GastbeitragGesellschaft

Der neue jagiellonische Multikulturalismus als Antwort auf die Migrationsprobleme Europas

multi-kulti-polen

Der nachfolgende Text wurde im Original auf Polnisch im Magazin Pressje 51-52 veröffentlicht. Der Autor ist Grzegorz Lewicki. Die Übersetzung stammt von Antoni Wladyka.

Den Originaltext kann man hier runterladen / pdf


Niederlage des Multikulti 1.0

Europa erwartet eine starke Erschütterung. Auf dem Kontinent beginnt es aufgrund von Segregation, Fundamentalismus, kulturellen Reibungen, Rassismus und Intoleranz zu knistern. Als ob das nicht schon genug wäre, lehnt ein Teil der Personen mit europäischen Pässen die Integration ab und sogar die Politiker tun nicht mehr so, als ob man die Völkerwanderung aus anderen Teilen der Welt noch zähmen könnte.

Bisher stabile Staaten beginnen in Angst vor dem Terrorismus zu leben und hin und wieder verbrennen verärgerte Menschenmassen Reifen sowie ganze Autos. In vielen schönen, sich an das Mittelalter erinnernden und im Altbau-Stil erbauten Ortschaften verzichten die Stadträte auf die Aufstellung von Weihnachtsbäumen zu Gunsten der Finanzierung des Ramadans. Die europäische Kultur verändert und polarisiert sich. Das ist auch der Grund, warum bis 2050 in den Staaten Westeuropas bei gleichbleibender kultureller und demographischer Dynamik Aufstände mit kulturellem wie religiösem Hintergrund ausbrechen werden.

Viele Politiker sehen die sich vollziehenden Trends, aber schweigen: die Veränderungen sehen manche Politiker in Deutschland, das sehen die Franzosen und die Schweden. Doch sie leiden still und einsam, weil sie Angst haben Nährboden für die rechtsextreme Szene zu bilden. Sie leiden auch deswegen, weil es ihnen im Grunde auch peinlich ist – ihnen ist bewusst, dass sie für den heutigen Zustand Europas mitverantwortlich sind. Sie spüren instinktiv, dass mit dem Modell des Multikulturalismus, welches Europa nach dem 2. Weltkrieg gewählt hat, etwas schiefgelaufen ist. Die interkulturelle Psychologie deckt von Jahr zu Jahr immer mehr Fehler auf, welche von Spezialisten vor Jahrzehnten bei der Aufstellung der nationalen Pläne des europäischen Multikulti begangen wurden.

Obwohl die Stabilität in vielen Regionen Europas aus vielen Gründen in Zukunft nicht mehr gewährleistet werden kann (siehe Lewicki 2017), sieht die Situation in Polen etwas anders aus. Der Multikulturalismus in Polen ist erst im Anfangsstadium. Als ethnisch und religiös homogenes Land haben wir noch genügend Zeit  für die Ausarbeitung einer solchen  Multikulturalität, die eben nicht mit brennenden Reifen, der Zwangsheirat von neunjährigen Mädchen oder dem Hineinfahren eines LKWs auf das Gelände eines Weihnachtsmarktes endet. Anstatt das westliche Modell „automatisch“ zu kopieren, sollten wir uns folgende Fragen stellen: welche Fehler hat Europa begangen? Kann man diese beheben? Wie kann Polen ähnliche Fehler umgehen und dabei ein offenes und demokratisches Land bleiben? Und schließlich: gibt uns das Erbe des jagiellonischen Polen Hinweise für die Zukunft?

Zwei Pole des Deutschtums: Nationalsozialismus und Multikulti 1.0

Es ist nicht möglich in einem kurzen Essay die Multikulturalität in ganz Europa zu charakterisieren. Insoweit wird notwendigerweise ein entsprechendes Beispiel benötigt: das Multikulti aus Deutschland, dem in sich einendem Europa führenden Land mit einem ungemein großen Einfluss auf die Sprache, die wir in den europäischen Debatten benutzen.

Lassen Sie uns für einen Moment alle Deutsche sein. Lassen Sie uns empfinden wie gewöhnliche Deutsche, dessen Engagement für das totalitäre System Hannah Arendt als “Banalität des Bösen” beschrieb (Arendt 1998). Es waren genau diese gewöhnlichen Deutschen, einer nach dem anderen, die aufgrund des ausbleibenden Widerstandes und der gewissenhaften  Ausführung ihrer kleinen Aufgaben innerhalb der Vernichtungsmaschinerie eine große moralische Niederlage erlitten haben. Und das wissen sie ganz genau. Nach dem Krieg fielen ganze Generationen symbolisch auf die Knie, geschult in dem Gefühl der Schuld für das, was sie den Juden und Resteuropa angetan haben. All das, damit ähnliches nie wieder passiert.

Nach dem Krieg war es in Deutschland selbstverständlich zu denken, dass die Differenzierung der Menschen nach ihrer Kultur oder Ethnizität unweigerlich zu einer schrecklichen Welt führt, in welcher – und hier ein Zitat von Milosz – der Wind aus den Krematorien Rauch herbeiweht und in den Dörfern die Glocken zum Angelus (Engel des Herrn) läuten (Milosz 2001). Nach dem Krieg war für die Deutschen jegliche Betrachtung über die Eigenheiten von Kulturen auf der Welt etwas Unwürdiges, Gefährliches und Verbotenes. Deshalb dachte in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg niemand über so etwas wie fähige Migrantenprofile oder Integrationspotenziale verschiedener Personen aus verschiedenen und anderen Kulturen nach, als es darum ging, die Bevölkerungslücken zu füllen und Europa zu rekonstruieren. Das war intellektuell verbotenes Land.

Auf diese Weise begangen die Deutschen durch die Verflechtung des emotionalen nationalsozialistischen Traumas mit der Politik ihren ersten und in der Folge verhängnisvollen anthropologischen Fehler – nennen wir ihn ökonomischer Reduktionismus. Sie gingen nämlich davon aus, dass jeder Migrant im gesellschaftlichen System Deutschlands auf eine wirtschaftliche Funktion reduziert werden kann. Oder anders gesagt, sie gingen davon aus, dass seine konkrete Kultur, seine Träume, sein Glaube, seine Kompetenzen und Vorlieben langfristig keine Bedeutung für das System haben. Als ob all das gar nicht existierte. Als ob Inder, Mexikaner, Pakistaner oder Chinesen aus identischen Kulturformen stammten und ihrem Herzen die gleichen Normen, Praktiken und Traditionen naheständen.

Auf diesem Fehler baute sich ein weiterer auf, den man als versteckter Hochmut bezeichnen kann. Er basiert auf der unbewussten Annahme der Deutschen, dass ihre Kultur attraktiv ist und mit der Zeit auch sicherlich für die Neuankömmlinge, die ihre Normen verinnerlichen, attraktiv wird. Gemäß dieser Denkstruktur reicht es aus, den Migranten materiellen Wohlstand und Bildung zu garantieren, damit sie die Gastgeberkultur wie ihre eigene lieben lernen und sich mit der Zeit assimilieren oder integrieren (im klassischen Sinne bedeutet Integration das Sich-öffnen einer Kultur gegenüber einer anderen unter Beibehaltung der eigenen Identität und Assimilation bedeutet Akzeptanz der Gastgeberkultur durch die Kultur des Angereisten, was schlussendlich zur Vermischung zweier Kulturen zu einer führt, siehe Berry 2003).

Ein solcher Ansatz kann aus der Ignoranz gegenüber kulturellen Faktoren oder eben aus dem Hochmut entspringen, welcher zur Annahme führt, dass “unsere Kultur” besser ist und dass Neuankömmlinge mit der Zeit die Normen dieser Kultur als ihre eigenen – und somit besseren – anerkennen.

In den Köpfen vieler Neuankömmlinge aus anderen Kontinenten steckte jedoch kein deutsches Trauma und für nichts auf der Welt wollten sie als Person mit rein wirtschaftlichen Motiven dargestellt werden. Sie nahmen auch nicht automatisch die Gastgeberkultur an. Ganz im Gegenteil, die neuen Bewohner Europas brachten eine konkrete religiös-rechtliche Tradition und ihre eigenen Werte, Kompetenzen, Träume und Glauben mit.

Es kommt hinzu, dass die folgenden Migrantengenerationen diese Traditionen um ein Vielfaches mehr würdigen und sie mit großem Eifer in Deutschland durchsetzen werden, und das auch auf Kosten der Errungenschaften der kulturellen Tradition des Gastgeberlandes.

Radikalismus hin und her. Von der Völkervernichtung zur Völkervermischung

Auf diese Weise ist auf den Ruinen des durch den Nationalsozialismus zerstörten Westeuropa die deutsche, europäische Version der Multikulturalität – nennen wir sie Multikulturalismus 1.0 – entstanden. Sie zeichnet sich aus durch einen Radikalismus, der aus der naiven, dualen Gegenüberstellung der Begriffe „Nationalsozialismus – Multikulturalismus (1.0)“ herrührt. Auf der einen Seite steht der Nationalsozialismus, also Rassismus und die völlige Abschottung gegen Migration. Auf der anderen Seite wiederum steht das Multikulti 1.0, also die bedingungslose Toleranz und die Öffnung gegenüber jeglicher Migration.

Dieser verhängnisvolle Fehler dieser dualen Denkweise liegt leider darin, dass sie das Spektrum der real existierenden Zwischenstadien zwischen der totalen Abschottung und der totalen Öffnung ausblendet. Aus der Geschichte kennen wir viele andere Arten des Multikulturalismus – zum Beispiel das rudimentär tolerante Millet-System, bei welchem durch die ungleiche Behandlung anderer Religionen – außer derjenigen des Islam – jene auf lange Sicht marginalisiert wurden, ohne dabei die Andersgläubigen aus dem Land zu werfen, ohne Massenmorde und ohne absolute Verbote der Religionsausübung. Ein solches System herrschte lange Zeit im Osmanischen Imperium (Kłodkowski 2016). Eine weitere Zwischenlösung ist das jagiellonische System, welches eine europaweit außergewöhnliche Toleranz gewährleistete, ohne sich dabei auf absurde Annahmen über den Menschen, wie sie für das deutsche Multikulti 1.0 typisch sind, einzulassen.

Abbildung 1: Naiver Dualismus der Begrifflichkeiten und verdrängtes Spektrum von Ansätzen zwischen den beiden Polen der völligen Abschottung und Intoleranz (Nationalsozialismus) und der bedingungslosen Toleranz und völligen Öffnung gegenüber der Migration (Multikulti 1.0).

Das jagiellonische System werde ich in meinen weiteren Ausführungen beschreiben. An dieser Stelle ist entscheidend zu erkennen, dass Deutschland (und andere europäische Staaten) das breite Spektrum von möglichen Zuständen zwischen dem Modell der völligen Verschmelzung und Pressung der Völker auf der einen und dem Modell der absoluten Diskriminierung der anderen Völker auf der anderen Seite aus ihrem Bewusstsein verdrängt haben. Stattdessen haben sie die Welt in der öffentlichen Debatte zweigeteilt: wenn man nicht für die Verschmelzung aller Völker ist, befürwortet man mit ziemlicher Sicherheit die Diskriminierung und sogar die Vernichtung anderer Völker. Schlimmer noch, dieser naive Dualismus gibt den Ideologen ein nutzbares Werkzeug. Er ermöglicht nämlich die Stigmatisierung, den Ausschluss und die Verspottung sogar gemäßigter Kritiker der Migrations- wie Akkulturationspolitik. Du machst dir Gedanken darüber, ob manche Personen besser als andere in das Kompetenzschema der Bevölkerung passen könnten? Du bist ein Nazi! Du überlegst, wie groß die Kulturdistanz verschiedener Personen aus anderen Kulturen zum Gastgeberland ist? Du bist ein Nazi! Du hinterfragst den “rationalen und durchdachten” Ansatz zur Multikulturalität, welchen wir nach reichlichen Überlegungen als den einzig richtigen und guten im Land anerkannt haben? Du bist ein Nazi! (Du bist ein Nazi wurde im Originaltext auf Deutsch geschrieben / Anm. des Übersetzers).

Das mag unglaublich klingen, aber ich habe schon mehrmals von deutschen Journalisten gehört, dass Personen, die den naiven Dualismus des deutschen Multikulti 1.0 hinterfragen, entweder irrational sind oder böse (nazistische) Absichten haben, oder aber sie mögen die Deutschen nicht und „klammern sich“ deshalb so sehr an das Thema. Andere Möglichkeiten sind a priori nicht möglich.

Ein solcher Denkmodus ist nicht nur durch die Argumentationsmatrix der Kategorie “entweder unser Modell oder Nationalsozialismus” verursacht. Es ist auch das Ergebnis der sogenannten Kulturblindheit, das heißt der Unfähigkeit, die eigene kulturelle Veranlagung wahrzunehmen (Boski 2010). Worauf beruht diese Blindheit? Das ist ganz einfach: so wie der Fisch nicht sehen kann, dass er sich im Wasser befindet und welches doch sein ganzes Leben bestimmt, so sieht die kulturblinde Person nicht, dass ein Teil der von ihr als “selbstverständlich”, “einzig rational” oder “indiskutabel” angesehenen Dinge von spezifischen, konkreten und lokalen Kulturnormen bestimmt sind. Bei der kulturblinden Person erfolgt eine Verdrängung der Kulturdimension aus dem Verstandesleben, sei es aus Ignoranz oder aus autotherapeutischen Gründen.

