Autoverkehr

Polski Fiat 126p. (Ein) Symbol der Volksrepublik Polen

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Es ist sicherlich das kultigste polnische Auto aus der Zeit des Sozrealismus. Der Polski Fiat 126p sollte die Welt erobern. Der Startschuß erfolgte am 6. Juni 1973. Leider wurde es mit der Weltherrschaft nichts! Dennoch ist es bis heute Symbol der Volksrepublik Polen, mit ihren offensichtlich schlechten wie auch guten Seiten. Das letzte Modell ging am 22. September 2000 vom Band. In Polen produzierte man 3 318 674 Stück. 

Fiat? Polski?

Das Unternehmen Polski Fiat S.A. (Spolka Akcyjna = Aktiengesellschaft) wurde schon 1920 gegründet, also kurz nach der Gründung der 2. Republik Polen. Anfangs sollte sich das Unternehmen mit dem Verkauf der Automobile beschäftigen. 1931 wurde schließlich ein Vertrag zwischen der polnischen Regierung und Fiat unterzeichnet, der es erlaubte, dass eigene Modelle hergestellt werden. Die Produktionsstätte befand sich in Warschau in den Staatlichen Ingenieurswerken (Panstwowe Zaklady Inzynierii, PZInz) in der Terespolska-Straße. 1939 wird die Fabrik bombardiert und zerstört, das Unternehmen hörte auf zu existieren.

In den sechziger Jahren erneuerte Fiat und die nun kommunistische Regierung den ursprünglichen Vertrag. 1967 gingen die ersten Modelle des Polski Fiat 125p vom Band. Der 126p war das zweite Lizenzauto aus der Serie. Die ersten Exemplare wurden am 6. Juni 1973 montiert. Der offizielle Produktionsbeginn ist jedoch der 22. Juli 1973, der Tag, an welchem die Volksrepublik Polen mit der Verfassung von 1952 gegründet wurde.

Die österreichische Firma Steyr-Daimler-Puch produzierte von 1973 bis 1975 eine eigene Version des Fiats 126.

Polski Fiat als Marke hörte 1994 auf zu existieren.

Polnisch-italienisches Design

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Polski Fiat 126p von My Warsaw Dream

Der Centoventisei der Fabrica Italiana Automobili Torino, kurz Fiat 126, ist ein italienisches Auto. Davon abgeleitet ist die polnische Lizenzversion. An der Autoform haben italienische wie polnische Designer und Konstrukteure gearbeitet. In Polen wurden 3 318 674, in Italien 1 352 912 und in Österreich 2069 Stück produziert. Obwohl es ein Ostblockauto war, durfte es in der DDR nicht verkauft werden. Bekanntheit erlangte der Polski Fiat vor allem nach 1990 mit der Öffnung der Grenzen. Viele Polen machten sich mit dem „Maluch“, wie man ihn nannte, auf in den Westen. Mit knapp 25 PS mochte die Strecke schon etwas dauern, allerdings musste man damals sowieso an der Grenze warten.  Auf den polnischen Straßen war dieses Modell noch bis weit in die neunziger ein gewohntes Bild. Heute ist das Auto nahezu vollständig vom Stadtbild verschwunden. Man wird dann schon eher das Nachfolgermodell Fiat Cinquecento sehen.

In guten wie in schlechten Zeiten

Der Maluch ist mittlerweile zu einem Retro-Fahrzeug geworden. Niemand in Polen, der bei Verstand ist, würde ernsthaft noch mit einem solchen Fahrzeug fahren, geschweige denn reisen. Die Chance bei einem Unfall zu überleben ist äußerst gering. Auf der anderen Seite ist das Auto mit seinen knapp 25 PS kaum in der Lage auf hohe Geschwindigkeiten zu kommen. Doch auch bei einem Zusammenstoß mit einem Fahrrad wirkt der Polski Fiat chancenlos. Der Motor dieses Bambinos, wie man in Deutschland auch nennt, befindet sich hinten, vorne sind die Füße in der Nähe der Lichter. Der Sound des Autos lässt sich nicht anders als „Maluch-Geräusch“ beschreiben, eine Mischung aus einem Mini-Traktor und einem Motorrad der siebziger Jahre.

Immer weniger Menschen in Polen wissen, was es bedeutete mit fünf Personen, oder auch manchmal mehr, in einem Maluch nach Hause zu fahren. Fast jeder über dreißigjährige hat eine Geschichte zu erzählen, die mit dem Maluch verlinkt ist. Dahinter steckt noch viel Nostalgie und sehr viele Erinnerungen, als Polen noch an die Volksrepublik, auf Polnisch PRL, erinnerte. Denn das ist der Maluch, ein Symbol einer Zeit, die bis heute noch zahlreiche Diskussionen hervorruft. Jeder konnte sich damals so ein Auto leisten. Man musste nur manchmal auch zehn Jahre darauf warten.

Der Maluch ist dann auch tatsächlich ein Sinnbild des Sozrealistischen Staates zwischen 1952 und 1990. Auf der einen Seite kann sich jeder ein Fahrzeug leisten. Jeder glaubt, dass damit ein zivilisatorischer Sprung nach vorne gemacht wird. Schließlich stellen alle mit Entsetzen fest, dass „die anderen“ darüber nachdenken Elektroautos einzuführen. Aber der Maluch war doch ein Auto für alle, oder nicht?


Beitragsbild: Polski Fiat 126p von Konrad Krajewski [CC BY-NC 2.0]

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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