Immobilienmarkt

Mieten, wohnen und Eigentum in Polen

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Polen ist im Vergleich zu Deutschland ein Land mit einer extrem hohen Eigentumsquote. Wohnungen und Häuser sind zumeist in privater Hand, egal ob es eine Wohnung in einer Altstadt, in der Großen Platte oder auf dem Lande ist. In allen Ländern, die östlich des Eisernen Vorhangs lagen, ist die Situation ähnlich (außer in der ehemaligen DDR). Eine solche Sachlage hat nicht nur seine Quelle in dem bis 1990 herrschenden politischen und somit auch wirtschaftlichen System, sondern auch damit nach 1990 zusammenhängende Konsequenzen. Verbinden muss man die Überlegungen mit dem in Osteuropa fehlenden Sozialsystem, welches in westeuropäischen Ländern ungeheure Ausmaße angenommen hat.
Hat jemand nun in beiden Ländern gelebt, so auch ich, der ist sich über die Vor- und Nachteile beider Welten bewußt. Ändern wird man jedoch weder das eine, noch das andere System. Zumindest nicht in diesem Jahrhundert.
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@ Pexels / Pixabay

Eigentumsquoten in Europa

Die Eigentumsquoten in Europa reichen von knapp 95 Prozent in Rumänien bis etwas über 42 Prozent in der Schweiz. Die drei Länder mit den niedrigsten Quoten sind Deutschland, Österreich und eben die Schweiz. In Polen liegt sie bei 87,2 %. Die ehemaligen Ostblockstaaten haben gemeihin die höchsten Eigentumsquoten, weil die bis 1990 unter staatlicher Verwaltung stehenden Wohneinheiten sehr billig an die Bevölkerung verkauft wurden. Auch Polen hatte Erleichterungen eingeführt, um den Wohnraum an die Bevölkerung abzugeben, um auch am Verwaltungsaufwand zu sparen. Lediglich die Ostdeutschen wurden vom westdeutschen Kapital überrant und aufgekauft. Übergeben wurde ihnen so gut wie gar nichts. Und so liegt die Eigentumsquote in der ehemaligen DDR ähnlich niedrig wie in der alten Bundesrepublik.

Eigentum ohne Kredit

Hier wird es spannender. Viele, vor allem Deutsche, glauben, dass die Mehrzahl des Eigentums (egal ob Wohnung oder Haus) in Polen immer noch mit Hypotheken behaftet ist. Das ist jedoch absolut falsch. 72 % der Haushalte in Polen leben in Eigentum, welches schon abbezahlt ist. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es gerade mal 4 %, in Deutschland 26 %, in Österreich 30 %. In Rumänien sind es sogar 95% oder in Ungarn 78%.

Eigentum mit Kredit

Auch hier sieht es ähnlich aus. In Polen leben nur 12 % der Haushalte in Eigentum mit Hypothek. In Deutschland 24 %. In den Niederlanden sogar 60 %.
Mietanteil
Auch wird oft über die extrem hohen Mietpreise in Polen gesprochen. Aber wenn die Mieten so hoch sind, weshalb gehen die Leute dann nicht auf die Straße? Ganz einfach! Weil sie in der Minderheit sind. 12 % der Haushalte sind Mieter. Der höchste Anteil ist in Deutschland mit 53 % und Österreich mit 50 %.

Quantität und Qualität

Natürlich sagen die Eigentumsquoten nichts über die Qualität oder gar die Durchschnittsgröße der Wohnungen aus. In Polen fallen diese im Schnitt wesentlich kleiner aus. Doch was kann man mit dieser Information machen? Es wäre hier interessant herauszufinden, welcher Vorteil überwiegt. Und das wird man, in meinen Augen, nie herausfinden. Man müsste nämlich zwischen dem Nichtzahlen der Miete gegen die Gemütlichkeit einer größeren Wohnung gegeneinander abwiegen. Hierzu müsste man jedoch auch die kulturellen Unterschiede einbeziehen.

Keine soziale Absicherung in Polen

In Polen gibt es bestimmte soziale Transferleistungen, in einigen Fällen auch Sozialhilfe, aber ganzheitlich betrachtet existiert so etwas wie Sozialhilfe nicht wirklich. Wenn man in Polen arbeitslos wird, bekommt der Arbeitslose vom Amt ca. 200€ Arbeitslosenhilfe. NAch 12 Monaten ist Schluss. Mehr gibt es auch erstmal nicht. Wenn man eine Sozialwohnung benötigt, kann es sein, dass man diese erst nach ein paar Jahren bekommt, vorausgesetzt, man braucht sie dann überhaupt noch. Die Ämter arbeiten in dieser Hinsicht alle unabhängig voneinander.

Das führt dazu, dass man sich in Polen auf anderem Wege absichern muss. Ein Wohnungs- oder Hauskauf ist dahingehend der beste Weg, um in Zeiten der höchsten wirtschaftlichen Aktivität Eigentum zu erwerben, um in schlechteren Zeit oder während der Rente sozial nicht ins Abseits gestoßen zu werden. Hat man nämlich erstmal Eigentum, dann übersteht man jede lebensbedrohliche Krise.

Sicherheit ist romantisch.

In Deutschland hat jeder Bürger eine staatliche Garantie, dass wenn es mal im Leben nicht so rund läuft, die Gesellschaft ihn auffängt. Die entsprechenden Ämter werden diesen einen Bürger mit einem definierten sozialen Minimum ausstatten. Dahinter steckt ein faszinierendes System der sozialem Absicherung, von der man in Polen nicht träumt.

Es ist ein Differenzspiel zwischen der Sicherheit und Freiheit. Entweder man begibt sich in die staatliche Obhut und erhält dafür die Exitenzgarantien oder aber man hält den Staat auf Distanz und genießt die Freiheit.

Obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass man beide Existenzphilophien miteinander vereinen kann, handelt es sich hier um mehr als nur eine gesetzlich geregelte Beziehung zwischen Bürger, Gesellschaft und Staat. Dieses Beziehungsdreieck resultiert nämlich aus der Erfahrung der Geschichte und den kulturellen Einflüssen des jeweiligen Landes.

Letzten Endes führt diese spürbare Sicherheit in Deutschland ebenfalls dazu, dass ein Wohnungs- oder Hauskauf nicht die höchste Priorität genießt. In Polen IST das Eigentum die soziale Absicherung.

Fazit

Seit ich mir meiner Person bewusst bin, höre ich die Diskussionen über das „bessere System“. In Deutschland dies, in Polen das… Es sind Gespräche, bei denen die Diskutierenden allen ernstens glauben, dass sie ihr Gegenüber überzeugen können. Derweilen sind das doch alles nur Zustände, die man allerhöchsten aus reiner Neugier beschreiben kann. Ich kann denjenigen, die es betrifft,, wirklich nur raten, vorsichtig zu sein mit der Überheblichkeit, mit welcher sie „ihr System“ preisen und hervorheben. Jedes Land durchlebt nicht die gleiche Geschichte und verfolgt zudem auch nicht dasselbe Ziel. Die oben genannten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache und die Symptome muss man der entsprechenden Krankheit zuordnen, andernfalls verschreibt man die falschen Tabletten. Wenn es also keine Gleichzeitigkeit der Geschichte gibt, gibt es demzufolge auch keine Geschichtsphilophie, die es zu erwarten gibt.

Antoni Administrator
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Warschauer Touristikunternehmens Walking Warsaw (walkingwarsaw.com / stadtfuehrer-warschau.com), lizenzierter Stadtführer, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen/Deutschland)
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