Feiertage

Weihnachten in Polen – das steckt dahinter

weihnachtsessen-polen

Weihnachten ist in Polen neben Ostern und Allerheiligen das wichtigste Glaubensfest des Jahres. Diese drei Glaubensbekenntnisse sagen ungeheuer viel über die Traditionen, das Erbe und die Weltanschauung der polnischen Gesellschaft. Sehr stark sieht man das eben an Weihnachten, was wir vielleicht der Kälte und den relativ kurzen Tagen zu verdanken haben. Die romantische polnische Seele sehnt sich nach Ausdruck und Anerkennung und ist in dieser Zeit vielleicht deswegen aktiver.

Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen und etwas über die polnische Weihnacht erzählen. Die Vorbereitungen finden an Heiligabend ihren Abschluß und genau darüber ist der Beitrag. Was kommt auf den Tisch? Wann steht man auf? Wie sehen die Vorbereitungen aus? Vielleicht die Fragen aller Fragen: was machen die Polen da eigentlich den ganzen Tag? Das ähnelt den versteckten Beobachtungen der Skiwelt während der Malysz-Ära, als alle wissen wollten, was das Geheimnis seiner Dominanz war.

Regionale Unterschiede

Wie viele wissen, sind die Polen die zweitgrößte ethnische Gruppe in Deutschland. Meine Familie ist 1989 nach Deutschland ausgewandert und lebt mittlerweile in Europa verstreut. Jeder geht seinen eigenen Weg. Doch an Weihnachten ist seit jeher alles stets immer dasselbe.

Iweihnachtsbaumkugelch möchte zum einen keinen Anspruch erheben, dass unsere Variante von Weihnachten die einzige ist, wobei viele Elemente polenweit genauso aussehen. Auf der anderen Seite will ich kein allgemeines Bild darstellen, sondern ein ganz bestimmtes. Polen ist ein Land mit zahlreichen überregionalen, regionalen und lokalen Traditionen und jede polnische Mama ist an dem Tag der Chef im Haus. Die Mamas sind meistens auch diejenigen, die die Traditionen am Leben erhalten. Die Väter sind vor allem zuständig für den Weihnachtsbaum und die Kinder helfen überall aus. An diesem Tag scheint jeder zu wissen, was seine Aufgabe ist. An diesem einem Tag im Jahr scheint die Produktivität der Polen jede Norm zu überschreiten.

Bei mir zuhause bereitet meine Mutter die Mahlzeiten nach (Ober)-Schlesischer Tradition vor, jedoch gibt mein Vater seinen Senf dazu. Es stoßen schlesische und Krakauer Sichtweisen aufeinander. Sogar in Warschau gibt es große Unterschiede und auch immer mehr Menschen, die an diesen Tagen überhaupt kein Weihnachten feiern, weil sie einer anderen oder keiner Religionsgemeinschaft angehören. Auch dahingehend gibt es in den letzten Jahren große Veränderungen.

Lesen Sie auch:
Allerheiligen? Ab nach Warschau

Morgenstund hat Gold im Mund

An Heiligabend geht das Gerücht um, dass alles, was man an diesem Tag macht, das ganze Jahr hindurch so gemacht wird. Wenn man um 11 Uhr aufsteht, wird es quasi äußerst schwierig sein in den nächsten 365 Tagen vor dieser Uhrzeit in den Tag zu schreiten. Daher klingelt an diesem Tag in vielen Häusern der Wecker relativ früh. Meine Theorie geht dahin, dass die Mütter wissen, dass viel zu tun ist und je früher man anfängt, desto besser für alle. Also – 7 Uhr aufstehen, damit es auch nächstes Jahr gut läuft.

Frühstücken? Nur im Fastenmodus!

brot-mit-butter
An diesem Tag am besten nur Brot mit Butter | Ralf  [CC BY-NC-ND 2.0]

Den ganzen Tag lang bis zum wichtigsten Ereignis des Tages – des Abendmahles – darf man zwar etwas essen, doch müssen sich alle an den Fastenmodus halten. Kein Fleisch, keine Süßigkeiten und nur so viel, um nicht in Ohmacht zu fallen. Man kann sich also vorstellen, warum die Küche an diesem Tag der meistbesuchte Raum des Hauses ist. Nicht nur, weil bei den Vorbereitungen geholfen werden muss, sondern weil man, vielleicht, wenn die Mama gerade nicht guckt, hier und da etwas verkosten kann. Süßigkeiten bekommt man erst nach dem Abendmahl. Fleisch hingegen erst am nächsten Tag. Viele gehen deswegen gerne zur Mitternachtsmesse, nach welcher ruhigen Gewissens im Kühlschrank nach der kielbasa ausschau gehalten werden kann.

