Feuilleton

„Solidarność“ war zu wenig. Wir brauchen eine soziale Revolution.

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Warschau ist die schönste Stadt östlich der Oder. Es lebt sich toll hier, es ist sicher, die Menschen sind, relativ, glücklich, und alles wäre gut, wenn es da nicht das andere Polen gäbe. Es ist traurig ansehen zu müssen, wie die polnische Führungselite mit dem Großteil der polnischen Bevölkerung umgeht. Es ist aber noch trauriger ansehen zu müsssen, wie dieses hoffnungslos verlorene Polen ohne Möglichkeit auf Eigeninitiative vor sich hinvegetiert. Ohne der Solidarnosc-Bewegung gäbe es kein freies Polen und dafür bin ich dankbar. Doch die Zeit der Solidarnosci ist vorbei. Es ist Zeit für den nächsten Schritt, eine soziale Revolution ist in diesem Land nämlich schon längst überfällig.  

Das andere Polen

Die polnischen Arbeiter und Angestellten werden ausgequetscht wie Limonen, sie werden ausgenutzt wie Sklaven, denen man nur soviel Geld „gibt“, damit sie nicht verhungern, sonst müsste man noch für ihr Begräbnis aufkommen. Der am häufigsten ausgezahlte Lohn beträgt in Polen 1800 PLN, also ca. 430 EUR. Ein Sklave aus Afrika im 17. Jahrhundert hat wahrscheinlich mehr gekostet. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit einer Kapitalisierung der Gesellschaft und Firmen, aber das ist nicht akzeptabel. Das polnische Hauptstatistikamt gibt einen Durchschnittslohn von über 5000 PLN an und zieht für diese Berechnung nur diejenigen Firmen heran, die mindestens zehn Arbeiter einstellen. Polen hat seit 2004 mehr Geld von der EU erhalten als Deutschland von US-Amerikanern nach dem 2. Weltkrieg. Und? Haben die Deutschen 1975 festgestellt, dass sie ausgelutscht werden von amerikanischen oder britischen Firmen, dass sie sich keinen Urlaub leisten können, dass sie die alten Autos der Franzosen kaufen müssen, weil sie sich einfach kein normales Auto leisten können?

Die Studenten in Polen werden behandelt wie Schüler (was man daran merkt, dass viele Studenten sagen „ich gehe in die Schule“). Die Professoren reihen die Studentenschaft in die Reihe der homo-sapiens-sine-cerebrum ein. Stellen Sie sich nur folgende Situation vor: auf dem Wirtschaftsforum in Thorn 2016 gab es eine Diskussionsrunde zum Thema Universitätsreformen. Mitunter ging es darum, dass die Studenten nicht ernst genommen werden und kaum Mitspracherecht haben. Jetzt raten Sie mal, wer an dieser Diskussion nicht anwesend war? Die Studenten! Es wurden einfach keine eingeladen  Dabei befindet sich das Rektorat der Kopernikus-Universität ca 600 Meter vom Veranstaltungsort des Forums entfernt. Wäre Kopernikus, ein Sohn der Stadt, zu Lebzeiten so behandelt worden wie die Studenten heute, dann ginge er wahrscheinlich als erster polnischer Gastarbeiter in England in die Geschichte ein. Zumindest würden ihn die Deutschen dann zumindest nicht für sich beanspruchen.

Die Rentner bekommen so niedrige Renten, dass sie für keinen Wirtschaftszweig relevant sind. Da sie keine Kaufkraft haben, wäre es einigen sogar Recht, wenn die Rentner ganz zu Hause bleiben würden. Aber ausnutzen kann man sie dennoch: als Jackenabnehmer in staatlichen Museen oder als Flyerverteiler auf den Straßen großer Städte. Bei Minusgraden stehen sie da, nicht ernst genommen, erniedrigt und ausgelacht. Würde ein Roboter diese sinnlosen Zettel verteilen, würde man sich noch schnell ein Selfie machen mit diesen knuddeligen Maschinen. Die Alten, die stören doch nur. An der Post brauchen sie immer so lange, an der Kasse quatschen sie ständig mit der Kassiererin und dann wollen sie im Bus oder in der Straßenbahn immer einen Sitzplatz ergattern. Dabei machen die doch den ganzen Tag nix. Es ist wirklich unschön, wie wir unseren älteren Mitmenschen umgehen.

