Feuilleton

Skurrile Fragen deutscher Touristen | Warschau

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Schon seit einigen Jahren gehören die Deutschen zur Top-3 der zahlenmäßig größten Touristengruppen, die sich auf den Weg nach Warschau machen. 2018 waren es etwas mehr als 3 Millionen Auslandstouristen. Davon kamen 237 000 (7,9 Prozent) aus Deutschland. Auf Platz eins liegt Großbritannien mit 385 000 (12,8 Prozent) und auf Platz zwei die USA mit 278 000 (9,3 Prozent) Gästen. Einige wenige begleite ich auf der Entdeckungsreise. Und mitunter tauchen sehr skurrile Fragen auf, die einen schmunzeln, aber auch erstarren lassen. 

Schön, dass es Sie gibt!

Von den 237 000 Gästen aus Deutschland zeige ich knapp 6 000 meine Wahlheimat, was 2,5 Prozent aller Besucher ausmacht. Bei dieser hohen Anzahl an Wegbegleitern gibt es viele Fragen, Anregungen und Kommentare, die ich als Stadtführer zu hören bekomme. 99 Prozent aller dieser Aussagen helfen mir die Gedankengänge meiner Zuhörer zu verstehen, auf die Wünsche einzugehen und vor allem in mühseliger Nacharbeitung in Warschaus Bibliotheken und Archiven weiter zu forschen. Nur so kann ich jeder weiteren Gruppe das bieten, wofür sie gekommen sind. Informationen!

Dieses eine Prozent…

Doch es gibt auch dieses eine Prozent. Und das hat es zum Teil in sich. Es tauchen Fragen auf, bei denen ich nur so tun kann, als ob ich urplötzlich die deutsche Sprache vergessen habe. Mir werden Vorwürfe gemacht, die mich zwar nicht aus der Fassung bringen, welche ich jedoch im Anschluß doch mit einer sarkastischen Bemerkung kommentieren muss. Und schließlich gibt es auch Bitten bestimmte „Fakten“ dringend und notwendig zu erwähnen, die zusammen mit den Argumenten der Flachweltler im sichersten Gefängnis der Welt eingesperrt werden sollten.

Aktuell befinde ich mich in einer touristischen Winterpause und blicke nostalgisch zurück auf die Saison 2018. Es war ein wundervolles Jahr voller neuer Erkenntnisse und wertvoller Erfahrungen. Heute gingen mir skurrile Aussagen deutscher oder genauer deutschsprachiger Touristen durch den Kopf, die ich nachfolgend vorstellen möchte.

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Haben Wehrmachtssoldaten den Kulturpalast aufgebaut?

Der Wissenschafts- und Kulturpalast ist bis dato das höchste Gebäude in Polen. Es wird 1955 fertiggestellt und soll mit seinen 237 Metern die Dominanz der Sowjetunion in den Satellitenstaaten zeigen. Der Bau begann 1952, noch zu Lebzeiten von Josef Stalin, auf dessen Initiative der Klotz aus Sandstein errichtet wurde. Wie hier historisch die Wehrmachtssoldaten untergebracht werden sollten, ist mir schleierhaft. Aber ich muss sagen, dass mich diese Frage doch zum schmunzeln gebracht hatte. Um den Schief(gedanken)gang wieder gerade zu biegen: den Kulturpalast haben polnische wie sowjetische Bauarbeiter errichtet. Sowjetisch heißt nicht nur russisch, sondern auch ukrainisch, weißrussich oder auch kasachisch.

Nebenbei: hinter dem Kulturpalast wird ein Wolkenkratzer gebaut, der viel höher sein wird. Der Varso Tower erreicht nächstes Jahr 310 Meter und wird so zum höchsten Gebäude Polens und der Europäischen Union.

Hat die Europäische Union die Rekonstruktion der Altstadt finanziert?

Auf einer Tour durch die Altstadt wurde ich von einem aufdringlichen Gast mehrere Male „gebeten“ zu erwähnen, dass die Europäische Union die Rekonstruktion der Warschauer Altstadt finanziert hatte. Wohlgemerkt: ich hatte vorab schon erläutert, dass die Altstadt schon 1953 eröffnet wurde. Nachdem ich der Person erläuterte, dass es die EU damals noch nicht gab, bekam ich nur zu hören, dass ich mich in großem Irrtum befände. Die EU gab es, aber sie hieß damals anders. Wie genau sie hieß, das erfuhr ich nicht mehr.

Wo sind all die Türken hin?

An jenem sommerlichen Tag waren nicht viele Menschen im königlichen Lazienki-Park. Während ich auf die Gruppe wartete, sodass alle in Ruhe wunderschöne Fotos knippsen konnten, kam ein Gast auf mich zu und fragte: „Wo sind eigentlich all die Türken hin?“ Sie können sich mein Staunen sicherlich vorstellen. In diesem Staunen fing ich sogar an meine türkischen Freunde aus dem Ruhrpott zu vermissen. Doch ich besann mich und fragte, welche Türken sie denn meinte? Nun war sie erstaunt über meine Gegenfrage und ergänzte „Na die Türken, die müssen doch auch hier sein. Sind die nicht überall?“ Dieses Gespräch wollte ich nicht weiterführen und war sehr erleichtert, als der Reiseleiter zum Aufbruch rief und ich die Person entschuldigen musste, aber „leider“ müssen wir hier das Gespräch beenden.

