16. JahrhundertGeschichte PolensZeitlos

Die Lubliner Union: die Geburt eines Großreiches

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Von Januar bis August 1569 tagte in Lublin der Sejm, auf welchem das Königreich Polen und das Großfürstentum Litauen per Beschluss in eine Realunion verwandelt wurden. Die Lubliner Union war geboren. Bis dahin existierte seit der Heirat zwischen dem Großfürsten von Litauen Wladyslaw II. Jagiello und dem König von Polen Hedwig von Anjou 1386 eine Personalunion, deren Bestand sehr von den einzelnen Persönlichkeiten auf dem polnischen Königsthron und dem litauischen Fürstensitz abhing. Insgesamt waren Polen und Litauen über 400 Jahre lang politisch vereint und formten eine der erfolgreichsten Staatsunionen auf dem europäischen Kontinent. Die Königliche Republik Zweier Nationen Polen-Litauen hatte bis zur dritten polnischen Teilung 1795 Bestand.  

Die Abgeordneten haben der Union am 28. Juni zugestimmt, am 1. Juli wurde der Vertrag unterzeichnet und am 4. Juli 1569 vom König von Polen Sigismund II. August ratifiziert. 

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Polen-Litauen 1620

Der gemeinsame Feind

Natürlich brauchte es ein gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Feind. Beim ersteren gingen die Ziele doch etwas auseinander, doch der gemeinsame Feind war schnell gefunden.

Das Großfürstentum Litauen nahm bis zum 14. Jahrhundert ungeheuer große Ausmaße an. Vom Kernland im heutigen Litauen drangen die litauischen Armeen bis nach Kiev und Moskaus vor. 1368  hatte der Großfürst von Litauen Olgierd Giedyminovic sogar die Möglichkeit Moskau einzunehmen und in sein Reich einzugliedern. Der Krieg gegen das Fürstentum Moskau war unausweichlich. Gewinnen konnte Litauen diesen Krieg jedoch nicht im Alleingang. Während Moskau seine Energie ganz auf Litauen konzentrieren konnte, hatte Litauen im Westen noch einen weiteren Feind, den Deutschen Ritterorden.

Das Königreich Polen hingegen war wesentlich kleiner, zugleich wesentlich dichter besiedelt und in seiner politischen Struktur seit 1310 gefestigt. Eine Vereinigung mit Litauen bot dem Adel neues Land für die Kolonisierung an. Bis dato hatte Polen kaum Kontakt mit den russischen Ländereien im Osten, war sich jedoch des russischen Vormarsches bewusst. Auch Polen hatte mit dem Deutschen Ritterorden zu kämpfen, da der Orden die Weichselmündung kontrollierte. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen im Osten sahen einige Herren die Chance mit Litauen als Verbündeten diesen Konflikt endgültig für sich entscheiden zu können.

Ein multikulturelles und multireligiöses Großreich

Durch die Vereinigung zwischen Polen und Litauen entstand eine Mischung aus Monarchie, Republik und Aristokratie, wie sie von Aristoteles als ideales Staatssystem gedacht war. Die Könige von Polen wurden sollten in Warschau gewählt werden. Obwohl sie mehrmals versuchten einen absoluten Machtanspruch durchzuringen, war die Gegenwehr des Adels, der seine sogenannten Goldenen Freiheiten stets mit großen Eifer verteidigte, zu stark. Das Land konnte nur in Balance zwischen dem Sejm, Sentat und der Krone regiert werden, was anfangs noch gelang.

Nach der Lubliner Union beherbergte Polen-Litauen in seinen Grenzen zahlreiche „Nationen“ wie Polen, Litauer, Ukrainer, Ruthenen, Esten oder auch Juden. In religiöser Hinsicht war im damaligen Europa das Sprichtwort im Umlauf „Hast du deinen Glauben verloren, fahr nach Polen. Dort findest du ihn“. Die Konföderation von Warschau war ein Dokument mit weitreichenden individuellen Freiheiten, wie sie im damaligen Europa nicht bekannt waren. Es entstand ein Land ohne Scheiterhaufen, in welchem eine kulturelle und politische Harmonie entstand, die es Möglich machte, dass jeder seinem Glauben nachging, unabhängig vom Glauben des Territorialherren, wie das in westeuropäischen Staaten der Fall war (cuius regio, eius religio).

