Feuilleton

Mein deutsch-polnisches Glaubensbekenntnis

deutschland-polen

Deutschland und Polen sind wie zwei siamesische Zwillinge, verbunden mit einem lymphatischen System der Geschichte. Und doch hat jeder für sich einen eigenen Charakter, jeder reagierte auf die gleichen Ereignisse auf verschiedene Art und Weise und jede Nation hat eine eigene Vorstellung über das Zukunftsgeschehen. Die deutsch-polnische Geschichte ging mit unserer Nachbarschaft nicht sonderlich gnädig um und führte zu einem Bruch. Es wurde eine Grenze überschritten, die niemals hätte überschritten werden dürfen. Es ist unmöglich die Ereignisse des 2. Weltkrieges wegzudenken. Was einmal zur Wirklichkeit wurde, ist für immer möglich. Doch die gemeinsame alljährliche Andacht an die Greuel des Krieges sollen die Polen und Deutschen annähern, nicht teilen.

Ich bekenne mich

Gesunde Nationen können nicht unendlich in den Schwaden des Hasses leben

Antoni Golubiew (1948)

Mit diesem Blog habe ich mir nicht nur das Ziel gesetzt zu informieren oder ,zum Teil auch mit Sarkasmus und Ironie, auf bestimmte Zusammenhänge aufmerksam zu machen, die meines Erachtens dem beiderseitigem Verständnis förderlich sind. Vielmehr habe ich mit dieser Tätigkeit meinen Anteil der Erbschaft angenommen. Ich nehme mich in die Pflicht das Erbe zu pflegen und fortzuführen. Während des Kalten Krieges gab es zwischen der BRD und der Volksrepublik Polen viel zu lange keinen politischen Willen die Beziehungen zu zivilisieren. Und dennoch gab es Politiker, kirchliche Vertreter, Schriftsteller, Journalisten, Menschen aus Film und Kino, Musiker und Kabarettisten, aber auch Tausende „normale“ Deutsche und Polen zwischen Bug und Rhein, die Dialoge führten und unsichtbare Brücken zwischen ihren Heimatländern, aber oberhalb tiefer Abgründe, gespannt haben. Sie haben die frohe Botschaft der Versöhnung gepriesen und denjenigen, die Angst hatten sich der anderen Seite gegenüber zu öffnen, Mut gemacht sich anzuschließen. Diesen Botschaftern der deutsch-polnischen Versöhnung möchte ich meinen Dank erweisen und ihre Aufopferungsbereitschaft nicht verkommen lassen. Ich bekenne mich zur Botschaft der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder zur Versöhnung von 1965 und auch zum Kniefall vom deutschen Kanzler Willy Brandt im Dezember 1970 in Warschau vor dem Denkmal der Helden des Jüdischen Aufstandes.

Die Zukunft der Geschichte

Die Polen haben lange Zeit fälschlicherweise geglaubt, dass die Bürger des Deutschen Reiches die Verbrechen nur deshalb begannen, weil sie Deutsche waren“

Anna Wolff-Poweska

In den letzten Jahren haben sich die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen wesentlich verschlechtert. Das führt dazu, dass auch die Stimmung innerhalb der deutschen und polnischen Bevölkerung schlechter wird. Die polnischen Forderungen nach Reparationszahlungen stoßen in Deutschland auf Unbehagen. Die deutsche Forcierung des Baus der Gasleitung Nord-Stream-2 weckt  in Polen schlimme Erinnerungen. Was wir uns in den letzten Jahrzehnten erarbeitet haben, stoßen wir leichtfertig wieder von uns. Wir haben die letzten 30 Jahre evident verschlafen und gedacht, dass die Geschichte linear verläuft, dass das Vertrauenskapital für sich arbeiten wird. Doch plötzlich macht die Linie einen Bogen und kehrt um. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Francis Fukuyama Recht hatte mit seiner Aussage, dass die Geschichte zu Ende ist und die Demokratie keine ernstzunehmenden Konkurrenten mehr hat. Aber eine Demokratie ist weder ein Garant für Frieden noch für eine freundschaftliche Nachbarschaft. Vielmehr steht die Demokratie diesen Aspekten im Wege, denn sie fordert viel Engagement, die viele schlicht überfordert.

Wir sind das Vorbild

Deutschland und Polen sind bis heute ein Musterbeispiel dafür, was viele für unmöglich gehalten haben. Schaut Euch die südkoreanisch-japanischen, die arabisch-israelisch, die indisch-pakistanischen oder russisch-ukrainischen Beziehungen an. Diese Länder sind weit davon entfernt, um friedlich nebeneinandern existieren zu können, geschweige denn ihre Grenzen zu öffnen, Städtepartnerschaften zu gründen oder am Strand nebeneinander zu liegen. Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als wir bis zu 12 Stunden der Grenze wartenmussten. Erzählt man Kindern davon, ziehen sie voller Erstaunen die Augenbrauen hoch.

Doch nach knapp einem Viertel Jahrhundert erfährt das friedvolle Mit- und Nebeneinander einen Riß. Sowohl Polen wie auch Deutschland wurden in den Bann einer populistischen Bewegung gezogen. Längst vergessene Egoismen und Vorwürfe kommen wieder zu Wort und vergiften den Baum des Friedens und Neuanfangs. Betroffen ist zwar nur die Wurzel, unscheinbar und langsam schwächt der Befall den Oberbau. Aus Zusammenarbeit und gesunder Konkurrenz wird irrationale Destruktion, die beiden Seiten großen Schaden zufügt.

Es ist jedoch nicht so apokalyptisch, wie man es persönlich wahrnimmt. Die Beziehungen fußen auf einem starken Fundament. Und der Baum mit der kranken Wurzel? Er wackelt, aber er steht daneben.

Es ist eine Zerreißprobe, die wir sicherlich meistern werden. Davon bin ich überzeugt. Daran glaube ich.

Antoni Administrator
Gründer von MeinWarschau
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur
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