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Wer hat denn nun die Stadt zerstört?

Eine Stadtführung durch Warschau ist thematisch nicht immer einfach. Man kann die Stadt nicht ohne der Erwähnung des Warschauer Aufstandes und des Aufstandes im Jüdischen Ghetto verstehen. Dahingehend habe ich sehr viel Glück Deutschland und Polen in einer Person zu vereinen, da mir so die Möglichkeit gegeben wurde, in einer meiner Muttersprachen, auf Deutsch, in meiner Heimat, Warschau, ein sehr schwieriges Thema aufzuzeigen und zum besseren Verständnis beizutragen.

Doch eines Tages musste ich nach einer dreistündigen Führung feststellen, dass ein Gast nicht wusste, wer die Stadt denn nun zerstört hatte… Hatte ich womöglich die ganze Zeit auf Polnisch gesprochen?

Warum haben die Polen eine Mauer um das Ghetto gebaut?

Warschau beherbergte 1939 eine der größten jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt. Nahezu ein drittel der Bevölkerung waren Juden, in Polen meistens polnische Staatsbürger jüdischer Nation. Den 2. Weltkrieg haben von den 350 000 in Warschau lebenden Juden lediglich fünf bis zehn Tausend überlebt.

Nachdem ich den Bau und Verlauf der 16 Kilometer langen Ghettomauer erläuterte, kam die erwähnte Frage, warum denn die Polen sich von den Juden auf diese Weise abgegrenzt hatten. Fehlte nur noch der Zusatz, wovon die Juden den Bau der Ghettomauer finanziert hatten.

Gibt es auf dem Land auch Internet?

Hier bleibt nicht viel zu sagen. Es gibt hier Internet, ziemlich viel und ziemlich schnell. In der U-Bahn, zu Hause, im Zug, im Auto, auf den Bäumen, in den Wäldern und sogar in Krakau.

Lediglich bei der Grenzüberschreitung gibt es leichte Schwierigkeiten…

Dürfen Sie das überhaupt so laut sagen?

Vor dem Präsidentenpalast angekommen, äußerte ich meine Meinung über den Präsidenten und die polnische Regierung. Überhaupt bin ich interessiert am politischen Geschehen in meinem Land. Also floß meine Rede im kritischen Ton dahin. Das bedeutete natürlich nicht, dass die Opposition und die Opposition der Opposition und alles und jeder, der kritikwürdig ist, nicht auch kritisiert werden kann und wurde. Einige Gäste haben das Gefühl, man dürfe in Polen in der Öffentlichkeit nicht alles sagen. Doch da kann ich Sie beruhigen. Nicht nur dürfen wir hier alles sagen. Ich behaupte sogar, dass wir hier viel zu viel sagen dürfen.

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Zitat Anfang „Die Kommunisten haben die Juden mit christlicher Liebe umgeben“ Zitat Ende

Das ist mit Abstand der skurrilste Satz in meiner ganzen Karriere. Ein Gast wollte, dass ich zugebe, dass es die Kommnisten waren, die die Juden gerettet, aufgenommen und ihnen ein neues Zuhause geschaffen haben.

Warum gibt es hier so viele Autos?

Diese Stelle übergebe ich gerne weiter. Was würden Sie antworten?

Sie scheinen mir ein Agent der Russen zu sein!

Es gibt mittlerweile auch Verschwörungstheorien über meine Identität. Warum ich ein russischer Agent sein sollte, nachdem ich erzählte, wie ein russischer Zar vor dem polnischen König niederknieen musste, ist mir ein Rätsel. Stellen Sie sich vor: Sie gehen nichtsahnend vor sich hin und plötzlich flüstert Ihnen jemand ins Ohr „Sie sind ein elender russischer Agent“.

Auf Twitter wurde ich schon beschimpft von Zeitschriften wie „Die Zeit“ oder „Spiegel“ finanziert zu sein. Jemand warf auch Hitlers Mein Kampf mit meinem Mein Warschau in einen Topf. Da scheint eine Russland-Paranoia bei weitem nicht so schlimm.

Eines möchte ich hier erwähnen: wenn man Putins Politik nicht befürwortet, heißt das nichts anderes, als dass man Putins Politik nicht befürwortet! Wenn man Jaroslaw Kaczynski nicht mag, weil er Menschen wie mich aus der Gesellschaft ausschließt, dann heißt das doch nicht automatisch, dass man die ganze Partei herabwürdigt. Eine politische Meinung zu haben ist eine Pflicht, der ich nachgehe, sei es als russischer Agent oder mit Reichsmark finanziert.


Beitragsbild: © hans-juergen via flickr 

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Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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Kommentare(1)

  1. Auf solche Deppen mit solchen Frage ich würde gerne verzichten. Aber leider man kann nicht die Touris nach IQ auswählen. Nach dem, als Sie die blöde Fragen beantwortet haben bin ich fest davon überzeugt, dass die weiterhin feste Meinungen zum Thema Polen haben. Es sind einfach Spießer, die generell nicht viel wissen. Schuld daran haben die deutsche Medien, wo Polen weiterhin nicht salonfähig ist und in den Köpfen sind immer noch Überreste von Hitler-Propaganda aus den Jahren 1936-1939. Grü0e Dziwetzki

Kommentare

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