SehenswürdigkeitenWolkenkratzer in Warschau

Der Wissenschafts- und Kulturpalast wird 65

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Der Wissenschafts- und Kulturpalast in Warschau ist das bekannteste Gebäude der Stadt und Wahrzeichen der Stadt, und das nicht nur wegen seiner gigantischen Ausmaße. Es ruft bei vielen Bewohnern der Stadt immer noch ein Gefühl des Unwohls hervor, und das trotz seiner mittlerweile 65 Jahre. Das Gebäude war ein Symbol eines vor allem für die menschliche Psyche destruktiven Systems; nach der „Verwestlichung (lies: Big-Benisierung) präsentiert es sich sehr stolz umgeben von zahlreichen anderen Wolkenkratzern mitten im „modernen“ kapitalistischen Warschau. 

Lokalisierung

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Kulturpalast in Blau von Jason Pitcher | CC BY-NC-ND 2.0

Die Adresse des Kulturpalastes lautet Plac Defilad 1. Umgeben ist das Gebäude samt der großflächigen Plätze und einem Park im Norden von den Straßen Aleje-Jerozolimskie, Marszalkowska, Swietokrzyska und Emilii-Plater. Die drei erstgenannten gehören zu den wichtigsten Verbindungswegen in der polnischen Hauptstadt. In nordöstlicher Ecke ist die Metrostation Swietokrzyska, im südosten ist die Station Centrum. Südwestlich vom Palast befindet sich der Zentralbahnhof, welcher unterirdisch mit der Einkaufsmall Goldene Terrassen (poln. Zlote Tarasy) verbunden ist. Am Nordeingang des Einkaufsparadises ragt das höchste Wohngebäude der EU in die Höhe: das Zlota-44 und nur einige hundert Meter weiter wird der Varso Tower, das höchste Gebäude in der EU (noch mit Großbritannien), gebaut Schaut man sich in der Gegen etwas um, erkennt man schnell, dass sich hier viele große und bekannte Hotelketten niedergelassen haben und dass an dieser Stelle zudem das Büro- und Geschäftsviertel beginnt. In unmittelabrer Nähe stehen das Mariott-Hotel im LIM-Centre (170 Meter), das Polonia-Palace oder das Novotel (110 Meter). Wenn Sie also Zimmer reservieren möchten, lohnt es sich nachzufragen, ob Sie einen schönen Ausblick auf den Kulturpalast haben können. Vor allem am Abend ist er unglaublich bunt, denn der Palast wird jeden Abend in einer anderen Farbe angestrahlt. Beachten Sie dabei jedoch auch, dass der Verkehr hier selten zum Stillstand kommt.

Zum Warschauer Königsweg Krakowskie-Przedmiescie und zur Gastronomiemeile Nowy-Swiat sind es vom Haupteingang des Palastes ca. 15 Minuten. Zur Altstadt benötigt man ca. 25 – 30 Minuten.

Der Haupteingang des Kulturpalastes befindet sich im Osten. Man erreicht ihn von der Marszalkowska-Straße aus.

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Der Kulturpalast ist links im Bild | City of Warsaw

Der Paradenplatz

Der Paradenplatz wurde – wie der Name schon sagte –  für die wichtigsten staatlichen Feierlichkeiten in der Voksrepublik Polen (1944-1989), vor allem am 1. Mai, genutzt. Den Bewohnern des Landes sollte vor Augen geführt werden, in welch herrschaftlichen Paradies sie leben. In Wahrheit waren es Brot und Spiele für das Volk. Irgendwie musste man die gesellschaftlichen und politischen Unebenheiten verdecken. Falls sich zudem jemand fragt, warum in Warschau so viel Platz ist, der möge bitte nicht vergessen, dass die Panzer auch zum Einsatz kommen sollten.

In der Mitte des Platzes wurde eine Ehrentribüne aus Stein aufgestellt, die man vom Haupteingang sehen kann. Geht man um diese Tribüne herum, eine „Etage“ tiefer (also dort, wo das Volk stand), kann man an der Wand den polnischen Adler in der „volksrepublikanischen“ Version, also ohne Krone, sehen.