Polen-Litauen erreichte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Fläche von über 1 Million Quadratkilometern. Moskau wurde 1611 von polnischen Truppen eingenommen und der Sohn des polnischen Königs zum Zaren ausgerufen. Die militärische Vorrangstellung verdankte die Rzeczpospolita den polnischen Husaren, der erfolgreichsten Kavallerie der Neuzeit (Husaria).

1620 begannen die Türkenkriege gegen das Osmanische Imperium (bis zur Schlacht bei Wien 1683), 1648 begann der Kosakenaufstand, 1654 der Krieg gegen Russland, 1655 der folgenreiche Krieg gegen Schweden, welchem sich Brandenburg und Siebenbürgen anschlossen. Polen-Litauen konnte alle Angriffskriege abwehren, verlor in jener Zeit jedoch nahezu 1/3 seiner Bevölkerung. Der letzte große Akt war die Verteidigung Wiens 1683. Danach begann der Niedergang des Reiches.

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Religionsgruppen in Polen-Litauen | grün: russ-orthod. | gelb: katholisch | lila: kalwin. | blau: protest. | zahlreiche jüdische Gemeinden

Die drei polnischen Teilungen …

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Katharina die Große von Russland, Josef II. von Österreich und
Friedrich der Große von Preußen teilen Polen-Litauen unter sich auf

Ein solches Land zu reformieren schien ab einem bestimmten Moment unmöglich. Der langsame Zerfall dieses Großreiches war spätestens seit dem Nordischen Krieg 1700-1721 zwischen Schweden, Polen und Russland besiegelt. 1772 folgte die erste polnische Teilung. Russland, Österreich und Preußen trennten Teile Polen-Litauens ab und inkorporierten sie in ihre jungen Imperien. 1792 und schließlich 1795 folgten die zweite und dritte Teilung. Die Königliche Republik Polen-Litauen hörte auf zu existieren. Es folgte eine Zeit ohne eigenem Staat, aber mit einem starken polnischen Existenzbewußtsein.

Die Nationalismen des 19. und 20. Jahrhunderts schoben die gemeinsamen Jahre mit ihrer multikulturellen Besonderheit und den Errungenschaften auf wirtschaftlicher, militärischer und politischer Ebene beiseite. Was blieb sind Animositäten und Zwistigkeiten. Die Zusammenarbeit zwischen Polen und Litauen nach 1990 beruhen im großen Umfang darauf, dass es erneut einen gemeinsamen Feind gibt, die Russische Föderation.

… sichtbar bis heute

Ohne dieser Geschichte der sogenannten Rzeczpospolita kann man die Geschichte des heutigen Polen nicht verstehen, geschweige denn nachvollziehen. Sogar bei den Präsidentschaft- wie Parlamentswahlen nach 1990 kann man den Grenzverlauf der Polnischen Teilungen problemlos nachziehen. Warschau im Osten des Landes stellt eine evidente Ausnahme dar.

Die zwei folgenden Landkarten zeigen die Ergebnisse der Parlamentswahlen von 2011. In rot ist eingezeichnet das Ergebnis der heutigen Oppositionspartei Bürgerplattform (PO) unter Leitung von Donald Tusk in den jeweiligen Wahlkreisen.

In blau sind es die Ergebnisse der heute regierenden Recht und Gerechtigkeit (PiS) unter Führung von Jaroslaw Kaczynski.

Von 2011 bis 2015 regierte die PO. Seit 2015 regiert die PiS. Die nächsten Wahlen sollen eigentlich 2023 stattfinden.

Wann sich die Teilungen aus dem 18. Jahrhundert verwischen, lässt sich aktuell nur unschwer feststellen.

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Robert Wielgórski, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons
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Robert Wielgórski, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Leseempfehlung

Basierend auf den Traditionen dieser Rzeczpospolita hat Greg Lewicki, Doktor der Philosophie der Jagiellonen-Universität einen Beitrag unter dem Titel: „Der neue jagiellonische Multikulturalismus als Antwort auf die Migrationsprobleme“ Europas verfasst. Diesen im Original auf Polnisch geschriebenen Text habe ich übersetzt und auf MeinWarschau als Gastbeitrag veröffentlicht. Er ist etwas länger, aber dennoch sehr lehrreich; vor allem hilft er auch polnische Denkmuster nachzuvollziehen.


Beitragsbild: Polish Central Archives of Historical Records | Archiwum Glowne Akt Dawnych

Antoni Administrator
Gründer von MeinWarschau
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur
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