Den Autofahrern erzählt man, dass der Sprit 5,5 PLN pro Liter kosten muss. Und wieviel kostet der Sprit bei Ihnen in Deutschland? Auch ca. 1,3 EUR pro Liter? Jetzt stellen sie sich vor, er würde bei Ihnen fast 4 EUR kosten? Würden Sie glauben, dass das so sein muss? Jetzt wissen Sie, warum die Autobahnen in Polen immer so leer sind und warum niemand hierzulande pendelt. Weil er sonst nur dafür arbeiten würde, um zur Arbeit zu kommen. Eine quasi Sklaverei 2.0. Essen kann er ja die Reste, die Lidl nach Ladenschluß im Hinterhof in den Mülleimer wirft. Aber auch dafür müsste er wohl noch bezahlen.

Die Amtssprache ist Frust

Was man uns hier als Problem der Hasssprache verkaufen möchte, ist nicht nur kein Problem, sondern überhaupt das falsche Problem. Diese literarische Pornografie soll – womöglich unbewusst – vom eigentlichen Problem ablenken. Egal was in Polen schlimmes passiert, immer ist die Hasssprache Schuld. Hooligangs in polnischen Stadien? Rasende Autofahrer? Nationalisten beim Unabhängigkeitsmarsch? PiS gewinnt die Parlamentswahlen? Ermordung von Pawel Adamowicz in Danzig? Donald Trump gewinnt die Wahlen in den USA? Der Fernseher funktioniet nicht? Hasssprache, Hasssprache und nochmal diese verdammte Hasssprache. Nein, mit Hasssprache hat das alles in Polen nichts zu tun. Das ist reine und stolze Frustsprache – die Missstände in diesem Land lassen das Internet mit Beleidigungen übersäen, einen verrückten auf eine Bühne laufen und einen Politiker seiner Wahl abstechen, Menschen mit ungesundem Neid aufeinander schauen oder vierköpfige Familien auf 40 Quadratmeter vegetieren und Pathologien hochzüchten. Frust ist der Grund allen Übels, Frust ist auch der Grund für die Hasssprache.  Warum hat die neue Partei Wiosna (Frühling) von Herrn Biedron einen Zulauf von 16 Prozent? Weil er viel Geld versprochen hat. Sonst steckt nichts dahinter. Und dann liest man Artikel, die einen glauben lassen, dass sich jemand auch nur im Ansatz dafür interessiert, was der da von sich gibt. Das einzige was seine Zuhörer verstanden haben, sind die Zahlen. Die Menschen in Polen sind frustriert, sie sind sauer und depressiv, weil sie ständig jeden gottverdammten Groschen umdrehen müssen. Warum zur Hölle soll die Kassiererin höflich und nett sein? Weil man ihr monatlich 500 EUR auszahlt und an Weihnachten nochmal 200 PLN für den Weihnachtsbaum, Geschenke, eine Gans und die Liebe ihrer Kinder? Frust ,lieber Leser, war der Grund für zahlreiche Revolutionen und Protestbewegungen. Und wir hatten unsere noch nicht. Die Solidarnosc war eine Protestbewegung, jedoch wissen wir heute, dass es nur eine politische Bewegung war. Deswegen ist die Solidarnosc-Bewegung bis heute nicht zu Ende.