Aktuell (Juli 2020) ist der Platz ein Auto- und Busparkplatz, versenkt in Beton und Asfalt, und vermittelt ein falsches Bild der Stadt. Steht man am Haupteingang und schaut auf den Platz, so sieht man nichts, was ansehnlich wäre. Auf der anderen Straßenseite (Marszalkowska) ist die sogenannte Ostwand, welche 1968 gebaut wurde. Eine Reihe von Geschäften und grauen Wohnblöcken. Das Bild ist falsch, weil es keinen Aufschwung vermittelt, der die Stadt vor allem seit 2012 begleitet. Die Wolkenkratzer befinden sich unsichtbar im Rücken und sehenswürdig ist sonst nur noch vielleicht ein alter Polski Fiat 126p.

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Wenn es an den Stadtverwaltungen der letzten 30 Jahre etwas zu kritisieren gibt, dann vor allem die apathische Untätigkeit hinsichtlich der visuellen Gestaltung dieses zentral gelegenen Platzes. Menschen, die oft nur eine oder zwei Stunden in der Stadt verweilen, fahren zum Kulturpalast und sind von der Imposanz auf der einen und von der architektonischen Hilflosigkeit auf der anderen Seite überrascht.

Doch das soll sich bald ändern!

Umbau des Paradenplatzes

Wie oben beschrieben, sieht es dort eher trist aus. Die Unordnung, welche durch den Parkplatz für Autos und Reisebusse entsteht, lässt dort keinen echten Platz erkennen. Die Bevölkerung hat nicht das Gefühl, dass diese Ecke Teil der öffentlichen Sphäre ist, und sieht hier mehr eine Abzweigung der parallel verlaufenden Marszalkowska-Straße. Seit 2017 wurden die ersten Umbaumaßnahmen vorgenommen. Der neue Bebauungsplan wird die weite Betonfläche endlich zum Platz für die Bewohner und Touristen werden lassen. Bisher war es ein Trainingsring für die Paukenschläger vom 13. Dezember 1981, Schießübungsplatz für die Armee von 1956 und Psychotherapiesitzung für die Parteigenossen an jedem 1. Mai.

Schon im Juli 2017 wurde ein internationaler Wettbewerb ins Leben gerufen. Die Teilnehmer sollten ein Projekt für einen Teil des Paradenplatzes entwerfen. Am 06. November 2017 hat die Stadt fünf Projekte ausgewählt, die ins Finale einziehen. Auch die Bewohner durften miteintscheiden. Die Finalisten waren

  • Entwurf Nr. 02: Antoni Domicz aus Oppeln (Opole)
  • Entwurf Nr. 12: Katarzyna Strzelecka-Paciorek, Jerzy Heymer, Jan Heymer und Paweł Paciorek aus Warschau
  • Entwurf Nr. 16: Jakub Figel und Filip Kurasz aus Danzig (Gdańsk)
  • Entwurf Nr. 23: Marta Dąbrowska und Anna Okoń aus Breslau (Wrocław)
  • Entwurf Nr. 38: Zygmunt Borawski, Srdjan Zlokap und Martin Marker Larsen aus Warschau und Basel (A-A Collective)

Zur  den Fotos der Projekte auf www.transport-publiczny.pl

Ende November 2018 wurde der Sieger bekannt gegeben: es war der Entwurf 38 von A-A Collective. Mittlerweile wird auf dem Platz eifrig gebaut. Es entstehen ein Theater und das Museum für moderne Kunst. Es wird einen großen Teich geben und vor allem: es wird endlich ein Platz in der Innenstadt geben, an welchem man sich treffen will und für welchen man sich als Warschauer nicht schämen muss.

Nach 60 Jahren wird er endlich Treffpunkt für Mensch und Tier und wird dem rechtmäßigen Eigentümer übergeben.

Mann zündest sich selbst an

Am 19. Oktober 2017 hat sich ein Mann aus Protest gegen die regierende Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) mit einer unbekannten Flüssigkeit begoßen und angezündet. Er verstarb am 30.10.2017.

