CoronavirusFeuilletonPolitik

politicum absurdum | Polens Politiker in Corona-Zeiten

absurd-polen

Es ist nun einen Monat her, als der erste Coronavirus-Fall in Polen bestätigt wurde. Seit knapp zwei Wochen sitzen nahezu alle zum Großteil zu Hause, die Städte sind leergefegt und damit auch für ausreichend Unterhaltung gesorgt ist, nehmen sich Polens Politiker voll ins Zeug. Manchmal staune ich, welch politicum absurdum die politischen Eliteeinheiten hierzulande schaffen. Im Vergleich erscheinen Donald Trumps Tweets sogar vernünftig und nobelpreisverdächtig. Und so möchte ich nachfolgend vier interessante und fast unglaubwürdige Top-Themen der polnischen Medienwelt der letzten drei Wochen vorstellen.

Coronavirus in Italien? Nix wie hin!

In Polen gibt es einen Herrn Grodzki. Er ist Parteimitglied der Oppositionspartei Bürgerplattform (KO) und seit der letzten Parlamentswahl 2019 Vorsitzender des Senates. Auch er hat sich eine Verschnaufpause von der ständigen Reply-Kritik der Kaczynski-Klicke verdient. Schließlich sind das auch nur Menschen, sowohl die Kritiker als auch die Kritisierten. Herr Grodzkis Urlaub fand also Mitte März statt und als dritte Person im Lande schaut man da auch mal gerne genauer hin. Man könnte meinen, dass Herr Grodzki weiß, dass aktuell höchste Vorsicht geboten ist, weil jeder auch nur kleinste Fehler von der regierenden Partei ausgenutzt werden würde. Schließlich sollen im Mai die Präsidentschaftswahlen stattfinden. Ein 62-jähriger Arzt, Professor und Politiker weiß zudem, dass er eine Vorbildfunktion inne hat. Und dann passiert folgendes.

Herr Grodzki hat sich vom Verstand unabhängig gemacht und fliegt Mitte März doch einfach mal nach Italien, in die Alpen. Es gibt zu jener Zeit 192 weitere Staaten, wo man hinfliegen könnte. Aber Herr Grodzki bleibt eiskalt und fliegt in das Land, welches zu jener Zeit vom Coronavirus befallen war wie ein streuender Hund von Flöhen. Allerdings gab es in Norditalien ein kleines Dorf, welches hartnäckig Widerstand leistete und somit Coronavirus-Frei war. Herr Grodzki betonte nach seiner Ankunft, dass er sich von italienischen Gesundheitsstellen bestätigen ließ, dass es im Umkreis von 30 Kilometern keine bestätigten Fälle gab. Bravo Herr Grodzki. Sie sind wirklich sehr vorausschauend und umsichtig bei ihrer Urlaubsplanung.

Doch es kommt noch skurriler. Das war nämlich erst der Hinflug.

Herr Grodzki kommt schließlich wieder. Mit dem Flugzeug versteht sich. Im Flugzeug sollte eigentlich jeder Gast einen Fragebogen ausfüllen. Das wollte er nicht, weil man womöglich anhand dessen herausfinden könnte, wer da noch im Flieger sitzt. Diese Information könnte schließlich in falsche Hände geraten. Doch er tat es dann doch. Anschließend fährt er direkt ins Epidemiekrankenhaus, um sich testen zu lassen. Man weiß nie! Und zu guter Letzt fährt er voller Aufopferung in den Senat, um dort an Sitzungen teilzunehmen. Jetzt, wo er einen Test hinter sich hat, ist die Ansteckungsgefahr womöglich geringer?

Zur Zeit seiner Rückkehr gab es in Italien 12 000 bestätigte Fälle und über 1000 Tote.

Lesen Sie auch:
One apple a day, keeps Putin away

Als man ihn darauf ansprach, ob er nicht vielleicht unter Quarantäne gestellt werden sollte, antwortete er mit vollem Ernst „wenn alle so handeln würden, bliebe die Wirtschaft stehen“. Meines Erachtens nach führt er den falschen Job aus. Er sollte Wirtschaftsminister werden.

