An deren Stelle wurden unzählige Bürogebäude hochgezogen. Mittlerweile arbeiten hier 120 Tausend Menschen. Und nun stellt Euch vor: Hierhin führt keine Metro und nur zwei Straßenbahnlinien aus der Innenstadt. Das ist eine infrastrukturelle Katastrophe. Mittlerweile tut sich dahingehend etwas. Viele Bürogebäude werden abgerissen und stattdessen baut man Wohnungen. In einem dieser Wohnhäuser lebe ich und ich muss sagen: Es ist ziemlich gemütlich! Was fehlt ist tatsächlich eine U-Bahn oder Buslinien, die einen direkt in die Innenstadt bringen. Der Name Mordor entstand durch eine Facebook-Seite, wo die Angestellten sich mit Erfahrungen austauschen wurde. Jetzt sind dort über 300 Tausend Mitglieder und das Bürozentrum hat eine eigene Mordor-Zeitung.

Seit einigen Jahren entsteht im Stadtzentrum das Wolkenkratzerviertel und damit es lustig ist, haben die Investoren jenes Viertel Isegard getauft, also das Gegenstück zu Mordor. Eine sehr gelungene Idee!

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Warschauer Innenstadt © Qbolewicz CC BY-SA 4.0

Antoni Administrator
Gründer von MeinWarschau
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur
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