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Ludwik Zamenhof, Begründer der Esperanto-Sprache

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Ludwik Zamenhof entwickelte in Warschau die Esperanto-Sprache. Das ist gar kein Zufall und sicherlich eine Ehre für die polnische Kultur. Es ist kein Zufall, wenn man bedenkt, dass sich in der Heimatstadt von Ludwik – Bialystok – die meisten Menschen nicht verstanden haben. Eine Ehre ist es, weil Warschau eine der multikulturellsten Städte Europas war. Esperanto musste im Prinzip in der polnischen Hauptstadt begründet werden – auch wenn es damals ein Polen im politischen Sinne nicht gab.

Bialystok: Stadt der hundert Sprachen

Ludwik wurde am 15. Dezember 1859 in Bialystok geboren. Damals lag die Stadt im Russischen Imperium. Neben Polnisch hörte man auf den Straßen u.a. (Weiß)-Russisch, Litauisch, Jiddisch, Hebräisch, Deutsch oder Armenisch. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier ca. 62 000 Menschen, wovon 48 000 Einwohner Juden waren. Zum Katholizismus bekannten sich ca. 6 000, russisch-orthodox warren ca. 4000 und 3500 protestantisch. Bei der Volkszählung im Jahre 1897 gaben 62 Prozent der Bevölkerung Jiddisch als Muttersprache an, 17,2 Prozent Polnisch, 10,3 Russisch, 5,6 Prozent Deutsch und 3,7 Prozent Weißrussisch. Zu erwähnen sind noch die Lipka-Tataren, die hier ihr Zuhause hatten.

Bedingt durch den 2. Weltkrieg und 45 Jahre Sozrealismus (Kommunismus) sind heute 97 Prozent der Einwohner Polen. Heute kann man sich nur schwer vorstellen, dass in der 2. Republik Polen fast 35 Prozent der Einwohner eine andere als die polnische Sprache als ihre Muttersprache angaben.

In diesem Umfeld wuchs Ludwik Zamenhof also auf. Es fiel ihm schwer anzuerkennen, dass die Menschen sich voneinander abschotten und nur deshalb nicht voneinander lernen können oder wollen, weil sie die Sprache des anderen nicht verstehen. Darin sah er den Grund für die Missverständnisse und Zwistigkeiten zwischen den Menschen. Der zehnjährige Ludwik schrieb schon im Alter von zehn Jahren das Drama Der Turm Babel – die Tragödie von Bialystok in fünf Akten, welches zeigt, dass er sich schon sehr früh mit dieser Problematik auseinandersetzte. Esperanto sollte die Lösung für alle Probleme der Menschheit werden.

Die Zamenhofs sprachen zu Hause Jiddisch und Russisch, womöglich auch Polnisch. Im Laufe seines Lebens lernte er zusätzlich Französisch, Deutsch, Griechisch, Latein und Englisch.

Diese Anschauung nahm er mit nach Warschau, wohin er als 15-jähriger mit seiner Familie ausreiste.

Warschau

In Warschau besuchte Ludwik Zamenhof zunächst das Gymnasium und studierte anschließend Medizin an der Universität Warschau. Er spezialisierte sich in der Augenheilkunde, womit er seinen Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdiente. Er hatte drei Kinder: Adam, Sofia und Lidia.

Noch als Schüler des Gymnasiums entwarf Ludwik die erste Version der Esperanto-Sprache. Er nannte sie Lingwe Uniwersala. Es dauerte noch viele Jahre bis zur endgültigen Form, die wir heute kennen. 1885 stellte er diese seinem Umfeld vor. Nach zweijähriger Suche fand er einen Verleger, der das neue Sprachprojekt zu veröffentlichen bereit war. Als Autor wurde Doktoro Esperanto angegeben. Ludwik Zamenhof hatte aus Sorge um den Verlust seiner ärztlichen Autorität dieses Pseudonym ausgewählt. Esperanto, der Hoffende, wurde schließlich der Name für die Sprache selbst.

Esperanto eine Weltsprache?

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Grabmal von L. Zamenhof / Adrian Grycuk [CC BY-SA 3.0 PL]

Die Voraussetzungen der Esperanto-Sprache eine Weltsprache zu werden waren erfüllt. Sprachwissenschaftler aus der ganzen Welt schickten Lobreden nach Warschau und waren vor allem von der Einfachheit und leichten Anwendung der Sprache begeistert. Mit der Zeit erlang die Sprache europaweit große Popularität, sogar in Frankreich, wo die Regierung anfangs sehr intensiv gegen die neue Sprache arbeitete.

Doch schon 1905 wurde im beschaulichen französischen Städtchen Boulogne-sur-Mer der erste Esperanto-Weltkongress abgehalten. In Paris wurde ihm zu Ehren der Eifelturm beleuchtet. Es hätte tatsächlich eine Weltsprache werden können. Doch dazu braucht man eine starke Infrastruktur und Überzeugungsmöglichkeiten. Diese haben bis heute nur Staaten. Großbritannien erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die größte Zeit der Geschichte und verbreitete, ob gewollt oder nicht, ihre Sprache auf alle Kontinente. Und wenn man ehrlich ist, so muss man feststellen, dass auch English eine ziemlich leicht zu erlenende Sprache ist. Wie Mark Twain sagte: Englisch kann man in zwei Tagen lernen, Französisch in zwei Wochen, nur Deutsch wird man auch in zwanzig Jahren nicht beherrschen. Was hätte er wohl zu Esperanto gesagt?

Viel wichtiger ist jedoch der Grundsatzgedanke Ludwiks, dass die Sprache der Grund ist für viel Übel auf der Welt. Dass sollten wir nie vergessen, wenn wir in andere Länder reisen oder im Zeitalter des „messaging“ auf die Schnelle eine Nachricht schreiben.

Die letzten Jahre

Insgesamt wurde Ludwik Zamenhof acht Mal als Kandidat für den Friedensnobelpreis nominiert – 1907, 1909, 1910, 1913, 1914, 1915, 1916 und 1917. Bekommen hat er ihn nie.

Sein Leben lang beschäftigte er sich mit den Sprachen. Zwischendurch versuchte er eine Idee herauszuarbeiten, die es ermögliche würde die Religionen als Pulverfass aufzuheben. Dabei sollte nicht die die Religion als solche verschwinden, sondern eine Einheitsreligion entstehen. Dafür konnte er jedoch kaum jemanden überzeugen.

Er verstarb am 14. April 1917 in Warschau. Sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Warschau an der Okopowa-Straße. Hinter dem Eingang rechts bis zum ersten Pfad auf der linken Seite, das zweite Grab auf der linken Seite. Das Grab ist sehr leicht zu erkennen, denn befindet sich auf der Platte der Esperanto-Stern.

Antoni Administrator
Eigentümer von Walking Poland Group
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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