Geschichte Warschaus

Warschauer Aufstand 1944. Huldigung und Erinnerung.

warschauer-aufstand-1944

An jedem 1. August um 17 Uhr bleibt die Zeit in Warschau für eine Minute stehen. Die Stadt huldigt den Aufständischen des Warschauer Aufstandes 1944, den überlebenden, gefallenen und noch lebenden, sie trauert den sinnlos ermordeten Zivilisten der stolzen Hauptstadt nach und schaut voller Entsetzen und Nostalgie auf die Vorkriegsfotos. Warschau erlebte vor 75 Jahren das tragischste Ereignis in seiner Geschichte. Sogar die Zerstörung während der sogenannten „Schwedischen Sintflut“ war einfacher zu bewältigen. 

Am jenem August 1944 also begann der Warschauer Aufstand und dauerte 63 Tage. Damals begann für Warschau und seine Bevölkerung eine neue Zeitrechnung! 

Die Tragödie

Insgesamt dauerte der Aufstand 63 Tage! Nahezu 200 000 Zivilisten und 15 000 Aufständische verloren ihr Leben, die restlichen 600 000 Bewohner wurden gezwungen die Stadt zu räumen. Allein am vierten, fünften und sechsten Tag des Aufstandes wurden nahezu 50 000 Männer, Frauen und Kinder erschossen, ihre Leichen wurden verbrannt. Auf dem Friedhof der Aufständischen im Stadtteil Wola erinnert ein knapp zwei Meter hohes Grabmal an diese Gräueltat. Das Grabmal beherbergt 12 Tonnen Menschenasche. Auf Befehl Hitlers sprengte man die Stadt in die Luft, um sie zu bestrafen und ihr das zu nehmen, was noch übrig blieb: Würde und Stolz! Willkürlich, sinnlos, schamlos, mit voller Brutalität und Härte. Warschau hörte auf zu existieren.

Die Stadt musste sich geschlagen geben, sie ist gefallen und bleibt doch unbesiegt! Heute ist sie umso stärker.

Motiv und Sinnlosigkeit

Der Warschauer Aufstand von 1944 hatte aus militärischer Sicht das Ziel sich aus eigener Kraft nach fünfjähriger Demütigung von den deutschen Besatzern zu befreien. Zugleich wollte man der sowjetischen Armee zuvorkommen, um somit auch politisch Einfluss nehmen zu können auf die zukünftige Gestaltung Nachkriegspolens. Beide Ziele waren gerichtet gegen die im 20. Jahrhundert größten und zugleich brutalsten Armeen der Welt. Die Motive waren und sind auch heute noch nachvollziehbar. Die Sinnlosigkeit des Aufstandes darf dennoch diskutiert werden, zumindest in einigen Aspekten. Von den fünfzig Tausend Aufständischen hatten gerade mal zehn Prozent eine vollständige Ausrüstung. Die wenigsten hatten eine Waffe und Munition. Zudem lag der Jüdische Aufstand vom April und Mai 1943 nur ein Jahr zurück. Die Zerstörungswut der Besatzer nach Zerschlagung jenes Aufstandes hätte der militärischen Führungselite des polnischen Widerstandes zu denken geben können. Auch wusste man über die brutale Behandlung der Mitglieder des polnischen Untergrundstaates in Vilnius, Augustow und anderen Städten, nachdem die rote Walze vorbeigerollt ist. Der Aufstand durfte also nicht verloren gehen. Man beginnt keine militärischen Aktionen, wenn man sich seiner nicht sicher ist und vor allem, wenn man die Zivilbevölkerung nicht beschützen kann.

Lesen Sie auch:
Willy-Brandt-Kniefall in Warschau. Wer weiß was?

Doch es sind nie die Soldaten, die sich darüber den Kopf zerschlagen sollen. Die Kritik trifft vor allem die Führungselite. Es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir in der Lage sein werden ein objektives Bild unserer eigenen Tragödie darzustellen. Aber wir müssen darüber reden lernen.

