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Coronavirus in Warschau. Business as usual?

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Am 4. März wurde in Polen der erste bestätigte Fall einer Ansteckung mit dem Wuhan-Coronavirus bestätigt. Er kam aus Deutschland, aus Nordrhein-Westfalen, wo vorab fröhlich Karneval gefeiert wurde und wo auch sehr viele Fälle einer Erkrankung registriert wurden. Der Gesundheitsminister versicherte im Fernsehen, dass der Virus auch Polen mit voller Wucht treffen würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Somit kam die Nachricht einer Erkrankung in Warschau nicht unerwartet. Die erste Erkrankung ist nun genau eine Woche her. Heute wurde bekannt gegeben, dass Schulen, Universitäten, aber Kinos, Museen und andere kulturelle Einrichtungen geschlossen bleiben. Doch die Warschauer sind noch ruhig, business as usual, noch. In der Metro hörte ich einen Kommentar, vielleicht eines Büchereibesitzers, der hoffte, dass „die Polen nun vielleicht aus Langeweile mehr Bücher lesen werden?“. Das glaube ich nicht, aber glauben ist hier sowieso nicht mehr In.

Registrierte Coronavirus-Fälle in Warschau | Stand: 11. März

Mit Datum von heute lagen 63 Personen unter Quarantäne, 1155 Menschen unterlagen einer speziellen sanitären Kontrolle und 34 werden im Krankenhaus untersucht. Derzeit gibt es 4 bestätigte Fälle einer Ansteckung. Eine dieser Personen befand sich vorab im Wolkenkratzer Spektrum Tower, welcher anschließend ozonisiert wurde. Die angesteckte Frau war eine Mitarbeiterin der Agentur Frontex. Sie hielt sich vorab in Deutschland auf. Am selben Tag wurde der Virus bei einem jungen Mann festgestellt, der mit dem Flugzeug aus Italien kam. Ein weiterer Patient ist General Jaroslaw Mika, welcher vorab auf einem Beratungstreffen in Deutschland war. Heute wurde schließlich der vierte Fall bekannt.

In Polen sind derzeit 27 Fälle registriert.

Das öffentliche Leben wird lahmgelegt

Die Staatsregierung hat entschieden alle öffentlichen wie privaten Schulen und andere Bildungseinrichtungen bis zum 25. März 2020 zu schließen. Am Donnerstag und Freitag kann man sein Kind in der Schule abgeben, wenn man es nicht geschafft hatte es anderweitig unterzubringen. Die Universität Warschau, die Medzinische Universität sowie weitere Hochschuleinrichtungen haben ihre Pforten schon gestern geschlossen. Die Universität Warschau bleibt sogar bis zum 14. April zu. Insgesamt studieren in Warschau etwas mehr als 350 000 Studenten, betroffen 57 Hochschuleinrichtungen.

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Zusätzlich wurde die Schließung aller Kinos, Theater, Opern und Filharmonien im ganzen Land angeordnet. Dahingehend scheint es merkwürdig, dass die erste Etappe des Internationalen Chopin-Wettbewerbs im April noch nicht abgesagt wurde.

Desinfektion des öffentlichen Nahverkehrs

Die Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs in Polens Hauptstadt sind angewiesen alle diejenigen Stellen in Bussen, Straßenbahnen und U-Bahnen mit Desinfektionsmitteln zu säubern. Seien es die Touch-Screen der Ticketsautomaten oder die Knöpfe zum öffnen der Türen.

Von Panik noch keine Spur

Von einer Panik kann man in Warschau noch nicht sprechen, obwohl es manchmal den umgekehrten Anschein hat. Im Supermarkt in der Innenstadt, den ich heute betreten habe, fehlten vor allem Produkte wie Reis und Nudeln. Die Kassiererin stellte fest, dass heute außergewöhnlich viele Menschen einkaufen, allerdings kaufen sie nicht wesentlich mehr. Mit einem Lächeln ergänzte sie, dass sie froh ist ab morgen ihren Urlaub beginnen zu können. Sie wollte nicht sagen, wohin es gehen wird. Höchstwahrscheinlich wird es das eigene Wohnzimmer sein. In den äußeren Stadtvierteln wie Zoliborz oder Mokotow ist es wesentlich ruhiger. Man sieht gelegentlich vollbepackte Menschen, die vor Erschöpfung ständig pausieren müssen. Doch davon abgesehen sind die Regale voll und das Angebot ausreichend.

