Feuilleton

Wie dankbar sollen die Polen der EU eigentlich sein?

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Ich bin es ehrlich gesagt leid, unter fast jedem Facebook-Beitrag deutsche Kommentare (nicht immer von Deutschen geschrieben) lesen zu müssen, dass wir Polen angeblich alles der Europäischen Union zu verdanken haben. Wirklich alles. Zeigt man den rasanten Autobahnbau in Polen, den Ausbau der Eisenbahn, die ehrgeizigen Pläne, die Warschauer Metro über die Stadtgrenzen hinaus zu verlängern, oder beschreibt den Fortschritt des Baus des neuen Flughafens zwischen Warschau und Lodz, folgt fast reflexartig derselbe Kommentar: Man solle sich gefälligst vor den EU-Fördermitteln verbeugen – und dabei bitte den deutschen Beitrag nicht vergessen. Kann das denn wirklich ernst gemeint sein?

Diese Art der Debatte ist nicht nur unangenehm, sie ist auch intellektuell unredlich. Denn sie reduziert komplexe Entwicklungen auf eine simple Kassenlogik: Wer zahlt, bestimmt – wer empfängt, hat still dankbar zu sein. So funktioniert Europa nicht. Und so ist Europa auch nie gedacht gewesen.

Der Rotwein, die Mautstelle und der falsche Vergleich

Wenn ein Franzose einem Deutschen zum Geburtstag eine Flasche Rotwein schenkt, bedankt dieser sich dann mit den Worten: „Danke für den Wein, aber eigentlich habe ich ihn selbst bezahlt – über EU-Agrarsubventionen“? Frankreich ist bekanntlich der größte Empfänger dieser Subventionen, damals wie heute. Niemand käme auf die Idee, ein persönliches Geschenk in eine buchhalterische Abrechnung umzudeuten.

Oder ein anderes Beispiel: Wenn der Deutsche nach Spanien fährt, an eine Mautstelle rollt und ein paar Münzen einwirft, sagt er dann: „Das haben wir ja schon bezahlt“? Schließlich flossen auch dort europäische Gelder in Infrastrukturprojekte. Natürlich nicht. Weil jeder weiß, dass Investitionen gemeinschaftlich organisiert werden, der Nutzen aber lokal anfällt – und umgekehrt. Heute hier, morgen dort.

Warum sind polnische Investitionen immer ein Sonderfall?

Warum werden Investitionen in Polen so oft als Gegenargument benutzt? Als wäre es gar keine polnische Leistung. Als hätten Staat, Kommunen, Unternehmen und Arbeitnehmer nichts beigetragen. Dabei besteht jede Investition aus weit mehr als einem Förderscheck: Planung, Genehmigungen, Eigenmittel, Kredite, Baukosten, Wartung, Betrieb – all das trägt die jeweilige Gesellschaft selbst.

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Autobahn in Polen @ Mikołaj Welon vel Welones

Der Autobahnbau in Polen ist ein gutes Beispiel. EU-Mittel haben beschleunigt, ermöglicht, ergänzt. Aber gebaut haben polnische Firmen, finanziert wurde zusätzlich aus nationalen Haushalten, genutzt wird die Infrastruktur täglich von Millionen Menschen, die Steuern zahlen und Wirtschaftswert schaffen. Das ist keine Einbahnstraße, sondern ein Kreislauf.

Die historische Rechnung, die niemand aufmacht

Wenn wir schon mit Kosten-Nutzen-Rechnungen beginnen wollen, dann sollten wir ehrlich sein. Es hat Polen und Europa insgesamt ungleich mehr gekostet, Deutschland – und damit auch die Welt – vom Nationalsozialismus zu befreien, weil die Deutschen es selbst nicht konnten, als es Deutschland und der deutschen Gesellschaft selbst gekostet hat. Diese Rechnung wird selten aufgemacht. Aus gutem Grund: Weil sie uns nicht weiterbringt.

Europa ist nicht aus Mitleid entstanden und auch nicht, weil jemand jemanden gezwungen hätte, mitzumachen. Wir sitzen im selben Boot, weil wir irgendwann verstanden haben, dass wir ohne gemeinsames Paddeln schlicht nicht vorankommen. Sicherheit, Wohlstand, Stabilität – all das gibt es nur gemeinsam. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die logische Schlußfolgerung der ersten Hälfte. Wenn man es drauf ankommen lassen wollte, dann sähe die Rechnung ganz anders aus. 

Keine kleinliche Buchhaltung, sondern gemeinsame Verantwortung

Gerade deshalb jetzt eine kleinkarierte Kosten-Nutzen-Rechnung aufzumachen, ist eines der dümmsten Dinge, die man tun kann. Europa ist kein Kassensturzprojekt, sondern ein politisches Friedens- und Zukunftsprojekt. Wer anfängt, jeden Kilometer Straße, jede Brücke und jede U-Bahn-Station gegeneinander aufzurechnen, sägt an genau dem Ast, auf dem wir alle sitzen.

Ich bin froh, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – auch aufgrund der bitteren Erfahrungen zwischen 1918 und 1945 – eine der besten Verfassungen der Welt geschaffen hat. Und ich bin ebenso froh, dass Polen sich aus den Klauen der Sowjetunion lösen konnte, der EU und der NATO beigetreten ist und das Vertrauen seiner Partner nicht missbraucht, sondern die Unterstützung sinnvoll genutzt hat – zum Vorteil aller Beteiligten.

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@ Bru-nO via Pixabay

Die bestmögliche Zukunft aus einer schlechten Vergangenheit

Es hätte uns alle sehr viel schlimmer treffen können. Die europäische Gegenwart ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis harter historischer Lektionen. Wir müssen davon ausgehen, dass dies die bestmögliche Zukunft ist, die wir aus der Vergangenheit heraus aufbauen konnten.

Also macht das jetzt nicht kaputt,  Eine zweite Chance wird es nicht geben.

Antoni Administrator
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Warschauer Touristikunternehmens Walking Warsaw (walkingwarsaw.com / stadtfuehrer-warschau.com), lizenzierter Stadtführer, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen/Deutschland)
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Kommentare(1)

  1. rainer ophoven

    Stimme 100% zu. Dass Polen immer noch stiefmütterlich behandelt wird und die enorme Leistung Polens nach 89/90 nicht gebührend anerkannt wird ist mindestens ein Trauerspiel für Europa, insbesondere Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

Kommentare

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