Paradoxerweise sind die Wurzeln dieser Blindheit im zeitgenössischen Deutschland edler Natur und mit der Rolle der deutschen Medien in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg verknüpft. Sie sind auch mit dem oben beschriebenen Trauma, welches den naiven Dualismus zur Folge hat, verknüpft.

“Die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland machen oft den Eindruck, als ob sie etwas verbergen wollten” erklärt der deutsche Denker Gunnar Heinsohn. “Das kommt daher, dass sie sich selbst als Institution sehen, die die Menschen erziehen soll” gibt er ergänzend hinzu. “Diese Tradition reicht in die Zeit nach Hitler zurück. Man befürchtete damals, dass die Deutschen schon für immer Nazis und Antisemiten bleiben werden und es entstand die Erwartung oder gar das Verlangen nach “demokratischen Medien”. Das führte von Anfang an zu einer paradoxen Situation. Wenn du die Medien zensierst, damit sie demokratisch werden, stellst du dich in eine schwierige Lage” (Heinsohn 2016), weil doch die Zensur selbst im Widerspruch zum demokratischen Wesen steht.

Auf diese Weise sind die Deutschen, und mit ihnen ein Teil Europas, nach dem 2. Weltkrieg von einem Radikalismus in den nächsten übergegangen –  von der Forderung der Vernichtung aller Völker zur Forderung der bedingungslosen und wahllosen Verschmelzung der Kulturen und aller Völker sowie der Annahme der Belanglosigkeit und Irrealität kultureller Unterschiede. Das war sozusagen die Buße für die Sünden des Nationalsozialismus. In diesem radikalen Diskurs, welcher nicht nur in den deutschen Medien geführt wurde, ist jeder ein Nazi (oder zumindest ein Xenophob), der überhaupt das Element der Kultur im Gesellschaftsleben als maßgebend ansieht, die Kompetenzen  der im Land gewollten Migranten analysiert oder die im Land angenommenen Lösungen hinterfragt – wenn auch nur im Ansatz.

Achtung! Germans on the rise! This time we´re fucking nice

Dieser Ansatz wird vom Song „Be Deutsch“ gut veranschaulicht. Der Autor ist der deutsche Satiriker Jan Böhmermann. Die Handlung des im Rammstein-Stil gehaltenen Musikstückes beschreibt den Sieg der multikulturellen (in der Version 1.0) und friedlichen Deutschen über die Faschisten, Rassisten und Nationalisten. Das Lied erlangte in Deutschland große Popularität; es beginnt mit der Erinnerung an die „Nacht der langen Messer“ (nationalsozialistische Morde an den Juden) und soll eine Warnung für Europa sein, dass es bei einer fehlenden Öffnung unweigerlich zur Ausgrenzung und zum Nationalsozialismus kommt. In dem Musikstück fallen Worte wie „Wir sind hier um euch zu erinnern, dass wir früher auch mal so dumm waren“ oder „Wahnsinnige mit fiesen Haaren, ja ja ja, wir sind da bereits gewesen“ (im Hintergrund Frisuren a la Trump) oder „Ihr ruft nach starken Führern, nach Zäunen und Mauern, doch um zu sein wie wir, braucht es mehr Eier“ (Schnappschüsse zeigen Gesichter von Politikern der rechten Szene, darunter auch die ehemalige Premierministerin Polens Beata Szydlo). Der deutsche Multikulturalismus wurde hier auf infantile Weise als eine Haltung dargestellt, die den „Versuch nett zu sein“ erzwingt.

Interessant dabei ist die Tatsache, dass aus deutscher Perspektive der Songtext wirklich begründet sein kann, da doch die Deutschen den Nationalsozialismus erfunden haben. Es ist jedoch nicht gesagt, dass sich die These der Unvermeidlichkeit des Nationalsozialismus bei fehlender bedingungsloser Toleranz des Multikulti 1.0 auf alle Nationen anwenden lässt (diese Annahme wäre Kulturblindheit). Die Geschichte zeigt etwas Umgekehrtes: der Faschismus hatte in anderen Ländern Europas einen viel sanfteren Verlauf als in Deutschland. Und dennoch nimmt das lyrische Ich, aus welchen Gründen auch immer, schweigend an, dass wenn andere Nationen die Lösungsansätze der Deutschen nicht annehmen, es sie automatisch und gewiss in die braune Ecke führt. Hier ist der naive Dualismus „entweder oder“ evident sichtbar. Tertium non datur.

Im Grundsatz sollten die Europäer nicht für die Traumata des Nationalsozialismus und Kolonialismus schuldig gemacht werden. Das ist vielmehr das Ergebnis einer komplizierten Geschichte sowie ehrwürdiger moralischer Überlegungen über das dem Nächsten zugefügte Böse. Den Europäern kann man jedoch vorwerfen, dass sie noch nicht einmal heutzutage zugeben wollen, dass die Kulturblindheit ihnen den verstandesvollen und gemäßigten Ansatz zur Planung der Migrationspolitik verdeckt.

Dieses Problem hat sogar Kanzlerin Angela Merkel erkannt, als sie 2010 die Migrationspolitik ihres Landes in den 1960er Jahren – also den Multikulturalismus 1.0 – bewertete: „Natürlich herrschte damals die Tendenz zu sagen „lasst uns das Konzept des Multikulturalismus annehmen und friedlich einer neben dem anderen Leben“. Aber dieser Ansatz ist gescheitert, absolut gescheitert.“ (Conolly 2010). Interessanterweise hat dieselbe Kanzlerin einige Jahre danach Migrantenmassen nach Europa „eingeladen“, womit sie eine Kettenreaktion auslöste und zu einer großen Völkerwanderung führte, welche im Ganzen 21. Jahrhundert nicht notwendig zum Erliegen kommen muss. Das Wort „eingeladen“ habe ich bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn glaubt man der vom „Zeit“-Journalisten Robin Alexander aufgenommenen Chronik der Migrationskrise, plante die Kanzlerin gar keine totale Öffnung, unterlag jedoch dem Druck ihres Umfeldes, welches Angst hatte, dass die Schließung der Grenzen nach Aufnahme einer gewissen Anzahl an Flüchtlingen in den Medien negativ dargestellt werden würde  (Alexander 2017). Es sieht also ganz danach aus, dass die Entscheidung, mit welcher unsere Enkel die Geschichte Europas mit der Kanzlerin Merkel in Verbindung bringen werden, aus einem emotionsgeladenen Entscheidungschaos heraus gefällt wurde und nicht das Ergebnis rationaler Überlegungen politischer Natur war.

Fortschritt in der Psychologie als Nagel zum Sarg des Multikulti 1.0

Falls man an den Erklärungen der – wenn auch gemäßigten – europäischen Politiker zweifelt, dass das Multikulti 1.0 nicht funktioniert[1], dann glaubt man vielleicht den Wissenschaftlern. Vor allem weil wir gegenwärtig ein Wissen anhäufen, welches uns die Bewertung der Richtigkeit der Ansätze des Multikulti 1.0 auf einem wissenschaftlichen und empirischen Weg erlaubt. Gemeint ist hier u.a. die interkulturelle Psychologie, welche den Einfluss der kulturellen Faktoren auf die Identität und Persönlichkeit hin analysiert. Im Unterschied zum klassischen Ansatz der Psychologie, welcher die Universalität und Deckungsgleichheit psychischer Prozesse bei allen Bewohnern der Erde annahm, beginnen heute immer mehr Wissenschaftler die kulturellen Variablen sowie ihren Einfluss auf Akkulturations-, Identitäts- oder Erkenntnisprozesse zu erforschen. In Zeiten der Globalisierung und Vernetzung von Identitäten sowie der Durchdringung von Ideen aus verschiedenen Kulturkreisen und Zivilisationen, hat dieser neue Zweig der Psychologie eine lichte Zukunft. Auch wenn ihre größten Erfolge noch vor ihr liegen, zeigen ihre bisherigen Errungenschaften deutlich, dass der für den Multikulturalismus 1.0 charakteristische Reduktionismus, welcher dazu führt, dass die Vertreter aller Kulturen wie identische und akkulturelle Zahnräder in der Wirtschaftsmaschinerie behandelt werden, etwas absurdes ist.

Ganz im Gegenteil, es stellt sich heraus, dass die Migranten ihre eigene Kultur samt besserer oder schlechterer Werkzeuge für die Bewältigung der Zwei- oder Multikulturalität mitbringen. Ihre Integration ist nicht immer einfach. Paweł Boski schreibt dazu, dass „die Integration ein begünstigender Faktor bei der psychologischen Anpassung sein kann, aber [wiederholt] [auch] eine starke Belastung für das Funktionieren in zwei separaten Systemen und für die Versuche ihrer Akzeptanz in ihrem Leben schafft“ (Boski 2010).

Es geht darum, dass die Migranten in ihrem neuen Zuhause versuchen die Methoden und Traditionen zweier Kulturen in Einklang zu bringen. Sie bemühen sich, diese innerlich zu akzeptieren. Um sich jedoch zu assimilieren oder zu integrieren, reicht ein simples Eintauchen in zwei Kulturen, wie der Multikulturalismus 1.0 naiv feststellt, nicht aus („geben wir den Migranten Wohlstand, dann werden sie so wie wir“). Es wird mehr benötigt, nämlich die Erlangung eines Zustands psychischen Einklanges zweier Kulturen. (Benet-Martinez, Heritatos, 2005). Es tauchen jedoch Probleme auf, wenn aufgrund der kulturellen Distanz eine solche Übereinstimmung schwer zu erreichen ist, d.h. wenn zwei verschiedene Traditionen widersprüchliche Vorgaben machen (z.B. fordert die eine Kultur die Gleichstellung und die zweite hingegen eine Über- und Unterordnung von Mann und Frau). Die Harmonisierung der Kulturen erfordert dann einen erhöhten Arbeitsaufwand, eine kreative Verarbeitung sowie kulturelle Kompetenzen. Aufgrund der Notwendigkeit harter Arbeit kann es passieren, dass ein Teil der Migranten sie ablehnt und sich für die Isolation entscheidet. Das ist eine Abkürzung und Flucht vor der Welt ins eigene Kulturnest.

Das Verdrängte kehrt zurück. Konfliktintegration und kulturelle Distanz

Das Auftreten dieses Phänomens zeigen u.a. Forschungen über türkische Migranten in den Niederlanden (J. Arends-Toth, 2003). Sie verdeutlichen den Anhängern des Multikulturalismus 1.0 eine sehr traurige Sache: was man bisher als problemlose Integration ansah, ist oft nur eine oberflächige Variante, in deren Tiefe Stress und innere Konflikte zwischen widersprüchlichen Vorgaben zweier Kulturen stecken (das ist eine sogenannte Konfliktintegration, siehe Rudmin 2003).

Neue Ergebnisse erhielt man u.a. durch die Aufteilung des Begriffes „Integration“ in: Integration in der öffentlichen Sphäre (Kontakt eines Migranten mit Institutionen) und Integration in der privaten Sphäre (Interaktionen in der Familie und im Freundeskreis). Das erwies, dass die Migranten oft nur in der öffentlichen Sphäre mit der Gastgeberkultur integriert sind. In der privaten Sphäre wählen sie wiederrum die Absonderung. Weil sie psychisch die widersprüchlichen Vorgaben der eigenen Kultur sowie der Gastgeberkultur nicht vereinbaren können oder wollen, verschanzen sie sich im eigenen Kulturkreis. Das Problem liegt darin, dass gerade die private Sphäre, das Familienhaus und das Verhältnis zu den Verwandten am stärksten auf die Reproduktion von Kultur einwirken. Letzten Endes wählen solche Migranten eine dauerhafte Entfremdung, bedeckt von einer sehr dünnen Schicht der Integration in öffentlicher Sphäre und übermitteln eine ähnliche kulturelle Einstellung an die Nachkommenschaft. Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Ghettoisierung, Selbstisolierung und revolutionärem Potential, welches man man deutlich in zahlreichen Bezirken in Brüssel, Paris oder Malmö beobachten kann.

Es kommt hinzu, dass die Aufrechterhaltung des Mythos des materiellen Wohlstands als ideales Rezept für die Akkulturation den Migranten gar nicht zugutekommt. Ganz im Gegenteil, es verstärkt das Gefühl der Entfremdung – die Migranten erleben im Herzen unerträgliche Spannungen und Widersprüche zwischen den Kulturen und die Gastgeber tun so, als ob hierbei kein Problem vorläge. Leider zeugt es von Ignoranz oder vom vorab erwähnten Hochmut, der einen zu der Annahme bringt, dass Bildung und Geld in den Ankömmlingen eine Überzeugung über die Wertigkeit der Kultur, in welcher sie sich aufhalten, entstehen lassen.

Das Bild der Niederlage des Multikulti 1.0 muss man noch um den oben erwähnten Begriff „kultureller Distanz“ ergänzen. Das ist ein Konzept, welches sich im akulturellen Sprachgebrauch des Multikulti 1.0 überhaupt nicht wiederfindet. Die Grundannahme besagt, dass die Kulturen sich wie Zahnräder mit verschiedenartiger (also nicht identischer) Spannung verhalten. Um verschiedene Kulturen miteinander in Einklang zu bringen ist ein entsprechender Arbeitsaufwand für die Anpassung der Zahnräder nötig. Der Arbeitsaufwand ist umso größer, je größer die kulturelle Distanz zwischen Vertretern verschiedener Kulturen ist. Eine Integration aller Kulturen miteinander ist grundsätzlich möglich, jedoch werden Vertreter von Kulturen mit geringer Distanz weniger Aufwand in die Harmonisierung der Kulturen aufbringen müssen.