Wenn Du, lieber Leser, wissen willst, warum die regierende PiS seit 2015 an der Macht ist, dann hast Du hier die Antwort. Es verschlägt einem die Stimme, die Augen fallen raus, die Ohren quillen über voller Schmalz und auch wenn man voller Bluttränen das Programm umschaltet, fühlt man sich wie einer kaputten Matrix, wo sich alles ständig wiederholt und wiederholt und wiederholt. Diese Menschen behandeln uns Wähler wie Vollidioten und nur weil es in Polen noch nie eine blutige Revolution gab, haben sie diese herablassende Politik zur Staatsräson gemacht. Ich kann es nur nochmals wiederholen: Herr Kaczynski ist seit 1990 der unfähigste Politiker, der an der Macht steht und zu viel zu sagen hat. Aber zu verdanken haben wir es seinen Widersachern. Bei solchen politischen Gegnern, braucht man nichts tun. Und Gott sei Dank beherrscht Herr Kaczynski noch nicht einmal das.

affen-auf-der-bank
Drei Affen | Hans-Jürgen auf flickr [CC BY-ND 2.0]

Brauchst du Geld? Ich druck dir was

Dass in Polen nahezu alles chronisch unterfinanziert ist, was unter staatlicher Leitung steht, das weiß jeder. Außer vielleicht die Warschauer, die allzu oft euphorisch verkünden, wie toll alles ist, weil sie die Blase nicht durchstechen wollen. Aber das ist nun ein etwas anderes Thema. Es braucht also jeder Geld und das schnell, sonst wird man hier in Zukunft notgedrungen eilig robotisieren müssen. Roboter-Ärzte, Roboter-Lehrer, Roboter-Krankenschwestern und womöglich auch Roboter-Handwerker. Die meisten von ihnen sitzen derweil in Deutschland und haben es irgendwie nicht eilig zurück in die Heimat. Den Rest füllen wir auf mit billiger Arbeitskraft aus der Ukraine und Indien. Schließlich kann man einen Linienbus in der Stadt auch mit GoogleMaps ins Ziel bringen.

Und dann kommt die regierende PiS auf eine tolle Idee und beginnt mit einer Finanzspritze für die wichtigste Institution seit 2015: das staatliche Fernsehen. Insgesamt erhält diese Propagandamaschine, die sich die 80er als Vorbild genommen hat, jährlich knapp 2 Milliarden PLN, also etwas weniger als 500 Millionen EUR. Das ist natürlich Peanut im Vergleich zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland, welches dort etwas unter 8 Milliarden EUR bekommt, also 16 Milliarden PLN. Aber es ist trotzdem viel Geld für einen Staat, der die Lehrer, Krankenschwestern, Ärzte und Verwaltungsbeamten behandelt wie die polnische Aristokratie die Leibeigenen im 18. Jahrhundert. Und bei all den finanziellen Problemen des Landes entscheidet sich der Premierminister und der Präsident unter Leitung von Herrn Kaczynski für eine Einmalzahlung von weiteren 2 Milliarden PLN, damit unter anderem „die Angestellten auch weiterhin ihren Lebensunterhalt finanzieren können“ , so Herr Präsident Andrzej Duda bei der Begründung der Unterzeichnung.

Lesen Sie auch:
Mann zündet sich in Warschau an. Sein Brief an die Staatsmacht

Das ist traurig, aber wahr. Solche Sachen passieren in Polen in einem 24-Stunden-Rhytmus. Manchmal wird er sogar verkürzt. Wenn man in Polen Fernsehen schaut oder Zeitung liest, muss man anschließend erstmal einen grünen Tee trinken, dann seine Beruhigungstabletten zu sich nehmen und schließlich seinen Psychologen aufsuchen.

Der Staat kommt zu Hilfe

Meinen Blog schreibe ich privat, daher habe ich natürlich auch eine andere Einnahmequelle. Ich leite eine kleine Touristenfirma, die seit Mitte März 100 Prozent ihrer Einnahmen eingebüßt hat. Dabei bin ich natürlich nicht der einzige, dem es so ergangen ist. Insgesamt gibt es in Polen ca. 2 Millionen aktive Einzelunternehmer.

Diese Einzelunternehmer zahlen monatlich 1354,64 PLN (ohne Krankenversicherung) oder 1431,48 PLN (mit Krankenversicherung) an Sozialabgaben. Unabhängig davon, wieviel man im Monat verdient.

Diese Menschen hat es alle hart getroffen, was auch sicherlich die Politelite weiß. Daher wurde in den letzten Tagen ein Sicherheitspacket beschlossen. Wie sieht die Hilfe aus? Für drei Monate werden die Sozialabgaben gestrichen und unter bestimmten Voraussetzungen erhält man eine Einmalzahlung von maximal knapp 2000 PLN, also 500 EUR. Und falls dann noch irgendetwas unklar ist, kann man die staatliche Hotline anrufen. Dafür wurden zwei Telefonnummern zur Verfügung gestellt. Ich habe dort mal angerufen. Anfangs war ich 728. in der Reihe. Nach drei Stunden war ich dann schon 98. in der Warteschleife. Und aus welchen Gründen auch immer wurde ich plötzlichaus heiterem Himmel gebeten nach dem Piepton eine Nachricht zu hinterlassen. Aber dann folgte eine weitere Information, dass die Mailbox leider voll ist und ich es ein anderes Mal versuchen soll. Immerhin hat mir der automisches Anrufbeantworter für die Geduld gedankt. Seitdem muss ich mir das staatliche Packet selber interpretieren und hoffen, dass ich das meine, was die Verantwortlichen auch meinten, als sie nachts dieses tolle Projekt ins Leben gerufen haben.

