Geschichte Polens

Die Lubliner Union: die Geburt eines Großreiches

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Von Januar bis August 1569 tagte in Lublin der Sejm, auf welchem dann im Juli 1569 das Königreich Polen und das Großfürstentum Litauen in einer Realunion vereint wurden. Bisher existierte seit der Heirat zwischen dem Großfürsten von Litauen Wladyslaw II. Jagiello und dem König von Polen Hedwig von Anjou 1386 eine Personalunion, deren Bestand sehr von den einzelnen Persönlichkeiten abhing. Insgesamt waren Polen und Litauen über 400 Jahre lang politisch vereint und formten eine der erfolgreichsten Staatsunionen, die man auch als Commonwealth Zweier Nationen Polen-Litauen bezeichnet. Die Lubliner Union war eines der erfolgreichsten Projekte dieser Staatengemeinschaft.

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Polen-Litauen 1620

Der gemeinsame Feind

Natürlich brauchte es einen gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Feind. Beim ersteren gingen die Ziele doch etwas auseinander, doch der gemeinsame Feind war schnell gefunden. Das Großfürstentum Litauen nahm bis zum 14. Jahrhundert ungeheuer große Ausmaße an. Vom Kernland im heutigen Litauen breitete sich dieses Land bis nach Kiev und bis vor die Tore Moskaus aus. Der Krieg gegen das Fürstentum Moskau war unausweichlich. Gewinnen konnte Litauen diesen Krieg jedoch nicht im Alleingang. Polen hingegen war wesentlich kleiner, jedoch dichter besiedelt und in seiner politischen Struktur gefestigt. Eine Vereinigung mit Litauen bot dem Adel neues Land für die Kolonisierung an. Bis dato hatte Polen kaum Kontakt mit den russischen Ländereien im Osten, war sich jedoch des russischen Vormarsches bewußt. Seit dieser Vereinigung war Polens Los strikt mit den weiten Feldern im Osten Europas verknüpft.

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Ein multikulturelles und multireligiöses Großreich

Durch die Vereinigung zwischen Polen und Litauen entstand eine Mischung aus Monarchie, Republik und Aristokratie, wie sie von Aristoteles als ideales Staatssystem gedacht war. Die Könige von Polen wurden seitdem in Warschau gewählt. Obwohl sie mehrmals versuchten einen absoluten Machtanspruch durchzuringen, war die Gegenwehr des Adels zu stark. Der Adel hingegen verteidigte seine Goldene Freiheiten stets mit großen Eifer. Das Land konnte nur in Balance zwischen dem Sejm, Sentat und der Krone regiert werden, was anfangs noch gelang.

Polen Litauen beherbergte in seinen Grenzen zahlreiche „Nationen“ – Polen, Litauer, Ukrainer, Ruthenen, Esten oder auch Juden. Auch in religiöser Hinsicht war im damaligen Europa das Sprichtwort im Umlauf „Hast du deinen Glauben verloren, fahr nach Polen. Dort findest du ihn“. Die Konföderation von Warschau war ein Dokument mit weitreichenden individuellen Freiheiten (natürlich aus damaliger Sicht). Es entstand ein Land ohne Scheiterhaufen, in welchem eine relative Harmonie entstand, die es ermöglichte, dass jeder seinem Glauben nachging, unabhängig vom Glauben des Territorialherren, wie das in westeuropäischen Staaten der Fall war (cuius regio, eius religio).

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Polen-Litauen erreichte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Fläche von über 1 Million Quadratkilometern. Moskau wurde 1611 von polnischen Truppen eingenommen und der Sohn des polnischen Königs zum Zaren ausgerufen. Die militärische Vorrangstellung verdankte die Rzeczpospolita den polnischen Husaren, der erfolgreichsten Kavallerie der Neuzeit (Husaria).

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Religionsgruppen in Polen-Litauen | grün: russ-orthod. | gelb: katholisch | lila: kalwin. | blau: protest. | zahlreiche jüdische Gemeinden

Die drei polnischen Teilungen

Ein solches Land zu reformieren schien ab einem bestimmten Moment unmöglich. Der langsame Zerfall dieses Großreiches war spätestens seit dem Nordischen Krieg 1700-1721 zwischen Schweden, Polen und Russland besiegelt. 1772 folgte die erste polnische Teilung. Russland, Österreich und Preußen trennten Teile dieses Reiches ab und inkorporierten sie. 1792 und schließlich 1795 folgten die zweite und dritte Teilung. Polen und Litauen hörte auf zu existieren. Es folgte eine Zeit ohne eigenem Staat, aber mit einem starken polnischen Existenzbewußtsein.

Ohne dieser Geschichte der sogenannten Rzeczpospolita kann man die Geschichte des heutigen Polen nicht verstehen, geschweige denn nachvollziehen. Sogar bei den Präsidentschaftswahlen 2020 und auch bei anderen Wahlen kann man immer noch die Grenzen der Teilungen nachziehen.

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Leseempfehlung

Basierend auf den Traditionen dieser Rzeczpospolita hat Greg Lewicki, Doktor der Philosophie der Jagiellonen-Universität einen Beitrag unter dem Titel: „Der neue jagiellonische Multikulturalismus als Antwort auf die Migrationsprobleme“ Europas verfasst. Diesen im Original auf Polnisch geschriebenen Text habe ich übersetzt und auf MeinWarschau als Gastbeitrag veröffentlicht. Er ist etwas länger, aber dennoch sehr lehrreich; vor allem hilft er auch polnische Denkmuster nachzuvollziehen.


Beitragsbild: Polish Central Archives of Historical Records | Archiwum Glowne Akt Dawnych

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Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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