Es ist interessant, dass nach Boski Kulturen von großer wie kleiner Distanz eine etwas andere Charakteristik haben: „Die kulturelle Nähe führt zu Problemen symbolischer Natur, was sich mit der konfliktträchtigen Geschichte zwischen Nachbarn erklärt, und zu Ähnlichkeiten auf sprachlicher und axiologischer Ebene. Eine erhebliche Distanz hingegen manifestiert sich in verschiedenen symbolischen Systemen, Schwierigkeiten bei der Erlernung der Sprache sowie einem Konfliktpotenzial auf axiologischer Ebene.“ (Boski 1992, Boski 2010). Dazu ein Beispiel: mag ein Pole sich mit einem Deutschen über Bismarck und mit einem Ukrainer über Bandera streiten (Symbole), so werden sie im Hinblick auf die Sprache, Axiologie und Ideale gemeinsame Nenner mit geringem Streitpotential (Werte) aufweisen. Ein Moslem aus Pakistan hingegen wird nicht mit einem Polen über Bismarck oder Bandera streiten, weil ihn diese Themen aufgrund der kulturellen Distanz nicht interessieren. Er kann jedoch a priori ein größeres Problem mit der Sprache und der Harmonisierung seiner Werte mit den polnischen haben (natürlich gehe ich im Rahmen des Vergleichs vom ceteris-paribus-Prinzip aus; ich vergleiche zwei Individuen, die vorher keinen zwischenkulturellen Kontakt hatten und auch keine interkulturellen Kompetenzen aufweisen).

Lesen Sie auch:
Das religiöse Leben der Polen
Kohärenz (+), oder Inkohärenz (-) verschiedener Sphären zweier Kulturen in Abhängigkeit von kleiner oder großer Kulturdistanz
kulturelle Distanzkleingroß
Symbole+
Sprache+
Werte+

Tab. 1 Kleine und große Kulturdistanz zwischen Kulturen als wichtige Variable bei Akkulturationsprozessen (auf Grundlage von: P. Boski 2010, S. 550).

Die Anhänger des Multikulti 1.0 erleben heute kognitive Unstimmigkeiten. Auf der einen Seite nehmen sie zu Recht wahr, dass eine übermäßige Unterstreichung kultureller Unterschiede zur Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit sowie Rassismus führen kann. Auf der anderen Seite sehen sie, dass die kulturellen Unterschiede tatsächlich existieren – und unabhängig davon, ob wir es wollen oder nicht, haben sie auch einen realen Einfluss auf das Leben von Gesellschaften. An dieser Tatsache können auch ideologische Beschwörungen und die Verdrängung ungemütlicher Fakten aus dem Medienfluss nichts ändern.

Offensichtlich beginnen die Enthusiasten des Multikulti 1.0 zu verstehen, dass die Vermischung von Völkern nur dann möglich ist, wenn der Wille dazu und die Kompetenzen, die dafür notwendig sind, auf beiden Seiten auftreten. Sie sehen immer öfter, dass die Verdrängte Dynamik der Kulturen mit verschiedenen gegenseitigen Distanzen schon heute die Gestalt Europas des 21. Jahrhunderts definiert.

Ein Teil der Prozesse, welche das Ergebnis von politischen Entscheidungen auf Grundlage von Traumen waren, lässt sich in einigen Ländern nicht mehr aufhalten.

Was wir vom polnischen „Staat ohne Scheiterhaufen“ lernen können

Von den Jagiellonen lernen

Die Polen leben, im Unterschied zu den Deutschen, ohne ein Brandmal des Nationalsozialismus; im Unterschied zu den Franzosen und Briten werden sie nicht mit dem Überseekolonialismus konfrontiert. Das ist insofern positiv, als dass ihre Gedanken nicht von bestimmten, ins Unterbewusstsein verdrängten Traumata vergiftet werden. Als Konsequenz ist es für viele Polen aus mehreren Gründen selbstverständlich, dass man von Vertretern anderer Kulturen bestimmte Sachen erwarten darf und dass jene nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben. Polen sehen darin nichts Rassistisches. Sie sehen auch nichts Anstößiges in der Behauptung, dass die Vertreter verschiedener Kulturen zueinander verschiedene kulturelle Distanzen aufweisen und dass man diese Distanz berücksichtigen muss, wenn man Politik betreibt.

Die Polen sind keineswegs „Gottes Schäffchen“ ohne Schandflecken, doch eine solche Intoleranz, wie z.B. die nationalsozialistische, gab es auf unserem Territorium nie. Trotz Fremdenfeindlichkeit und Rückständigkeit vieler Polen sowie der Aktivität polnischer Nationalisten wird ein neuer Hitler sicherlich nicht in Polen geboren werden (siehe dazu den Film „Er ist wieder da“ von D. Wnendt 2015). Lieder darüber, dass man den Nationalsozialismus nur dann umgehen kann, wenn man von den Deutschen den Multikulturalismus erlernt, werden die Polen mit Staunen und viele Wissenschaftler, die sich mit interkulturelle Beziehungen auseinandersetzen, mit trauriger Mine anhören. Insbesondere auch deswegen, weil das deutsche Multikulti 1.0 allen Anzeichen nach eine Niederlage erleidet.

Anstatt also blindlings ein System nachzuahmen, welches von Jahr zu Jahr immer öfter hinterfragt wird, wäre es besser, sich anhand des aktuellen Wissensstandes zum Thema Multikulturalismus und ohne Last der historischen Traumata folgende Frage zu stellen „Was muss passieren, damit Polen im 21. Jahrhundert ein tolerantes und stabiles Land wird und nicht dieselben Fehler des Multikulturalismus 1.0 westeuropäischer Staaten wiederholt?“ Diese Frage scheint heute nicht für alle wichtig zu sein, weil wir eines der ethnisch wie religiös homogensten Länder Europas sind. Zugleich wird sie im Hinblick auf die allmähliche Destabilisierung Europas, die wachsende Segregation neuer politischer Initiativen, den von außen wachsenden Migrationsdruck sowie die Wanderungen innerhalb der EU (vergl. Lewicki 2016 B) eine der wichtigsten Fragen für das Überleben Polens in kultureller wie nationaler Hinsicht werden.

Es lohnt daran zu erinnern, dass wir bei der Antwort auf die Herausforderung des Multikulturalismus auf eigene Traditionen zurückgreifen können. In Polens Geschichte gibt es glorreiche Zeiten, wie diejenige „des Staates ohne Scheiterhaufen“ in der jagiellonischen Epoche – eine Zeit des Multikulturalismus und der Toleranz, wie sie in keinem anderen Staat des damaligen Europas (XVI. – XVII. Jahrhundert) (Tazbir 2009) vorzufinden war. Schaut man genauer hin, war das eine Zeit, in welcher die öffentliche Ordnung auf einer spezifischen Annahme über die Natur des Menschen und über das Allgemeinwohl basierte. Im besagten Zeitraum immigrierten Juden und Protestanten aus dem Westen Europas nach Polen. In Hinblick auf die Beziehung zum Islam gelang den Polen ein unglaublicher Erfolg, nämlich die erfolgreiche Integration der islamischen Tataren.

Selbstverständlich ist es nicht möglich das beschriebene Modell, welches aus einer ganz anderen Epoche stammt, ohne Aktualisierung in die Gegenwart zu transferieren. Ergänzend sei gesagt, dass es in der Vergangenheit nicht allen gefiel. Piotr Skarga hat die verschiedensten Tragödien Polens aus der jagiellonischen Toleranz gegenüber Andersgläubigen hergeleitet. Teodor Beza wiederrum bezeichnete diese Toleranz geradezu als „teuflisch“ (Tazbir 2009). Andere, wie Michal Bobrzynski meinten, dass diese Toleranz das Ergebnis fehlender starker religiöser Überzeugungen innerhalb der Nation war (Tazbir 2009). Noch andere, wie Tadeusz Boy Zelenski waren der Meinung, dass sie vor allem aus dem sanftmütigen Charakter der Polen abgeleitet werden kann. Wie war es wirklich?

Jogaila – heidnischer Agent und Fan des Islam

Die Jagiellonendynastie regierte in Polen von 1386 bis 1572. Den Beginn leitete Wladyslaw Jagiello (auch bekannt als Jagal oder Jogaila) ein, der einen multikulturellen Hintergrund hatte und ein christlicher Neophyt war: in seinem Herzen verband er den katholischen Glauben, heidnische Kultur sowie Sympathien gegenüber dem östlichen Ritus des Christentums. Multikulturelle Wurzeln hatte auch seine Gattin, Jadwiga. Wojciech Mazur schreibt dazu, dass das frisch vermählte königliche Paar in Polen „zur Gruppe der Neuankömmlinge gehörte, die anderer Nationen und Kulturen zugehörig waren“. Obwohl heute an der Weichsel allgemein geglaubt wird, dass Jadwiga eine Polin ist, floss in ihren Adern nicht sonderlich viel polnisches Blut (Mazur 2016). Jagiello wiederum „blieb bis zum Lebensende den in der Kinderstube erlernten Neigungen treu, was man an den byzantinisch-ruthenischen Fresken in gotischen Kirchen erkennen kann. Er neigte sich eher dieser als der lateinischen Kunst zu“ (Mazur 2016).

Das Polen der ersten Jagiellonen war kein besonders tolerantes Land. Es erinnerte an andere mittelalterliche Staaten, in denen für Verbrechen als Strafe die Gliedmaßen abgeschnitten wurden und wo das Leben bei schweren Delikten auf dem Scheiterhaufen, in Wasser ertränkt, bei lebendigen Leibe im Kessel gekocht oder nach dem Einguss vom gekochtem Blei in die Speiseröhre sein Ende fand (Tazbir 2009). Doch Polen entwickelte sich im Verlauf des 15. und 16. Jahrhunderts zu einem Land, in welchem die Scheiterhaufen nur für Mörder und Vergewaltiger, nicht jedoch für Häretiker und dogmatische Polemiker entfacht wurden, wie es in Westeuropa üblich war.

Die Jagiellonische Era in einer Minute (2:18-3:30 min) © Tomasz Boginski, Direktor von „The Witcher“ by Netflix

Man darf dabei nicht vergessen, dass wir vor allem über religiöse Toleranz sprechen, welche erst indirekt – quasi als Folge – mit moralischer und kultureller Toleranz verbunden wurde.

Die Randbedingungen für diese Toleranz begannen Früchte zu tragen, als es 1385 zur polnisch-litauischen Union kam. Polen wurde nicht nur eines der größten, sondern auch eines der multikulturellsten und multireligiösesten Königreiche Europas. Der Sieg bei der Schlacht von Tannenberg (Grunwald) 1410 gegen die Kreuzritter gab dem neuen Staat zusätzlich politische Macht. Nach dieser Niederlage versuchte der Kreuzritterorden das Ausmaß der Niederlage zu begrenzen, indem er Polen vor dem Papst der Toleranz und des Multikulturalismus beschuldigte. Die Kreuzritter unterstellten, dass in Polen, welches mit dem heidnischen Litauen verbunden war, eine Mischung von miteinander nicht passenden Religionen und Kulturen herrscht, die zudem Rom feindlich gegenübersteht. Angeblich soll dieser Zustand bei Tannenberg sichtbar gewesen sein, wo die katholischen Ritter aus Polen in der polnischen Armee in Wirklichkeit eine Minderheit darstellten und sich der Großteil aus heidnischen Litauern, also verdächtigen Christen des östlichen Ritus, und sogar – oh Schreck – aus islamischen Tataren zusammensetzte (Zamoyski 2015). In dieser Erzählung wurde die Armee unter Jogailas Führung als multikulturell dargestellt, was bedeutete, dass sie zivilisatorisch fremd war und so viel mit dem wahren Christentum gemein hatte, wie die Armee des islamischen Saladin, des Sultans von Ägypten und Syrien.

In dieser Lüge steckte jedoch ein Körnchen Wahrheit, weil zwischen Polen und Litauen tatsächlich bestimmte kulturelle Unterschiede bestanden. So beschreibt es Adam Zamoyski: „Polen war von Grund auf ein christlicher Staat mit entwickelten Institutionen und einem starken konstitutionellen Instinkt. Litauen hingegen war ein Amalgam heidnischer Balten und christlich-orthodoxer Slawen beherrscht von einer autokratischen Dynastie“ (Zamoyski 2015). Aus diesem Grund kam es zu Spannungen auf religiöser wie kultureller Ebene.

Politisch gelang es dem Land trotzdem stabil zu bleiben: an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert nahmen Polen und Litauen knapp 1/3 der Fläche Europas ein – vom Baltikum, über das Schwarze Meer bis hin zum Adriatischen Meer. Der König regierte über ein riesiges Territorium, weshalb er sich selten in der Hauptstadt aufhielt. Der Adel nutzte dies für die eigene Einflussnahme aus. Und dieser war es, der im weiteren Verlauf zum Aufblühen der Toleranz in Polen beitrug.

Krakau. Schmelztiegel aus Deutschen, Juden und Polen

Bevor das gesellschaftlich-politische System sich sichtbar in diese Richtung zu verändern begann, mussten noch über hundert Jahre vergehen. Bis dahin gehörten Verfolgungen von Andersgläubigen in Polen zum Normalzustand. Noch im 15. Jahrhundert gab es keine Anzeichen für die Entstehung der jagiellonischen Toleranz (Tazbir 2009).

