Geschichte

Die dunklen Anfänge Polens

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Die polnische Elite konvertierte – nach gängiger Überlieferung – im Jahr 966 zum christlichen Glauben. Mit diesem Schritt entschied sie sich bewusst dafür, Teil des west-römischen Kultur- und Wertesystems zu werden. Damit entscheidet sie sich bewusst ein vollwertiges Mitglied im Westen liegenden Staaten zu werden. Zudem wurde auch Latein als Schriftsprache eingeführt. Eine wichtige Folge dieser Entscheidung war die Niederlassung der Geistlichen auf polnischem Gebiet. Somit beginnt auch die Niederschrift der polnischen Staatsgeschichte und das Ende der dunklen Zeit voller Interpretationen und Phantasien. 

Polen verstehen

Wer Deutschland verstehen will, muss die zentralen Etappen seiner Geschichte kennen. Die wichtigsten sind die Gründung und nahezu tausendjähriges Bestehen des Deutschen Kaiserreiches, die Reformation sowie der preußisch-österreichische Dualismus. Analog dazu sind es für Polen nicht nur der Zweite Weltkrieg, die Polnischen Teilungen oder die polnisch-litauische Adelsrepublik, sondern auch die sogenannte Polnische Taufe 966, die allesamt prägende Wendepunkte darstellen. 

Nachfolgend möchte ich die damit zusammenhängenden Aspekte zusammenfassen.

Wo „begann“ Polen?

Sicher ist nur, dass die Anfänge Polens als Mitglied der römisch-katholischen Staatengemeinschaft irgendwo zwischen Gniezno (Gnesen) und Poznan (Posen) liegen. Beide Städte streiten bis heute über die historische Lokalisierung der Taufe der polnischen Elite im Jahre 966, allen voran des polnischen Fürsten Mieszko I. Als weiterer möglicher Ort kommt die bedeutende Festungsanlage Ostrow Lednicki in Betracht, der zur damaligen Zeit eine Schlüsselrolle im Machtgefüge von Mieszko I. zukam. Die archäologischen Ausgrabungen dort liefern Hinweise, aber bisland keine eindeutigen Beweise.

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Möglicher Ort der Polnischen Taufe von 966 – Ostrow Lednicki

Die wenigen erhaltenen Quellen aus jener Zeit stammen aus dem Ausland. Da in jenen Schriften der Ort der Taufe keine Erwähnung findet, muss er für die Autoren keine große Bedeutung gehabt haben. Die polnischen Historiker gehen davon aus, dass es definitiv in Polen war. Über den wahren Ort wird man noch etwas länger grübeln müssen. 

Vom Heiden zum Christen

Es ist nicht einhellig geklärt, welche Motive Mieszko I. dazu bewogen, die Taufe von den Tschechen, also indirekt vom Papst und nicht vom Kaiser, zu empfangen. Der große polnische Historiker Pawel Jasienica sieht darin den strategischen Schritt die eigene Macht zu festigen und zu erweitern. In der christlichen Weltanschauung gilt die Königsmacht als von gottgegeben an – eine Vorstellung, die der heidnischen Ordnung fremd war. Dort wurden Anführer als „Erste und Gleichen“ gewählt und blieben Teil eines egalitären Gefüges. Durch die Annahme des Christentums erlangte Mieszko eine sakral legitimierte Authorität, die seine Position gegenüber inneren und äußeren Rivalen erheblich stärkte. 

Ein weiterer Punkt ist der Kampf gegen die slawischen Völker, die in jener Zeit auch das Gebiet zwische Elbe und Oder bevölkerten. Zusammen mit den Tschechen sah Mieszko I. die Möglichkeit dieses Gebiet in seinen Herrschaftsbereich einzugliedern. In derselben Zeit versuchten die deutschen Markgrafen ebenfalls ihr Gebiet auszudehnen. Ein Kulminationspunkt war 972 bei Cedynia (Zedern) erreicht. Diese Schlacht ist die älteste historische Schlacht in der Geschichte Polens. Sie ist aucht auf einer der 21 Gedenkplatten am Grab des Unbekannten Soldaten in Warschau verzeichnet.

Nicht zu unterschätzen ist auch das mit dem Christentum verbundene symbolische Prestige. So bezeichnete der deutsche Chronist Thietmar von Merseburg Mieszko I. vor dessen Taufe als „Barbaren“, ehrte ihn jedoch später als „Freund“, nachdem er das Christentum angenommen hatte.

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Das zentrale Herrschaftsgebiet der ersten Piasten

Mieszko ein Wikinger?

Die Anfänge des polnischen Staates überkreuzen sich stark mit den Übergriffen der Wikinger sowie zahlreichen Staatsgründungen, die von diesen beeinflusst oder direkt initiiert wurden. In der westlichen Geschichtswissenschaft herrschte im 20. Jahrhundert Einigkeit über die These, dass die slawischen Völker in Ost- und Südosteuropa durch „äußere“, nicht-slawische zivilisiert wurden. Die Rus von den Wikingern, die Bulgaren von den Steppenvölkern Asiens und die Slawen zwischen Elbe und Oder von aufgeklärten Eliten aus dem Westen. Polen durfte keine Ausnahme darstellen und so entstand die chauvinistische, allerdings historisch nicht bestätigte, Meinung, dass Polen ebenfalls von den Wikingern geeint und zivilisiert werden musste. Das war eine für damalige Zeit rassistische, aber gängige Interpretation der Geschichte. Es sollte darauf hinauslaufen, dass die Slawen keinen Selbstverwaltungsinstinkt aufweisen und stets von höheren Kulturen dominiert werden. So rechtfertigten die westlichen Eliten ihre Dominanz über die slawischen Völker und Nationen.