Am Ort des Geschehens verteilte er einen Brief an die Partei PiS und erklärte dort seine Beweggründe.

Die deutsche Übersetzung des Briefes gibt es hier.

Stelle, wo die Tragödie stattfand (Südwand der Ehrentribüne)

Das (noch) höchste Gebäude Polens und Europas ewiger Zweiter

Der Kulturpalast wurde in nur drei Jahren fertiggestellt und am 21. Juli 1955 dem Volk zur Verfügung gestellt. Der Stil ähnelt sehr dem Empire-State Building in New York, doch ist das nicht so einfach. Als Unterart des Sozialistischen Realismus können Sie hier echten Sozialistischen Klassizismus bewundern. Merkmale sind unter anderem palastartige Bauformen, Säulen und gigantische Empfangshallen. Allgemein ist eine Herrschaftsarchitektur zu erkennen. Natürlich wollten die Sowjets nach dem gewonnenen Krieg ihre Machtposition nach außen präsentieren und zeigen, wer der Herr der Welt ist. Nach dem Tod Josef Stalins erfolgte eine Ent-Stalinisierung und somit auch eine Ent-Sozrealisierung der sowjetischen Architektur.

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Die Gesamthöhe betrug anfangs noch 230,68 Meter. 1994 wurde noch eine Antennenstütze installiert und seitdem hat das Gebäude 237 Meter. Damit ist der Kulturpalast bis heute das höchste Gebäude Polens. Leider fehlten 3 Meter um die Lomonosov-Universität in Moskau zu einzuholen und somit blieb der Kulturpalast der ewige zweite in Europa. Wäre ja auch gelacht, wenn die Polen ein größeres Gebäude hätten! Wäre Polen Mitglied der Europäischen Gemeinschaften gewesen, dann wäre dieses Gebäude bis 1990 immerhin das höchste Gebäude dieser edlen Organisation. Aber was nicht ist, kann ja noch werden – jetzt ist Großbritannien nicht mehr Mitglied der noch edleren Europäischen Union, also kann es auch mal passieren, dass ein Gebäude plötzlich aus der Statistik verschwindet. Im Januar 2017 wurde zudem Bekannt gegeben, dass ein viel höheres Projekt gestartet ist. Unweit des Kulturpalastes, auf der anderen Seite der Aleje Jana Pawla II wurden die Fundamente gelegt für das höchste Gebäude der Europäischen Union (hier sogar noch mit Großbritannien). Der Varso Tower wird am Ende 310 Meter hoch.

Architektur

Der verantwortliche Architekt war Lev Vladimirovitch Rudnev. Er hat auch die Lomonosov-Universität projektiert. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn die Bosse in Moskau bestimmt hätten, dass das Gebäude in Warschau nicht höher sein darf als die Universität in Moskau.

Lev Rudnev ist zunächst durch Polen gereist, um nationale Architekturmerkmale in den Kulturpalast zu integrieren. Daher kommt es, dass Sie auf den unteren Partien des Gebäudes Elemente der polnischen Attika wiedererkennen werden. Solche finden Sie auch auf dem Dach der Tuchhallen in Krakau. Auch Zamość und Lublin hat er mit diesem Ziel besucht und analysiert. Bemerkenswert ist, dass die Parteichefs solche individuellen Ideen zugelassen haben. Immerhin wollte der Bolschewismus nationales und ethnisches Gedankengut eliminieren.

Der untere Teil des Palastes besteht aus Sandstein, das obere Drittel hingegen wird von aufgesetzten Keramikplatten bedeckt.

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Kulturpalast aus westlicher Richtung

Die Big-Benisierung

Die Uhr im Turm wurde erst zum Millenium 2000 installiert. Es ist die zweitgrößte Uhr auf dem europäischen Kontinent und die zweithöchste dieser Art nach der Uhr auf dem DoCoMo-Tower.

Die Idee war sehr originell. Die Stadt wollte endlich das Joch des „kommunistischen Stils“ in der Innenstadt loswerden, und fand, dass eine Uhr viel dazu beitragen würde, dass man an das Empire State Building in New York oder – richtig – an den Big Ben in London denkt.

