Konkrete Menschen

Nikolaus Kopernikus – Unser und (oder) Euer?

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Am 19. Februar 1473 wurde in Thorn (Toruń) Nikolaus Kopernikus, wie er westlich der Oder genannt wird, geboren. Östlich der Oder heißt er Mikołaj Kopernik. Er hat – wie auf dem Sockel seines Denkmals geschrieben steht – die Erde bewegt, die Sonne und den Himmel zum halten gebracht (Originalaufschrift: Terrae motor, Solis Caelique stator). Für die deutsch-polnischen Beziehungen ist er manchmal ein Dorn im Auge, dabei hat er sich womöglich nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wer er – im Hinblick auf seine „nationale Herkunft“ – tatsächlich ist, vor allem nicht in einer damals so multikulturellen Gegend wie dem Gebiet zwischen Oder und Dnjepr.

Geburtsort: Thorn / Toruń

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Thorn beim Sonnenuntergang von Lestat via Wikimedia [CC BY-SA 3.0]

Thorn ist in erster Linie für seine mittelatlterliche Altstadt bekannt. Diese sieht nämlich (fast) genauso aus wie zu Zeiten unseres Geburtstagskindes Kopernikus. 1997 wurde die Altstadt Thorns in die UNESCO-Weltkulturerbeliste eingetragen.

Die erste Siedlung entstand dort im Jahre 1230, als die Kreuzritter hier einen ihrer Ausfallorte für die Bekämpfung der Heiden anlegten. Die Stadtgründung folgte 1236. Noch vor 1280 wurde Thorn Mitglied der Hanse. Dank der Weichsel hatte sie nämlich Zugang zum Baltikum und somit auch zum Weltgeschehen. Die Stadt blieb bis 1454 in den Händen des Deutschordensstaates (1230-1561), als sich die Bevölkerung gegen den Orden wandte, um sich dem Königreich Polen anzuschließen. Der Grund für den Aufstand war die sehr stark anwachsende Steuerlast, die der Krieg gegen das Königreich verursachte. Die polnische Krone hingegen war bekannt für die sehr liberale Einstellung gegenüber anderen Städten.

Nach dem Frieden zwischen den Kriegsparteien, der 1466 in Thorn unterschrieben wurde, entstand die zu Polen gehörende Provinz Königlich-Preußen. Bis zur 2. polnischen Teilung im Jahre 1793 blieb die kopernikanische Stadt unter der Machthochheit der Rzeczpospolita. Dennoch behielt sie stets ihren deutschen Charakter bei.

Der Geburtsort selber ist also kein gutes Fundament für die Beurteilung seines Inneren!

Unser also oder doch Euer?

Die deutsche Seite hebt folgende Argumente als Beleg für die Zugehörigkeit von Kopernikus zum deutschen Volk hervor:

  • Kopernikus hat bei seiner Anmeldung an der Universität Bologna angegeben, er sei Angehöriger der deutschen Nation
  • Kopernikus schrieb seinen Namen mit doppeltem p – Coppernikus
  • alles seine Texte schrieb er auf Deutsch oder Latein

Die polnische Seite widerrum führt folgende Argumente an:

  • Kopernikus hat sich an der Universität Padua als Pole eingeschrieben
  • Kopernikus schrieb seinen Namen mit doppeltem p, weil es schöner (sic!) aussah und nicht, weil er damit sagen wollte, dass er „deutscher“ sei

Klingen diese Argumente überzeugend? Nein! Es ist alles nämlich vielmehr aus den Tiefen des Absurdums heraufbeschwört worden, als dass es sich dabei um etwas handeln sollte, was den einen oder anderen einen Vorteil bringen sollte. Nicht nur, dass keine Seite überzeugen kann. Vielmehr haben sich beide Nationen damit einen sehr großen Schaden angerichtet.

Nikolaus Kopernikus, Nikolaj Kopernik, Kopernigk, Copernicus mit einem oder doppeltem p. Der größte Astronom aus dieser Region der Welt war vor allem ein treuer Untergebener der Wissenschaft. Und Wissenschaft, das müssen sie sich merken, hat keine Nationalzugehörigkeit.

Sprachkenntnisse von Kopernikus

Es gibt keine Korrespondenz von Kopernikus in polnischer Sprache, es ist jedoch davon auszugehen, dass er die Sprache beherrschte. Deutsch hingegen war die Sprache, die man damals in der Stadt gebrauchte. Sein großes Werk de revolutionibus orbium coelestium (Über die Umschwünge der himmlischen Kreise) verfasste er auf Latein, welches zudem auf der Universität Krakau Lehrsprache war.