Doch ausgerechnet für das Gebiet zwischen Bug und Oder, dem Ursprungsland der späteren Polen, gibt es für dieses Narrativ keine Anhaltspunkte. Die archäologischen und schriftlichen Quellen deuten vielmehr auf eine eigenständige Entwicklung hin.

Dagome index

In einem Dokument aus dem 10. Jahrhundert wird Mieszko I. als Dagome Iudex bezeichnet. Darin will man einen skandinavischen Ursprung seines Namens sehen. Beweisen kann man es jedoch nicht. Ein starkes Indiz dafür, dass Polen nicht von Wikingern gegründet wurde, sind die hier lebenden Slawen selbst. Es wäre für sie kein Grund der Betrübnis gewesen, wenn sie von Wikingern geeint und beherrscht wurden. So erzählen die Bewohner von Kiew oder auch in anderen slawischen Völkern ganz offen davon, dass sie von Wikingern beherrscht wurden und dass diese eine staatliche Organisation auf die Beine stellten. Es gibt also keinen Grund zu glauben, dass die hiesigen Bewohner gezielt oder bewusst über die Dominanz der Wikinger geschwiegen haben. Das bedeutet auch nicht, dass überhaupt keine Wikinger hier waren. Zahlreiche Grabstätten mit Wikinger-Gräbern sind ein deutlicher Beweis für ihre Existenz auf dem Gebiet des späteren Polen. Ihre Funktion war jedoch eine ganz andere.

Auch Mieszko I. und seine Vorfahren stammten womöglich aus dem „Ausland“. Das ist per se nicht ausgeschlossen. Niemand kann hier genaueres sagen. Es könnten auch Nachfahren der Herrscher des kurz zuvor untergegangenen Mährerreiches gewesen sein.

Eine schnelle Entwicklung

Die oben genannten Diskussionen haben noch eine weitere Quelle. Das polnische Fürstentum ist nämlich sehr schnell entstanden. Man kann erkennen, dass das ein gelungenes Unternehmen von zwei bis drei Generationen war. An die Stelle der alten Strukturen traten neue. Den genauen Werdegang kann die Historie leider nicht nachzeichnen, was zu weiteren Phantasien führt.

Stammen die Polen von den Polanen?

Ein staatsähnliche Organisationsstruktur auf dem heutigen Gebiet Polens wurde Anfang des 9. Jahrhundert wahrgenommen. Ein Mönch, der als Bayrischer Geograf bekannt ist, wurde von seinem Herrn Ludwig II. dem Deutschen, dem König des Ostfrankenreiches, damit beauftragt die Völker nördlich der Donau auszuspionieren (845 n. Chr. / descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii). Namentlich erwähnt in diesem Werk die Völker der Schlesier und Wislanen am oberen Verlauf der Weichsel.Die Polanen, von denen die Polen angeblich abstammen sollen, tauchten in der Auflistung nicht auf.

Knapp 100 Jahre später reist der jüdische Händler aus Cordoba Ibrahim Ibn Jakub in diese Gegend. Er ist Sklavenhändler und Slaven waren das wertvollste, was slawische Völker damals im Angebot hatten. Er beschreibt Prag und Krakau sowie das Land des Fürsten Mieszko (Mesko). Eine konkrete Bezeichnung für sein Herrschaftsgebiet hatte er nicht. Weder tauchten hier die Polen oder Polanen auf.

Boleslaw I. Princes Polonie

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Die Bezeichnung „Polanen“ ist allem Anschein nach keine völkische Bezeichnung. Es wird sich bei den Polanen um eine Analogie zum italienischen Campania handeln. Campania war das „zivilisierte“ Land, also das, was von menschenhand beschlagnahmt und kultiviert wurde. Die Polen wären somit diejenigen Bewohner, die aus diesem „zivilisierten“ Gebiet kommen, so wie die Bewohner von Campania. So gesehen waren die Polen eine Antithese der vermeintlichen Polanen.

Als Johannes Canaparius, ein römischer Abt, im Jahr 1000 das Leben und Wirken des Heiligen Adalbert (Swiety Wojciech) beschreibt, taucht in dem Text der polnische Fürst Boleslaw I. als „Bolizlauo Palaniorum duce„, also Fürst Boleslaw der Pole, auf. Das ist die historisch älteste Bezeichnung Nennung Polens.

Daraufhing lässt Fürst Boleslaw I. seine eigenen Münzen prägen. Auf der Münze ist gut sichtbar die Aufschrift: Princes Polonie, also der Fürst von Polen, zu sehen.

Alles weitere ist Geschichte.

Antoni Administrator
Europäer mit polnischem Herz und deutschem Hirn! Eigentümer des Warschauer Touristikunternehmens Walking Warsaw (walkingwarsaw.com / stadtfuehrer-warschau.com), lizenzierter Stadtführer, Fotograf, Jurist (1. Staatsexamen/Deutschland)
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