Seitdem jedoch der Gesundheitsminister und alle Medien so viel über Hygiene sprechen, fehlt es an Hygienemitteln. Vor allem das leere Seifenregal bei Rossmann hat mich schon etwas gewundert. In Polen wusch sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung nach dem Toilettenbesuch nicht die Hände. Jetzt öffnen alle die Tür mit dem Ellenbogen. Hoffentlich behalten die Leute diese Angewohnheit in Zukunft bei.

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Die allgemeine Stimmung in Warschau insgesamt noch ziemlich gelassen. Kaum jemand trägt eine Schutzmaske. Entweder es gibt keine oder aber man hat verstanden, dass diese Masken gesunden Menschen keinen zusätzlichen Schutz bieten. Die Telefongespräche handeln oft vom Coronavirus in Warschau, Polen und der ganzen Welt, doch auch hier muss ich dann öfters weghören, weil es zu privat wird. Nach der heutigen Entscheidung die Schulen und kulturelle Einrichtungen zu schließen gab es vorerst keinen Aufschrei.

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Ein leeres Hygieneregal bei Rossmann

Die spezifische Gesellschaftsstruktur

Die Arbeitslosenquote in Warschau liegt derzeit bei 1,5 Prozent. Arbeitslose gibt es hier also keine. Der Großteil der arbeitenden Personen verbringt den Tag zudem in einem Büro. Fabriken gibt es in Warschau ebenfalls so gut wie keine. Zusammen mit den Studenten und Schülern sieht man auf den Warschauer Straßen vor allem diese Gruppen in Einkaufsmalls, Restaurants, Cafés und Läden in der Innenstadt. Die Rentner haben eine so geringe Kaufkraft, dass sie weder Urlaub machen noch genügend finanzielle Mittel haben, um auch mal einfach einen Kaffee in einem Café zu trinken. Da die Älteren zu einer Risikogruppe gehören, hat es natürlich Vorteile, dass sie in Warschau nicht unbedingt sichtbar sind.

Zudem ist die Verbindung Warschaus mit der Welt wesentlich überschaubarer als in anderen Städten wie Berlin, Paris oder London. Man wird es merken, sobald die Touristen beginnen werden die Stadt zu meiden. Dann kann es in Warschau ziemlich leer werden, bevor strengere Maßnahmen getroffen werden.

Auswirkung auf den Tourismus

Als lizenzierter Stadtführer und Betreiber des Reisebüros Walking Poland merke ich den heftigen Rückgang von Einnahmen aus den Stadtführungen und anderen Dienstleistungen, die damit im Zusammenhang stehen. Einige Firmen und Stadtführer sind finanziell abgesichert und können das Geschäft für eine gewiße ruhen lassen. Doch man hört von einigen anderen, die jeden Tag unzählige Absagen der geplanten Reiseleitungen, Stadtführungen oder Museumsbesichtigungen erhalten und bangen müssen, wie sie es über die Runden schaffen. Man muss dabei bedenken, dass es in Polen so gut wie keine soziale Absicherung gibt. Der Staat stellt für Kleinunternehmer vorerst keine finanzielle Unterstützung zur Verfügung. Es gibt auch keine Definition über das soziale Minimum. Ein Recht auf ein solches ist hier unbekannt. Der Virus kann im Sommer zurückgehen, kann aber auch nicht. Wer sich finanziell vorab nichts zur Seite gelegt hat, dem kann nur noch ein reicher Freundeskreis, ein reicher Onkel oder Gott helfen.

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Reaktion der Ausländer

Das Warschauer Statistikamt führt keine offiziellen Statistiken über die Anzahl der in Warschau verweilenden Ausländer. Offiziell sind es ca. 4800, inoffiziell knapp 160 – 220 Tausend. Einige Ukrainer erzählten mir, dass sie nun erstmal nach Hause fahren werden und die Zeit dort absitzen wollen. Wieviele auf eine gleiche Idee gekommen sind, ist nicht feststellbar. Anders ist es mit Immigranten aus Indien, Indonesien, Bangladesh, Nepal oder Turkmenistan, da deren Zuhause wesentlich weiter ist. Zum anderen vertrauen sie dem polnischen Gesundheitssystem mehr als dem in ihren Heimatländern. Es bleibt aber auch die Frage, was mit Warschaus Wirtschaft geschieht, wenn tausende Arbeitskräfte die Stadt verlassen. Feststellen wird man es erst in ein paar Wochen.

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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