Das Projekt ist gelungen: in gewißer Weise kann man sagen, dass der Blick der Stadt von Ost nach West gedreht wurde. Man hätte den Kulturpalast auch in die Luft sprengen können. Hier hat die Politelite jedoch mal gute Arbeit geleistet. Soft power ist immer besser als brutale und destruktive hard power.

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„Stalins Rache“

stalinDas ist nur einer der Spitznamen, welche die Warschauer diesem damals sehr nützlichem Gebäude verpasst haben. Weitere waren „Stalinstachel“ oder „Stalins Torte“. Offiziell war es ein Geschenk der Sowjetunion an die Volksrepublik Polen. Wenn Sie sich Kriegsfotos anschauen, die die Ausmaße der Zerstörungen zeigen, dann werden Sie feststellen, dass es dort im Prinzip keine Stadt mehr gab. Von über 1 Million Einwohnern haben die Russen am 17. Januar 1945 nur noch knapp 15.000 Überlebende „befreit“. Die Warschauer wissen ganz genau, was es heisst heute in Aleppo zu sein oder gar dort leben zu müssen.

Es wäre also alles andere ein schönes Geschenk – außer eben dieser Koloss. Zu all dem Übel kommt hinzu. dass man von den wenigen erhaltenen Gebäude noch weitere zerstören musste, um Platz zu schaffen für Stalins Prachtbau. Stellen Sie sich vor wie es zwischen der Bevölkerung und dem Kommunismus gefunkt haben muss – über 900.000 Menschen hat die Stadt verloren, die ganze Industrie war weg, 80 Prozent der Wohnfläche zerstört, die Altstadt ist „verschwunden“ und die Herren der Welt bauen Ihnen einen Kulturpalast mit Büroräumen! Wenn Sie ein Packet nach Aleppo schicken und dort eine Playstation 4 reinstecken, dann wird man Ihnen sicherlich auch dankbar sein.

Funktion des Gebäudes

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Kongresshalle des Kulturpalastes

Natürlich ist der Kulturpalast ein Denkmal und einer der Top-Sehenswürdigkeiten in Warschau. Doch offiziell ist es ein Bürogebäude mit einer Nutzfläche von 123.000 m². Dadurch, dass die Fläche in kleinere Büroräume aufgeteilt ist, wählen nur kleine oder mittelgroße Firmen den Kulturpalast als Hauptsitz aus. Die Warteschlange ist lang und von den 3188 Räumen ist kaum etwas frei.

Im Gebäude befinden sich auch Kinos, Theater, Museen, ein Casino und ein Jugendzentrum.

Kongresshalle

Ein von den Kommunisten gern genutztes Ensemble ist die Kongresshalle, welche sich auf der Westseite befindet. Erkennen kann man sie am Rundbau. Hier fand 1967 das einzige Rock-n´-Roll-Konzert in der Volksrepublik statt. Die Rolling Stone haben auf die Parteifunktionäre einen solchen Eindruck gemacht, dass alle Rock-Konzerte verboten wurden. Als Erinnerung haben die Rolling Stone 2017 das zweite Konzert in Polen gespielt. Dieses Mal im Nationalstadion, aber mit der selben Gruppe.

Aussichtsplattform

Auf dem 30. Stockwerk in 114 Metern Höhe gibt es zusätzlich noch eine Aussichtsplattform. Von da aus, so sagt man im Warschauer Volksmund, haben Sie den schönsten Blick auf Warschau, weil Sie den Kulturpalast nicht sehen.

Basisdaten

WertInformation
AdressePlac Defilad 1 (Karte)
StadtbezirkInnenstadt (Srodmiescie) | Der Kulturpalast bildet die Mitte des Stadtbezirkes
Internetseitehttp://www.pkin.pl/eng (EN + PL)
Gesamthöhe237 m
Höhe bis zum Dach187 m
MaterialSand / Sandstein / Keramik
Stockwerke überirdisch43
Stockwerke unterirdisch2
HauptfunktionKultur, Wissenschaft, Büro
Gesamtfläche123.000 m2
Fertigstellung21.07.1955

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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