Leben in WarschauWirtschaft

Unternehmensgründung in Polen

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In meinem Leben spielte ich zwei Mal ernsthaft mit dem Gedanken eine Firma zu gründen und in die Fußstapfen von Bill Gates & Co. zu treten. Beim ersten Mal war 21 Jahre alt und Universitätsstudent in Bielefeld. Der zweite Anlauf folgte satte 12 Jahre später in Warschau während ich Angestellter in einem internationalen Konzern war. Von beiden Erfahrungen möchte ich erzählen, denn konnten sie nicht verschiedener sein.

Deutschland 2005. Der grobe Plan

Eines muss ich vorab schon sagen. Der größte Unterschied zwischen der Unternehmensgründung in Polen und Deutschland liegt darin, dass ich beim ersten Anlauf in Deutschland das Unternehmen gar nicht gegründet habe oder, wie ich persönlich finde, nicht gründen sollte.
Die Geschäftsidee basierte darauf, dass ich einen mobilen Laden oder Kiosk führen wollte. Mein Auto, ein alter Ford Courier, sollte als Lager für die Ware dienen. Die Kunden würden mich anrufen und bestellen, ich würde ihnen die Ware liefern. Das größte Problem lag darin, dass ich die Ware nicht direkt präsentieren konnte. Lösen wollte ich es mit der Verteilung von Flyern in der Nachbarschaft. Grundsätzlich gab es zahlreiche Hürden, die es galt zu bewältigen. Aber ihr könnt Euch natürlich vorstellen, wie stark die Motivation war, etwas eigenes zu schaffen. Da blendet man zunächst alle Probleme aus.
Gegen einen Preisaufschlag würde ich die Sprittkosten finanzieren und womöglich würde noch etwas übrigbleiben. Es sei angemerkt, dass Benzin damals wesentlich günstiger war. Putin war noch weltweit auf allen politischen Salons anwesend und Greta Thunberg lernte erst sprechen. Wir schreiben das Jahr 2005.
Das war also der grobe Plan. Ich war Student, hatte demnach kein Kapital, allerdings jede Menge Zeit und eine überdimensionierte Motivation. Falls es nicht gelingen sollte, würde ich mich wieder meinem Studium zuwenden.

Die Regulierungssense

Als ich meinem Mitbewohner von dieser Idee erzählte, war dieser ebenfalls von dieser Idee besessen. Wir haben gegrübelt, gerechnet, eine Warenliste gemacht, kaum geschlafen und überlegt, wofür wir die verdienten Millionen ausgeben werden. Wir gingen also ins Bürgeramt. Die Vorfreude war überwältigend und ich hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, welches ich mir selbst nicht zugetraut hätte. Doch dann hatten wir ein Beratungsgespräch mit einer Dame, die sich nicht bewusst war, wie niederschmetternd ihre Aussagen waren. Der studentische Wunschtraum einer persönlichen Initiative wurde von ihr als Lachnummer abgestempelt. Sie fragte uns ernsthaft, ob unsere Idee ernsthaft wäre.  Das schlimmste sollte jedoch erst kommen. Sie schrieb so viele Dokumente auf, die wir nachreichen sollten, die jegliche Schaffungsinvention niederschmetterten. Das einzige, was wir damals hätten verkaufen können, wäre eigentlich nur noch das Auto.

Nach dieser Erfahrung habe ich nie wieder über eine Firmengründung nachgedacht. Mir schien, dass Unternehmen von großem Kapital getragen werden müssen oder von großen Know-How. Dabei wollten wir nur etwas ausprobieren, ein bißchen die Möglichkeit nutzen, dass wir als Studenten keine Verantwortung für andere tragen müssen und somit unzählige Fehler begehen könnten. Auch das schien uns verwehrt. Es kann sein, dass ich mich irre; was jedoch blieb, war ein Trauma, welches die Welt solcher Unternehmungen in eine unerreichbare Matrix verwandeln ließ. In meinem studentischen Umfeld kannte ich auch niemanden, der ein Unternehmen führte. Es schien also der normale Gang der Dinge gewesen zu sein.