Krakau war in Zeiten von Jogaila eine besondere und im europäischen Vergleich eine ziemlich tolerante und ethnisch sehr heterogene Stadt. Schließlich war es eine mit Oxford rivalisierende Universitätsstadt, überwiegend von Polen, Deutschen und Juden bewohnt; in dieser Zeit lebten in Krakau circa 5000 Polen, 3500 Deutsche, 800 Juden, und sogar 500 Ungarn und 200 Personen anderer Nationalitäten (Wyrozumski 1992). Die Krakauer Akademie, die spätere Jagiellonenuniversität, zog Schlesier, Preußen und Prager an. Den Universitätscharakter stärkte Jogaila selbst, indem er nach dem letzten Willen seiner Gattin Jadwiga ihre Juwelen an die Akademie übergab und sie so im Jahre 1400 erneuerte. Die Bedeutung und der Ruhm der Universität wuchs erheblich und lockte so Studenten aus ganz Europa – Schweizer, Engländer, Italiener, Franzosen, Deutsche oder Ruthenen – in ihre Vorlesungssäle (Mazur 2016).

Das bedeutet keinesfalls, dass in Krakau eine magische multikulturelle Idylle herrschte. Das mittelalterliche Volk handelte des Öfteren unbeherrscht und irrational, vor allem wenn es sich um das Thema Religion handelte. Es sollte nicht verwundern, dass es in der Hauptstadt Polens ebenfalls zu Spannungen religiöser wie ethnischer Natur kam. Es scheint, dass es mehr Spannungen zwischen Polen und Juden, als zwischen Polen und Deutschen gab, weil die polnisch-deutsche Kulturdistanz mit verschiedenen nationalen Identitäten im Zusammenhang stand und zugleich von der gleichen Religion ausgeglichen wurde. Die polnisch-jüdische Distanz hingegen war geprägt von andersartiger Nationalität wie auch Religion. So kam es 1407 aufgrund von Beschuldigungen zu Raubüberfällen und blutigen Ausschreitungen gegen Juden, bei denen u.a. die St.-Anna-Kirche abbrannte (Mazur 2016). Es kam zu Reibereien zwischen Studenten – Deutsche wurden belästigt, Masuren wurden ausgelacht. Allgemein herrschte in Krakau im Vergleich zu ähnlichen Ereignissen im Resteuropa jedoch eine gesellschaftliche Harmonie.

Die Reformation hatte nicht ganz Unrecht

Nichts vereint mehr als das Gefühl der Gefahr. Die multikulturelle Königliche Republik Zweier Nationen ist dafür ein gutes Beispiel. An der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert entwickelte sich eine friedliche Doktrin hinsichtlich der Beziehung zu Andersgläubigen. Ihre kulturellen Errungenschaften sowie deren Wille zur Zusammenarbeit wurden vom König und Adel gewürdigt. Dabei war die Unterstützung der andersgläubigen Litauer oder Tataren gegen die Kreuzritter nicht ohne Bedeutung. Der Orden suchte eine Möglichkeit, um im Namen der Verteidigung der Reinheit des Glaubens auf das Gebiet Polens einzudringen und war somit eine sichtbare Anti-Werbung des religiösen Fanatismus. Die durch Andrzej Laskarz oder Pawel Wlodkowic erstellte polnische Doktrin der Nichtanwendung von Gewalt gegenüber friedlich eingestellten Heiden (lat. pagani pacifici) steht im engen Zusammenhang mit dieser negativen Dynamik des Ordens. Sie verband die Andersgläubigen gegenüber der äußeren Gefahr (Tazbir 2009).

Europa im Jahr 1400: Polen-Litauen in hellblau

Es ist sehr interessant, wie sich Polen im 15. Jahrhundert vom restlichen Europa unterschied: im Unterschied zu Frankreich, Italien, England oder Deutschland war es religiös kein homogenes Land (Tazbir 2009). Deshalb hatte Polen in der Zeit, als die Verdorbenheit der katholischen Kirche ein neues Kapitel in der Geschichte der Religion eröffnete, im Unterschied zum Westen Europas, Traditionen multireligiöser Koexistenz. Selbstverständlich blieben die jagiellonischen Könige weiterhin katholisch. Doch ihr Verhältnis zum Heiligen Stuhl war äußerst pragmatisch. Sie bemühten sich, eine Balance zwischen dem Staatsinteresse und dem universalistischen Interesse des Papsttums aufrecht zu erhalten, was gelegentlich zu Widersprüchen führen konnte.

Obwohl die Jagiellonen den Katholizismus formell unter ihre Obhut nahmen, hatte der auf Kosten des schwächelnden Königs immer stärker werdende Adel keine Angst vor religiösen Neuheiten, die während der Reformation nach Polen kamen. Ganz im Gegenteil, es kam oft vor, dass Vertreter des Adels im Interesse einer Gruppe oder aus politischen Gründen einen neuen Glauben annahmen, der aus dem christlichen Reformationstiegel hervorkam. Der König griff nicht ein, um die Unterstützung des Adels nicht zu verlieren. Der Anreiz zum Glaubenswechsel war oft die Abneigung gegen die Degeneration der katholischen Kirche sowie die politischen Vorteile, die aus der Konversion in Form eines neuen Netzes von Einflussmöglichkeiten unter den Glaubensbrüdern aus anderen Ländern entstanden. Die Position des Adels in Polen war im Verhältnis zu den anderen Staaten Europas besonders; der polnische Adel war sowohl einflussreicher als auch zahlreicher als in anderen Ländern: im 16. Jahrhundert waren 8 % der polnischen Nation adelig, was ungefähr eine halbe Million Menschen ausmachte. Im vorrevolutionären Frankreich lag der Anteil bei gerade mal 1,5 % (Tazbir 2009).

Die religiöse Toleranz kommt während der Regierungszeit von Sigismund I. stark zum Vorschein. Er war ein streng katholischer König und schleuderte ganz nach den Vorgaben des Vatikans verbale Blitze gegen Andersgläubige. Doch sogar seine schärfsten Edikte endeten mit Ermahnungen und hatten lediglich einen drohenden Charakter auf dem Papier. Die Durchsuchungen der Behausungen endeten entweder ohne Erfolg oder mit einer verbalen Ermahnung der Andersgläubigen. Letztendlich verbrannte man in Polen in der Zeit „ohne Scheiterhaufen“ (15. – 16. Jahrhundert) auf Grund von dogmatischen oder theologischen Unterschieden höchstens die Bücher der Andersgläubigen. Aus heutiger Sicht ist das natürlich ein Zeichen von Intoleranz, doch wenn man sich vor Augen führt, dass in derselben Epoche in England oder Frankreich die Andersgläubigen zusammen mit den Glaubensbüchern verbrannt, gehängt oder ertränkt wurden, so wird einem die Skala des Unterschieds gewahr (Tazbir 2009).

Die Sigismund-Könige. Die Grenze der Toleranz ist das allgemeine Wohl

Ein gutes Beispiel für die Toleranz ist paradoxerweise die kritische Haltung des Königs gegenüber den Anabaptisten, die sowohl von den Katholiken als auch von Lutheraner bekämpft wurden. Es stellte sich heraus, dass das kritische Edikt von Sigismund I. von 1535, welches der „gottlosen und verbrecherischen Sekte“ verbot, das Land zu betreten, auf jene wie eine Einladung wirkte und dazu animierte diejenigen Länder, in denen sie verfolgt und ermordet wurden, zu verlassen und nach Polen zu ziehen. Mit der Zeit schätzte sogar der polnische Klerus die Vorteile, die aus der Ansiedlung der Anabaptisten entsprangen, weil sie hervorragende Landwirte waren (Tazbir 2009).

Den Schlichter Sigismund störte das alles keinesfalls, weil die Abweichungen und Sündhaftigkeiten sich ausschließlich auf die Dogmatik beschränkten (z.B. die Negierung der Dreifaltigkeit) und nicht auf die Politik (z.B. die Forderung einer Revolution unter Gewaltanwendung). Die jagiellonische Grenze der Toleranz endete also dort, wo die Sicherheit und das öffentliche Interesse angetastet wurden.

Anschaulich wird es am Beispiel der Reaktion auf den sogenannten Danziger Tumult, also eine religiöse Revolution, die sich nicht nur auf Dogmen beschränkte. Als im Januar 1525 der sich zum Protestantismus bekennende Teil des Danziger Pöbels die städtischen und kirchlichen Machthaber umgestürzt hatte und die Aufhebung der Fastenzeiten, Messen und sogar der staatlichen Steuerbelastungen im Namen der neuen Ideale des neuen Glaubens erklärte, reagierte der König entschieden. Vor allem weil die Revolution die alte Staatsform zu Fall bringen wollte. 1526 zog Sigismund I. auf Rat von Erzbischof Jan Laski mit 8000 Soldaten nach Danzig. Er veranlasste die Enthauptung der vierzehn Anführer der Revolte (Tazbir 2009). Die Aufruhr wurde später auch von Luther persönlich verurteilt.

All das geschah trotz entschiedener Abneigung Sigismund I. des Alten gegen das Blutvergießen. Er handelte in der Überzeugung, dass mehr Toleranz für politische Umstürze der Andersgläubigen langfristig katastrophale Konsequenzen haben wird. Eine ähnliche und noch versöhnlichere Haltung präsentierte sein Sohn und der letzte der Jagiellonen, Sigismund II. August, der eine Vermittlerposition zwischen den Konfessionen einnehmen wollte. Obwohl die Berater ihm versicherten, dass dogmatischen Abweichungen der Andersgläubigen notwendigerweise politische Abweichungen folgen müssten („wenn sich jemand nicht vor Gott fürchtet, dann fürchtet er sich erst recht nicht vor dem Monarchen!“), blieb Sigismund II. realistisch und trennte konsequent die geistige von der politischen Sphäre. Deswegen glaubte er nicht an das Gespenst des politischen „Gemetzels“ als direkte und ausschließliche Folge der religiösen Antagonismen (Tazbir 2009).

Der wachsende Einfluss des Adels festigte diese Toleranz. Im Kampf gegen die Magnaten und den Klerus um die Einflüsse wollte er seine Kräfte nicht für dogmatische Auseinandersetzungen aufbrauchen. Sogar der katholische Adel, der Reformation abgeneigt, blieb tolerant: wie der Gegner der Reformation Pawel Emil Giovanni beobachten konnte, überließen die polnischen Katholiken auf dem jeweiligen Sejmik [regionale Ständeversammlung | Anm. des Übersetzers] den Geistlichen nur wenige Werkzeuge für die Vollstreckung der doktrinären Reinheit, auch wenn sie zugleich wie selbstverständlich den Reden über die Vermeidung religiöser Neuheiten zustimmten. Die Bischöfe wollten die Reinheit des Glaubens mit Zwang aufrechterhalten und stießen bei der Umsetzung auf nahezu kein Gehör. Ihr Handeln wurde mehrfach als Angriff auf die Freiheiten des Adels empfunden.

Ein weiterer Faktor der Stabilisierung der Toleranz war paradoxerweise die weiterhin starke Position der Katholischen Kirche. Sigismund I, ein eifriger Katholik, des Potentials der Verzweigungen einzelner protestantischer Glaubensdogmen müde, bestand sogar darauf, dass alle Protestanten „irgendeine gemeinsame Konfession beschließen“ (Tazbir 2009). Nolens volens – griff er auf diese Weise ein und dämpfte die inneren Streitigkeiten der Protestanten, welche in anderen Ländern zum Blutvergießen führten. Eine äußerst positve Wirkung auf die Zusammenarbeit der Protestanten hatte die Nachricht, dass die schlauen Jesuiten nach Polen einreisen, um die Gegenreformation einzuleiten. Dank einer entsprechenden Strategie hatte diese letztendlich Erfolg.

Die Konföderation von Warschau. Hast du den Glauben verloren – fahr nach Polen

1571 starb Sigismund II., der letzte der Jagiellonen. Polen verlor seinen toleranten Monarchen und die Protestanten die Garantie der Gleichberechtigung. Die Situation in den europäischen Ländern, u.a. in Frankreich, wo nach den Religionskriegen abgebrannte Dörfer, Leichen und ein hungerndes Volk zurückblieben, war für Polen ein starker Ansporn, die von den Jagiellonen herausgearbeiteten Lösungen zu erhalten.

Um dem Chaos entgegenzuwirken, beschloss man 1570 den Konsens von Sandomir und 1573 die Konföderation von Warschau mit dem Ziel der Vorbeugung von Tumulten mit religiösem Hintergrund, u.a. durch die Verpflichtung der Gläubigen verschiedener Religionen von Gewalt, Beschlagnahme, Gefangennahme oder Vertreibung Abstand zu nehmen. Trotz der Einschränkung dieses religiösen Toleranzaktes auf den Adelsstand, war die Konföderation von Warschau der am weitesten durchdachte Rechtsakt sowie die größte Leistung der polnischen Toleranz (Tazbir 2009), einzigartig in Europa und in der Welt.

Der in Westeuropa „konkurrierende“ Augsburger Religionsfrieden ermöglichte den Landesherren die Wahl zwischen dem Katholizismus und Protestantismus als dominierende Religion, bot jedoch keine vergleichbare individuelle Toleranz. Der Grund lag vor allem darin, dass im Westen nach der Entscheidung des Herren alle Untertanen entweder seinen Glauben annehmen oder das Land verlassen mussten, gemäß der Regel cuius regio eius religio (wessen Land, dessen Religion).

