Feuilleton

Polen ist weiter weg, als ich dachte

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Vor ein paar Tagen habe ich die zweite Folge meines Podcasts „Zwischen Herz und Herz“ veröffentlicht. Die erste Folge war nur eine Begrüßung und Erklärung der ganzen Idee dessen, was kommen sollte, eine Runde zum warm werden. Die zweite ging mehr ins Detail und handelte über die relativ schwierigen Verhältnisse in der regierenden Koalition. Ich dachte, dass die Deutschen details interessieren würden, schließlich sind wir Nachbarn? Mein Herz liebt dieses Land und wollte (will) es den dem deutschsprachigem Raum näher bringen (schließlich ist Deutsch auch meine Muttersprache). Mein Hirn wollte (will) dem Herz behilflich sein und hat sich gedacht, dass es den inhaltlichen Teil übernimmt. Das Resultat: erschreckend und tragikomisch. Die Kommentare meiner Leser und Zuhörer ließen mich anfangs ein wenig an der Idee des Podcasts und Blogs zweifeln, aber je mehr Kommentare ich las, desto klarer wurde die Nachricht.

Mehr Herz, weniger Hirn

In das Projekt muss mehr Herz einfließen und das Hirn muss einen Gang runterschalten. Ich möchte das etwas verdeutlichen: als lizenzierter Stadtführer habe ich in der Saison 2019 über 7000 deutschen Gästen die Stadt Warschau gezeigt und ohne überheblich wirken zu wollen, schienen den meisten die Führungen gefallen zu haben. Aufgrund meiner Berufserfahrung und der Beobachtungen anderer Stadtführer bin ich der Meinung, dass es wichtig ist, den Wissensstand der Gruppe als Maßstab zu nehmen für das, was ich sagen will, und nicht als lebendes Wikipedia-Medium das Wissen runterrattern. Mein Ziel war es, dass die Gäste zumindest zwei oder vielleicht sogar drei Schlagwörter nach Hause nehmen und aus Eigeninteresse nachschlagen. Warschau, meine Wahlheimat, würde somit Eingang finden in die Herzen und Hirne anderer Menschen.

Der Wissensstand

Und wie kann man den Wissensstand der Deutschen über Polen und Warschau beschreiben? Über Polen wissen sie nahezu nichts, über Warschau nichts. Würde diesen Text mein Äquivalent in London, Madrid oder Rom schreiben, wäre die Schlussfolgerung identisch. Dabei will ich das gar nicht als Kritik sehen, sondern vielmehr als Chance. Mir ist nach langer Zeit klar geworden, dass die Welt des Internets nicht anders ist, als auf meinen Stadtführungen, und vielleicht sogar noch extremer, denn wenn die Deutschen erstmal zu Hause sind, konkurriert Polen mit nahezu 200 weiteren Staaten dieser Erde. Polen ist viel weiter weg, als ich ursprünglich gedacht hatte. Ein Feedback über die oben erwähnte Folge (ich hatte selber darum gebeten) lautete „Polen ist uninteressant. Für viele sowas wie Litauen oder Andorra. Und dazu glauben noch einige, Polen hätte was mit Russland zu tun“. Natürlich ist es etwas überzogen, aber dennoch ist da was wahres dran. Und ich war so naiv zu glauben, dass ich mit einer Folge über Herrn Kaczynski, Herrn Ziobro und die verzwickten Verhältnisse in der polnischen Parteienwelt etwas bewirken kann. Ich werde von diesen Themen nicht ablassen, aber sie haben auf einem Blog oder Podcast über Polen schlichtweg nichts verloren. 

Der unsichtbare Vorhang

Mir stellt sich dahingehen die Frage, wie es sein kann, dass die Oder nicht nur eine sichtbare Grenze zwischen zwei Ländern ist, sondern auch ein unsichtbarer Wall zwischen Ost- und Westeuropa. Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung Europas sind wir in den Köpfen weiterhin geteilt. Da bringt niemanden ein Podcast über die Themen, die eigentlich für Polen vorgesehen sind. Doch die Frage nach dem Warum bringt uns alle nicht vorwärts. Es ist, wie es ist. Und wer könnte es nicht besser verstehen, als die Deutschen selbst, die ebenfalls einen unsichtbaren Vorhang überwingen müssen. Schließlich ist Wessi und Ossi keine schöne Bezeichnung für die jeweils anderen Mitbürger. 

Wenn ich mich an dieser geistigen Wiedervereinigung zwischen Ost- und Westeuropa beteiligen möchte, wird es Zeit, dass ich meinen Lesern und Zuhörer die grundlegenden Informationen übermittle und wer weiß, ob ich dann in ein paar Jahren (ohder Jahrzehnten) auf meinen Führungen ins Detail gehen kann. Wisst Ihr, welche Beiträge die meistgelesenen sind? Der Top-Beitrag ist „Zebrastreifen in Polen“ und die Nummer zwei „Lebenshaltungskosten in Warschau“. Manchmal ist weniger einfach mehr. 

Selbstverständlich lade ich alle ein am Projekt eines gemeinsamen Europa teilzunehmen. Das haben wir jetzt alle bitter nötig und vor allem Polen hat Europa nötig (mehr denn je). Das könnt Ihr mir glauben, ohne ins Detail gehen zu müssen. 

 

Antoni Administrator
Gründer von MeinWarschau
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur
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