Die Vorbereitungen

Genau hier fangen polnische Weihnachten für viele erst an, weil es sich ums Essen dreht. Etwas anders sehen es natürlich die, die aufräumen müssen. Sie merken: das Essen ist Dreh- und Angelpunkt dieses Tages. Bei uns zu Hause sollen es am Abend nach Möglichkeit 12 Speisen werden, also so viele wie es Apostel gab. Von jeder Speise muss man probieren, weshalb man anfangs nicht übertreiben sollte. Da die Gesamtfläche der polnischen Tische grundsätzlich zu 99 Prozent mit Essen zugedeckt werden, fallen die Einkäufe an diesen Tagen auch entsprechend üppig aus.

Der Tannenbaum

weihnachtsbaum
Geschmückter Tannenbaum

Der Weihnachtsbaum ist, wer es noch nicht weiß, zwar keine deutsche Erfindung, trat jedoch von hier seinen Siegeszug an und wird nun auf allen Kontinenten aufgestellt. Ein Weihnachtsbaum darf natürlich auch in polnischen Häusern nicht fehlen, obwohl der Weg in polnische Wohnzimmer nicht immer einfach war. In Häusern nd Wohnungen der Großstädter regiert zum Teil eine Tannenbaum-Mode. Auf dem Lande werden die Bäume mit allem geschmückt, was man hat. Es kommen dann auch Äpfel, Süßigkeiten und Kekse auf die Zweige. Über die eine oder andere Mode macht man sich hier weniger Gedanken. Das wichtigste ist doch, dass die Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen können.

Lesen Sie auch:
Traurige Totenstatistik an Allerheiligen 2016

Mahlzeiten

  1. Rote-Bete-Suppe mit kleinen Teigtaschen, die man auch „Öhrchen“ nennt. Gefüllt sind diese mit gemixten Zwiebeln und Pilzen
  2. Pilzsuppe
  3. Kartoffeln
  4. Karpfen – mancherorts sieht man schon mal einen Karpfen-Ersatz (lies: Lachs oder Zander)
  5. Gesalzene Heringe eingelegt in Sahne
  6. Sauerkraut mit Erbsen (gekocht)
  7. Schlesischer Mohn – Mohn mit Mandeln, Rosinen, Walnüsse, Orangen-Schale, Honig, Butter
  8. Polnischer Mohn – Mohn mit Nudeln
  9. Kompott aus getrocknetem Obst (u.a. Pflaumen, Apfel, Birne)

Diese Gerichte findet man während des restlichen Jahres nicht oft auf polnischen Tischen. In unserem Fall stehen nur die Kartoffeln öfters auf dem Speiseplan. Die Pilzsuppe wird seltener, aber schon ein bis zwei Mal pro Monat gemacht. Die restlichen Leckereien sehe ich persönlich nur an Weihnachten. Zwölf Gerichte sollten es ja am Ende idealerweise sein. Aber eben auch die Kartoffeln zählen dazu. Manches im Menü zählt man auch getrennt, wie z.B. die Rote-Beete-Suppe und die Öhrchen.

teigtaschen-weihnachten-polen
Die kleinen Öhrchen, die in die Rote-Bete-Suppe kommen © MW

Der Teller für den unerwarteten Gast

Es ist äußerst wichtig, dass auf jedem polnischen Tisch an Heiligabend ein Teller für einen unerwarteten Gast bereitsteht. In heutigen Zeiten der massenhaften Flüchtlingsbewegungen hat dies eine umso wichtigere Bedeutung. Ich will hier jetzt nicht unbedingt eine laute Diskussion hervorrufen, doch ist es etwas, worüber man nachdenken kann.

Was sonst noch auf den Tisch kommt

Das war noch nicht alles. Damit es auch nächstes Jahr auch wieder gut oder besser wird, legt man noch folgendes auf den Tisch:

  1. ein Kreuz (ist ja klar)
  2. ein Gebetsbuch
  3. ein Portemonaie – damit es in dieser Hinsicht an nichts mangelt. Natürlich muss in der Geldbörse auch Bares drin sein. Ob hier auch die Kredtkarte ausreicht?
  4. Butter
  5. eine Scheibe Brot
  6. Wurstwaren – ein polnisches Haus ohne Wurst im Kühlschrank ist wie ein Parlament ohne einer linken Partei – ist das in Polen nicht der Fall?
  7. eine Christkindfigur liegend im Heu

Wenn der Karpfen zubereitet wird und man die Schuppen abkratzt, legt man diese oft zur Seite, trocknet sie und verteilt sie an alle. Wenn man diese in Geldbörsen und Spardosen aufbewahrt, dann werden jene nicht leer sein. Bei mir klappt es soweit ganz gut.