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Polen 2013. Der Kontrast

Ihr könnt Euch also vorstellen, wie groß meine Verwunderung war, als ich nach nur einigen Wochen meines Aufenthalts in Warschau feststellen musste, dass gefühlt jeder vierte ein Unternehmer war. Es stellte sich später heraus, dass dieses Gefühl gar nicht so abwägig war. Nahezu 20 Prozent aller in Polen registrierten Firmen waren und sind Einzelunternehmer.

Ich ließ mich im Frühling 2013 endgültig in Warschau nieder und begann meine berufliche Karriere in einem Call-Center. Nach dem 1. juristischen Staatsexamen in Deutschland war das natürlich kein Traumjob, aber dieses Examen half mir in Polen nicht weiter. Schon in dieser Zeit lernte ich die ersten Unternehmer kennen. Es waren die anderen Call-Center-Agenten, die nebenberuflich ein Unternehmen gegründet hatten, um den schlechten Lohn mit außerberuflichen Tätigkeiten etwas aufzustocken. Die Erfahrungen und Ratschläge der Kollegen waren für mich zu einfach, um wahr zu sein. Mir schien, dass das alles nur „Gelaber“ von Menschen ist, die es nicht weit im Leben gebracht haben und sich so ihr Ego aufbauschen. Es war auch sehr interessant, wie sie verbal mit großen Gegensätzen spielten. Das Kleinunternehmen, welches sie führten, behandelten sie wie ein Hobby, aber träumten davon, daraus irgendwann ein zweites Tesla oder SpaceX zu machen. Und obwohl das alles sehr unrealistisch klang, ließ mich der Gedanke nie wirklich los. Schließlich waren das keine komischen Typen und vor allem waren es auch keine Einzelgänger. Ich hatte das Gefühl, dass alle in dieser Matrix sitzen, nur ich bin der einzige Depp, der nicht weiß, wo und wie man hineinkommt.
Das System holte mich schließlich selber ein. Nachdem ich meine Stadtführerlizenz erwarb, kamen die ersten Aufträge rein. Die Auftraggeber hingegen benötigten Rechnungen. Ich brauchte also ein angemeldetes Einzelunternehmen.

Unternehmensgründung in 24 Stunden

Der Schrecken war groß. Nach den Erfahrungen in Deutschland sollte ich nun erneut in ein Bürgeramt, um das Gewerbe anzumelden. Das einzige, was ich in der Hand hatte, war meine Stadtführerlizenz, die Nostrifikation meines Hochschulabschlusses und meinen Arbeitsvertrag im Call-Center.
Ich ging zum Amt und fragte am Informationsschalter, wo ich ein Einzelunternehmen gründen könnte. Die Dame am Fenster lächelte nur, gab mir ein zweiseitig gedrucktes Blatt und bat mich es auszufüllen. Anschließend sollte ich es zurückbringen. Das Ausfüllen dauerte 10 Minuten. Ich ging zum Schalter und übergab ihr das Blatt. Und dann? Ich wartete, bis sie etwas sagte. Aber sie bedankte sich nur und wünschte mir viel Glück mit der ganzen Sache! Das konnte es doch nicht gewesen sein. Keine Dokumente? Kein Business-Plan? Keine Fragen? Ich fragte sie, ob sie denn nicht wissen wolle, womit ich mich beschäftigen werde. Sie meinte nur, dass mein Privatleben sicherlich nicht so interessant sein, dass sie sich dafür interessieren würde.
Am nächsten Tag bekam ich eine E-Mail mit meiner Unternehmensnummer NIP und Regon. Mit diesen Nummern musste ich zur Sozialen Versicherungsanstalt. Da ich aber schon bei meinem Arbeitgeber sozialversichert war, musste ich nur noch die Krankenversicherung verrichten.
Der letzte Akt war dann nur noch die Eröffnung eines Unternehmenskontos bei der Bank. Wie sich jedoch herausstellte, war das gar nicht nötig, weil für Kleinunternehmer das Privatkonto als Unternehmskonto fungieren kann.
Alle diese Informationen musste ich im Zentralregister angeben, was man im Internet machen konnte. Das war es dann auch! Innerhalb von 24 Stunden war mein Unternehmen startklar. Und ich war etwas stutzig. Das kann es doch nicht gewesen sein? Keine Fragen? Niemand wollte auch nur ein Dokument von mir. Oder irgendwelche Lizenzen. Wofür macht man die eigentlich? Natürlich meinte ich es nicht ernst und würde nicht darum kämpfen doch etwas beim Beamten abzugeben. Aber ich hatte noch nicht mal mit einem Beamten gesprochen. Niemand wollte etwas von mir wissen. Das war dann doch etwas eigenartig.

