Feuilleton

Nach dem Mord des Präsidenten von Danzig

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Am 13. Januar 2019, während des Orchesters der Weihnachtshilfe (Wielka Orchiestra Swiatecznej Pomocy) in Danzig wurde der Stadtpräsident Pawel Adamowicz vor laufender Kamera erstochen. Er erlag den Verletzungen und verstarb am Tag darauf.

Es schießen einem sofort hunderte Gedanken durch den Kopf. Hier nun einige von diesen…

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War es ein politischer Mord?

Dieser Frage gehen nun alle nach. Die regierende Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hat sich seit Sonntag aus dem medialen Geschehen zurückgezogen, wobei einige Politiker dennoch wie geistesabwesend und ohne jegliche Empathie die angespannte Situation anheizen wollen. Warum? Das kann ihnen nur noch der Psychiater beantworten.

Die Oppositionspartei Bürgerplattform (PO), zu welcher auch Pawel Adamowicz bis 2015 gehörte, ist wiederrum sehr aktiv. Alle sind natürlich in großer Trauer. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass deren Mitglieder der Messerattacke zwanghaft das Attribut eines politischen Mordes anhängen wollen. Daher wird oft der Vergleich mit dem Mord an Präsident Gabriel Narutowicz auf der Treppe vor der Zacheta-Galerie in Warschau 1922 angestellt. Warum? Weil sich der Tod womöglich politisch ausnutzen lässt?! Schließlich finden dieses Jahr die Parlamentswahlen statt. Eine solche Vorgehensweise wäre in Polen auch nichts neues. Jaroslaw Kaczynski macht das nun schon seit fast 9 Jahren mit dem Tod seines Bruders in Smolensk im Jahre 2010.

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Nach dem Attetnat von 1922 folgte eine Lähmung des politischen Lebens in der 2. Republik Polen, welche mit dem Militärputsch im Mai 1926 ihren krönenden Abschluss fand. Das angebliche Attentat auf den Präsidenten Lech Kaczynski von und seine Gattin hat zur Folge, dass sich die zwei größten Parteien noch nicht mal in den kleinsten Angelegenheiten einigen können. Die politische Welt ist durchsiebt von Hass und Abneigung. Von garantierter Menschenwürde kann, zumindest seit 2010, nicht mehr die Rede sein.

Nein, es war kein politisch motivierter Mord. Es war ein Mord eines paranoiden Schizophrenikers. So wie auch das Attentat von 1922 die Tat eines Verrückten war. Der Vergleich ist also angemessen, die Schlußfolgerung leider falsch. Das ist viel schlimmer als Fake-News. Das ist nämlich gezielte Gehirnwäsche. Stimmt, ich denke da auch an das Wort Proganda und seine Anfänge.

Sicherheit von Staatsbediensteten

Die Politiker

Ein Freund von Pawel Adamowicz wurde gefragt, wieso der Stadtpräsident keinen Personenschutz eingestellt hatte. Die Antwort: weil Pawel Adamowicz sich in Danzig wie zu Hause fühlte und weil er sehr mutig war, vor allem in ziviler Hinsicht. Das zeigt, wie unerfahren man in politischer Hinsicht ist und keine guten Berater zur Seite hat. Die Politiker in Polen verstehen immer noch nicht, dass die Person nur die Position besetzt, jedoch nicht identisch mit ihr ist. Man hat keinen Instinkt dafür, dass man alles tun muss, um es auch nur im Ansatz nicht zu Attacken dieser Art kommen zu lassen. Denn es geht dabei um die Glaubwürdigkeit des Staates und nicht um das Gutdünken einer Privatperson.

Politiker in Polen müssen lernen, dass es nicht um sie geht. Sie sind der Garant der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Sicherheit. Vielleicht entsteht ja jetzt ein politischer Überlebensinstinkt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Die Beschützer

Wie kann es zudem sein, dass die Sicherheitsleute auf der Bühne erst etliche Sekunden später überhaupt kappiert haben, was und das etwas passiert ist? Auf dem folgenden Video sieht man, wie lange der Täter nach der Attacke noch auf der Bühne rumgelaufen ist und sich sogar zu Wort gemeldet hat.

Vor ein paar Wochen starben 5 junge Mädchen in einem Escape-Room, weil die Sicherheitsvorkehrungen unzureichend waren. Erst nach diesem Drama wurden alle über 1000 Escape-Rooms kontrolliert. Bis dahin gab es überhaupt keine Regulierungen, welche Auflagen eine solche Attraktion erfüllen muss.

Weiss der Staat, welche Voraussetzungen ein Sicherheitsdienst erfüllen muss, damit er seiner Aufgabe nachgehen kann? Wenn ich nämlich das Sicherheitspersonal in den riesigen Malls in Polen beobachte, kaufe ich mir dann doch lieber ein Pfefferspray.

Muss erst eine Tragödie geschehen, bevor der Staat aktiv wird?

Freiheit gegen Freiheit

Freiheit hängt nicht in einer Seifenblase und schwebt in der Luft herum.

Was hat man davon, wenn man behauptet eine freie Nation zu sein, wenn man mit dieser Freiheit nicht umzugehen weiß? Freiheit hängt nicht in einer Seifenblase und schwebt in der Luft herum. Freiheit versteht sich nicht von selbst. Es steckt vielmehr dahinter, als man es wahrhaben will.

