Feuilleton

Russland ist nicht Europa, ko(e)nnte es aber werden

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Am 05. März 1953 verstarb endlich Jozef Stalin in Kunzewo bei Moskau. Nach 75 Jahren mörderischer Arbeit hat er sich ein warmes Plätzchen in der Diabolo Residence redlich verdient. Eigentlich nichts außergewöhnliches. Wenn in Russland nicht immer noch ein starker Stalin-Kult existieren würde, der von Russland als Legitimation für die traditionell agressive Politik ausgenutzt wird. Russland ist nicht Europa. Russland gehört nicht zu Europa. Kann es aber noch werden. 

Die einzige Existenzberechtigung

-„Er ist der Mörder von Frauen und Kindern“ ruft dieser Mann bei den Gedenkfeierlichkeiten am Todestag von Josef Stalin. Mitten auf dem Kreml wird er verehrt, als seien Millionen von Menschen während seiner Herrschaft nie gestorben.-

Dass Russland in seinen heutigen Grenzen noch existiert liegt nicht an der wohlwollenden Politik des Kreml, sondern an den brutalen Traditionen, die seit Jahrhundertn gepflegt werden. Die politische Lage ist aus russischer Perspektive nicht einfach und wird mit der Zeit an Brutalität zunehmen. Bei all dem darf die geopolitische Situation nicht außer Acht gelassen werden. Lange Friedenszeiten wie die aktuelle gab es auf dem europäischen Halbkontinent (mit Russland) in der Geschichte schon. Dass Russland sich zudem seit 1990 zurückgezogen hat, heißt im Falle Russlands eigentlich nur, dass dieses Land bald wieder zuschlägt.

Ein unabhängiges Polen ist der russischen Führungselite und Oligarchie immer ein Dorn im Auge gewesen. Zwischen diesen beiden Staaten gab es nie eine Zeit des Friedens oder der Zusammenarbeit. Und diese gibt es nun nicht, weil Herr Kaczynski eine starke antirussische Haltung hat. Die Beziehungen sind schlecht, weil zwischen Oder und Wolga nur zwei staatliche Zentren entstanden sind – Warschau und Moskau. Die Schwäche des einen Zentrums nutzte der Gegner immer aus.

Von 1667 bis 1989 war Polen das schwächere Glied und bekam es auch zu spüren. Aufatmen konnte Polen erst mit der Pieriestrojka. Russland zeigte Schwäche und das System brach zusammen. 1999 wurde Polen Mitglied der NATO und 2004 der Europäischen Union. Die russische Führung konnte nichts gegen diese sogenannten Ostvereinigungen unternehmen. Wer jedoch an das Ende der Geschichte des falschen Propheten Fukuyama geglaubt hat, der hat seine Geschichtshausaufgaben nicht gemacht. Denn diese Osterweiterungen mussten zu folgenschweren Konsequenzen führen. Verdeckte Militäroperationen, Annexionen, die gegen das internationale Recht verstoßen. Die Russische Föderation führt seit dem Angriff auf Georgien 2008 genau die Politik fort, die Ivan IV. der Schreckliche begonnen hat. Das Nahe Ausland darf nicht in den Einflußbereich der USA ode Europas gelagen, weil dieses nicht nur die Sicherheit Russlands, sondern auch der Welt gefährdet – so sehen es die russischen Politiker auf dem Kreml. Nur die Bezeichnungen der Staaten ändern sich.

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Auf dem Gebiet der großflächigen osteuropäischen Ebene ist es das Gebiet bis zur Weichsel, welches Russland unter seine Herrschaft bringen will. Zu diesem Nahen Ausland zählen Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Estland, Lettland, Moldawien und auch Polen. In einigen Fällen braucht Russland einen direkten Zugriff wie im Falle der Krim. In anderen Fällen reicht es, dass die Konkurrenten sich aus seiner – der russischen – Einflusssphäre zurückziehen und Russland das Feld überlassen.

Russland ist nicht Europa

Europa führt das Erbe der Griechen und Römer, vor allem die Philosophie und die Jurisprudenz, bis heute fort. Natürlich gab es Zeiten des Vergessens, aber auch immer wieder Epochen des Sich-Besinnens. Das ist es, was Europa in der Menschheitsgeschichte so besonders macht. Russland hat an der Menschheitswerdung in Europa nie teilgenommen. Die Renaissance hat die Menschen in diesen Ländereien nie erreicht.

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Ein Steuereintreiber der Goldenen Horde in einer russ. Stadt im 13. Jahrhundert

Der Grund dafür ist unter anderem der langjährigen Nähe der Goldene Horde (Tataren) in der Nähe Moskaus und der Blauen Horde in Mittelasien zu verdanken. Die mongolische Art der Unterdrückung, des Schreckens und brutalen Staatsführung hat sie glauben lassen, dass so Politik gemacht wird. Die russischen Fürstentümer entwickelten eine politische Strategie untermauert mit der ständigen Angst einer Invasion und einer höheren Toleranz gegenüber Tyrannei und Diktatur. Nur die Russen haben eine Gerichtsverhandlung a la Sovietique entwickeln können, bei welcher der Ankläger und Denunziant zugleich auch der Angeklagte ist. Die Opfer wurden soweit gebracht sich selber zu glauben. George Orwell hätte sein Buch 1984 ohne der Geschichte der Sowjetunion nie schreiben können. Im Falle der Nationalsozialisten gab es diese Art der Heuchelei nicht. Jene Barbaren haben nämlich alles, sogar ihre pathologische Krankheit, rechtlich legitimiert.