Bevor diejenigen weitersprechen, die mir nun einreden wollen, dass es doch nicht allen so schlecht geht und man solle doch nicht übertreiben: das erzählen Sie mal dem Großteil der arbeitenden Bevölkerung hier! Solche Sprüche traut sich kein einziger Politiker in der Öffentlichkeit laut auszusprechen. Dieses Argument höre ich ständig in den traurigen privaten wie staatlichen Medien und auch nur da. Dieses erbärmliche Schauspiel wird uns hier jeden Tag von morgens bis abends an die Glotze gekotzt. Redet dort überhaupt jemand über die tatsächlichen Probleme in Polen? Nein. Es geht allen nur um Macht, Macht und Macht. 50 Kilometer von Warschau entfernt gibt es Menschen, die ihr Grundstück mit ihren eigenen Fekalien teilen müssen. Es gibt Menschen die einen Lebensradius von 15 Kilometern haben, wie im Mittelalter, weil alles darüber hinaus eine zu kostspielige Angelegenheit wäre. Es wird Zeit, dass man Prioritäten setzt.  Die Politiker müssen endlich verstehen lernen, was die goldene Regel des Politikerdaseins ausmacht: um eine Kuh zu melken, muss man sie zunächst füttern!

Wir brauchen eine soziale Revolution

Was Polen fehlt ist ein dicker fetter Schlußstrich. Wir brauchen endlich eine soziale Revolution.  Alle müssen begreifen, dass es ohne eine Bewegung von Unten keine Veränderungen geben wird. Die Demonstrationen in Polen sind kleiner als meine Wohnungseinweihungsparty. Die Anzahl der registrierten Vereine ist mikrig klein, weniger als 10 Prozent der Arbeiter sind in Gewerkschaften organisiert und sie repräsentieren auch nicht mehr als diese 10 Prozent ihrer Kollegen. Würden die Löhne genauso schnell wachsen wie die Produktivität in den letzten 28 Jahren, wären sie heute 40 Prozent höher und dann immer noch zu niedrig. Die Würde wird in Polen jeden Tag angetastet und allen ist es scheißegal. Wichtig ist lediglich, ob der 1940 gefolterte Großvater genügend geehrt wird, ob auch die ganze Welt den Einsatz der polnischen Soldaten bei der Luftschlacht um England genügend wertschätzt und als in irgendeinem Kaff in den USA ein Denkmal für die ermordeten Offiziere bei Katyn versetzt werden sollte, da war auf einmal die ganze Gesellschaft in und außerhalb von Polen in großer Bewegung und Aufruhr, dann auf einmal gemeinsam.

Aber wenn die eigene Oma sich tagelang nicht wäscht, weil sie es sich nicht leisten kann, wenn die Kinder in der Schule nicht denken dürfen was sie wollen, wenn die Studenten schlechte Noten bekommen, weil sie ihren Gedanken freien Lauf lassen, wenn die überteuerte Autobahngebühr noch teurer wird, wenn Abtreibungen verboten werden sollen, wenn ein Priester Millionen Steuergelder für seine kranken Projekte bekommt, wenn  die Verfassung zum Poabwischer degradiert wird, wenn der persönliche Reichtum Grund genug ist, um einem anderen Menschen das Recht auf eine würdevolle Behandlung abzusprechen…….

… dann drehen wir uns auf dem Sofa nur kurz um und lassen ihn sausen, den feuchten Furz!

Post scriptum

Nein, lieber Leser, das ist keine Volksverhetzung. Eine Revolution kann sehr viele Formen annehmen. Ich möchte, dass wir Polen uns endlich um die wichtigen Dinge des Lebens kümmern. Die Autobahnen finanziert uns die EU, die Autos bekommen wir aus Deutschlan, wenn auch gebraucht, die Soldaten aus den USA – doch die Würde uns gegenüber, die müssen wir uns schon selber erkämpfen.

Seit 1989 sind wir nämlich – wer es vielleicht vergessen hat – für uns selbst verantwortlich!

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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