DIe berühmten PKD-Nummern

Noch ein kleiner Zusatz zum unternehmerischen Aufgabenbereich. In Deutschland muss man nämlich angeben, womit sich das Gewerbe beschäftigen wird. In Polen gibt es solche Vorgaben nicht. Stattdessen muss man lediglich an das Statistikamt eine PKD-Nummer schicken. Diese Nummern geben an, womit sich das Unternehmen hauptsächlich beschäftigt. Zusätzlich kann man zehn weitere nachreichen, wenn weitere Tätigkeiten hinzukommen. Ich kann also auf einem Unternehmen Übersetzer, Reiseleiter und Stadtführer sein. Auch kann ich für Werbung und weitere Nebentätigkeiten bezahlt werden. Alles ein Unternehmen und ein Bankkonto.

Selbstverständlichkeiten bei den Unterschieden

Je länger ich in Polen lebe, desto klarer wird mir der Einfluss von verschiedenen historischen Ereignissen. Nicht nur gibt es keine Gleichzeitigkeit in der Geschichte, sondern auch Gleichheit der Erfahrungen. Die polnische Unternehmenswelt ist erst in den 90ern entstanden. Alle damit einhergehenden Konsequenzen leben bis heute fort. Die neue kapitalistische Welt sollte nur so von Freiheit strotzen und jedem die Möglichkeit bieten mit der ganzen Welt in Kontakt zu treten. Der Staat trat zurück und ließ die Leute machen. Auch sind die Institutionen in Polen nicht so sehr etabliert wie in Deutschland. Auch das ist auf jedem Schritt als Einzelunternehmer spürbar.

In Deutschland sind Regulierungen und staatliche Kontrolle viel strenger ausgebaut als in Polen. Daher verwundert auch nicht, dass die Beamtin unsere Träume zerstörte, ohne es zu wissen. Sie tat es, weil die Regulierungen es vorgaben. Der Verwaltungsapparat in Deutschland blickt auf eine ganz andere Geschichte zurück.

Am Ende wird ein System erfolgreicher sein als das andere.

Rechte, Pflichten, Steuern und Abgaben

Ursprünglich wollte ich einen mit Zahlen und Fakten geschmückten Beitrag verfassen, der zukünftigen Auswanderern, die eine neue Firma gründen oder ihr deutsches Unternehmen nach Polen verlegen wollen, zeigen sollte, welche Kosten, Pflichten, Steuerabgaben, aber auch welche Vorteile sie erwarten können. Nun sehe ich, dass ich mit der magischen Marke von 1000 Wörtern längst überschritten habe und das heißt: Komm zum Ende und mach an anderer Stelle weiter. Genau das werde ich tun. Da die Zahlen schon eigentlich alle vorliegen, lasse ich auf den nächsten Beitrag nicht lange warten.

Antoni Administrator
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur
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Antoni Administrator
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Touristikunternehmens Walking Poland Group, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen), Redakteur

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