Felieton

Den Glauben kann man nicht unter Quarantäne stellen

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Der Coronavirus verbreitet sich mit Luftgeschwindigkeit durch alle Gesellschaften auf der ganzen Welt. Die Staaten tun alles mögliche, um die Verbreitung zu minimieren, sodass es nicht zu einem unkontrollierten Chaos kommt, wie man ihn zum Teil in Italien erlebt. Auch die Kirche hat eine sehr schwierige Aufgabe. Und man kann darüber diskutieren, ob die Bischöfe in Polen, aber auch in anderen Staaten, die richtigen Entscheidungen getroffen haben oder nicht. Aber die Flut der Hasskommentare gegen die Kirche sowie gegen die Gläubigen war dieses Mal eine Nummer zu groß. Dafür gibt es keine Rechtfertigung! 

Nicht einknicken

Wir leben seit knapp einem Monat, in einigen Regionen der Erde schon etwas länger, in unsicheren Zeiten. Zwischen unser Iphone, unseren Sonnenurlaub auf Teneriffa und den Samstagseinkauf in der Einkaufsgallerie hat sich ein Virus eingeschlichen, der uns das Leben auf Erden zur Hölle macht. Das verursacht sehr starke, zum Teil negative Emotionen, die genauso wie der Virus, unkontrolliert durch die Medienwelt kreisen und wie so oft, zumeist die Unschuldigen treffen.

Genauso war es hier in Polen mit der Schließung der Kirchen für die Gläubigen. Für viele war es klar und bedurfte keiner weiteren Diskussionen: sofern Schulen, kulturelle Einrichtungen und Restaurants geschlossen werden, dann müssen die Pforten der Kirchen und anderer Gebetshäuser ebenfalls unverzüglich verriegelt werden. Doch es gibt hier tatsächlich Diskussionsbedarf.

Coronavirus und der Glaube

Das Episkopat schlug anfangs vor, dass vor allem die Älteren sowie Kranken von den Heiligen Messen fernbleiben. Zudem sollten mehr Messen gehalten werden, damit die Anzahl der Teilnehmer effizient verringert werden kann. Der nächste Schritt war die Einführung einer hoheitlichen Ausnahmebewilligung von dem Gebot an Messen teilzunehmen (Dispens). Kann oder will jemand nicht an einer Messe teilnehmen, weil er Angst vor einer Ansteckung hat, wird ihm das Ausbleiben nicht als Sünde angerechnet. Aktuell ist die Situation so, dass Menschenansammlungen von mehr als 50 Personen verboten sind, was auch religiöse Feierlichkeiten einschließt.

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Natürlich kann man die Entscheidungen des Episkopats beurteilen, natürlich kann man der Meinung sein, dass die Bischöfe besser oder auch schneller hätten reagieren können oder sogar müssen. Aber was ich dann im Internet gesehen habe, übertrifft sogar noch die politisch geprägten Hasskommentare. Politik ist ein Kampf, Religion eine sehr intime Privatsache.

Ein bißchen Empathie muss sein

Die katholische Kirche in Polen erlebt womöglich ihre schlimmste Zeit seit langer Zeit und ich sehe noch nicht mal einen Hoffnungsschimmer, dass sich das in Zukunft zu Gunsten der Kirche fortentwickeln wird. Aber man darf nicht allen Ernstes behaupten, dass sich die Priester und Kirchenführer eine Verschlimmerung der Pandemie herbeiwünschen, damit die Furcht und Angst die Menschen massenhaft in die Kirchen treibt und dazu bringt, mehr ins Körbchen zu werfen. Da in Polen keine Kirchensteuer gezahlt wird, ist die Kirchenkasse auf diese Einnahmen zum Großteil angewiesen. Man kann auch nicht ernsthaft behaupten, dass das Episkopat die um den Virus gespannte Panik ausnutzen möchte, um seine einstige Vormachtsstellung in der Gesellschaft zurückzuerobern. Einige denken da wohl an Herrn Paneloux aus dem Werk Die Pest von Camus. Leider nicht an seine offenere Haltung im weiteren Verlauf des Buches. Nach ein paar Tagen heftiger Attacken gegen katholische Gläubige, Priester und die gesamte Kirchenleitung musste dieser Beitrag her, um sich auf die Seite der Vernunft zu stellen.

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Man muss sich auch mal in die Lage einer gläubigen Person hineinversetzen. Die Schließung der Kirche und somit die Unmöglichkeit das Sakrament der Eucharistie zu empfangen ist für viele eine Entscheidung, die nur sehr schwer akzeptiert werden kann. Sakramente, das sind für die Menschen keine leeren Floskeln und Riten, die sie aus Langeweile ausführen. Für einen großen Teil ist das ein Zeichen der Existenz Gottes und somit der Erlösung, vor allem jetzt, in diesen schwierigen Zeiten. Es ist ganz wichtig Empathie zu zeigen, sonst richtet man mehr Schaden an, als man glaubt. Und vor allem: eine Messe im Fernsehen oder im Radio zu hören, ist für die Gläubigen keine Alternative.

Zudem ist es wichtig zu sehen, dass in sehr vielen Dörfern und zum Teil in ganzen Regionen die Kirche die einzige Institution ist, an welche sich die Bewohner richten können. Für viele Ältere Personen ist der Priester die einzige Person, mit der sie über ihren Alltag und somit über ihre Probleme oder Erlebnisse reden können. Das Enkelkind ist oftmals weit weg, vielleicht im Ausland, vielleicht in Warschau mit einem 60-Stunden-Vertrag unterm Arm. Oma besuchen kann man schließlich an Weihnachten oder an jedem zweiten Geburtstag.

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Lasst uns reden!

Machen wir uns also Gedanken, wie wir es hinkriegen, dass sich der Virus nicht unaufhaltsam ausbreitet, aber zwingen wir die Katholiken nicht dazu, dass sie ihren Glauben verleugnen und ihn unter Quarantäne stellen. Ich muss doch wohl wirklich nicht ergänzend erwähnen, dass es nicht sehr schön aussieht gläubige Menschen oder den Glauben an sich zu beleidigen. Mag der Glaube für den einen oder anderen nicht wichtig sein, so ist er für das Wohlbefinden einer ganzen Gesellschaft von vitaler Bedeutung, vor allem in Polen. Und wenn man nicht an Gott glaubt, glaubt man dennoch, an die Wahrheit, an die Liebe oder immerhin an die Nächstenliebe. Lasst uns also reden, mal mit Sarkasmus, mal mit Ironie, aber mit Achtung und Vernunft.


Beitragsbild: Jesus © Gianluca Carnicella [CC BY-NC-ND 2.0]

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Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Jurist, lizenzierter Stadtführer in Warschau, Hobbyfotograf, Deutschlehrer.
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