Kamil Stoch auf dem Skisprung-Olymp angekommen

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Kamil Stoch hat als zweiter Skispringer in der 66-jährigen Geschichte der Vierschanzen-Tournee alle vier Springen gewonnen. Am 06.01.2018, dem letzten Tag des Turniers, hat er in Bischofshofen (Deutschland) bewiesen, dass er zu den besten Skispringern in der Geschichte gehört. Am gleichen Tag wurde Kamil in Polen zum Sportler des Jahres gewählt. Die Versuchung zu einem sportlichen Vergleich mit Adam Małysz ist groß, sollte jedoch nicht überbewertet werden. Die Zeiten haben sich nämlich schon gravierend verändert. Und das wissen auch die beiden Sportler.  

Polen (wieder) im Skisprung-Fieber

kamil-stoch

Kamil Stoch / Ailura on wikimedia [CC BY-SA 3.0 AT]

Von 2000 bis 2011 gab es ein regelrechtes Skisprung-Fieber, welches durch die jahrelange Dominanz von Adam Małysz hervorgerufen wurde. In Polen nannte man die Zeit małyszomania. Nun passiert das gleiche mit seinem Nachfolger Kamil Stoch. Noch während er Anfang Januar 2018 in Bischofshofen die Vierschanzentournee gewinnt und gefeiert wurde, verkündete man im polnischen Fernsehen das Wahlergebnis zum Sportler des Jahres. Kamil Stoch konnte sich gegen Robert Lewandowski und Anita Włodarczyk (2 x Olympisches Gold beim Hammerwurf) durchsetzen. Das ist nach 2014 sein zweiter Sieg. In der Małysz-Ära wurde Adam drei Mal hintereinander gewählt – 2001, 2002 und 2003. Anschließend nochmal 2007.

Im Fernsehen, in sämtlichen Zeitungen und auf allen Social-Media-Portalen wird über sein Leben, seine Erfolge und Misserfolge, sein Verhältnis zu Adam Małysz und seinen liebevollen Charakter berichtet. Nur einen besonderen Namen hat man dieser Zeit nicht verpasst – und das ist auch gut so! Denn die Zeiten sind anders. Die Polen gewöhnen sich schnell an Weltklasseerfolge und auch die Erwartungen sind entsprechend hoch.

Es ist schön, dass Sport für ein paar Wochen und Monate wichtiger scheint als Politik und das Theater im Parlament. Ob das in der aktuellen Situation auch gut ist, bedarf einer weiteren Analyse. Es tut jedoch der eigenen Seele gut, wenn die Menschen mal von etwas anderem abgelenkt werden, weil man auf dem Weg zur Arbeit das Gefühl hat, dass sie irgendwie lockerer drauf sind.

Dabei würde ich mich gar nicht wundern, wenn jetzt jemand auf die Idee kommen würde, einem der beiden Springer einen Ministerposten anzubieten. Vielleicht…..als Verteidigungsminister?

Kamil Stoch hat fast alles gewonnen

Kamil Stochs Pokal- und Medaillenliste liest sich mit viel Respekt. Derzeit kann er sich mit folgenden Titeln rühmen:

 Olympischen Winterspiele

GoldSoczi 2014Normalschanze
GoldSoczi 2014Großschanze
GoldPyeongChang 2018Großschanze
BronzePyeongChang 2018Großschanze Team

Kamil Stoch hat als bisher einziger Skispringer eine Goldmedaille verteidigt.

Nordische Weltmeisterschaften

GoldVal di Fiemme 2013Großschanze
GoldLahti 2017Großschanze Team
BronzeVal di Fiemme 2013Großschanze Team
BronzeFalun 2015Großschanze Team

Skisprung-Weltcup

Saison
Kristallkugel2017/2018
2. Platz2016/2017
22. Platz2015/2016
9. Platz2014/2015
Kristallkugel2013/2014
3. Platz2012/2013

Vierschanzentournee

Saison
Gold2017/2018
Gold2016/2017Kamil Stoch gewinnt alle vier Springen

Insgesamt stand er 31 Mal auf dem höchsten Podium (von 57 Malen überhaupt) bei einem Weltcup-Springen.

Auf nationaler Ebene wurde er 9 Mal polnischer Meister, 5 Mal Vize-Meister und 4 Mal holte er den 3. Platz (Groß- und Normalschanze, Teamspringen)

Was gibt es noch zu holen?

Kamil Stoch gewann noch nie die Skiflug-Weltmeisterschaft, die alle 2 Jahre ausgetragen wird. Glücklich für ihn, dass sie genau dieses Jahr stattfindet. Sie beginnt am 18. Januar und dauert bis zum 21. Januar. Austragungsort ist Oberstdorf auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze.

Aktualisierung 21. Januar: Kamil Stock wurde zweiter hinter Daniel-André Tande und vor Richard Freitag. Beim Team-Springen holte er zusammen mit Piotr Żyła, Stefan Hula und Dawid Kubacki Bronze.

Kamil Stoch in guter Gesellschaft

Kamil Stoch befindet sich in guter Gesellschaft. Zum einen sind er und Sven Hannawald die einzigen Springer, die bei einer Vierschanzentournee alle vier Springen gewonnen haben. Sven Hannawald gelang dieses Meisterstück vor 16 Jahren in der Saison 2001/2002.

