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Polnischer Sarmatismus: Warum Veränderungen so schmerzhaft sind

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Der Sarmatismus ist in Polens Kultur fest verankert. Obwohl er im 18. Jahrhundert vor allem nach der 3. Polnischen Teilung äußerlich nicht mehr zu erkennen ist, schlägt er in den Herzen weiter. Seit Anfang des 18. Jahrhundert, also nun schon seit über 300 Jahren, befindet sich der Sarmatismus in Bedrängnis, lebt jedoch weiterhin fort, sogar in heutiger Zeit. Er bildet den Dreh- und Angelpunkt über die Analyse der polnischen Aufstände im 19. und 20. Jahrhundert sowie die politischen Maßnahmen angefangen bei der Gründung der 2. Republik Polen 1918, über die Zeit der Solidarnosc 1980 bis 1989 bis hin zu den Gerichtsreformen 2020 zu Zeiten der PiS und der sogenannten totalen Opposition unter Führung ihrer charakterlosen Führer. Es ist eine charakterliche Eigenart der Polen, die man kennen muss, wenn man die Polen verstehen möchte. 

Konservatismus vs. Liberalismus

Stanislaw August Poniatowski

Der Westen Europas weiß über Polens sarmatische Vorfahren so gut wie nichts. Es hört sich für viele an wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Es klingt wie eine erfundene Geschichte, die sehr oberflächig und platt die polnische Geschichte erklären will. Doch es verbirgt sich dahinter ein Kulturkampf der Polen untereinander. Der liberale Flügel in Polen sieht im in uns steckenden Sarmatismus den Grund für die Rückständigkeit der Polen und die Wahl der PiS. Der konservative Flügel hingegen sieht im Weckruf des schlummernden Sarmatismus den einzigen Ausweg aus der Misere, in welcher dieses Land angeblich steckt. Es ist unmöglich beide Lager an einen Tisch zu bringen. Und das nicht zum ersten Mal.

Der erste große Konflikt zwischen beiden Weltanschauungen entlud sich in der Zeit der drei Polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert. Unter der Führung des letzten Königs von Polen Stanislaw August Poniatowski entstand das wichtigste Werk des polnischen Parlamentarismus, die erste europäische Verfassung vom 3. Mai 1791. Leider war Poniatowski gebrandmarkt, da er den Liebeleien mit Katharina der Großen zu viel zu verdanken habe, vor allem die Wahl zum König von Polen 1764. Er huldigte der französischen Mode, der italienischen Architektur und dem britischen Politikwesen. Er wollte ein Polen-(Litauen) nach westeuropäischem Vorbild mit militärischer Hilfe aus Russland einführen. Er sah sonst keine anderen Verbündeten. Er  gilt als politische Symbolfigur der polnischen Aufklärung im 18. Jahrhundert.

Die Reformatoren hatten die klügsten Köpfe auf ihrer Seite, wurden von der aufgeklärten Magnaterie und zahlreichen Kirchenvertretern, vor allem Mönchen, unterstützt und hatte für damalige Zeiten moderne Massenkommunikationsmittel zur Verfügung (lies: Theater, Druckereien, Zeitungen).

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Doch auf der Seite der Verteidiger polnischer Traditionen und jahrhundertealter Rechte stand der mittlere Adel sowie die provinzielle Kirche. Sie befürchteten ihre scheinbar sichere gesellschaftliche Position zu verlieren und an den Rand der Unbrauchbarkeit abgeschoben zu werden. Man ging zudem davon aus für diese Reformen finanziell aufkommen zu müssen. Paradoxerweise war auch hier der größte Verbündete dieser Gruppe ebenfalls Russland. Die Zaren waren nicht daran interessiert, dass die von Poniatowski eingeleiteten Reformen durchgesetzt würden. Während Poniatowski noch wie ein Staatsmann verschiedene diplomatische Varianten in Betracht zog, gab es für das sarmatische Lager keine Alternative.

Die Entstehung des Sarmatismus

Die sarmatische Ideologie entstand schon in der Zeit der Renaissance. Die sich ständig wiederholenden Legenden, dass der polnische Adel vom antiken Volk der Sarmaten abstammt, wurden mit der Zeit zur wahren Erzählung und legitimierten somit das Herrschaftsrecht über Polen-Litauen. Das Fundament dieses Mythos waren Freiheit, Patriotismus, politische Anteilnahme, Ritterlichkeit, Pracht und Aufwand auf dem Adelshof und natürlich die ländliche Version des katholischen Brauchtums.