Streit der Nationen

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Das Kopernikus-Denkmal in Thorn von Rene Klein />via Wikimedia [CC BY-SA 3.0]

Der große Astronom war bis zum Aufkommen des modernen Nationalismus vor allem ein … Astronom, dessen großes Werk auf dem Index der katholischen Kirche gelistet wurde. Was nur wenige wissen: vor allem den Protestanten lag viel daran Nikolaus vor aller Welt schlecht zu machen.

Der ökumenische Brüderstreit nahm im 19. Jahrhundert an Intensität ab und die Nationalisten übernahmen den Stab.

Büsten und Denkmäler

Die erste Bestellung eines Denkmals im sogenannten Kongresspolen war das Denkmal für Nikolaus Kopernikus in Warschau, welches l1830 aufgestellt wurde. In Warschau war er persönlich nie, doch steht das Denkmal vor der Akademie der Polnischen Wissenschaften. Eine Standorterklärung erübrigt sich. In Deutschland hingegen wurde 1842 die Büste von Kopernikus in der Walhalla in Regensburg aufgestellt. 1853 wurde das Denkmal des stehenden Kopernikus auf dem Marktplatz in Thorn aufgestellt, wobei die Stadt eine preußische Stadt war.

Beim Warschauer Denkmal haben die Preußen gemeckert, bei der Büste in Regensburg haben die Polen gemeckert, beim Denkmal in Thorn haben alle gemeckert, weil jedem etwas nicht passte.

Polnische und deutsche „Phasen“

Nachdem Polen 1918 die Unabhängigkeit wiedererlangte, nahm der Run auf Kopernikus erneut Anlauf. Polen existierte 123 Jahre nicht als unabhängiger Staat und nicht alle Polen waren überzeugt, dass das neue Polen so sinnvoll war. Doch die Führungselite wusste (weiss) besser, was für das Volk gut ist. Also benannte man alles Mögliche nach berühmten Persönlichkeiten. Kopernikus war dabei sehr beliebt. 1937 wurde er auf der Weltausstellung in Paris sogar zum wichtigsten Element des polnischen Pavillons. Sie können sich vorstellen, wem das wiederrum nicht besonders gefiel. Nachdem nach Meinung der Vollidioten von 1933-1945 schon bei der Olympiade die falsche Hautfarbe gewann, mussten sie nun zuschauen, wie Kopernikus „polonisiert“ wurde.

Die Rache kam prompt mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges. 1943 wurde der 400-jährige Geburtstag des deutschen Astronomen an allen Universitäten feierlich geehrt. Auch das Denkmal in Warschau blieb als eines der wenigen stehen. Lediglich die polnische Aufschrift wurde zugedeckt.

Sogar auf EU-Ebene wird gestritten

Obwohl dieser sinnlose Streit im 21. Jahrhundert keine Anhänger mehr hat, gibt es noch Fanatiker, die die andere Seite zwicken wollen. So gab es großes Aufsehen, als im Jahre 2008 Günter Verheugen, damals Vizepräsident der EU-Kommission, das europäisches Erdüberwachungsprogramm „Kopernikus“ nennen wollte. Denn hierbei sollte, wie man sieht, die deutsche Schreibweise seines Namens gebraucht werden. Sie können sich natürlich denken, wer damit ein Problem hatte. Und ich benutze gezielt „wollte“ und „sollte“, denn tatsächlich war der Namensgebungsaufstand erfolgreich. Das Programm heißt nun Copernicus. Zu prüfen bleibt noch, mit welchem Namen die Firma tatsächlich eingetragen wurden.

De revolutionibus orbium coelestium von 1543

Das Original-Manuskript bestehend aus sechs Bänden von 1543 befindet sich seit 1956 in der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau (Signaturnummer 10 000).

Das Manuskript hat eine sehr stürmische Zeit hinter sich und ist nur mit sehr viel Glück an seinen aktuellen Ort gelangt. Wie selbstverständlich ist es die Jagiellonen-Bibliothek in Krakau, dem Ort seiner Studienzeit.

Die erste Auflage wurde 1543 in Nürnberg und die zweite 1566 in Basel gedruckt, von denen es noch 258 bzw. 290 Exemplare gibt (ursprünglich 400 bis 500 Exemplare).

Nicolaus Copernicus Thorunensis

Bei all den unnötigen Streitigkeiten gibt es auch hier eine Lösung in Form der aristotelischen Goldenen Mitte. Wer wüsste nicht besser diese Mitte zu erreichen, als die Thorner selbst. Das Kopernikus-Denkmal sagt selbst, wer er wirklich war: Nicolaus Copernicus Thorunensis. Ein Bürger Thorns und Astronom! Pole oder Deutscher? Für solche Sachen hatte man damals keine Zeit. Eine Entscheidung sollten wir auch nicht für ihn fällen, denn diese würde Nikolaus sicherlich aus der Bahn werfen. 

Er hat es nicht verdient in eine Sackgasse des Absurdums gedrängt zu werden. Schließlich war der Kosmos sein Zuhause.

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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