Geschichte

Ein Franzose auf dem polnischen Thron

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Geschichte Polens: eine Tragikomödie

Ich kann es immer nur wiederholen: die Geschichte Polens ist in meinen Augen eine Meistererzählung der Tragikomödie, die erzählt werden muss. Mein Ziel ist es nicht die Geschichte neu zu schreiben, sondern die Reichweite meines Blogs zu nutzen, um außergewöhnliche und einzigartige Ereignisse ans Tageslicht zu bringen. Man kann aus der polnischen Geschichte lernen, aber dafür muss sie salonfähig gemacht werden.

In diesem Beitrag möchte ich eines der komischsten und zugleich erschütternsten Ereignisse der polnischen Geschichte beschreiben. Wie der Titel schon sagt, geht es um einen Franzosen auf dem polnischen Thron. Das wäre per se nichts außergewöhnliches. Immerhin gab es ja auch Deutsche auf dem englischen oder Bayern auf dem griechischen Thron. Wie kommt aber ein Franzose überhaupt von Paris nach Krakau und warum? Wieso wählte der polnische Adel Ausländer auf den Königsthron in Krakau, der damaligen Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik? Wie hat der Adel überhaupt gewählt und wieso hat er sich nicht für eine dynastische Erbmonarchie entschieden?

Die Freie Königswahl im Königreich Polen

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Wahl des letzten Königs von Polen Poniatowski 1764

Von 1384 bis 1569 stellten die Jagiellonen die Könige von Polen und Großfürsten von Litauen. Die beiden Länder waren durch eine Personal verbunden, um gemeinsam die Feinde im Osten wie im Westen zu bezwingen. Für die Litauer war das im 14. Jahrhundert vor allem das Russische Reich, für die Polen hingegen der Deutsche Ritterorden. Nach der siegreichen Schlacht bei Grunwald (Tannenberg) im Juli 1410 dominierte die polnisch-litauische Union das kulturelle, wirtschaftliche wie militärische Geschehen im Osten Europas bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts.

Die Zeit der Jagiellonen war faktisch eine Erbmonarchie. In der Regel traten die Söhne die Nachfolge ihres verstorbenen Vaters an, mussten jedoch formell vom polnischen und litauischen Adel bestätigt werden. Im polnischen Teilstaat war es der Senat, der diese Aufgabe übernahm. Diese Tradition hat man mit der Lubliner Union 1569 ausgeweitet. Es wurde festgelegt, dass nach dem Tod des letzten männlichen Vertreters der Jagiellonen die Könige fortan gewählt werden. Aus der Personalunion wurde eine Realunion, die bis zur Dritten Polnischen Teilung 1795 fortbestand. Der letzte Jagiellone Zygmunt II. August stirbt nur kurze Zeit später 1572 ohne Nachkommen. Die nur wenige Jahre zuvor gegründete Polnisch-Litauischen Adelsrepublik wurde vor ihre erste Bewährungsprobe gestellt.. Der Primas von Polen übernahm als Interrex die Staatsgeschäfte und berief die Wahlen ein. Ein außergewöhnliches politisches Eriegnis konnte beginnen. Der polnische und litauische Adel musste sich nun einigen, wer den Thron übernehmen wird.

Auf dem Bild oben sieht man die Zusammensetzung des Wahlfeldes mit den Vertretern des Adels. So wurde der letzte König von Polen Stanislaw August Poniatowski 1764 zum König gewählt.

Die Königswahl von 1573

Im Sommer 1573 versammelten sich Tausende Adlige auf den Wahlfeldern vor Warschau. Diese damals kleine und wirtschaftlich unbedeutende Stadt wurde zur Wahlstadt erkoren. Auch sollten fortan alle Sejmtagungen in Warschau stattfinden. Bis dahin gab es keinen ständigen Parlamentssitz. Warschau machte seitdem eine atemberaubende Karriere und schlug sich bis zur Hauptstadt von Polen durch.

Ausländer als Könige von Polen?

Warum entschieden sich die Polen und Litauer für die Wahl ausländischer Kandidaten? Gründe dafür gibt es mehrere. Die wichtigsten waren:

  1. Die Freie Königswahl ermöglichte den Adligen die Wahl eines für die Interessen der Adelsrepublik optimalsten Kandidaten. Auf diese Weise wollte man die Staatsinteressen von denen einer Dynastie loslösen.
  2. Die ausländischen Kandidaten versprachen die Verbesserung der politischen wie wirtschaftlichen Situation. Sie würden Polen-Litauen auch militärisch unterstützen.
  3. Die Adligen erhofften sich, dass man durch die Königswahl dynastische Bruderkämpfe verhindern könnte. Das würde das Land politisch stabilisieren.

Mochten die Adligen in eingien Punkten recht haben, zeigte die Realität eine etwas anderes Antlitz. Aber das ist ein so breites Thema, dass man darüber einen gesonderten Beitrag schreiben könnte. Bleiben wir also beim Meritum.

Henri de Valois – der optimale Kandidat

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Henri de Valois – Henryk Walezy

Henri de Valois war der erste gewählte König von Polen und Großfürst von Litauen. Seine Wahl war das Ergebnis politischer Kompromisse und diplomatischer Bemühungen zahlreicher Lager und Interessen.

