Land und LeutePolitik

Nicht die Preise sind zu hoch, sondern die Löhne zu niedrig

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Polnisches Urlaubsdrama:“Das teuerste Urlaubsland der Welt? Polen.“

In Polen überschwemmen nur Tage nach Beginn der Urlabssaison die berühmt-berüchtigten Urlaubsfotos vom Restaurantbesuch die Medienwelt. Hauptakteur: die Quittung. Jedem Foto wird eine dramatische Beschreibung der ganzen Situation angehängt. Die Autoren kommen dabei stets zum selben Ergebnis: das Essen in Polen ist so teuer wie eine Unze Gold!. Im Kommentarfeld folg ein nationaler Aufschrei der Empörung. Dabei wird selten ein Wort zur Qualität oder Lage gesagt. Auch gibt es keinen Vergleich mit anderen Urlaubsländern dieser Erde. Hauptsache es kommt eine Information ans Tageslicht: „Polen ist unverschämt teuer!“ Dabei bleibt unerwähnt, dass Preise in touristischen Zentren und an beliebten Spots naturgemäß höher sind – genau wie in Venedig, Paris oder Mallorca. Wer das ignoriert, inszeniert sich als Opfer – als wolle man durch diesen Preis-Dramatismus eine „Polen-Preis-Apokalypse“ heraufbeschwören.

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(Facebook, Getty Images, Michal Fludra)

Ich will an dieser Stelle nicht des Teufels Anwalt spielen und die Preise oder die Preissteigerungen der letzten Dekaden in Schutz nehmen. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass wir in Polen über die Löhne sprechen sollten und nicht über die Preise. 

Der Vergleich mit der Vergangenheit hinkt

Natürlich ist es heute in Polen viel teurer als in den 90er Jahren, weil es damals schlichtweg extrem billig war. Ich kann mich noch gut an jene Zeit erinnern. Mit einem 50-DM-Schein konnte man den halben Tag herumlaufen und konsumieren. Am Ende des Tages blieb sogar noch etwas übrig. Bier, Zigaretten, Restaurantbesuche oder auch Sprit waren um ein Vielfaches billiger als in allen Nachbarländern. Aber diese Sichtweise ist eintönig und ohne große Bedeutung, wenn man dabei außer Acht lässt, was man damals in Polen verdient hat. Stellt man einen Preisvergleich an, lenkt dieser nostalgische Relativismus vom eigentlichen Problem nur ab. Die Realität hat mehr verdient als ein Spielball der Emotionen in sozialem Medien zu sein. Die wahre Frage ist also: Wie passen Einkommen und Lebenshaltung zusammen? 

Europäische Gleichschaltung für Auserwählte

Die Mitgliedschaft in der Europäische Union bringt sehr viele Vorteile mit sich. Offene Grenzen, freier Waren- und Personenverkehr sowie die Gleichschaltung des Lebensstandards in allen Mitgliedstaaten. Polen hat diese Chancen besser genutzt als jeder andere Staat in Osteuropa. Im Jahr 2025 war Polens Gesellschaft im Verhältnis zum europäischen Schnitt noch nie so wohlhabend wie aktuell. 

Daher ist die Frage berechtigt:  wieso sollten die Preise in Polen niedriger sein, als in den Nachbarstaaten? Sollen die Waren in Polen im Verhältnis zu den Löhnen so viel kosten wie in Deutschland? Dann müsste man in Polen die Preise mindestens um die Hälfte senken. Jetzt stelle man sich mal vor was das für Konsequenzen hätte. Das würde das gesamte Wirtschaftssystem Europas auf den Kopf stellen. Nein, die Preise sind nicht das Problem. Sehr viele Polen haben von dem imposanten Aufstieg der letzten 35 Jahre nicht den erhofften Nutzen und sind zurecht frustriert. Sie fühlen sich abgestoßen und ausgeschlossen, weil sie an den infrastrukturellen Erleichterungen und den oben erwähnten Vorteilen nicht teilhaben können. Jede Partei, die diesen Gesellschaftsgruppen die „schöne alte Zeit“ zurückzaubern will und dafür gigantische soziale Transferleistungen auf den Weg bringt, wandelt diesen Frust in einen politischen Sieg um.

Aber auch diese Parteien können die Preise nicht senken. Auch da, wo es theoretisch möglich wäre, also beim Sprit, sind die Möglichkeiten der Einflußnahme begrenzt. Sie können jedoch an den Löhnen feilen oder diese durch Sozialleistungen künstlich in die Höhe treiben. 

Die EU führt uns ins Mittelfeld, doch ohne würdevolle Löhne bleiben dramatische Preis-Posts reine Symbolpolitik.

Unwürdige Löhne

Laut Angaben des Statistischen Hauptamts (GUS) beträgt die Zahl der Erwerbstätigen in Polen rund 17 Millionen.