Und noch einmal: nicht die Soldaten sind das Thema. Ihnen gebürt volle Ehrerbietung! Ein Soldat kämpft und führt die Befehle aus. Bei einem General sieht die Sache dahingehend ganz anders aus.

am 28.08.1944 wurde das Prudential-Gebäude von einer 2-Tonnen-Bombe vom Mörser Karl getroffen. Heute ist hier das Hotel Warszawa.

Eine Stadt, zwei Aufstände

Wenn man schon einen Aufstand kennt, der in Warschau stattfand, dann ist es meistens der Jüdische Aufstand von 1943. Hier war die Motivation eine ganz andere. Vor allem war hier keine Politik im Spiel. Die Juden, die nach der Aktion Reinhard (Endlösung der Judenfrage) im Ghetto geblieben sind oder bleiben durften, wollten würdevoll mit einer Waffe in der Hand sterben. Um mehr ging es nicht, auch wenn die Sache hier nicht so eindeutig scheint. Nichtsdestotrotz ging es um sehr viel!

Lesen Sie auch:
Die ersten Juden in Warschau bis 1527

Ehre und Ruhm den Helden

Gleich ist es 17 Uhr. Man spürt wie die Luft in Warschau immer dichter wird, als ob wir alle tatsächlich auf den ersten Schuss warten würden. Die größte Menschenansammlung findet auf dem Rondo Dmowskiego im Zentrum Warschaus, direkt neben dem Kulturpalast statt. Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen begeben sich auf die Straßen und rufen „Czesc i chwala bohaterom“ (dt.; Ehre und Ruhm den Helden).

Warschau schaut in die Zukunft. Man merkt es schnell, wenn man hier ist. Doch ohne Erinnerung an den Aufstand von 1944 ist die Stadt nicht zu verstehen, weder heute und sicherlich nicht morgen.

Gleich sind wir alle auf dem Rondo Dmowskiego, vereint; es ist ein Tag, an welchem die politische Zugehörigkeit keine Rolle spielt. Wir werden in Gedanken alle das Jahr 1944 aufrufen, weinen, die geballten Fäuste in die Höhe strecken und gemeinsam „Czesc i chwala Bohaterom“ rufen.

Buchempfehlung für deutschsprachige Leser

Es gibt ein deutschsprachiges Buch über den Warschauer Aufstand, welches ich allen, die sich genauer mit diesem Thema befassen wollen, ans Herz legen kann. Das Buch wird sogar von polnischen Historikern empfohlen. Obwohl es 1962 erschienen ist, wurde es erst 2017 ins Polnische übersetzt. Kritik erfährt der Autor nur dahingehend, dass er die Wehrmacht in ein zu helles Licht stellt. Aber das war – wie gesagt – noch 1962.

Lesen Sie auch:
Der Papstbesuch in Warschau 1979. Die Geburt der Solidarność

Es ist ein Buch – wie es auch auf der Titelseite des Buches steht – aus deutscher Perspektive.

Seit 1962 wurde keine weitere ausführliche Ausarbeitung von einem deutschen Historiker über den Aufstand geschrieben. Es daher nicht verwunderlich, dass der Aufstand von 1944 in Deutschland so gut wie gar nicht bekannt ist. Dabei ist es der größte zivile Aufstand und zugleich das größte Massaker an einer zivilen Bevölkerung während des 2. Weltkrieges gewesen.

Dieses Buch behandelt zwar nur ein relativ kleines Thema, hilft jedoch ungemein die Polen und vor allem die Warschauer zu verstehen.


Beitragsbild: Adrian Grycuk via wikimedia | CC BY-SA 3.0

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
Folgen Sie mir:
×
Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
Letzten Beiträge
  • parlamentswahlen-polen
  • revolte-gege-patriarchat
  • warschauer-altstadt
  • revolte-gege-patriarchat

Kommentare(2)

  1. Die Buchempfehlung
    Der Warschauer Aufstand von 1944.
    Bernard & Graefe, Verlag für Wehrwesen, Frankfurt am Main 1962. (Nachdruck: Ars Una, Neuried 2000, ISBN 3-89391-931-7)
    kann ich nur bestätigen. Leider gibt es keine Neuauflage. Das ist ein Verlust, denn dieses Buch ist kaum zu verbessern.

  2. Es fehlen die Worte,unbegreiflich!

Kommentare

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Share via
Send this to a friend