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Auch haben die Russen aus Sibirien ein Gefängnis der Nationen gemacht. In der polnischen Sprache ist der Sybirak ein Bewohner Sibiriens und zugleich ein Gefangener oder nach Sibirien Verbannter. Sogar die Kolonisierung erfolgte mit Feuer und Schwert.

Russland hätte Europa werden können

Polen hat ebenfalls ein Goldenes Zeitaltern in seiner Geschichte erleben dürfen. Das Sinnbild dieser Erfolgsgeschichte sind die freien Königswahlen in Warschau, das Leben von Nikolaus Kopernikus in Thron, Krakau und Allenstein, die Warschauer Konföderation von 1573, das Liberum Veto, die erfolgreichste Kavallerie der Neuzeit Hussaria, die erste europäische Verfassung Europas vom 3. Mai 1791 und die Tatsache, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für mehr als 70 Prozent aller Juden auf der Welt eben Polen die (vorübergehende) Heimat war – all das umschlungen vom polnischen-litauischen Commonwealth, eines multikulturellen Staates in der linken Herzkammer Europas.

Doch auch dieser Staat hat Schönheitsfehler. Einer davon ist der Angriffskrieg des Königreiches Polen unter König Sigismund III. Wasa gegen das Russische Zarentum im Jahre 1609. Nach einem Jahr marschierten polnischen Soldaten in Smolensk und vor allem in Moskau ein.

Damals hätte Russland jedoch an den europäischen Kulturstrom angeschlossen werden können, so wie Litauen mit seinen Gebieten bis zum Schwarzen Meer mit der Thronbesteigung von Wladyslaw Jogaila im 14. Jahrhundert Teil Europas wurde.

So freuten sich die russischen Bojaren schon, dass der König von Polen endlich das Verbot aufheben wollte, dass die Kinder der Adelsfamilien nicht nach Westeuropa reisen durften. Und der Westen begann mit der Übertretung der Grenze zum Königreich Polen.

Die Polen wurden 1612 aus Moskau vertrieben und Russlands unglücklicher Feldzug gegen die Menschheit nahm mit der Thronbesteigung des ersten Romanows seinen Lauf, welcher bis heute andauert.

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Die erste russische Universität wurde 1724 in St. Petersburg gegründet. Die Stadt auf dem blutigsten Fundament Europas war der klägliche Versuch Peters des Großen Russland und seine Bewohner endlich Europäer werden zu lassen. Doch die ganze Mühe verpuffte. Heute ist wieder Moskau das Epizentrum der russischen Macht, wie zu Zeiten Iwans des Schrecklichen. Von europäischen Werten und Traditionen ausgeschlossen.

Russland kann Europa werden

Russland kann noch Europa werden. Doch dafür müsste dieses Land eine Komplettsanierung vornehmen. Um zu Europa zu gehören, müsste Russland die imperialistisch-politische Kriegsführung aufgeben, die Geschichte aufarbeiten, Reuhe zeigen und endlich anfangen internationale Abmachungen einzuhalten. Doch alle Beteiligten wissen, was das heißen würde, abermals Schwäche zu zeigen.

Solange in dieser Hinsicht nichts unternommen wird, muss man sich vor dem Bären aus dem Osten zwar nicht fürchten, jedoch in Acht nehmen. Kein Satz, kein Gedanke und keine Handlung eines russischen Politikers kann als Schritt in Richtung einer russisch-europäischen Freundschaft gewertet werden. Denn so wie ein Priester die Sünden nicht vergibt, wenn der Verirrte seine Taten nicht bereut, so ist jedes Versprechen eines russischen Politikers so viel wert, wie die Demokratie in Russland.

Um den Beitrag positiv ausklingen zu lassen, hier ein Zitat von Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew

Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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Ditze

Hier habe ich doch etwas Bauchschmerzen bekommen, Bezüglich Ukraine und Krim. Spanien, Katalonien, Ukraine, Krim: Selbstbestimmungsrecht der Volker, Die große Demonstration in Spanien lief unter dem Motto: „Das Selbstbestimmungsrecht ist kein Verbrechen – Demokratie bedeutet zu entscheiden“ Ukraine: Krim, das war keine Annexion sondern eine Sezession. Das die westlichen Politiker das nicht akzeptieren wollen, das ist eben Politik. Da geht es nicht um die Wahrheit. Es fand ein Referendum statt auf der Krim, wo eine deutliche Mehrheit für Russland abgestimmt hat. Dann wird gesagt, es hat ein Illegales und somit ungültiges Referendum gegeben. Was ist illegal? Wenn Völker auf das… Weiterlesen »

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