Die polnischen Lösungen machten auf andere Länder Europas großen Eindruck, u.a. auf Frankreich, was beispielsweise die Aussagen der Hugenotten Hubert Languet oder Philippe Duplessis-Mornay bezeugen: beide zeigen auf, dass die Polen trotz der Vielzahl an Religionen im Land auf ihren König hören und die Ämter ohne Bevorzugung eines Bekenntnisses verteilt werden (Tazbir 2009). Laut dem damaligen Bischof aus England Edwin Sandys, hat sich in Europa die Redensart „Wenn du den Glauben verloren hast, dann geh sie in Polen suchen“ verbreitet (Kras 2017). Sollte heißen: In dieser Vielfalt findest du auch etwas für dich.

Leider begann der Geist der Konföderation nur Jahrzehnte später nachzulassen. Vor allem als Unstimmigkeiten der Konföderation ans Tageslicht kamen. Das schuf neue Konfliktherde und die katholische Kirche machte die Sache nicht einfacher, indem sie die Polen dazu animierte – im Rahmen des Kampfes um die Wiedererlangung der in der Reformation verlorenen Seelen – die Andersgläubigen zu verdammen. Das war der Anfang vom Ende der jagiellonischen Epoche.

Es ist jedoch interessant, dass die katholische Methode über lange Zeit genügend Mäßigung und Weisheit aufwies, um wirkungsvoll und im Endeffekt als Sieger hervorzutreten. Im Gegensatz zur Konversionsmethode in Westeuropa ging sie lediglich von einem ideologischen Kampf ohne Kriege, Scheiterhaufen und Exekutionen aus. Die katholischen Geistlichen wussten genau, dass die radikalen Mittel der Gegenreformation mit ziemlicher Sicherheit für die weitere Popularisierung des Protestantismus arbeiten würden (Tazbir 2009). Damals begann das Konzept des polnischen Katholiken zu keimen, welches die polnische Ethnizität mit dem Katholizismus verband.

Multikulti 2.0, also das neue jagiellonische Polen

Zehn Eigenschaften „des Landes ohne Scheiterhaufen“ als Inspiration für das Polen des 21. Jahrhunderts

Es gab viele Faktoren, die die Entstehung und den Fortbestand der jagiellonischen Toleranz beeinflussten. Mit Sicherheit waren das vorreformatorische, multikulturelle und multireligiöse Traditionen, die Gefahr vor dem religiösen Fanatismus aus dem Norden (Kreuzritterorden) sowie dem Westen (Blutbäder der Reformation) – aber auch die schwächer werdende Position des Königs und die wachsende Position des Adels, welcher die Reformation für die Stärkung seiner Position ausnutzte (Tazbir 2009).

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Eine faszinierende Erscheinung aus jener Zeit ist die langsame Toleranzdiffusion von der religiösen zur kulturellen Dimension. Die praktizierte religiöse Toleranz wuchs mit der Zeit über sich hinaus. So schreibt Tazbir: “Der faktische und rechtliche Zustand führte zu Veränderungen in den Gemütern der breiten Masse des Adels und ermöglichte im 16. Jahrhundert die Entwicklung religiöser Freiheiten und hemmte im nächsten Jahrhundert das Anwachsen der Intoleranz.“ (Tazbir 2009). Dank dessen wurden in den späteren Auseinandersetzungen zwischen den Protestanten und Katholiken lediglich die Schreibfedern und nicht die Schwerter gezogen, und so war die Auseinandersetzung der Reformation mit der Gegenreformation ein Kampf unter Gleichen. Als die Kirche im 17. Jahrhundert die Spielregeln anpassen wollte und begann, die Protestanten von oben herab zu behandeln, indem sie sich für das Argument der Stärke entschied, statt eine sachliche Debatte zu führen, fiel zugleich das Niveau der Gegenreformation erheblich.

Der jagiellonische Multikulturalismus aus der Zeit des „Landes ohne Scheiterhaufen“ wies Eigenschaften auf, die folgend zusammengefasst werden können:

(1) politischer Pragmatismus und übergeordneter Stellenwert der christlichen Einheit über den Spaltungen

(2) Vorreiterstellung des Ideals der gesellschaftlichen Stabilität gegenüber der idealen dogmatischen Reinheit der Religion (Toleranz für theologische Abweichungen, Intoleranz für politische Separatismen)

(3) Freiheit des Individuums; jedoch begrenzt durch eine größere Gewichtung des Gemeinwohles

(4) gemeinsames Gefühl der Bedrohung seitens des von außen kommendem Fanatismus (Kreuzritterorden, Blutbäder der Reformation)

(5) religiöse Inklusivität, welche über das Christentum hinausreichte (Integration islamischer Tataren)

(6) hohe Anzahl religiöser Gruppen, die gemeinsame und identische Rahmenbedingungen befolgen mussten

(7) bedingte Toleranz, also die Annahme, dass die Toleranz dort endet, wo ein neuer Glauben gegen das Recht verstößt und/oder das Ziel verfolgt, eine neue konkurrierende politische Grundordnung zu etablieren

(8) deklarierter geistlicher Katholizismus der Monarchen, die jedoch die Kriegsbegeisterung des Heiligen Stuhls dämmten und eine Vielzahl von Kulturen und Religionen akzeptierten oder zumindest tolerierten

(9) großer Einfluss der „öffentlichen Meinung“ des Adels auf die Form des Toleranzsystems

(10) Übergang des Katholizismus als größter Religion zur „Marktrivalität“ über die Seelen auf der Grundlage von gerechten und fairen Regeln

Diese Eigenschaften des jagiellonischen Systems des Multikulti sollten heute angesichts der Dysfunktionalität des Multikulturalismus 1.0 als Inspirationsquelle für die Zukunft dienen. Außerdem kann die kreative Umdeutung dieser Eigenschaften zur Schaffung des multikulturellen Systems 2.0 führen, frei von Pathologien des geltenden Systems in Westeuropa, und zugleich seine positiven Eigenschaften behalten.

Natürlich ist die Situation eine ganz andere. Aufgrund der Säkularisierung auf der einen Seite und der Islamisierung auf der anderen, kann es passieren, dass der Protestantismus in Europa in einiger Zeit ganz verschwindet. Auch der Katholizismus ist in einer schwierigen Lage. Die regierenden Eliten in vielen Ländern der Europäischen Union weisen heute das Christentum als Quelle der axiologischen Inspiration ab und glauben naiv an die Möglichkeit einer dauerhaften areligiösen und akulturellen Leere des institutionellen Gerüsts der EU. Auch wird die katholische „Herrschaft über die Seelen“ aufgrund demographischer Veränderungen schwächer (negative Geburtenrate), was man nicht über den Islam behaupten kann.

Man kann also sagen, dass das heutige Europa unter dem Einfluss des Islam und der türkischen oder arabischen Kultur, deren kulturelle Distanz ein entscheidender Faktor in der Dynamik der Akkulturation ist, einer neuen großen „Reformation“ unterliegt. Überdies haben wir in Europa die Europäische Union, einen universellen Para-Staat mit einer eigenen Philosophie der Toleranz und der Offenheit[2] für Multikulturalismus, die den Religionen missionarische Tätigkeiten erlaubt.

Trotz dieser Unterschiede können heute viele ideelle Elemente aus der Jagiellonenzeit bei der Schaffung des polnischen und eines für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bereiten Multikulturalismus genutzt werden. Vor allem weil die gegenwärtige Welt nolens-volens in Richtung eines neuen multikulturellen Mittelalters – und die neoliberale Ordnung wiederum in Richtung einer neomittelalterlichen Ordnung zusteuert (siehe unten).

Die Rückkehr zu den Jagiellonen. Multikulturalität für unsere Enkel

Wie könnte das neue jagiellonische Polen aussehen? Mit Sicherheit sollte das Modell der neojagiellonischen Multikulturalität (Multikulturalismus 2.0) nicht die Fehler der Gründer der Multikulturalität 1.0 begehen. Es kann nicht naiv an die Annahme der Akkulturation des Menschen anknüpfen und ihn zum ökonomischen Zahnrad degradieren. Ganz im Gegenteil, es sollte dem Personalismus folgen, d.h. der angeborene Würde der menschlichen Person und der Achtung vor der kulturellen Verschiedenheit. Überdies muss es die Möglichkeit zulassen, dass der Migrant mit der Zeit die Realisierung seines eigenen Kulturprogramms auf Kosten der Gastgeberkultur anstrebt. Dieses Personenkonzept sollte in diesem Sinne die ökonomischen, kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Faktoren, die sie beeinflussen, berücksichtigen. Das Modell kann den einen oder anderen Faktor im Namen der politischen Korrektheit oder anderer politischer Annahmen umgehen.

In diesem Sinne sollte das neue Modell auch den für den Multikulturalismus 1.0 charakteristischen versteckten Hochmut zurückweisen. Zahlreiche gegenwärtig veröffentlichte Untersuchungen haben ergeben, dass die Terroristen und andere Umstürzler, die den „Westen“ hassen, ganz oft Personen aus materiell abgesicherten Haushalten kamen und eine gute Bildung genossen hatten (siehe Van San 2015). Weder Armut noch Unkenntnis sind der Grund für ihre Einstellung. Das sind wichtige Erkenntnisse, die in den letzten Jahren gewonnen wurden und zu welchen die Europäer nach dem 2. Weltkrieg keinen Zugang hatten, als sie ihr multikulturelles System entwarfen. Die Polen sollten bei der Schaffung des eigenen Systems dieses Wissen in Betracht ziehen.

Das neojagiellonische Modell sollte voraussetzen, dass zwischen Immigranten und der Gastgeberkultur ein Minimum an gemeinsamen Zielen sowie ein Mindestmaß an kulturellen Voraussetzungen bestehen. Anders ausgedrückt: der Vorrang der Koexistenz „nebeneinander“ ohne ein Bindeglied in Form von Werten oder Präferenzen bei der Gestaltung des öffentlichen Lebens (Multikulti 1.0) ist für ein gutes gemeinsames Leben nicht ausreichend. Jagiellonität bedeutet Vielfalt, in der die Teilkulturen keinen Umsturz oder gar Aufhebung der existierenden Gesellschaftsordnung anstreben und die allgemeinen Entscheidungen der genetischen Kultur des betroffenen Gebietes nicht negieren. Ganz im Gegenteil: die Jagiellonität 2.0 fordert den Willen eines gemeinsamen Aufbaus Polens oder zumindest des Nichtverstoßens gegen ihre kulturellen Programmvorgaben.

In diesem Sinne könnte das neojagiellonische System bevorzugt auf Kulturen mit einer kleineren Kulturdistanz zu Polen schauen, also auf jene, die eine kleinere Barriere des „Eintritts“ in das polnischen Wertesystem haben und die man demnach einfacher mit den Voraussetzungen unseres gesellschaftlichen Systems in Einklang wird bringen können. Außerdem ist es nötig, das in Westeuropa herrschende Konzept des Individuums als Träger von Rechten (Berechtigungen) zu erweitern, indem man es um klar definierte Pflichten, wie die Sorge um das Gemeinwohl und das Gesellschaftsinteresse der Gemeinheit, ergänzt. Sobald sich die Migranten bewusstwerden, dass die Ansiedlung in Polen mit einem kulturellen Paket verbunden ist, werden sie erstens nicht ins Ungewisse und nicht nur aus wirtschaftlichem Interesse kommen – und zweitens wird sie die Gastgeberkultur nicht wie kulturelle Zahnräder der Wirtschaft behandeln. Dank dessen werden die Migranten nicht auf sich allein gestellt bleiben. Zudem wird die neojagiellonische Kultur eine minimale und mit der Zeit fortschreitende kulturelle Integration einfordern, die nicht nur ein optionales und „kulturell kaum lohnendes“ Programm darstellt.

Von den Jagiellonen können wir lernen, dass die Grenze der Toleranz das öffentliche Interesse sein muss und dass die politische Stabilität sowie die Sicherheit den Rahmen der Multikulturalität bilden. Wer auch immer diese Regeln nicht befolgt, der passt nicht ins System. Aus diesem Grund sollte sich das neojagiellonische Multikulti mit Intoleranz gegenüber totalitären, umstürzlerischen, separatistischen oder theokratischen Bewegungen auszeichnen.

Trotzdem sollte das neojagiellonische Modell keine Angst haben vor der Anwesenheit der Religion in der öffentlichen Sphäre oder vor der Bindung an die „genetische“, also polnische, Kultur, die historisch im betroffenen Gebiet gegenwärtig war. In der sigismundschen Ära war der Katholizismus des Königs kein Hindernis für die Toleranz und Multireligiösität. Heute sollte der Glaube des Präsidenten oder des Premierministers ebenfalls nicht schamhaft versteckt werden.

Die Neojagiellonität führt auch zur Notwendigkeit, sich der Katholischen Kirche zu beugen, welche vom Sockel der Erzählung über ihre Überlegenheit runterkommen, ein Marketing ihrer religiösen Dienste pflegen und eine Säuberung von schlechten Konkrementen in den eigenen Reihen vollziehen muss, vor allem weil der Anteil des Katholizismus auf dem europäischen Markt schrumpft und die religiöse Eifrigkeit fällt. Gemäß den letzten Untersuchungen besuchen lediglich etwas weniger als 37 Prozent der Katholiken in Polen die Messe (Annuarium Statisticum … 2018). So wie der Apostel Paulus den christlichen Glauben an die damaligen Bedingungen des Römischen Reiches anpasste und die Jesuiten dasselbe in der Mitte des 16. Jahrhunderts taten, so sollten die katholischen Geistlichen das polnische Christentum an die Herausforderung des Kampfes um die Seelen anpassen. Die anderen Konkurrenten sind der Islam und die Areligion, ein an den Atheismus angelehntes ideologisches System. Die Unterstreichung der Erzählung über die vom Konsumismus und Atheismus belagerte Festung wird hier nicht sonderlich hilfreich sein.

