Das Fürstentum Masowien mit der Hauptstadt Warschau stand bis 1526 unter der Lehnshoheit des Königreiches Polen, genoß allerdings eine staatliche Eigenständigkeit. Von 1526 bis 1529 erfolgte die Inkorporation ins Königreich und die Umwandlung in eine Wojewodschaft. Das stellt einen entscheidenden Moment für die ganze Region und insbesondere für Warschaus als Hauptstadt Polens dar. Da sich das Ereignis bald zum 500. Mal jährt, will ich euch diese Geschichte nicht vorenthalten.
Inhalt
Dynastische Hintergründe
Das Fürstentum Masowien wurde seit dem Ende des 10. Jahrhundert von der Dynastie der Piasten regiert. Diese Dynastie wurde 1370 auf dem polnischen Thron durch die Jagiellonen abgelöst, konnte aber in einigen Regionen – darunter Masowien – als Nebenlinie weiterregieren.
Masowien selbst teilte sich in der Zeit vom 10. bis zum 14. Jahrhundert in mehrere Teilfürstentümer auf. Es kristallisierten sich drei Hauptgebiete heraus:
- Fürstentum Czersk mit der Hauptstadt in Czersk, ab 1495 Fürstentum Masowien mit der Hauptstadt Warschau
- Fürstentum Plock mit der Hauptstadt in Plock
- Fürstentum Rawa mit Rawa Mazowiecka als Hauptstadt
Sobald eine Fürstenlinie ausstarb, fiel das jeweilige Gebiet an die Krone (Königreich Polen. So ist es 1462 mit dem Fürstentum Rawa und 1495 mit dem Fürstentum Plock geschehen. 1526 erfolgte der letzte Akt des Dramas mit dem Fürstentum Masowien.
Die letzten Piasten von Masowien
Die Übergänge der Fürstentümer konnten nicht in einem größeren Drama erfolgen. Shakespeare hätte sich keine bessere Geschichte einfallen lassen können.
Der erste Akt erfolgte 1462 mit dem Tod gleich zweier noch nicht vollähriger Fürsten von Rawa, Siemowit VI. und Wladyslaw II. Der zweite Akt erfolgte 1495 mit dem Tod des kinderlosen Fürsten von Plock Janusz II. Übrig blieb nur noch das Fürstentum Masowien. Auch hier blieben die Fürsten der Tradition treu und starben jung, unerwartet und nahezu zeitgleich. Zunächst geht 1524 Stanislaw im Alter von 24 Jahren von dieser Welt. Sein Bruder Janusz III. folgt im nur zwei Jahre später, auch im Alter von 24 Jahren.
Diese plötzlichen Tode führen zu zahlreichen Spekulationen. Bei den letzten Fürsten von Masowien wird sogar die Königin Bona Sforza, Gemahlin des Jagiellonenkönigs Zygmunt Stary (der Alte), der Vergiftung beschuldigt. Angeblich wollte sie ihren Sohn und zukünftigen König von Polen Zygmunt August zum Fürsten von Masowien ernennen.
Während der Rekonstruktion der Johanneskathedrale, wo beide Fürsten beigelegt wurden, fand man unter der Grabplatte die eingemauerten Knochenreste der Herrscher. Die untersuchten Proben wiesen kein Arsen auf. Eine Vergiftung kann jedoch nie gänzlich ausgeschlossen werden.

Der König ante portas
Am 10. März 1526 erreichte den König von Polen und Großfürsten von Litauen Zygmunt I. Stary die Nachricht vom Tod des letzten masowischen Fürsten. Zu dieser Zeit befand er sich in Pommern, wo er reformatorische Bewegungen in preußischen Städten unterdrückte. Die allgemeine politische Lage im Königreich war sehr angespannt. Das Herzogtum Preußen (Lehen des Königreiches Polen bis 1655) war nämlich ein Jahr zuvor als erster protestantischer Staat entstanden, doch ein weiterer Teil des ehemaligen Deutschen Ritterordens wurde als Königliches Preußen dem Königreich Polen direkt unterstellt. Die Übergangsphase war weiterhin in Gange.
Nun bestand die Gefahr, dass der masowische Adel die jahrhundertealte Autonomie verteidigen und sich gegen die Krone stellen könnte. Es kursierten zudem Gerüchte über Heiratspläne zwischen dem Bruder von Albrecht von Preußen, dem letzten Hochmeister des Deutschen Ordens und zugleich dem ersten Herzog des Herzogtums Preußen, und Anna Mazowiecka, der Schwester der verstorbenen Fürsten von Masowien.
Mit der Zeit schaltete sich auch das Habsburgerreich ein und bot dem masowischen Adel an Teil des Deutschen Reiches ohne Lehnverpflichtung zu werden.
Der König wollte eine militärische Auseinandersetzung vermeiden. Zwei Konfliktherde zugleich wollte der König nicht zulassen, weil sich dann gewaltige Flüchtlingsmassen in die Nachbarregionen aufmachen.
In dieser angespannten Atmosphöre versammelte sich Ende April 1526 in Warschau der Sejmik von Masowien, um einen Ausweg zu finden. Der König schlug sein Lager Anfang August 1526 in Sochaczew auf und wartete auf eine zufriedenstellende Abmachung.