Ein polnischer Adliger im 18. Jahrhundert

Polen-Litauen zwischen Okzident …

Man darf bei der Entstehung und Entwicklung des Sarmatismus im damaligen Polen-Litauen nicht vergessen, dass er tief im westeuropäischen Kulturkreis verankert war. Die antiken Texte wurden genauso gern studiert wie in Frankreich, England oder den italienischen Städten. Von den letzteren wurden die Errungenschaften der Renaissance, des Manierismus und des Barock mit großer Hingabe importiert. Latein war auch schließlich die Sprache von Nikolaus Kopernikus während seines Studiums an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Auch während der Reformationszeit seit Martin Luther nahm der polnisch-litauische Adel mit sehr viel Interesse teil. Die Polnischer Brüderschaft (Arianismus) ist ein sichtbares Zeichen der Anteilnahme. Auch im polnischen Sejm im 16. Jahrhundert waren die meisten Abgeordneten protestantisch.

Doch die Grenzen dieses großen Reiches, welches als Polnisches Commonwealth mit einem gemischten politischem System bestehend aus Eigenschaften der Monarchie, Aristokratie und Demokratie bestand, zogen sich über weite Flächen des östlichen Europa. Zur Zeit der Wasa-Könige hatte Polen-Litauen eine Fläche von über 1 Million Quadratkilometern. Die Grenzen reichten bis hin zum Schwarzen Meer im Süden, Moskau wurde 1610 erobert und im Norden kämpfte man über Jahrhunderte um den Einfluß über die Gebiete des heutigen Lettland und Estland.

… und Orient

Doch in Abgrenzung zu den westeuropäischen Königreichen und Fürstentümern hatte Polen-Litauen noch intensiven Kontakt mit dem Orient und dem osteuropäischen Kulturkreis. Diese Einflüsse haben ihre Wirkung bis heute nicht verloren. Durch den unmittelbaren Kontakt mit der orthodoxen Kirche gelang die spezifische Marienverehrung und die Bekleidung ihrer Bildnisse nach Polen. Damit hängt der Glaube an überirdische Kräfte dieser Ikonen zusammen.

Polen-Litauen hatte im Südosten zudem einen Grenzverlauf mit dem Osmanischem Imperium. Die polnischen Händler gelangen natürlich noch viel weiter, nämlich bis nach Persien. Durch die relativ hohe Anzahl Kriege, die gegen die Türken geführt wurden, übernahm man mit der Zeit deren Waffenformen und Militärbezeichnungen. Sogar die Frisuren wandelten sich mit der Zeit in sehr orientalische Formen. Schaut man sich einen polnischen Adligen aus dem 18. Jahrhundert an, weiß man nicht genau, aus welchem Land er stammen könnte. Das orthodoxe Russland sowie die islamische Türkei haben auf Polens Kultur genauso viel Einfluß genommen wie das katholische Frankreich oder die protestantischen Fürstentümer. Russland hingegen hat erst mit Peter I. Kontakt mit der westeuropäischen Hemisphäre geknüpft, also erst nach 1700.

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Polen, der Jesus Europas

Die Bedrohungen und Kriege gegen die andersgläubigen Schweden, Russen und Türken machten schließlich den Weg frei für die Überzeugung, dass das katholische Polen-Litauen eine gottgegebene Aufgabe erfüllt. Es entsteht der polnische Messianismus, die Königliche Republik wird zum Jesus Europas.

Während man die zwei größten Feinde Russland und das Osmanische Imperium in zahlreichen Schriften beleidigte und ihre Religion sowie das politische System kritisierte und niedermachte, so tolerierte man innerhalb der eigenen Grenzen dennoch sämtliche Religionen sowie Untergruppen, vor allem das Judentum sowie die Protestanten, aber auch die islamischen Tataren, die bis heute in Polen leben.