In Unternehmen mit weniger als 9 Beschäftigten arbeiten rund 3,74 Millionen Polen – vor allem im Rahmen von Einzelunternehmen, berichtet Business Insider Polska. Sie machen einen bedeutenden Teil der Erwerbstätigen in Polen aus, wo laut Forsal 96,9 % aller Firmen Mikrounternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitenden sind.

In Polen sind die Löhne der Berufe, die mit dem Staatssektor zusammenhängen, unwürdig niedrig. Ärzte, Lehrer, Busfahrer oder auch Politiker bekommen im Schnitt tragikomische Gehälter. Auf der anderen Seite haben die Arbeiter und Angestellten des freien Marktes gewaltig aufgestockt. Aber auch hier gilt: würden die Gehälter in den Jahren 1990 – 2020 proportional zum Wirtschaftswachstum steigen, dann müssten sie heute 40 Prozent höher liegen! Dann wären die Quittungen nicht mehr das große Thema des Urlaubs.

Die Unternehmen, die in Polen die höchsten Löhne bezahlen, sind die internationalen Großkonzerne. In den letzten Jahren gingen die Löhne auch extrem in die Höhe, weil die Arbeitslosenzahl auf ein erschreckendes Minimum runtergegangen ist. Und dennoch: das reicht nicht, um die massiven Preissteigerungen auszugleichen.

  • Mindestlohn 2025 in Polen: 4.666 PLN brutto/Monat (≈ 1.085 €) bzw. 30,50 PLN/Stunde

  • Durchschnittslohn März 2025: 9.056 PLN brutto – plus 7,7 % gegenüber Vorjahr, aber real bleibt noch viel Luft nach oben

Das hat wiederrum zur Folge, dass man mit sozialen Geldtransfers wie Kindergeld oder der 13. Rente für Renter Parlaments- und Präsidentschaftswahlen gewinnen kann.

Polen befindet sich an einem Scheideweg und muss deshalb unbedingt die Perspektive ändern. Ansonsten läuft ein relativ großer Teil der Gesellschaft Gefahr ganz abgehängt zu werden. Kümmert euch um die Löhne! 

Falsche Perspektive, falsche Ansätze

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Adrian Grycuk via Wikimedia (demonstracja)

Aber wer soll sich um diese Ungleichheit zwischen steigenden Lebenshaltungskosten und Lohnerhöhungen  kümmern? Die CEOs großer Konzerne? Die Eigentümer kleiner und mittelgroßer Unternehmen? Vielleicht die verantwortlichen Politiker, die hohe Posten einnehmen?

Eigentlich müsste das arbeitende Volk seine Stimme laut erheben und für höhere Löhne kämpfen. Aber wie sollen diese Leute ihr Ziel erreichen, wenn sie kaum oder gar nicht in Gewerkschaften vertreten sind? Auch gibt es so gut wie keine Arbeitnehmervereinigungen oder Vereine, die Vertreter zu den Verantwortlichen stellen entsenden könnten.

In Polen gehören rund 1,4 Millionen Menschen einer Gewerkschaft an, was etwa 14,8 % der Beschäftigten in Betrieben mit mehr als 9 Mitarbeitenden entspricht. Diese Zahl umfasst Mitglieder in insgesamt 11.656 Gewerkschaften, wie das Statistische Hauptamt (Główny Urząd Statystyczny) mitteilt. Hinzu kommt: rund 3,7 Millionen Selbstständige und Kleinstunternehmer (Mikrounternehmen) arbeiten ohne Gewerkschaftsrückhalt .
Selbst mit 17 Millionen Erwerbstätigen bleibt klar: Die Mobilisierung und Durchschlagskraft bleibt begrenzt und schwach. Lohnforderungen werden hauptsächlich von selbstbewussten Angestellten durchgerungen. 

Demonstrationen für höhere Löhne bleiben deshalb aus. Solange niemand deswegen auf die Straße geht, wird es sicherlich auch keine freiwilligen Gehaltserhöhungen geben.

Fazit: Kümmert euch um die Löhne. Dramaposts im Internet sind nutzlos

Dramatische Posts über Restaurantpreise mobilisieren Aufmerksamkeit, aber keine Lohnverbesserung. Solange Erwerbstätige nicht laut und organisiert ihre Interessen vertreten – z. B. durch Gewerkschaften oder Initiativen –, ändert sich nichts. Die großen Konzerne zahlen zwar tendenziell besser, doch selbst deren Löhne reichen nicht aus, um EU-Preise zu rechtfertigen.

Die Forderung muss klar und deutlich artikuliert werden: Statt Quittung-Shaming lieber organisierter Widerstand für mehr Lohn. Nur dann passt sich unser Urlaub an unsere Lebensrealität an – ohne theatralische Preis-Inszenierungen.


Beitragsbild: (Facebook, Getty Images, Michal Fludra)

Antoni Administrator
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Warschauer Touristikunternehmens Walking Warsaw (walkingwarsaw.com / stadtfuehrer-warschau.com), lizenzierter Stadtführer, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen/Deutschland)
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