Die Grundsätze des neojagiellonischen Multikulturalität kann man wie folgt darstellen:

 

Multikulturalismus 1.0 (z.B. in Deutschland)

 

 

Multikulturalismus 2.0

(neojagiellonisch)

 

Personenkonzept

 

 

Reduktionistisch (fehlerhaft)

 

Mehrdimensional (ganz)

 

Verhältnis des Individuums zum Staat

 

 

Betonung der Rechte des Individuums

 

Betonung der Rechte und Pflichten zugleich

 

Bindeglied (gemeinsame Idee)

 

 

Vorrang der Koexistenz

 

Vorrang eines gemeinsamen Zieles

 

 

Axiologie

 

beliebig / undefiniert

 

 

gemeinsames Minimum

 

Kulturdistanz bei Migrationsentscheidung

 

 

hat keine Bedeutung

 

hat Bedeutung

 

Ansporn zur Integration

 

ökonomisch

 

axiologisch

 

 

Endeffekt der Integration

 

Eine eher in der öffentlichen Sphäre stattfindende Integration

 

Eine eher in der öffentlichen und privaten Sphäre stattfindende Integration

 

 

Akzeptanz der Migranten

 

 

bedingungslos

 

bedingt

 Tab. 2 Multikulturalismus 1.0 und Multikulturalismus 2.0 (neojagiellonisch)

Von den allgemeinen Grundsätzen bis zur Herausarbeitung einer gemeinsamen Strategie des Multikulturalismus ist noch ein weiter Weg. Die obige Analyse zeigt zumindest, welchen Weg man nicht beschreiten sollte und welchen man wiederum in Erwägung ziehen könnte. Der größte Fehler ist die Aufnahme der Völker „im Losverfahren“, ohne Kenntnis ihrer Träume, ihres Glaubens und der interkulturellen Kompetenzen und Fähigkeiten, welche Auswirkungen auf die Akkulturation haben. So geschieht es leider in der Europäischen Union. Bevor Sigismund I. entschied, die Anabaptisten nicht zu vertreiben, sammelte er Informationen über sie und brachte in Erfahrung, dass jene in anderen Ländern „unschädlich“ seien. Im ähnlichen Sinne sollte Polen bei der Planung der Migrationspolitik den Stand der wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Integration und die Erfahrungen der Akkulturation einzelner Gruppen in Europa überprüfen.

Man sollte noch eine weitere Lektion der Jagiellonen in Erinnerung behalten: die dogmatischen oder theologischen Unterschiede sind ungefährlich, sofern sie in sich kein politisches Umsturzpotential tragen. Der von vielen dämonisierte Islam kann sich in das neue jagiellonische Polen einfügen, sofern er auf eine „sichere“ Art und Weise interpretiert werden würde. Diesen Kriterien entspricht zum Beispiel unser polnisch-tatarische Islam oder der der universellen Liebe Vorrang gebietende Sufismus. Leider erfüllen ersichtlich viele „Abzweigungen“ des Islam aus Westeuropa diese Kriterien nicht (mehr dazu im weiteren Verlauf des Textes). Die Interaktion der europäischen mit der islamischen Kultur ist eines der wichtigsten Probleme für die Zukunft des Kontinents. Dem sollte man einige gesonderte Worte widmen.

Der Islam und die polnische Frage

Der Koran auf Polnisch

Die polnischen Tataren geben uns eine für ganz Europa wichtige Lektion. Nur Wenige wissen, dass sie hinsichtlich der Übersetzung des Korans weltweit Pioniere sind. 2017 haben Wissenschaftler der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Thorn entdeckt, dass ein von ihnen untersuchtes historisches Buch in Wirklichkeit eine polnische Übersetzung des Korans (mit Kommentaren) aus dem 16. Jahrhunderts ist (Wieclawski 2017). Die tatarische Übersetzung ist also – nach der lateinischen und italienischen – die dritte Übersetzung des Korans auf der Welt.

Die heute in Podlachien und Pommern lebenden Tataren sind ein Beispiel einer gelungenen Integration und Assimilation im klassischen Sinne der Begriffe. Sie kamen im 14. Jahrhundert nach Polen und dienten dem Land in der Jagiellonenzeit (beispielsweise bei der gewonnenen Schlacht bei Tannenberg). Nach Jahrhunderten integrierten sie sich mit der polnischen Kultur und fühlten sich ebenfalls polnisch und das bei gleichzeitiger Bewahrung der eigenen Religion und kulturellen spezifischen Eigenheiten –  die Frauen holten sie sich in der Krim und eine Abkehr vom Glauben der Vorfahren zog den Zorn der Gemeinschaft nach sich und konnte zum gesellschaftlichen Ausschluss führen (es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass die Gemeinschaft wegen Apostasie niemals Gewalt anwendet oder tötet, wie das in anderen islamischen Kulturen passiert).

Seit 2004 rivalisiert der Islamische Religionsverband (Tataren) mit der Islamischen Liga (Araber), die Probleme mit einigen radikalen Mitgliedern hat. Nach vorsichtigen Schätzungen vereint die Liga heute schon weitaus mehr Gläubige als der tatarische Verband (Lyszczarz 2013). Die offiziellen Daten, welche 2010 von 3800 Mitgliedern in der Liga und 1061 Mitgliedern des IRV sprachen (GUS 2016 | polnisches Hauptstatistikamt), sind nicht glaubwürdig, weil immer mehr Moslems lockere Verbindungen mit Organisationen ohne offizielle Mitgliedschaft bevorzugen.

Bevor die Araber so zahlreich wurden, herrschte in Polen eine Zusammenarbeit zwischen den zwei Gruppen; die Tataren brachten den arabischen Studenten Polnisch bei und machten sie mit der Eigenheit der polnischen Kultur vertraut. Im Gegenzug brachten die ausländischen Studenten den tatarischen Kindern Arabisch bei und engagierten sich im kulturellen Leben der Tataren. Die Probleme fingen an, als die Araber zahlreicher wurden und ihre Missionstätigkeit begannen. Sie wollten die tatarischen Bräuche modifizieren und sie an die eigenen Normen anpassen; die Tataren wiederum warfen den Arabern ein mangelndes Interesse am Kulturdialog (also eine Tendenz zur kulturellen Isolation) sowie eine theologisch flache, volkstümliche Auslegung des Korans vor.

In der Folge, so schreibt Michal Lyszczarz, „ist das Verhältnis zwischen den Tataren und Arabern seit mehreren Jahren von gegenseitigem Misstrauen geprägt, entstanden aus den verschiedenen Betrachtungsweisen des Islam und der Rivalität zwischen konkurrierenden Religionsorganisationen. Die Immigranten aus dem Nahen Osten sehen ihr Religionsmodell als das einzig wahre an, weil die Sprache, in welcher der Koran geschrieben wurde, ihre Muttersprache ist; der Prophet Mohammet war – ähnlich wie sie – ein Araber; ihr Glaube baut direkt auf dem Inhalt der Offenbarung auf. Die Tataren hingegen zeigen auf, dass sie schon seit Jahrhunderten in Polen leben und ihre Einstellung zur Religiosität einen an die Anforderungen, die den Minderheiten in einem christlichen Land gestellt werden, angepassten,  spezifischen Charakter angenommen hat“ (Lyszczarz 2013).

Die Tataren werfen den Arabern auch einen übermäßigen Konservatismus und eine fehlende Elastizität gegenüber den gegenwärtigen zivilisatorischen Veränderungen vor. Bei inoffiziellen Äußerungen gehen sie sogar weiter und weisen nach, dass der Zankapfel die wachsende Faszination des Totalitarismus der Scharia unter den Arabern sei, also eine Einstellung, die der Integration und Stabilität nicht förderlich ist. Die Araber hingegen behaupten, dass die Tataren nicht genügend an die Traditionen gebunden sind. In der Folge kommt es heute zu einer Situation, in der die in Polen lebenden Araber sowie ihre polnischen frisch zum Islam konvertierten Frauen die polnischen Tataren, die den Islam seit Jahrhunderten praktizieren, „bekehren“ wollen. Einfluss auf diese Vorgehensweise haben die Geistlichen, die in Saudi-Arabien, wo der extreme und auf die Ursprünge des Islam zurückgreifende Wahhabismus dominiert, ausgebildet wurden. 2004 wurde der Absolvent der Religionwissenschaften in Saudi-Arabien Tomasz Miskiewicz zum Mufti des Islamischen Religionsverbandes gewählt (2013 versuchten die Tataren ihn abzuberufen – ohne Erfolg). Die Kritiker behaupten, Miskiewicz würde meinen, dass der Islam in Polen übermäßig von der europäischen Kultur durchtränkt ist – und ergänzen, dass ein solches „Durchtränken“ nicht als Nachteil, sondern als Vorteil betrachtet werden sollte.

Die Goldene Regel. Was die Araber nicht von den Tataren lernen wollen

Heute gibt es zwischen den Arabern und Tataren weitaus mehr Konflikte. Die arabischen Moslems sind nicht bereit einzugestehen, dass bestimmte Einschränkungen in der religiösen Ausübung oder der Auslegung des Korans bei den Tataren mit der Kultur und der Notwendigkeit der friedlichen Existenz mit den polnischen christlichen Nachbarn im Zusammenhang stehen (Lyszczarz 2013). Die Tataren haben dieses Modell über Jahrhunderte herausgearbeitet. Es fußt auf einem einfachen Algorithmus, der eine friedliche Koexistenz garantiert. Man kann ihn folgendermaßen zusammenfassen: jedes Mal, wenn die Gebote der Traditionen oder Religion ein Handeln vermuten lassen, welches im Widerspruch zu den Normen des Gastgeberlandes stehen, haben die Regeln dieses Landes Vorrang vor der Autorität der Religion (vergl. Lyszczarz 2016). Der tatarische Koran ist also ein auf „jagiellonisch“ gelesener Koran – geprägt vom Vorrang des Gemeinwohls vor der dogmatischen Interpretation.

Leider wird die Geltung dieser Formel im polnischen Islam immer schwächer, da der arabische Islam in Polen sie nicht anerkennt und er ist es auch, der seine Überlegenheit gegenüber dem tatarischen Islam dank stabiler und solider Finanzierungsquellen in Form von Überweisungen aus Saudi Arabien sowie anderen islamischen Ländern aktuell festigt. Die Tataren wiederum können auf die Hilfe der Türken rechnen, die in Religionsfragen mit den Arabern in Konflikt stehen, u.a. aufgrund historischer Begebenheiten. Die Rivalität um die Seelen der Tataren zwischen Türken und Arabern ist in vollem Gange – Saudi-Arabien, vom gegenwärtigen Mufti unterstützt, baut derzeit in Bialystok ein islamisches Kulturzentrum, was auf Widerstand seitens der Tataren stößt (Cholodowski 2018). Eine mögliche Radikalisierung ist eines der angesprochenen Probleme.

Auf jeden Fall ist es aus Sicht der Akkulturationsmechanismen die tatarische und nicht die arabische Haltung, die die Integration begünstigt, da sie die Eigenheit der polnischen Kultur in Betracht zieht und sich ihr gegenüber öffnet. Eine eindeutige Bewertung des Integrationspotenzials des arabischen Islams in Polen würde eine separate Untersuchung erfordern, doch kann man vorläufig annehmen, dass die Kulturdistanz zwischen Polen und Tataren nicht sonderlich groß, wohingegen die Kulturdistanz zwischen Polen und Arabern erheblich ist. Aus diesem Grund wird die Integration des arabischen Islams eine Herausforderung sein, und zwar nicht nur für Polen, sondern selbst für die Araber. Sofern sie vernachlässigt wird – wie es bisher geschah – droht uns in Polen eine Wiederholung des Multikulturalismus 1.0, was eine Isolierung und Ghettoisierung des Großteils der islamischen Migranten zur Folge haben wird.

Man muss keine Angst vor dem Islam haben, aber man muss sich die Frage stellen, welchen Islam wir in Polen unterstützen wollen. Entgegen der absurden Feststellung, dass die Auslegung der religiösen Lehren keine Bedeutung für die Akkulturationsprozesse hat, sollte man sich überlegen, wie man die Araber dazu bringt, sich der polnischen Kultur zu öffnen und die Auslegung des Korans an diese Kultur anzupassen. Wenn wir das nicht schaffen, werden die polnischen Moslems immer öfter die Isolation oder die Konfliktintegration, die ebenfalls die Isolation zur Folge hat, auswählen. Langfristig wird das zur Gefahr für die Stabilität und Sicherheit Polens.

Die polnischen Tataren sind dabei ein großes Geschenk für Polen, weil sie als Anhänger eines mit dem Polentum kohärenten Islams als „Fühler“ für das Umsturzpotenzial, welches in manchen heute propagierten Auslegungen des Islam schlummern, fungieren. Die Politiker sollten sich ihre Meinungen genau anhören und sie unterstützen, auch finanziell, weil aus ihnen die Weisheit einer jahrhundertealten Koexistenz spricht. Gegenwärtig jedoch haben die Politiker und Mitglieder der Selbstverwaltung leider keine Kenntnis über die innere Dynamik innerhalb des Islam und es kommt sogar vor, dass sie die radikalen Anhänger fördern und ihnen Gehör schenken.