Der Thron in Polen stand allen offen. Man musste lediglich die Mehrheit des Adels auf seine Seite bringen. Das war natürlich nicht so einfach. Geschenke und Versprechen finanzieller wie militärischer Art waren dahingehend sehr hilfreich.

Für die Wahl 1573 gab es vor allem zwei aussichtsreiche Kandidaten. Es waren die Vertreter der zwei einflußreichsten Dynastien im damaligen Europa, Habsburg und Valois. Der Gegenkandidat von Henri war Ernest Habsburg. Die Habsburger würden mit der polnischen Krone unweigerlich zur unantastbaren Großmacht in Europa aufsteigen. Immerhin hatte Polen-Litauen damals über 800 Tausend Quadratkilometer Fläche. Fast doppelt so viel wie Frankreich und spürbar mehr als das Habsburgerreich. Das wollten die Franzosen natürlich zu verhindern wissen.

Henri de Valois war der jüngere Sohn des Königs von Frankreich Henri II. Nach dem Tod des Vaters schien die Thronüernahme in Frankreich in weite Ferne gerückt zu sein. Sein nur ein Jahr älterer Bruder war König von Frankreich. Er sollte nun die polnische Krone übernehmen. Die Mutter, Katharina de Medici schmiedete europäische Pläne. Für die Polen und Litauer war klar. Henri de Valois bedrohte nicht die Unabhängigkeit Polens und Litauens. Der Adel erhoffte sich zudem militärische und finanzielle Unterstützung aus Frankreich. Die Habsburger müssten etwas von ihrem osteuropäischen Kuchen abgeben.

Der habsburgisch-valois-Konflikt

In dieser Zeit waren die Habsburger und die Valois zwei sehr einflußreiche und bedeutende Dynastien. Ein Konflikt war unumgänglich. Alles begann mit den sogenannten Italienischen Kriegen im Jahr 1494 mit der Invasion Frankreichs auf italienischem Boden. In wechselnden Bündnissen wurden unterschiedliche Kriegsziele verfolgt. Die Kriege entzündeten sich zunächst an einem dynastischen Machtkonflikt um das Königreich Neapel und weiteten sich ab 1516 zu einem europäischen Machtkampf zwischen dem französischen Königshaus Valois und den Habsburgern um die Vorherrschaft in Europa aus. Dieser habsburgisch-französische Gegensatz war in Folge für 240 Jahre ein bestimmendes Element der europäischen Politik. 1573 führten die Dynastien ihre besten Diplomaten ins Feld und schickten sie nach Warschau.

Ein kurzer Auftritt

Im Sommer 1573 wurde Henri de Valois mit der Mehrheit der Stimmen zum König von Polen gewählt. Eile kam jeoch nicht auf. Die Krönung folgte erst im Februar 1574, da der Franzose sich ziemlich viel Zeit ließ mit der Anreise nach Krakau, zur Krönungsstätte der Könige von Polen.

Henri de Valois hatte sich seine Regentschaft sicherlich anders vorgestellt. Er hat Krakau nie verlassen, obwohl das auf seiner To-do-Liste höchste Priorität hatte. Weil der kein Polnisch sprach, langweilte er sich auf den Senatssitzungen zu Tode. Mit der Zeit entstand eine Atmosphäre der Frustration auf Seiten des Königs und Unverständnis auf der Seite des polnischen Adels.

Im Mai 1574 stirbt sein Bruder in Paris. Seine Mutter bittet ihn sich schnellstens auf den Weg nach Frankreich zu machen. Henri de Valois flieht daraufhin über Auschwitz nach Schlesien und weiter ins Habsburgerreich, wo er drei Tage auf dem kaiserlichen Hof in Wien verbringt. Paradox, nicht wahr? Anschließend geht es weiter über Venedig und Savoyen in die französische Hauptstadt.

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Die Flucht von Henri de Valois aus Polen

Henri III. – König von Frankreich

Dort wird er im Februar 1575, also nur ein Jahr nach der Krönung in Polen, als Henri III. zum König von Frankreich gekrönt.

Die Flucht des Königs ist eine filmreife Geschichte für Netflix. Er wurde gejagt und angefleht. Die Fliehenden, aber auch die Verfolger, haben sich unterwegs mehrmals verlaufen. Schließlich übernachtete Henri de Valois auch bei ahnungslosen Bauern.

Was am Ende bleibt, ist das Bild eine schwachen, feigen und verräterischen Königs. Das ist das Bild in Polen. In Frankreich wird er als gebildeter und charmanter König geehrt, der schlichtweg viel Pech in seinem Leben erleiden musste.

Henri de Valois stirbt 1589 während der Belagerung von Paris. In Frankreich wütete ein Bürgerkrieg, der der Valois-Dynastie zum Verhängnis wurde. Henri III. ist der letzte Valois auf dem französischen Thron. Sie regierten dort seit 1328.

Antoni Administrator
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Warschauer Touristikunternehmens Walking Warsaw (walkingwarsaw.com / stadtfuehrer-warschau.com), lizenzierter Stadtführer, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen/Deutschland)
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