Außerdem gehört er zu jenen 5 Athleten, die die wichtigsten 4 Wettbewerbe im Skispringen gewonnen haben. Neben ihm sind es:

Espen BredesenNorwegen
Thomas MorgensternÖsterreich
Matti NykänenFinnland
Jens WeißflogDeutschland

Nein, Adam Małysz ist nicht dabei.

Interessant ist, dass es bisher nur einem Skispringer gelungen ist, alle Wettbewerbe im Skispringen zu gewinnen – dieser Mann heißt Matti Nykänen und wer weiß – vielleicht heißt er Kamil Stoch noch in diesem Jahr in seinem kleinen Club willkommen?

Aktualisierung April 2018: Es hat dieses Jahr nicht geklappt. Aber wer weiß? Nach der Skisprung-Saison ist auch schon wieder vor der Saison.

Adam Małysz oder Kamil Stoch?

adam-malysz

Adam Małysz und Kamil Stoch in Planica am 20.03.2011

Das schöne ist, dass in den Berichterstattungen nicht darüber debattiert wird, welcher nun von beiden der bessere ist.  Beide Springer sind zu Helden aufgestiegen und erleben diese für sie wundervolle Zeit gemeinsam.

Am 20.03.2011 beendete Adam Małysz seine Skisprung-Karriere nach dem Skifliegen in Planica. Es war zugleich das letzte Springen der Saison 2010/2011. Die Symbolkraft der der Siegerehrung hätte für die polnische Skisprung-Welt nicht stärker sein können. Damals nämlich belegte zwar Adam Małysz den dritten Platz, doch der Sieger an diesem Tag war – Kamil Stoch. Für alle war klar – hier fand eine Art Übergabe der Führungsrollen statt.

Heute ist Adam Małysz Leiter der polnischen Skisprunggruppe und kümmert sich um deren Wohlbefinden. Es war für ihn selbstverständlich die Skier für Kamil Stoch zu halten, damit dieser seine Siege feiern konnte.

Adam Małysz hat zwar keine Olympische Medaille und auch keine Skisprung-Weltmeisterschaft gewonnen, doch auf der anderen Seite hat er als einziger Springer 3 Mal in Folge den Gesamtweltcup gewonnen und auch die meisten Goldmedaillen bei den Nordischen Weltmeisterschaften errungen. Doch es ist noch etwas anderes, was Adam so besonders macht. Es war dieses magische Gefühl, dass ein Pole – quasi im Alleingang – zu den besten der Welt gehören kann. Dass ein Pole mit den besten der Welt mithalten und dazu noch dominieren kann. Die neunziger Jahre waren schon rum, Polen kam allmählich aus der Umstrukturierungsphase nach dem Kollaps des Kommunismus heraus und das Leben normalisierte sich. Doch es fehlten den Menschen einfache Erfolgserlebnisse, sei es im Sport, in der Wissenschaft oder auf anderen medienstarken Gebieten. Die Stimmung nach den neunziger Jahren kippte etwas und die Menschen sehnten sich nach etwas Ruhe, aber auch nach einem Erfolg, der die Mühe der letzten Jahre verdient machte.

Und da kam er entlanggeflogen – und sprang von Sieg zu Sieg und das über viele Jahre hinweg. Die małyszomania-Zeit hat – und das wird jeder Pole bestätigen können – es hat den Menschen hier wirklich gut getan. Noch bis heute lächelt jeder Pole, wenn er über diese Zeit spricht und schaut dabei voller Nostalgie in den Himmel. Manchmal muss man sie wieder zurückholen.

Auch für die Auslandspolen war es nicht nur ein sportliches Ereignis, sondern die Bestätigung dessen, dass das Land, wo sie herkommen, ein Land von Siegern sein kann. Es reichte allmählich sich ständig die nervigen Polenwitze anhören zu müssen und belächelt zu werden, dass in Polen keine führenden Persönlichkeiten herkommen (was ja an sich nicht stimmt). Man kann also sagen, dass die małyszomania den Beginn einer anderen Ära einläutet. Benennen muss man sie nicht – weil es zu viele Sportler sind, die zu Sportlern des Jahres gekürt werden könnten.

Mittlerweile ist es tatsächlich so, dass man in jeder Jahreszeit an zahlreichen Sportereignissen mitfiebern kann. Sei es im Handball (Vizeweltmeister 2007 / 3. Platz 2009 und 2015), Volleyball (Weltmeister 2014 / Vize-Weltmeister 2006 / Europameister 2009) oder auch (endlich) im Fußball, als die Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2016 bis ins Viertelfinale einzog.

Sowohl Adam als auch Kamil haben (hatten) in ihrer aktiven Sportlerzeit andere Ziele vor Augen, aber auch andere Grundvoraussetzungen. Adam Małysz hat 39 Mal ein Weltcup-Springen gewonnen, was anhand der (fehlenden) Voraussetzungen niemand vorausahnen konnte. Kamil Stoch hingegen hat nun Adam Małysz als Unterstützung und kann auf diese Weise das nachholen, was der andere nicht geschafft oder verpasst hat. Am Ende bleibt ja sowieso alles in der Skisprung-Familie.

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