Der Islam ist die Zukunft Europas – zumindest Westeuropas. Untersuchungen des Pew Research Center zeigen, dass obwohl der Islam heute fünf Prozent der Bevölkerung der Europäischen Union ausmacht, der Anteil bis 2050 bis vierzehn Prozent anwachsen kann (Pew Research Center 2017). Die Anzahl der Moslems kann sich verdreifachen und man muss noch den Zustrom der Moslems außerhalb Europas hinzurechnen. Unter Berücksichtigung der natürlichen Veranlagung verschiedener Religionen zur Konzentration gemäß der hierarchischen Vernetzungsregeln (engl. scale-free networking), werden an vielen Stellen Europas Gebiete entstehen, in denen die islamische Bevölkerung eine Mehrheit – z.T. eine erhebliche – darstellen wird. Es liegt an uns, welchen Typ des Islams wir in Polen unterstützen wollen. Womöglich ist es angebracht, die Tataren darüber zu befragen. Obwohl nur ein Teil der Moslems den Radikalismus unterstützt und eine Loyalität gegenüber dem Gastgeberland sowie ein Minimum an Loyalität gegenüber dessen Kultur ablehnt (Parekh 2006), schafft die dieser Minderheit erteilte Erlaubnis auf ein ungehindertes Wirken in gut finanzierten Moscheen einen Konfliktherd, welcher sich negativ auf die Mehrheit auswirkt. Man sollte schnell entscheiden, welchen Tendenzen des Islams man bei der Vernetzung mit unserer Kultur den Vorrang gewähren will. Westeuropa hat in der Vergangenheit auf einem Zufallsprinzip basierend verschiedene Ströme des Islam aufgenommen (sicherlich ohne Kenntnis über die zwischen ihnen herrschenden Unterschiede), ihre Strukturierung völlig vernachlässigt und somit einen Teil der Entscheidungsfreiheit eingebüßt. Mittelosteuropa steht diese Entscheidung noch bevor und die sollte es überlegt und selbständig treffen.

Das Wetter für Morgen

2050, das neue Mittelalter

Diejenigen, die wegen des versteckten Hochmutes oder Gefühls einer kulturellen Überlegenheit  eine unreflektierte Attraktivität des westeuropäischen „way of life“ annehmen, stellen heute eine einhellige Prognose für Europa auf. Sie nehmen an, dass die Säkularisierung unterschwellig von der Mehrheit der Europäer begehrt wird und dass die hohe Geburtenrate islamischer Migranten innerhalb einiger Generationen auf einen europäischen Durchschnitt (1,2 oder 3 Kinder pro Paar) zurückfallen wird. In derselben Zeit würde das Umsturzpotenzial der sich vom Rest isolierenden radikalen islamischen Minderheiten mit der fortschreitenden Säkularisierung sinken. Das ist ein Szenario, welches annimmt, dass Europa letzten Endes wieder auf den Weg der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Stabilität zurückkehrt. Das Rezept für die Problemlösung ist die Formell „mehr Multikulti 1.0“ und „mehr Säkularisierung“.

Dieses Szenario ist leider unrealistisch. Erstens berücksichtigt es nicht die ununterbrochene Migration im Hintergrund der großen Völkerwanderung aus Afrika und dem Nahen Osten. Das sind größtenteils religiöse Moslems, die die Religions- und Kulturkarte Europas dauerhaft verändern werden. Der Chef des deutschen Sicherheitsdienstes Bruno Kahl prognostiziert, dass in naher Zukunft eine Milliarde Menschen bereit sein wird, den Wohnort zu wechseln und viele von ihnen werden Europa wählen (Kahl, 2017). Die Entwicklungshilfe für afrikanische Länder wird diese Bereitschaft noch verstärken, weil mehr Menschen in der Lage sein werden, die Reise zu finanzieren. Die Völkerwanderung wird keinesfalls beendet.

Das oben beschriebene naive Szenario ist nicht nur für die demographischen und gesellschaftlichen Trends blind, sondern auch für die religiöse Dynamik. Das Szenario nimmt den Bargeldfluss aus den theologisch radikalen islamischen Ländern – die die Islamisierung Europas als ihre zivilisatorische Mission ansehen und die islamischen Initiativen in den kommenden Jahrzehnten finanzieren werden – überhaupt nicht in Betracht. Die europäischen Politiker werden in naher Zukunft keinen Mut aufbringen, um diese Finanzierung zu unterbrechen. Erstens aus Angst vor Unruhen und Protesten islamischer Kreise; zweitens aufgrund eigener Ignoranz und fehlender Kenntnis über das, was die Finanzierung eigentlich ist; drittens aus Angst vor Vorwürfen der „Diskriminierung“ irgendeiner religiösen Gruppe, also im Namen des inneren psychischen Komforts, welchen der mentale Verbleib im Bereich der politischen Korrektheit bietet.

Am Ende wird die Säkularisierung in Europa nicht die von linken Parteien gewünschte Dynamik aufbringen. Ganz im Gegenteil: der Islam wird eine immer größere Position einnehmen und sich geographisch auf ausgesuchte Gebiete konzentrieren (ganz im Sinne der hierarchischen Vernetzung), wie es zum Beispiel in Frankreich, Deutschland oder den Niederlanden der Fall ist. Man sollte nicht vergessen, dass katholische wie evangelische Kirchen in diesen Ländern nicht nur in Diskotheken und Büchereien (zur Freude der Atheisten) umfunktioniert werden, sondern auch in Moscheen und islamische Kulturzentren (zur Freude der Moslems). Gerade islamische Gruppen mit einem stimmigen Weltbild werden von unten eine neue gesellschaftliche Ordnung einführen, die zum Teil mit den europäischen Normen und Rechten übereinstimmen und zum Teil nicht übereinstimmen wird.

Cuius religio, eius regio: es naht eine Zersplitterung Europas

Das, was uns erwartet, bezeichne ich summarisch als das „neue Mittelalter“ – als eine Ära, in welcher man Makrostrukturen und Erscheinungen, die jenen aus dem Mittelalter ähneln, erkennen kann. Diese Erscheinungen wurden bisher nur auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen beschrieben. Seit Langem entwickle ich jedoch die These, nach welcher das Mittelalter im Sinne der Erscheinungen auch in den Sphären der Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und sogar Urbanistik zurückkehrt – vor allem in Europa (Lewicki 2016 B). Die EU verändert sich von außen und innen.

Eine dieser neumittelalterlichen Erscheinungen ist die oben genannte große Migration, also die Völkerwanderung, die derjenigen ähnelt, die das Antlitz des Römischen Imperiums veränderte und den Weg ins Mittelalter ebnete. Eine zweite ist die laute Rückkehr der Religiosität und – breiter gefasst – des offenen Diskurses über die Religion in der säkularisierten öffentlichen Sphäre in westlichen Staaten der EU.

Die dritte Erscheinung des Neumittelalters sind die gesellschaftlichen Spannungen, die kulturelle Zersplitterung und die Aufteilung in symbolisch und kulturell unterschiedliche Regionen. Durch die Kanalisierung des kulturellen wie religiösen Einflusses werden verschiedene Gruppen ihre eigenen Werte mit Hilfe von Institutionen von unten einführen, was durch die Entstehung einer einwirkenden Mehrheit im gegebenen Mikrosystem (Viertel, Stadt etc.) vereinfacht wird. Das vor allem in Westeuropa bekannte und aus dem Mittelalter stammende Prinzip „wessen Region, dessen Religion“ (cuius regio, eius religio) wird im Geiste der Demokratie durch das gegenteilige Prinzip „wessen Religion, dessen Region (cuius religio, eius regio) ersetzt. Zur gleichen Zeit führt die Zersplitterung auf lokaler Ebene zur Einheit auf „einer höheren Stufe“, also auf supranationaler Ebene. Die vierte Erscheinung des Neomittelalters ist nach meinem Verständnis eine Deterritorialisierung und Zersplitterung von Rechtssystemen, welche langsam zur Bildung von Gebieten führen, in denen die Scharia und islamische Traditionen für die Mehrheit der Menschen im besagten Gebiet eine von unten kommende Inspiration sind. Diese Personen werden anstreben, dass die Normen der eigenen Rechtstraditionen im Rahmen des säkularen Rechts anerkannt werden oder dass ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird sich für „das eigenen“ Rechtssystem in Konkurrenz zum Rechtssystem des säkularen Staates zu entscheiden.

Fünf jagiellonische Regeln

Wie ich aufgezeigt habe, gibt uns die jagiellonische Ära ziemlich konkrete Vorschläge darüber, wie die neojagiellonische Haltung gegenüber dem Multikulturalismus aussehen könnte. Lassen Sie uns versuchen, fünf allgemeine Regeln für den jagiellonischen Multikulturalismus 2.0 aufzustellen:

(1) Es sollte ein Bindeglied bestehen. Die jagiellonische Ära zeichnete sich dadurch aus, dass sie – in all ihrer Vielfältigkeit – ein mehrheitliches Bindeglied religiöser Art in Form weit verstandener Werte hatte, die mit dem Christentum übereinstimmten. Angesichts der Vielfältigkeit und potenzieller Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten betonte man stets diese Gemeinschaft als übergeordneten Wert, welcher über den theologischen und dogmatischen Diskrepanzen stand. Es ist irgendein metaphysisches Bindeglied für eine stabile Gesellschaft notwendig. Es bleibt jedoch die Frage bestehen, zu welchem gemeinsamen Bindeglied sich das neojagiellonische Polen bekennen sollte? Diese Frage lasse ich offen. In der Vergangenheit stellte das nichtinvasive, tolerante Christentum (Katholizismus) eine Inspiration für Könige dar, die die auf Konfrontationskurs ausgelegten Vorgaben der kirchlichen Hierarchen abwehrten und dämmten.

(2) Toleranz muss bedingt sein: die Grenze der Toleranz ist die Stabilität des Landes. Die religiösen oder kulturellen Unterschiede konnten solange als unwichtig erscheinen, solange sie nicht in politische Willkür, Negierung der Rechtsstaatlichkeit oder in eine Revolution bzw. Separatismus übergingen. Sobald es dazu kam, mussten daraus Konsequenzen gezogen werden, wie es im Falle des Danziger Tumults geschah. Eine ausreichende Voraussetzung der Dazugehörigkeit zum jagiellonischen Polen war also das Fehlen eines Umsturzpotentials und die Akzeptanz des politischen Systems (vergl. Lewicki 2016 A).

(3) Die öffentliche Meinung sollte den Fanatismus anprangern. In der jagiellonischen Ära erlaubte es der außerhalb Polens erhebliche Verwüstungen anrichtende religiöse Fanatismus (Blutbäder der Reformation, Kreuzritter) eher die Vorteile der Toleranz zu erkennen. Dank dessen wurde der aus dem Ausland importierte Fanatismus in Schriften der Intellektuellen gebrandmarkt und diese Kritik fand ihren Weg in das Bewusstsein des Adels, also der damaligen „öffentlichen Meinung“. Auf diese Weise wurde das mit der Multikulturalität im Zusammenhang stehende Umsturzpotential eingeschränkt und die Abneigung gegen den Fanatismus wuchs.

(4) Die Integrationsräson steht vor der Räson der Theologie. Die goldene Regel der islamischen Tataren zeigt auf hervorragende Weise, dass die Achtung für das Gastgeberland eine gelungene Integration oder Assimilation ermöglicht, hingegen die Überzeugung einer zivilisatorischen Überlegenheit der eigenen Kultur oder Religion zu einer gefährlichen Alienation führen kann. Die Annahme, dass die Auslegung der heiligen Bücher durch Religionen, die in Polen aufgenommen werden, nicht zu einer Revolution unter Anwendung von Gewalt und der Aushebung der öffentlichen Ordnung führen dürfen, ist eine unentbehrliche Verpflichtung der in Polen anerkannten Doktrinen.

(5) Eine religiöse Marktrivalität ist gesund. In Zeiten der Gegenreformation kämpften religiöse Doktrinen in Polen eher mit Argumenten als mit Schwertern. Die katholische Kirche in Polen kam zum Entschluss, dass sie nicht mit Rüffeln – welche die Menschen abschreckte – sondern unter Hinzuziehung von Argumenten und der Stärkung der Attraktivität der Glaubenswahrheiten in den Augen der Polen um die Seelen kämpfen muss. Dank dieser Sichtweise, zum Teil aus der Notwendigkeit heraus, passte sie sich den neuen Zeiten an, in denen sie kein Monopol mehr auf die religiöse Wahrheit hatte.

Allem Anschein zum Trotz scheinen diese einfachen Regeln für viele nicht offensichtlich zu sein. Zudem wird die Einführung einiger von ihnen in Anbetracht der Eigenheit der polnischen Kultur (geformt u. a. durch die Teilungen oder den Kommunismus) etwas leichter, anderer etwas schwieriger ausfallen.

Sofern es um die Punkte 1 und 5 geht, wird die Gesinnung der Hierarchen der polnischen katholischen Kirche nicht nur großen Mut, sondern auch eine große intellektuelle Kreativität erfordern, um zu erkennen, dass der Katholizismus und seine Evangelisierungsmethoden reformiert werden und auf der Basis des Fair Play die Vorzüge des christlichen Glaubens im Vergleichsrahmen  (also im Vergleich mit dem Islam und dem Atheismus) aufgezeigt werden sollten.

