19. JahrhundertGeschichte Polens

Novemberaufstand in Polen und warum Belgien unabhängig wurde

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Geschichtlicher Hintergrund

Es mag sehr anmaßend klingen, dass schon vor der Globalisierung eine so globalisierte Geschichtsdarstellung möglich ist. Am 29. November 1830 begann der nationale Novemberaufstand in Polen, genauer im sogenannten Kongresspolen, welches der Zarenmonarchie unterstand. Im selben Jahr ereignete sich auf der anderen Seite des Kontinents eine ähnliche Bewegung.

Kongresspolen ist nur eine Alternativbezeichnung für das Königreich Polen, welches auf dem Wiener Kongress 1815 gegründet wurde. Der Zar von Russland war in Personalunion zugleich König von Polen. Von Unabhängigkeit konnte nicht die Rede sein. Dennoch erlebte dieses Gebiet zwischen 1815 und 1830 eine Zeit des Aufschwungs und Wirtschaftswachstums.

Europa im Ausnahmezustand

Im Jahre 1830 war in Europa unglaublich viel los. In Griechenland ging der langjährige Unabhängigkeitskrieg zu Ende und das kämpferische Volk löste sich vom Osmanischen Reich, in Frankreich brach die Julirevolution aus, was weitere kleinere Aufstände in deutschen Staaten und italienischen Provinzregionen nach sich zog, und in Belgien wie Polen, unseren heutigen Hauptprotagonisten, kämpften liberale Kräfte gegen das imperialistische Umfeld.

Revolution in Belgien

1830 erhoben sich überwiegend Katholiken der südlichen Provinzen des Vereinigten Königreiches der Niederlande, welches während des Wiener Kongresses im Jahre 1815 gegründet worden war, gegen die Nordprovinzen, welche überwiegend von Protestanten bewohnt waren.

Am Ende zahlreicher kleinerer Kämpfe teilte sich das Königreich in zwei Staaten. Der nördliche Teil erkannte den 1839 neugeschaffenen Staat im Süden an und nannte sich fortan Königreich der Niederlande.

Der südliche Staat, welcher aus dem niederländischsprachigen Flandern und dem französischsprachigen Wallonien bestehen sollte, nannte sich seit dem 4. Oktober 1830 Königreich Belgien. Der König war jedoch nicht König von Belgien, sondern schlicht König der Belgier. Die internationale Anerkennung des Königreiches erfolgte am 19. April 1839.

Novemberaufstand in Polen 1830

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General Chlopicki mit seinem Stab

Auf der anderen Seite des Kontinents begann am Abend des 29. November 1830 der Novemberaufstand. In Warschau stürmte eine zunächst kleine Gruppe von Offizieren den Belvedere-Palast im Lazienki-Park. Man hoffte dort den Vertreter des russischen Zaren im  Königreich Polen (Kongresspolen) gefangen zu nehmen. Dieser konnte jedoch als Frau verkleidet fliehen. Der Aufstand nahm seinen revolutionären Lauf und erstreckte sich schon bald auf das ganze Königreich Polen, dessen König in Personalunion der Zar von Russland war. Sein Vertreter war zu dieser Zeit sein Bruder Konstantin.

Die Heilige Allianz

Das Jahr 1830 war ein Jahr voller unerwarteter Unruhen und sozialer Ängste. Doch die Machthaber, Könige, Zaren und Kaiser haben vorgesorgt. Nachdem Napoleon mit Hilfe des Dritten Standes ganz Europa überrannt und so den angeblich aufgeklärten absoluten Herrschern Europas einen Schrecken eingejagt hatte, regelte man die Ordnung in Europa während des Wiener Kongresses 1815 neu.  Sehr interessant war auch die Gründung der Heiligen Allianz, die nicht Bestandteil der offiziellen Verhandlungen war. Die westeuropäische Geschichtsschreibung ist voller geheimer und verdeckter Verträge, sowohl vor als auch weit nach dem Kongress. Die Allianz war ein „Bündnis der Herrscher“, welches über den „Völkern und Heeren“ stand. Eines der Ziele dieses Bündnisses war die Pflicht der unterzeichnenden Staaten bei revolutionären Bewegungen militärisch einzuschreiten und Hilfe zu leisten.

Das belgische Volk gegen die Herrscher Europas

Frankreich, vertreten durch den professionellsten politischen Opportunisten der Welt Talleyrand, sah bei diesem politischen Chaos seine Chance, um abermals den Versuch zu unternehmen seine Grenzen Richtung Norden auszudehnen. Versucht hatten es schon Ludwig XIV. und Napoleon mit nur mäßigem Erfolg. Großbritannien und Preußen wehrten sich jedoch vehement gegen das französische Vordringen und opponierten vor allem politisch. Seitdem glauben die Briten, dass man mit vielen Worten und Versprechen Kriege gewinnen kann. Entscheidend war nun die Haltung des Zaren, der ganz auf der Seite des niederländischen Königs war.

