Feuilleton

Wo man in Warschau Patriotismus kaufen kann

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Flagge Polens. Im Hintergrund das Königsschloss in Warschau © MeinWarschau [CC BY-SA 2.0]

Am 8. April 2017 wurde in einer riesigen Einkaufsmall in Warschau ein patriotisches Geschäft eröffnet. Klingt auf Anhieb nicht außergewöhnlich. Wenn man jedoch auf „polnisch“ darüber nachdenkt, umso mehr Zweifel kommen einem auf. Darin steckt eine Art Folgewidrigkeit, wenn man „Polen zuerst“ zum Lebensmotto erkoren hat. Ich will Dir, lieber Leser, die Widersprüchlichkeit erklären. Und bei Gelegenheit lernst Du uns besser kennen.

Hier zunächst die Fakten:

In der Einkaufsmall Wola Park im Warschauer Stadtteil Wola hat die Firma Surge Polonia ein Kleidergeschäft eröffnet. Thematisch will die sie mit patriotischer Symbolik verbunden mit modernem Design Kunden anlocken. Die Projekte entstehen in den Köpfen junger polnischer Künstler, die die Kleidung in drei Themenbereiche aufteilen: Armee, Classic, Sport und Schick, das letztere gemeinsam. Inspiriert durch polnische Geschichte und nationale Staatssymbole erfüllen die Kleider auch die patriotische Voraussetzung der Produktionsstätte, welche sich ebenfalls in Polen befindet. Schließlich ist Made in Poland der kleine Bruder von Polen zuerst und der zweite Sohn des Patriotismus.

Alles ist polnisch, patriotisch-polnisch, Made in Poland – wäre da nur nicht die oben erwähnte Einkaufsmall Wola Park.

Einkaufsmalls in Warschau

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Blick von der Skybar im Mariott-Hotel in Warschau © MeinWarschau [CC BY-SA 2.0]

Warschau quillt über vor lauter Einkaufsmalls. Diese Mini-Städte, in welchen um jeden Käufer gekämpft wird, der ahnungslose Konsument vom heranschleichenden Verkaufsanimator beobachtet wird wie das Reh vom hungrigen Tiger, wo ruhigen Charakteren vor Wahnsinn die Streßadern in den Kopf stoßen und Asketen ihre spartanische Lebensphilosophie an den Nagel hängen und oftmals in einen nie dagewesenen Kaufrausch fallen, haben in Warschau „noch“ grüne Fahrt. Die Zentren entstehen hier nicht auf der Grünen Wiese, sondern wörtlich Mitten in der Stadt. Die Goldenen Terrasen (poln. Zlote Tarasy), welche mittiger schon gar nicht mehr liegen können, sind unterirdisch mit dem Warschauer Zentralbahnhof verbunden und nur 300 Meter weiter steht auch schon der Kulturpalast (237m). Die gesamte Anlage verfügt über 225 000 Quadratmeter Nutzfläche, wovon auf ca. 64 000 Quadramtern rund 200 Geschäfte Platz gefunden haben. Übrigens – hier wurde 2007 der erste Burger King in Polen eröffnet.* Berühmt und vielfach ausgezeichnet wurde das Projekt vor allem wegen der wellenartigen Dachbedeckung.

* 1992 gab es schon einen Versuch einer Marktetablierung, der jedoch gescheitert ist. 2001 zog sich Burger King aus dem polnischen Markt zurück. 

Nur ca. 3,6 Kilometer Luftlinie weiter steht ein weiterer Koloss – die Arkadia Einkaufsmall. Mit 110 000 Quadratmetern Einkaufsfläche ist es das größte Einkaufszentrum Polens und zugleich eines der Größten in Osteuropa.

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Zum Vergleich: Bei dem Attentat im Münchner Stadtteil Moosach im Juli 2016 wurde viel über das betroffene Olympia-Einkaufszentrum berichtet und man überlegte zudem, ob die Einkaufszentren in Deutschland generell nicht viel zu groß seien und somit unnötiges Gefahrenpotential schufen. Das genannte Zentrum hat eine Mietfläche von 40 000 Quadratmetern und ist bis heute das größte Einkaufszentrum Bayerns. (Siehe dazu: www.manager-magazin.de) In Warschau würde es die Einkaufsgalerie nicht in die Top-15 schaffen.

Wenn man eine Top-10-Liste der Warschauer Malls sortiert nach dem GLA (gross leasable area – Erklärung) zusammenstellt, entsteht folgendes Ranking (Quelle: www.propertynews.com):

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Zählt man alles zusammen, sind es 709 700 Quadratmeter purer Einkaufswahnsinn ! Man bedenke dabei, dass das „nur“ die Top-10 ist.

Eines haben diese Einkaufsmall jedoch gemein – sie alle unterstehen ausländischem Kapital. Diese Tatsache ist wichtig, sonst macht diese relativ lange Einleitung natürlich keinen Sinn.

Auf diesem Stadtplan kann man sehen, wo die Malls liegen

Polnischer Patriotismus

Kommen wir nun zum spannenderen Unterpunkt. Der polnische Patriotismus ist etwas, womit sich kaum jemand in Polen auseinandersetzen will. Auch ich werde mich hier etwas zurückhalten. Vielleicht waren Sie schon mal in Polen oder Warschau und haben gemerkt, dass die Einstellung der Polen zu ihrer eigenen Geschichte, sinnloser Aufopferung, politischer Ehrlichkeit und Naivität im Hinblick auf Ehre, Stolz und Polnischem Katholizismus eine Mischung ergeben, die nur die Polen verstehen und vor allem leben können. So wie die polnische Variante der europäischen Renaissance den polnischen Sarmaten geschaffen hat, so hat die polnische Variante der europäischen Nationalismen in Europa einen Patrioten geschaffen, den es so kein zweites Mal gibt. Der polnische Patriotismus ist wie eine unbändige Ladung Dynamit. Ein kleiner Funken Provokation und schon gibt es eine Explosion.