Präsidentschaftswahlen absagen wegen Pandemie? Blödsinn

Am 10. Mai 2020 sollen eigentlich die Präsidentschaftswahlen durchgeführt werden. Selbstverständlich, dass diese verlegt werden müssen. So wie Olympischen Sommerspiele in Tokio verlegt, die belgische Fussballliga womöglich verkürzt oder sogar der Zutritt in den Wald verboten wurde, damit die Anzahl der Infektionen so gering wie möglich gehalten wird. Doch wir schalten abermals das Fernsehprogramm ein und horchen.

Und jetzt höre ich gestern, dass sie die Wahlen trotz Pandemie durchführen wollen. Wie? Mittels einer Briefwahl! Das würde so aussehen, dass allen Wählern die nötigen Papiere zugeschickt und am Tag der Wahl eine Wahlurne durch die Städte und Dörfer ziehen würde und die Briefe einsammelt. Wohlgemerkt: es handelt sich um 30 Millionen Briefe. Und kann man sich das vorstellen? Eine geheime Wahl in der eigenen Küche? Die Durchführung soll in den nächsten 30 Tagen organisiert werden. Das ist purer Wahnsinn. Man muss sich das mal vorstellen. In Polen wohnen Millionen von Menschen nicht dort, wo sie registriert sind. Am Tag der Wahl darf man allerdings nur da wählen, wo man tats#chlich registriert ist. Es würde also eine Massenwanderung stattfinden müssen. Ich müsste 320 Kilometer nach Schlesien fahren, weil ich dort gemeldet bin. Warum wir hier ein solches Meldesystem haben, welches trotzdem irgendwie funktioniert, ist einer universitären Vorlesung wert, würde hier aber das Programm sprengen. Man kann bei dieser Idee nur den Kopf schütteln. Die sitzen alle im Sejm und debattieren allen Ernstes darüber, wie man in 30 Tagen für 30 Millionen Wahlberechtigte eine Briefwahl während einer Pandemie durchführen kann. Warum diese Idee? Weil man die eigenen Wähler bis dahin noch irgendwie von der tatsächlichen Lage abhalten kann. Noch glauben die meisten, dass das polnische Gesundheitssystem auf massenhafte Erkrankungen vorbereitet ist. Wenn die brutale Wahrheit ans Licht kommt, wird es der regierenden Partei in die Schuhe geschoben. Es ist den Wählern dann auch egal, wer daran Schuld ist, dass die Ärzte, Lehrer und Beamte in Polen zu den am schlechtesten bezahlten Jobs gehören. Verantwortlich ist dann der aktuell regierende Politmensch und das wird sich dann auch bei den Wahlen zeigen. Jetzt kann Andrzej Duda noch gewinnen. Wenn der Frust zu groß geworden ist, wird das Wahlergebnis unsicher. Also lieber auf Nummer sicher wählen lassen.

Lesen Sie auch:
Auswandern nach Polen? Warum nicht?!

Noch vor der Pandemie war das polnische Gesundheitssystem in einem marroden Zustand. Es gibt hierzulande 2,4 Ärzte auf 1000 Einwohner. Das ist der schlechteste Wert in der Europäischen Union. In Europa stehen nur noch die Türkei und Albanien tiefer im Ranking. Während der Coronavirus-Zeit werden Tausende Ärzte zudem angesteckt und können ihren Dienst nicht ausrichten. Stattdessen möchte man an ihre Stelle Medizinstudenten anheuern. Doch die wollen sich nicht aufopfern lassen und verweigern die romantische Version eines Aufopferungstodes.

Wenn diese Wahl so stattfindet, wäre es, als würde man der Demokratie ins Gesicht spucken und es anschließend mit einem Seidentuch abwischen.

 


 

Ich hoffe, dass der Verstand die Unabhängigkeitserklärung der polnischen Politiker für verfassungswidrig erklärt und mit Hilfe der Vernunft zumindest in dieser Angelegenheit nachhelfen kann. Wenn nicht, bleibt noch das private Fernsehen, welches den Staatssender immer mehr gleicht, aber immerhin kann man da die Pillen weglassen.

Ich wünsche allen soweit ein schönes #stayhome | #zostanwdomu!

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
Folgen Sie mir:
×
Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
Letzten Beiträge
  • parlamentswahlen-polen
  • revolte-gege-patriarchat
  • warschauer-altstadt
  • revolte-gege-patriarchat

Kommentare

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Share via
Send this to a friend