In der polnischen Verfassung ist die Meinungsfreiheit gesichert. Wieso glauben jedoch alle, dass man ab sofort sagen darf, was man will, ohne sich auch nur im geringsten Umzuschauen? Keine Freiheit, kein Recht steht absolut losgelöst im Raum herum. Es kommt nämlich der Moment der Abwägung. Jede Freiheit hört dort auf, wo das Recht eines anderen anfängt.

Ich erwarte von der hart arbeitenden Gesellschaft dahingehend nicht viel. Ich erwarte allerdings von der politischen wie gesellschaftlichen Elite verantwortungsbewußtes Handeln. Schweigen und Ignoranz von Politikern in Momenten einer notwendig zu erwartenden Handlung bedeutet Niederlage.

Wenn die Minderheit die Mehrheit an der Nase führt

Mag sein, dass der Täter psychisch krank war und es mag auch sein, dass seine Tat nicht politisch motiviert war. Doch warum befindet sich die polnische Gesellschaft, die Politiker und Medien in einem Schockzustand? Hätte man nicht anhand der Hasspredigten im Internet und den Zeitungen eine solche Tat vorausahnen können? Kann eine solche Tat die Polen wirklich in einen Schockzustand versetzen, nachdem die Medienwelt es hat darauf ankommen lassen? Wenn dem so ist, dann haben wir uns ein Armutszeugnis ausgestellt. Vor knapp zwei Monaten waren kleine Nationalistengruppen mit hasserfüllten Banner beim Unabhängigkeitsmarsch am 11. November nicht der Rede wert. Schließlich könne man daraus nicht auf die Mehrheit schließen, dass diese auch rechtsradikal sei. Doch wenn die Mehrheit schweigt, macht die Minderheit was sie will, weil sie sich bestätigt fühlt.

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Wie geht es weiter

Polen sind Idealisten ohne politischen Realitätssinn

Nach dem Flugzeugabsturz bei Smolensk im Jahre 2010 wurden keine Schlüsse gezogen.

Nach der Selbstverbrennung eines Mannes vor dem Kulturpalast in Warschau 2017 wurden keine Schlüsse gezogen.

Vielmehr wurden beide Tragödien auf abscheulichste Art und Weise für politische Zwecke ausgenutzt.

Warum sollte es nun anders sein? Der Angriff auf einen hochrangigen Staatsbediensteten wird (jetzt schon) für politische Zwecke missbraucht.

Zumindest in emotionalem Aspekt haben wir Polen Zusammenhalt gezeigt. Es wurden Märsche gegen Gewalt und Hass organisiert. Hierbei merkt man, dass wir Idealisten ohne politischen Realitätssinn sind. Zu leicht lassen wir uns an der Nase herumführen. Anstatt zu wachsen, zerstören wir uns selbst. Eine Nation, die nicht in Einigkeit lebt, braucht keine Feinde mehr.

Ich befürchte, dass der Tod des Präsidenten immer noch zu wenig ist, damit Politiker, Internauten und Leute auf der Straße lernen, dass Freiheit auch Rechte anderer einschließt. Das Straßenbild ist dabei noch ein ganz anderes. Abgeschottet von der Welt des Internets und des politichen Dilentatismus sind wir eine Gesellschaft, wie sie gerne sein will und wie sie eigentlich auch ist.

Die Frage bleibt also noch offen: wieviel muss geschehen, damit wir Polen endlich anfangen uns so zu achten, wie wir selber geachtet werden wollen. Man soll den nächsten doch lieben, wie sich selbst.

Möge der Tod von Pawel Adamowicz nicht umsonst gewesen sein.


Beitragsbild: Wegschilder von Daniela Gozzi via Flickr [CC BY-NC-ND 2.0]

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Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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Kommentare(1)

  1. Jemand mit mindestens 5 nachgewiesenen bewaffneten Banküberfällen behauptet unschuldig verurteilt zu sein, gibt die Schuld einem Bürgermeister und übt „Rache“. Das hat in erstere Linie nichts mit Politik zu tun, sondern ist einfach nur krankhaft. Etwas anderes da hinein zu interprätieren halte ich für ziemlich gewagt.
    Daß dieses traurige Ereignis jetzt von PO-nahen Kreisen politisch ausgeschlachtet wird, ist beschämend. Ich vermute aber, das die polnischen Bürger dieses durchschauen. Es ist einfach zu offensichtlich.

    Das Versagen liegt in erster Linie beim Sicherheitsdienst – das geht in der Diskussion leider komplett unter und wird auch in der „Westpresse“ quasi nicht aufgegriffen. Abgeschrieben wird anscheinend nur bei Gazeta Wyborcza – entsprechend einseitig und unvollständig sind die Artikel.

    Bei solchen Events darf es einfach nicht vorkommen, daß jemand auf die Bühne gelangt, der dort nichts zu suchen hat. Genau das ist aber passiert. Also handelt es sich in erster Linie um Totalversagen der „Sicherheitsfirma“. Hätte die „Security“ ordentlich gearbeitet, hätte man den Täter vermutlich mit dem Messer in der Tasche aufgegriffen und verhaftet. Somit wäre gar nichts passiert und diese Festnahme wäre dann vielleicht nicht mal in der Lokalpresse aufgetaucht. Wenn vor und hinter der Bühne aber quasi niemand richtig aufpasst und die restlichen Ordner sich im wesentlichen darum kümmern, daß niemand Alkohol mitbringt, nleibt die Sicherheit auf der Strecke.

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