Oblaten

Bevor man das Gebet spricht, teilt man miteinander noch die Oblaten. Jeder bekommt ein Stück und teilt es mit jedem am Tisch. Für jeden Wunsch, den man an sein Gegenüber richtet, bricht sich der Empfänger ein Stückchen ab und nimmt es zu sich. Die Oblate ist ein Symbol für Vergebung und Einigung, ein Zeichen der Freundschaft und Liebe. Wenn Menschen miteinander dieses symbolträchtige Gebäck, welches aus weissem Mehl und Wasser besteht, teilen, bekunden sie damit die Lust zusammen zu sein. Für mich persönlich ist es eine der schönsten Traditionen.

Lesen Sie auch:
Das religiöse Leben der Polen

Beten, Essen und Geschenke

Anschließend spricht man ein Gebet, dankt Gott für die Gaben und beginnt mit der Mahlzeit.

Wie ich oben schon gesagt habe, muss man von allem zumindest etwas probieren. Wenn man dann noch dazu in der Lage ist, steht nichts im Wege mehr zu verkosten. Man sollte auch während der ganzen Mahlzeit den Tisch nicht verlassen, sei es um das Geschirr in die Küche zu bringen oder um das Telefon abzuheben.

Zu guter letzt gibt es ja noch die Geschenke! Wer bringt diese? Bei uns zu Hause ist es das Christkind. Die Kinder werden dafür in ein Nebenzimmer gelockt und wenn sie das Läuten der Glöckchen hören, heisst es, dass sie zurück kommen sollen zum Weihnachtsbaum und – siehe da – die Geschenke liegen bereit. Das Christkind hat nebenbei auch die Kekse und die Milch an der Eingangstür genußvoll „verputzt“.

Keine Wurst bis Mitternacht

Mit den Regeln ist hiermit jedoch noch lange nicht Schluß. Man darf nämlich bis zur Mitternachtsmesse, wie oben schon erwähnt, keine Wurstwaren zu sich nehmen.

Und dann? Na dann heißt es zurücklehnen, essen, trinken, zurücklehnen, essen, trinken, kurz aufstehen, essen, reden, fernsehen, essen, trinken……….usw…….usw…….

Schlußwort

Feiertage, der Glaube, Nächstenliebe, Religionen, …….. das sind sicherlich alles schwierige Themen. Am Ende geht es jedoch nur um eines – Zusammenhalt und Erholung. Stellen Sie sich eine Welt vor ohne Feiertage! Heutzutage sind alles ständig und überall unterwegs, sodass man manchmal gar keine Zeit hat, um seine engsten Verwandten zu besuchen. Solche Tage zwingen die Menschen auch etwas um Mensch zu bleiben.

Insoweit wünschen ich allen Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins nächste Jahr 2020.

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
Folgen Sie mir:
×
Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
Letzten Beiträge
  • coronavirus-polen
  • jesus-kirche-polen
  • coronavirus-warschau
  • computer-spiele-aus-polen

Kommentare(5)

  1. Bei uns in der Familie duertfe nie eine gebluemte Tischdecke auf den Tisch zum Heiligabend. Nur weiss, bzw. wenn Farbe, dann nur einfarbig. Und zum ersten Mal hoere ich von Wurstwaren auf dem Tisch am Heiligabend, da wird doch den ganzen Tag gefastet… Bei uns gibt es noch Karpfen gebraten, Karpfen auf juedische Art, Gemuesesalat, ćwikła (rote Beete mit Meerrettich zubereitet, pierogi mit einer Fuellung aus getrockneten Pilzen , Sauerkraut und angeroesteten Zwiebeln, „kisiel“ (so’ne dickfluessige Nachspeise aus Moosbeeren) und anstatt der Nudeln mit Mohn „kutia“ – meine Mutter stammt aus der Gegend um Vilnius. Bei einigen Familien gibt es auch „żur“ (Suppe aus sauer eingelegtem Mehl). Und man schafft es meistens nie, das alles zu essen. Ach so und Mohnrolle ist ein Muss.

    • Zum Thema Wurstwaren auf dem Tisch: es ist im Text etwas unglücklich formuliert. Gemeint war eigentlich nur, dass man es auf den Tisch legt, aber nicht isst, damit man im nächsten Jahr genügend davon hat 🙂 Gefastet wird tatsächlich bis zum Abendessen und Wurst oder Schinken dürfen wir erst nach der Mitternachtsmesse essen.

  2. Das habe ich letzte Woche erst in meinem polnisch-Sprachkurs gelernt!
    Wesolch Swiat Bozego Narodzenia i szscesliwego Nowego Roku!

    Übrigens habe ich Deinen Blog mal in meinem aktuellen Beitrag verlinkt:
    https://goldeneslichtimzimmer.wordpress.com/2016/12/27/all-stars-top-10-der-meistgelesenen-artikel/

    Viele Grüße!

Kommentare

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Share via
Send this to a friend