Leben in Warschau

Das Mordor von Warschau

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Wie kommt Mordor nach Warschau?

„Das verändert mein Leben und ermöglicht mir die Flucht aus der Konzernwelt

Rafal Ferber - Gründer von Mordor an der Domaniewska-Straße

Es ist eine verrückte Geschichte. Den Fans von Tolkiens Herr der Ringe sei jedoch gesagt, dass es nur eine symbolische Bezeichnung ist. Hier werden sie nichts aus dem Buch vorfinden. Dieses Viertel hatte sogar für eine Zeit eigene Grenzschilder. Leider wurden sie von der Stadtverwaltung abgenommen. Alles begann im Februar 2013, als Rafal Ferber, ein Angestellter in einem der vielen im Viertel ansäßigen Konzernen, die Fanpage „Mordor na Domaniewskiej“ (Mordor an der Domaniewska-Straße / Hauptschlagader des Viertels) ins Leben rief. Anfangs wussten nur 100 – 200 seiner Bekannten von dieser Seite. 2015 gelangt die Fanpage in die breite Medienwelt und, wie Rafal selber auf seiner Seite schreibt, „verändert es sein Leben und ermöglicht es ihm die Konzernwelt zu verlassen“. Auf der Seite wurden die für viele harschen Zustände gezeigt. Die Jagd nach Erfolg, der Druck von oben auf Ergebnisse, der Druck von unten auf die schlechten Arbeitsverhältnisse. Die Fanpage sollte als Ventil dienen. Es sollte ein Scherzprojekt werden. Aus den Korporatten, wie sich hier alle nennen, wurden Tolkiens Orcs.

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Privat angebrachtes Schild im Warschauer Mordor

Mittlerweile hat die Seite einen enormen Bekanntheitsgrad erreicht und der Ideengeber Rafal Ferber kann heute davon leben. Mittlerweile hat die Facebook-Seite über 167 000 Mitglieder. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, entstanden aus einer absurden Idee.

Anfangs war es wüst und leer

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Mordor vor der Industrialisierung

Weit und breit gab es hier nur Weiden mit grasenden Kühen. Auf dem alten Foto sind man in der Ferne vereinzelt Wohnhäuser. 1951 erklärt die kommunistische Regierung, dass an dieser Stelle ein weiträumiges Industriegebiet entstehen wird. Die Bauern und Kühe mussten das Feld räumen, Fabriken und Lagerhallen nahmen ihren Platz ein. Später kommen  massive Plattenbausiedlungen hinzu. Das war Mordor bis zum Sturz des sozrealistischen Systems in Polen.

Dann kam der Knall

Schließlich kam der Kapitalismus, zwar langsamen Schrittes, aber mit einem gewaltigem Knall. Die alten Fabriken und Lagerhallen müssen weichen, an deren Stellen entstehen Einkaufszentren, Bürogebäude, Restaurants und moderne Wohnhäuser. Heute sieht die gleiche Kreuzung aus wie auf dem nächsten Foto, im Vordergrund eines der flächenmäßig größten Malls in Warschau Galeria Mokotow, im Hintergrund der Plattenbau und nur 200 Meter weiter verläuft auch schon die Domaniewska-Straße. Das alles nur ca. 7 Kilometer Luftlinie vom Warschauer Stadtzentrum entfernt.

Die Konsequenzen

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…. und HEUTE

Die Mall wurde nicht nur für die hier lebende Bevölkerung gebaut, sondern vor allem auch für die arbeitende Herrschar der sogenannten White-Collars. Allein in dieser Region arbeiten mittlerweile fast 150.000 Menschen. Stellen Sie sich nun vor, dass man nicht an eine U-Bahn-Verbindung gedacht hat. Oder anders: die U-Bahn-Linie wurde gebaut, allerdings verläuft sie weiter östlich. Diejenigen, die nicht schweißgebadet zur Arbeit kommen wollen, fahren mit dem Auto und verursachen so eine Verkehrs-Apokalypse. Immerhin steckt man in einem klimatisierten Gefährt fest. Die gestressten Anwohner, die aus ihrem eigenen Vorhof nicht herauskommen und deswegen schon tausende Beschwerdebriefe an die Stadtverwaltung verfasst haben, lassen dieses Gebiet aussehen, wie das Schlachtfeld vor Gondor. Es ist halt alles Mordor hier, sogar die Fahrt zu Arbeit…

Es ist halt alles Mordor hier, sogar die Fahrt zu Arbeit…

Aus eigener Erfahrung….

…kann ich sagen, dass es für diese Viertel keine schönere und treffendere Bezeichnung gibt. Nach fast 2 Jahren, die ich hier als Angestellter verbracht habe, stieg meine Motivation beträchtlich, um aus meinem Leben etwas zu machen und von hier zu verschwinden. Als Stadtführer und Blogger sitzt man nur selten in einem Büro. Aber immerhin war es eine Lektion fürs Leben.

Lösungen

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Bürogebäude im Warschauer Mordor

Einige Lösungsansätze wurden gemacht, doch der Stadt fehlen die finanziellen Möglichkeiten, um sich genau jetzt um das Warschauer Mordor zu kümmern. Es wird ja immerhin eifrig anderswo gebaut – Verlängerung der Metro, Abschluß des Warschauer Rings und Anbindung des langen Weichselufers. Die perfekte Lösung wäre eine Metro-Station an der Domaniewska-Straße. Doch das kann, wie gesagt, noch etwas dauern.

Bis dahin muss das Böse bekämpft werden. Immerhin wissen ja schon, dass Mordor fallen wird und neue schöne Zeiten werden kommen.

Antoni Administrator
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur
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Antoni Administrator
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