Ein sehr wichtiger Punkt ist die Regel 2, die besagt, dass die Religionsfreiheit nicht auf Kosten der öffentlichen Ordnung ausgeübt werden darf. Die Jagiellonen würden wahrscheinlich weder das die Identifizierung erschwerende islamische Kopftuch in Behörden, noch die längeren Straßenblockaden, wo speziell dafür Gläubige mit ganzen Bussen hergeholt werden, um den Bau einer Moschee an einem „würdigeren Ort[3]“ zu erzwingen, tolerieren. In diesem Kontext sollten alle Islamkenner das gegenwärtig schlechte Verhältnis der polnischen Tataren mit den arabischen Moslems in Polen studieren.

Zur Befolgung der dritten Regel, die den Fanatismus hemmen soll, ist eine Popularisierung des jagiellonischen Topos in der breiten Masse, die eine immer schwächere Geschichtskenntnis erkennen lässt, notwendig. Im heutigen Polen hat die Fremdenfeindlichkeit Fuß gefasst und das Gefühl einer wachsenden Gefahr – wenn auch seitens des Islamismus – dient in keiner Weise der Abbremsung dieses Trends. Wie der Gesellschaftspsychologe Jonathan Haidt bemerkt, überwiegt in unruhigen Zeiten die rechte Denkmatrix vor der linken, weil die Bevölkerung auf der Suche nach Komfort und Sicherheit auf eigene geprüfte Wertesysteme zurückgreift (Haidt 2014). Das jagiellonische Motiv kann hier sehr nützlich sein: das ist die einzige Art eines effektiven und toleranten Multikulturalismus, den die Polen als „eigenen“ anerkennen. Aus diesem Grund wird er sogar von Polen mit eher fremdenfeindlichen Neigungen akzeptiert. Ein solches jagiellonische Multikulti kann rechtzeigt das Umsturz- und Radikalisierungspotential, welches in Europa von Jahr zu Jahr wächst, ganz zum Erliegen bringen.

Das neojagiellonische Modell des Multikulturalismus ist ein relativ offenes System, wie die Abbildung 1 am Anfang des Textes das verdrängte Spektrum des Multikulturalismus aufzeigt, weshalb es gut in die Zeit der Globalisierung hineinpasst. Es ist natürlich a priori nicht so offen wie der radikale Multikulturalismus 1.0, dafür aber basiert es auf realen anthropologischen Grundsätzen und verspricht eine größere gesellschaftliche Stabilität. Dabei legt das System eine großen Offenheit zutage, was man vor allem beim Vergleich mit anderen multikulturellen Modellen, die in verschiedenen Epochen in anderen Teilen der Welt eingeführt wurden, erkennen kann (eine Ausarbeitung dieser These ist natürlich ein Thema für eine gesonderte Ausarbeitung).

Diese Rede ist schwierig? Emmanuel Macron wie Sigismund der Alte

Ich bin mir darüber im Klaren, dass ein Teil dieses Essays bei einigen Lesern eine schmerzende Dissonanz verursachen kann. Das geschieht vor allem bei denen, die bis dato naiv geglaubt hatten, dass es möglich ist, eine akkulturelle Welt ohne Spannungen zu projektieren, in der kulturelle Unterschiede keine Bedeutung haben; eine Welt, die mit einfachen Regeln regiert wird und wo die Offenheit der einen Seite stets dieselbe Offenheit und den Willen zur Integration der anderen Seite zur Folge hat. Eine solche Welt existiert nicht. Obwohl eine Gegenseitigkeit der interkulturellen Offenheit vorkommen mag, tritt sie nicht immer und nicht in aller Regel auf. Konzentrieren wir uns also auf die Errichtung eines realistischen Rahmens für die nächste Form des Multikulturalismus in Polen – also das Multikulti 2.0 oder die neojagiellonische Multikulturalität. Machen wir uns so schnell wie nur möglich an die Arbeit, sofern wir von der Zukunft eines Europa träumen, in welchem sowohl tolerante als auch politisch wie kulturell stabile Länder existieren, in welchen wir in Ruhe und ohne Sorgen darüber, dass mit unseren Enkelkindern eine neue Generation heranwächst, die von sich sagt „die Hölle, das waren die anderen“, sterben werden.

Es lohnt darauf hinzuweisen, dass die in dieser Arbeit zu lesende Kritik des Multikulturalismus 1.0 sich erheblich von der rechten Kritik der Vielkulturalität unterscheidet. Gemäß einem Teil der Autorenschaft basiert sie darauf, dass die Wurzeln der Krise des Multikulti in ihrer bloßen Existenz der Vielfältigkeit oder in einer „zu großen Vielfältigkeit liegen. (Lentin 2014). In dieser Ausarbeitung  ich, dass die Multikulti-Krise in der EU ihren Ursprung eher in einem Zusammenpferchen und einer Verklebung der Vielfältigkeit in etwas Eindimensionales hat; sie entspringt aus der Blindheit gegen die Tatsache, dass die Vielfältigkeit in sich – genau – vielfältig ist, und die kulturellen Verschiedenheiten unterschiedliche Entstehungsgeschichten, Dimensionen Intensitäten, und Dynamik haben können.

Nehmen wir an, dass sowohl verschiedene Kulturen wie auch verschieden Zivilisationen existieren. Die Unterschiede haben bestimmte Konsequenzen zur Folge. Nur wenn wir offen über sie reden, haben wir eine Chance auf eine gute Zukunft. Es geht darum, das Wesen Europas in Anbetracht ihrer Vielfältigkeit zu benennen. In Polen können wir das noch machen. Ein Teil der Länder Westeuropas hat ihre Entscheidung schon gefällt. Mehrfach war es die falsche Entscheidung.

Anno Domini 2018 schwimmen und wandern auf ausgetretenen Wegen sehr unterschiedliche Menschen nach Europa; ein Teil von ihnen will sich vor Armut schützen, ein anderer Teil glaubt an seine zivilisatorische Mission, den Islam nach Europa zu bringen, und ein Teil geht einfach vor sich hin, wohlwissend, dass sie in ihrem eigenem Land nie ein Teil des gesellschaftlichen System werden können.

Während ich die letzten Worte dieser Ausarbeitung schreibe, stürmen dreihundert geringqualifizierte Männer die spanische Grenze in der Exklave Melilla in Marokko (Reuters 2018). Wahrscheinlich waren es überwiegend Moslems. Zweihundert von ihnen waren erfolgreich, einige Soldaten wurden verletzt – einem wurde das Ohr abgerissen. Das ist ein geringer Preis für den Erfolg der Menschen, dessen Träume von einem besseren Leben in Europa von Fotos auf Facebook und Geschichten von Bekannten, die sich bereits auf der anderen, besseren Seite aufhalten, bestärkt werden. Und das ist nur ein Tropfen im Migrationsmeer.

Die neue Völkerwanderung dauert an und wird so schnell nicht aufhören. Man muss sie heute verwalten, weil die Europäische Union mit dieser Erscheinung weder im praktischen noch im axiologischen Rahmen zurechtkommt. Ganz im Gegenteil, es kommt zu Spannungen zwischen West- und Mitteleuropa, weil die EU-Beamten versuchen, den neuen EU-Ländern ineffektive Lösungen aufzudrängen.

Selbstverständlich ist ein Teil der EU-Länder nicht mehr in der Lage, eine Korrektur ihrer Einstellung zur Vielkulturalität ohne Verlust der gesellschaftlichen Stabilität und einer Auslösung von Tumulten vorzunehmen. Diese Länder sollten tatsächlich keine Korrekturen vornehmen, sofern sie den öffentlichen Frieden schätzen. Allerdings ist eine solche Korrektur in Polen und anderen Staaten dieser Region weiterhin möglich – zum Teil aufgrund der Rückständigkeit und der Lage Mittelosteuropas in einer halbperiphären Globalisierung. Es gilt, sie so schnell wie möglich auszuführen, und zwar auch dann, wenn ein Teil der Politiker aus Brüssel, aus welchen Gründen auch immer meint, dass die ineffektiven Modelle des Multikulturalismus ihrer Länder ohne Modifikation um jeden Preis exportiert werden sollten.

Wir müssen uns daran erinnern, dass sowohl die Wanderungen wie auch die Religionen sich wesentlich voneinander unterscheiden. Die Deutschen haben das noch nicht erkannt, aber es gelangt langsam ins Bewusstsein der Franzosen. Im Januar 2018 hat Emmanuel Macron eine Strukturreform innerhalb des Islam angesagt. Eine der Forderungen ist die Einführung einer universellen Regel, die dazu führt, dass die Autorität des staatlichen Rechts für die Moslems Vorrang vor dem religiösen Recht – der Scharia – haben soll. Diese Forderung ist nichts anderes als die „goldene Regel“ der polnischen Tataren – eingeführt jedoch von oben, statt von unten. Doch gerade diese „von oben“ gesteuerte Implementierung kann im Hinblick auf die faktische Einführung der Regel Probleme verursachen: schon heute stößt sie auf Widerstand, nicht nur seitens der Moslems sondern auch seitens der linken Politikszene, die behauptet, dass es eine Einmischung des säkularen Staates in religiöse Angelegenheit ist (McGuinness 2018). Doch wie schon erwähnt, niemand hat gesagt, dass die neomittelalterliche Transformation Europas problemlos durchzuführen sein wird.

Interessant dabei ist, dass man in der Auffassung des liberalen Macron bezüglich des sozialen Islams die Intuition von Sigismund I. des Alten erkennen kann. Jener beharrte darauf, dass die Glaubenslehren mit gleichen Tendenzen „irgendeine gemeinsame Konfession“, also ein Minimum an gemeinsamen Ansätzen zur Realität der öffentlichen Sicherheit und der gesellschaftlichen Kohärenz, beschließen (Tazbir 2009. Auch wenn die geplanten Reformen Macrons bisher noch kein größeres Interesse in den Medien außerhalb Frankreichs geweckt haben, wird dieser Moment sicherlich dann eintreten, wenn es zu entscheidenden Zusammenstößen der Befürworter und Widersacher dieser Idee kommt.

Für Europa geht es um sehr viel; gelingt die Reform, werden andere Länder Europas aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls versuchen, den Islam zu strukturieren, anstatt ständig die neoliberale Mantra zu wiederholen, dass die organisatorische Struktur der Religion und ihre dogmatischen Annahmen keine Bedeutung für die gesellschaftliche Koexistenz haben.

Wie man sieht, versucht Europa heute unter Schmerzen alte Lösungen neu zu erfinden. Vielleicht reicht es aus, einen Teil des jagiellonischen Gedankenwesens auszugraben, um sich diese Schmerzen zu ersparen. Falls wir die neojagiellonischen Regeln der Koexistenz einführen, und die nach Polen kommenden Zuwanderer versprechen sie anzunehmen, dann besteht die Chance, dass sogar die Bürger mit Vorurteilen ihren Beitrag zum Wohl eines gemeinsamen Polens und Europas leisten. Dabei können wir aus dem Vollen schöpfen, weil die Jagiellonen intuitiv die Trends spürten und so auf spontane Art ihr Toleranzsystem konstruierten. Vergeuden wir nicht ihre Weisheit.

Grzegorz Lewicki – Doktor der Philosophie der Jagiellonen-Universität, Zivilisationstheoretiker, Absolvent u.a. der London School of Economics und der Universität Maastricht. Reporter und Berater für Prognosen und Kommunikation. Seine letzten Werke sind der „State Power Index“ und die Anthologie „Cities in the Neomedieval Era“ über die Auswaschung des Neoliberalismus durch das Neomittelalter. Seine Essays wurden in fünf Sprachen übersetzt.


Beitragsbild: Tim Reckmann via flickr


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Fußnoten

[1] z. B. letztens in Schweden: „Swedish finance Minister Magdalena Andersson in an interview has said that she regrets her government´s decision to let more than 160,000 refugees into Sweden in 2015, and she said integration is not working“ (Radio Sweden, „Finance minister to asylum seekers: Don´t come to Sweden“, 22. Dezember 2017), https://sverigesradio.se/sida/artikel.aspx?programid=2054&artikel=6848940

[2] Mehr über Arnold Toynbee schreibe ich u.a. in „Return of Toynbee. European Union as universal state, Muslims as internal proletariat“, Sensus historiae, 3/2017.

[3]In diesem Zusammenhang steht die Erzählung über die Moslems, die „keinen Ort für ihre Gebete haben“. Ähnliche Kollektivstrategien kann man als „Hacking der Demokratie“ bezeichnen; man nutzt ihre Normen gegen sie selbst. Siehe z.B. BBC, „French politicians protest over Muslims street prayers in Paris“, 10. November 2017, https://www.bbc.com/news/world-europe-41950826

Grzegorz Lewicki – Doktor der Philosophie der Jagiellonen-Universität, Zivilisationstheoretiker, Absolvent u.a. der London School of Economics und der Universität Maastricht. Reporter und Berater für Prognosen und Kommunikation. Seine letzten Werke sind der „State Power Index“ und die Anthologie „Cities in the Neomedieval Era“ über die Auswaschung des Neoliberalismus durch das Neomittelalter. Seine Essays wurden in fünf Sprachen übersetzt.
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Grzegorz Lewicki – Doktor der Philosophie der Jagiellonen-Universität, Zivilisationstheoretiker, Absolvent u.a. der London School of Economics und der Universität Maastricht. Reporter und Berater für Prognosen und Kommunikation. Seine letzten Werke sind der „State Power Index“ und die Anthologie „Cities in the Neomedieval Era“ über die Auswaschung des Neoliberalismus durch das Neomittelalter. Seine Essays wurden in fünf Sprachen übersetzt.
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Kommentare(3)

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