Die Verhandlungen
In der Zeit von April bis Ende August wurde diskutiert und verhandelt. Die Positionen konnten verschiedener nicht sein. Der Kleinadel war für die Inkorporation, weil er sich dadurch mehr Rechte versprach. Die Großgrundbesitzer und Würdenträger wollten die Autonomie und so ihre führende Rolle im Fürstentum bewahren. Auch die Abgesandten des Königs, Wawrzyniec Miedzyleski und Mikolaj Rusocki, waren anwesend und vertraten die unmisserständliche Position der Krone. Der König versprach dahingehend, dass der Adel von Masowien mit dem Adel im Königreich rechtlich gleichstellt wird und die Fürstin Anna Mazowiecka ihrer Position entsprechend materiell ausgestattet wird. Anna wurde von den Großgrundbesitzern als Pokerkarte eingesetzt worden, doch wussten alle insgeheim, dass sie so gut wie keine Chance auf eine Übernahme der Regierungsgeschäfte hatte. Eine weibliche Thronfolge war schon vorab rechtlich ausgeschlossen worden. Aber versuchen kann man es ja trotzdem.
Das Finale: die Inkorporation
Am 25. August 1526 traf der König mit dem Gefolge in Warschau ein und stieß auf keine Gegenwehr. Er blieb in Warschau bis zum 23. September 1526.
In dieser Zeit wurde zunächst die Beerdigung der Fürsten in der Johanneskathedrale durchgeführt. Am 10. September bestätigte Zygmunt I. Stary eine üppige Ausstattung an Anna Mazowiecka. Sie erhielt so viele Ländereien, dass sie zur reichsten Dame in der Region wurde. Sodann folgte die Hudigung des masowischen Adels. Dieser Akt der Untergebenheit besiegelte den faktischen Anschluß des Fürstentums an das Königreich Polen.
Um den Anschein einer gewißen Selbständigkeit zu wahren, setzte der König zum ersten Mal in Polen einen Vizeregenten ein, der im Namen des Königs walten sollte. Diese Rolle sollte stets der Wojewode übernehmen, der wiederrum vom König ernannt wurde.
Es folgten noch weitere Jahre formeller Akte und Vertragsunterzeichnungen, was auch dazu führt, dass es unzählige Stimmen gibt, die die Inkorporation nicht in das Jahr 1526, sondern eben 1529 legen. Dazu gibt es gleich noch mehr.
Nachdem alle streitenden und fordernden Parteien besänftigt worden sind, ließ der König in allen Städten Soldaten aufziehen, um die Inbesitznahme für alle sichtbar zu vollziehen. Am 23. September 1526 reist er nach Krakau ab.

Formelle Angliederung
In den Jahren 1527-1529 kam es zwischen dem masowischen Adel und dem Sejm und Senat der Krone zu unzähligen Diskussionen über die konkrete Umsetzung der Eingliederung. Der Adel, vor allem die Großgrundbesitzer, des ehemaligen Fürstentums wollten den Fürstentitel beibehalten und diesen dem Sohn des Königs verleihen. Die Krone wollte das Fürstentum in die Wojewodschaftsstruktur eingliedern. Am 11. Februar 1529 wurde schließlich ein Abkommen getroffen. Masowien wurde zur Wojewodschaft und der Adel dem Adel der Krone gleichgestellt.

Am 27. Dezember 1529 bestätigte der König das Abkommen. Von nun gehörte Masowien endgültig und ganzheitlich zu Polen, bis heute. Die Autonomie und staatliche Eigenständigkeit wurde aufgehoben. Ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Region konnte beginnen. Für Warschau war es ein Meilenstein, ohne dem die Stadt nie zur Hauptstadt des Landes werden konnte. Aber das ist nun eine ganz andere Geschichte.
Quellen
- Irena Gieysztorowa in: Notatki Plockie Nr. 2/90, 1977.







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