Es folgten zahlreiche politische Verhandlungen bis schließlich ein gemeinsamer Nenner gefunden werden konnte. Zumindest dachte man das. Der niederländische König lehnte die Abmachungen ab und die Niederländer fühlten sich vom staatlichen Neuling gedemütigt und schrien nach Rache und Vergeltung. Wilhelm I. marschierte in Belgien ein. Nun ging es erst so richtig los. Der frische König der Belgier bat die Franzosen um Hilfe, was die Engländer mit Sorge erfüllte, dass die Franzosen Belgien einnehmen. Daher sahen sie in Russland die alles entscheidende Kraft, die dieses Vorgehen verhindern könnte. Derweilen fragte Wilhelm I. vorsichtig bei den Preußen und Russen nach. Preußen wollte nicht „für Amsterdam sterben“ und Russland……

Der weiße Adler gegen den Doppelkopfadler

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Im Warschauer Königsschloss

Russland war anderweitig beschäftig. Obwohl das russische Zarenreich von vielen regulären Aufständen heimgesucht wurde, waren die polnischen Aufstände immer eine große Herausforderung für den Koloss. Die Polen waren immerhin die größte ethnische Minderheit in Europa ohne eigenen Staat und dazu noch sehr stur und freiheitsliebend. Zunächst tötete oder vertrieb man die russischen Soldaten aus Warschau, dann erklärte der polnische Sejm die Dynastie der Romanows für abgesetzt und schließlich führte man allmählich die neue verfassungsrechtliche Ordnung im neuen polnischen Staat ein. Damals wie heute wurden die Veränderungen schnell und schmerzlos im Schutze der Nacht beschlossen.

Doch es musste irgendwann auch zu militärischen Auseinandersetzungen kommen. Dieser Aufstand hat anfangs über 120.000 russische Soldaten gebunden. Immerhin standen über 50.000 Polen unter Waffen. Während des ganzen Aufstandes wurden über 200.000 Polen in die Armee eingezogen, wovon ca. 40.000 ihr Leben für die Freiheit opferten. Bevor die russischen Kohorten sich gesammelt haben, konnte die Polen einige wenige Schlachtfelder als Sieger verlassen. Warschau fiel endgültig im September 1831. Der Aufstand war zu Ende.

Lang lebe Belgien, Tod den „Polacken“

Die meisten europäischen Staaten waren Mitglieder der Heiligen Allianz. Das britische Parlament lehnte den Beitritt ab. Die polnischen Aufständischen versuchten durch intensive diplomatische Aktionen die polnische Seite international als kämpfende Partei anerkennen zu lassen. Sie begründeten dieses Vorgehen mit den Bestimmungen des Wiener Kongresses, welches auch ihnen bestimmte Rechte einräumte, gegen die die Zaren von Russland verstoßen haben. Eine Anerkennung würde jedoch bedeuten, dass man sich nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen die Heilige Allianz entscheiden müsste.

Russland erwies sich jedoch auch hierbei als stärkeres Glied und konnte mit präziser diplomatischer Vorgehensweise einen unüberwindbaren Druck auf die Vertreter der westeuropäischen Staaten ausüben, sodass diese den Aufstand als innere Angelegenheit Russlands anerkannten. Das führte zu einer vollkommenen Freiheit bezüglich der Art und Weise der Unterdrückung des polnischen Aufschreis nach Freiheit. Der brutale Krieg war dabei erst der Anfang der anti-polnischen Politik der Romanows.

Am Ende spielte man die Freiheit des Einen gegen die Unterdrückung des Anderen aus. Russland, obwohl es offiziell den König der Niederlande unterstützte, akzeptierte das Unabhängigkeitsbestreben Belgiens, sonst hätte man auch dorthin russische Soldaten schicken müssen, welche man nicht hatte. Ein solches Vorgehen könnte zudem zu einem großen Prestigeverlust des russischen Doppelkopfadlers führen, wenn der militärische erfolglos bliebe.

Interessant dabei ist das Tuch auf dem Foto daneben. Übersetzt heißt es „Im Name Gottes für unsere und Eure Freiheit“ So lautete das Motto der polnischen Freiheitskämpfer.

Lediglich der Papst wünschte den Polen alles Gute. Auch was!

Schlusswort

Polen ist hier wieder das Opfer wobei das nicht immer so war. Es gab Zeiten in Polens Geschichte, an die man sich gerne erinnert und insgeheim auch herbeiwünscht. Die polnische Militär- und Staatsgeschichte ist ein Kompendium von imposanten Aufstiegen und außergewöhnlichen Niederlagen. Die polnischen Flügelhusaren sind nur ein Symbol des polnischen Goldenen Zeitalters. Wir Polen tragen in unserer Seele das Gefühl des ewigen Unterdrückten, sofern wir mit Ausländern über unsere Geschichte sprechen. Wenn das Lamentieren sich jedoch zu sehr in die Länge zieht und man nur noch unter sich ist, dann beschwören wir die glorreichen Zeiten der Jagiellonen- und Piastenkönige herbei. Ein Polen, welches sich über ganz Osteuropa erstreckte, ein regionaler Hegemon. Dieses Bild ist in den polnischen Köpfen lebendiger als man es glauben mag. Doch diese Zeiten sind vorbei, die Zeit verflieht, und wir machen aus einem regionalen Hegemon eine Weltmacht und aus schlechter Auslandspolitik eine Verschwörung der Welt gegen das freiheitsliebende Polen. Dieses schwierige Zusammenspiel zwischen dem Opferdasein und dem imperialistischen Erbe haben wir noch immer nicht begriffen. Noch hat niemand in Polen einen Schlüssel für das Problem. Aber ohne Lösung sind wir nur schwer auszuhalten.

Post scriptum

Falls  Du Warschau besuchst oder sogar hier lebst, gibt es ein Museum, welches diese Thematik sehr gut zum Vorschrein bringt. Im Museum der Polnischen Armee (im Ostflügel des Nationalmuseums) sieht man, wie verwirrend die Militärgeschichte Polens sein kann, wenn die Ausstellung von der Hussaria im 17. Jahrhundert in die Ausstellung über die Aufstände im 19. Jahrhundert übergeht.

Auf meiner Unternehmensseite gibt es eine touristische Übersicht über das Museum (hier klicken).

Antoni Administrator
Gründer von MeinWarschau
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur
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Kommentare(1)

  1. Frank Mierzwinski

    Schön geschrieben :))

Kommentare

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