Hochmut …

Das politische System, welches unter diesen Einflüssen entstand, wurde unter einen besonderen Schutz gestellt und sollte auf immer und ewig seine Gültigkeit bewahren. Darunter fielen die Einschränkung königlicher Macht, die altertümlichen Rechte und Traditionen, die sogenannte Goldene Freiheit, das Recht der Königswahl, das Recht der Körperlichen Unversehrtheit (neminem captivamibus), die Religionsfreiheit und vor allem die formelle Gleichheit aller Mitglieder der polnischen Adelsfamilie, der szlachta. So kam es, dass der polnisch-litauisch-russische Adel im 17. Jahrhundert ein Gefühl der nationalen Größe entwickelte. Man kann sogar sagen, dass es sich um ein Überheblichkeitsgefühl handelte. Das System, welches man geschaffen hatte, empfand man als das beste. Das führte sogar soweit, dass einige Adelsfamilien ihre Kinder nicht mehr nach Westeuropa schickten, weil sie Angst hatten, dass sie unter den Einflüssen der „Barbaren“ ihrer freiheitlichen Identität beraubt würden. In seinem Werk Wywod jedynowladnego panstwa swiata von 1633 schreibt Wojciech Dembolecki, dass Gott mit Adam und Eva im Paradies auf … polnisch sprach.

Dieses Wertesystem wurde noch durch die Schaffung der wohl stärksten Kavallerie der Neuzeizt bestätigt. Die Hussarenreiter kämpften unter dem Motto „Sollte der Himmel auf uns herabfallen, werden wir ihn mit unseren Lanzen stützen“

… kommt vor dem Fall

Doch aber der Mitte des 18. Jahrhunderts machte die Aufklärung große Konkurrenz und das Sarmatentum legte den Rückwärtsgang ein. Er unterlag allmählich dem Konservatismus und ist heute sein größter Anhänger. Das flach werdende Wertesystem führte zur Homophobie und Verehrung des in den Augen der Sarmaten einzig legitimen politischen Systems. Das machte die nötigen Reformen, die u.a. König Poniatowski durchführen wollte, im Kern unmöglich. Polen-Litauen ging zum Teil an seiner eigenen Schwäche zu Grunde. Die dritte polnische Teilung von 1795 wurde sogar vom Sejm ratifiziert.

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Obwohl zur polnischen Adelsfamilie samt der litauischen Brüder nahezu 8 – 10 Prozent der Bevölkerung gehörten, war es unmöglich mit dieser Herrscharr, welches von der Landwirtschaft lebte, ein so großes Reich zu unterhalten und die Grenzen zu beschützen. Ausgeschlossen wurden von der Gruppe nicht nur die Bauern (Leibeigenen), sondern auch die Städte. Eine Fortentwicklung zu einer modernen Gesellschaft war so unmöglich. Mit der Zeit wurde auch die Unterdrückung anderer Religionsgruppen immer sichtbarer. Ein echter Patriot war mit der Zeit nur noch der polnisch sprechende, katholische Adelige. Die Frömmigkeit nahm sehr primivite Formen an und der Adel blieb bis zum Schluss ländlich geprägt.

Was bringt die Zukunft?

In meinem Beitrag Polen blinkt rechts und fährt nach rechts. Die Städte übernehmen das Ruder! ist im Prinzip dieser gesellschaftliche Konflikt zwischen dem Sarmatismus und einer neuen sozialen Aufstellung dargestellt. Bisher hatte die Provinz stets das Sagen. Die Aufstände im 19. Jahrhundert sowie die Zeit zwischen 1918 und 1939 wurde von Politikern geführt, die auf ihren größeren wie kleineren Landgütern großgeworden sind. Die Städte waren bis 2012 ohne großen Einfluß auf die kulturelle und soziale Entwicklung. Und genau das passiert nun in Polen. Die Stadtbevölkerung übernimmt das Ruder in jeglicher Hinsicht. Das führt wiederrum zur Mobilisierung des gesamten polnischen Konservatismus, welcher das liberale Gedankengut als Parasit bezeichnet und überzeugt ist, dass ein liberales Polen schnurgerade auf dem Weg in die Verdammnis ist. Dass Gegenwehr kommen würde, war abzusehen. Man war jedoch nicht auf solche Intensivität vorbereitet. Der offensichtliche Ausgang dieses Konfliktes ist nur eine Frage der Zeit. Und hoffentlich hat dann und endlich jeder verstanden, dass alle im neuen Polen Platz finden sollen.

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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