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Warschauer Anker – Symbol des Warschauer Aufstandes von 1944
© MeinWarschau [CC BY-SA]

Was heißt das konkret? Das heißt, dass man als Fremder in Polen genau zuhören muss. Ein Bauunternehmer wird in Warschau nicht einfach drauf losbauen. Was nämlich für den Investor eine alte Holzhütte aus dem 19. Jahrhundert ist, kann für den Warschauer ein Ort von hoher Wichtigkeit sein, weil dort z. B. ein Hauptquartier eines polnischen Generals aus der Zeit des Januaraufstandes ist. Man sollte als Politiker nicht nach Warschau reisen und den Warschauer Aufstand unerwähnt lassen, denn würde es so bewertet, dass er/sie diesem Ereignis nicht die nötige Ehrerbietung erweist. Dazu kommt noch der Aspekt des polnischen Imperialismus und der damit zusammenhängende Widerspruch zu den Polen als die ewigen Opfer der europäischen Geschichte. So kompliziert die Analyse der wirklich wichtigen Dinge ist, so ist es auch die Beziehung  der Einkaufsmalls zu diesem patriotischen Laden.

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Der Gedanke

Die Polen mögen die Malls nicht, sofern es um Herzensangelegenheiten geht. Die Malls zerstören nämlich angeblich die kleinen Tante-Emma-Läden auf dem Land und auch in den Städten. Dazu kann ich hier nicht viel sagen, denn liegen mir dazu keine Zahlen vor. Doch für den Polen (weniger für den Warschauer, allerdings kommt diese Meinung auch hier des öfteren vor) ist so eine riesige Mall das Symbol des Sich-Breit-Machens ausländischen – lies: fremden – Kapitals. Einige sehen darin sogar die Verblendung und indirekte Plünderung polnischer Familien durch die jüdisch-masonische NWO – als ob die nichts anderes zu tun hätten außer Eikaufszentren in Warschau zu bauen, um mit diesen die Gesellschaft zu spalten und auszurauben. Ganz abgesehen davon, dass diese Welt-Herren sehr wahrscheinlich auf dem Mond leben.

Und dann lese ich, dass in der drittgrössten Einkaufsmall ein Geschäft eröffnet wird, welches patriotische Kleidungsartikel verkauft. Wäre es nicht patriotischer dieses Geschäft in einem Gebäude zu eröffnen, welches in polnischer Hand ist? Vielleicht wäre es sogar besser sich gleich auf einen Basar einen Stand zuzulegen? Dann bliebe auch der Umsatz dritter Firmen in Polen, oder ist das nicht mehr so relevant? Der Widerspruch ist klar erkennbar.

Ein weiterer Gedanke

Der polnische Patriotismus ist nicht einfach handzuhaben. Er ist – zumindest für mich – ein unfassbar heikles und komplexes Thema und zugleich die Quelle dessen, was ich „Mein Leben in meinem Warschau“ nenne. Er erfordert jedoch einer gewißen Kolorierung des etwas veralteten schwarz-weiß-Patriotismus aus dem 19. und 20. Jahrhunderts.  Wir Polen sind nun seit 27 Jahren ein unabhängiger Staat, doch haben wir uns über viele Sachen noch keine Gedanken gemacht. Vieles hat eine ungeordnete Beziehung zur Umwelt. Was wir benötigen ist eine Verifizierung unserer alten Definitionen, welche in jenen Momenten nötig waren, um gegen menschenverachtende Systeme zu kämpfen, einen allgemeingültigen Patriotismus für alle Polen zu schaffen und uns „wieder“ in der europäischen Gesellschaft zu etablieren. Dank dieser ehrenvollen, doch in einem freien Polen nutzlosen, Gedankenguts, können solche Menschen wie Jaroslaw Kaczynski sich das aus der Luft gegriffene Recht nehmen und entscheiden, wer Pole ist und wer nicht.

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Der letzte Gedanke

Ob sich jemand in Warschau ebenfalls Gedanken über die Lokalisierung des polnischen patriotischen Geschäfts Gedanken gemacht hat? Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich tendiere eher zum Nein.

polen-imperiumFragt sich natürlich, wie man mit dieser Tatsache umgehen sollte. Vor allem sollte man sich als echter polnischer Patriot (einfach mal Herrn Kaczynski fragen, wer das ist) an die gesamte polnische Geschichte zurückerinnern. Die Vielfalt der polnischen Gesellschaft war immer die Stärke der Polnischen Krone. Im 16. Jahrhundert gab es Momente, in denen mehr als die Hälfte des Polnischen Sejm Nicht-Katholiken waren, in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren weniger als 50% der Polen katholisch, 1939 lebten in Polen über 3 Millionen Juden (heute haben 70% der Juden Weltweit polnische Wurzeln) und 35% der Bevölkerung gehörten ethnischen Minderheiten an und 1610 hatte das Königreich Polen eine Fläche von über 1 Million Quadratkilometern und gehörte zu den mächtigsten und „wohlhabendsten“ Königreichen in Europa. Gebietserweiterungen wurden in den meisten Fällen mit Verträgen und nicht mit Angriffskriegen errungen, was die Mitgliedschaft im Polnisch-Litauischen Commonwealth so attraktiv machte. Toleranz war nämlich das, was die Vielfalt innerhalb der polnischen Machtsphäre zusammenhielt. Nun dürfen wir davon nicht ablassen und auch einen patriotischen Markenladen in einer Einkaufsmall, welche sich in fremder Hand befindet, zulassen. Das verlangen von uns Polen die Traditionen und das gesamt Erbe.

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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