Vielen Touristen und Geschäftsleuten, die schon einige Stunden in Warschau unterwegs sind, fällt auf, dass man mit Deutsch nicht weit kommt. In den Restaurants gibt es keine deutschsprachigen Menüs, in den Touristeninformationen spricht selten jemand Deutsch und auf der Straße fragt man lieber gleich auf Englisch oder Ukrainisch nach dem gesuchten Ziel. Ausnahmen bestätigen, wohlbekannt, die Regel. Die deutschen Touristen beschweren sich nicht, aber sind doch verwundert.
Die Verwunderung ist deshalb so groß, weil es in Krakau, Wroclaw oder Danzig selbstverständlich ist die Touristeninformationen in alle möglichen Sprachen, allen voran auch ins Deutsche, zu übersetzen. Der Grund ist klar: die Touristen aus Deutschland sind in den genannten Städten hinsichtlich der Anzahl immer in der Top 3. Es lohnt sich also im wörtlichen Sinne, denn glückliche Touristen zahlen stets etwas mehr als es der offizielle Preis verlangt.
Doch auch in Warschau sind die Deutschen eine der größten Touristengruppen und liegen sogar auf Platz 2 hinter den Briten. Jeder zehnte Tourist in Warschau kommt aus Deutschland. Und dennoch ist Deutsch in Warschau Mangelware. Warum?

Inhalt
Warschau hat kaum Bezug zu Deutschland
Warschau ist in erster Linie eine typische Business City und die dominierende Gesellschaftsgruppe ist dementsprechend der Geschäftsmann oder die Geschäftsfrau und die Angestellten, also der Weiße Kragen (white collar). In einem weiteren Beitrag bin ich dieser untouristischen Charaktereigenschaft und den damit einhergehenden Konsequenzen auf den Grund gegagen und leite gerne weiter. Wenn der Beobachter jedoch den Vergleich zu den anderen großen Städten, wo Deutsch viel und gerne gesprochen wird, auf der touristischen Metaebene zieht, dann gelangt er nicht zu einer zufriedenstellenden Antwort.
Die horizontale Linie zwischen allen Städten kann nur eine historische sein, wo auch die untouristische Charaktereigenschaft ihren Urpsrung hat.
Stadtgründung im 14. Jahrhundert
Im 13. und 14. Jahrhundert wurden in Polen viele Städte auf dem Magedburger Rechtssystem gegründet. Das heißt natürlich nicht, dass es vorher keine städteähnlichen Siedlungen gab, sondern dass diese von nun einem besonderen Rechtssystem unterlagen. Heißt also: sie entwickelten sich weiter.
Warschau wurde auf dem Kulmer Stadtrecht, einer Abwandlung des Magedburger Rechts, gegründet. Dieses Rechtssystem war besonders vom Deutschen Ritterorden geprägt. Auch waren unter den ersten Siedlern der Stadt viele deutschsprachige Bürger zugegen. Doch überwog die Anzahl der deutschstämmigen Bürger nie die Zahl der polnischen Mitbürger, was an den Klängen der Namen der ersten Bürger ersichtlich ist. Anders verhielt es sich in Krakau, Danzig oder Breslau.
Warschau entwickelte sich zudem bis zum Ende des 16. Jahrhunderts kaum und blieb stets im Schatten von Krakau, Danzig oder Lemberg.
Die drei Polnischen Teilungen
Polen wurde im 18. Jahrhundert bekannterweise drei Mal geteilt. Preußen, Russland und Österreich nahmen sich Stück für Stück in einem beispiellosen Raubzug Hunderttausende Quadratkilometer Land. Diese Teilungen wurden während des Wiener Kongresses international anerkannt.
Warschau fiel mit der dritten Teilung 1795 an Preußen und wurde zur regionalen Verwaltungsstadt degradiert. Diese Phase weilte sehr kurz von 1795 bis 1806, als die Armeen von Napoleon das Warschauer Land betraten und das Großfürstentums Warschau gegründet wurde.
1815 scheiterte der napoleonische Eroberungszug endgültig. Ein unabhängiger polnischer Staat, vielleicht nochmals in einer Union mit Litauen und Sachsen, wurde somit ad acta gelegt. Doch der Wiener Kongreß übergab das Gebiet des Großfürstentums Warschau und somit die Stadt selbst an das Russische Zarenreich. Bis 1915 bleibt Warschau unter russischer Verwaltung und wird administrativ von Sankt Petersburg verwaltet. Der ursprüngliche deutsch-preußische Bezug von 1795 bis 1806 wurde nicht wiederhergestellt. Der Blick Warschau blieb somit bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges stets nach Osten gerichtet. Erkennbar war es am Schienennetz und der schnell wachsenden jüdischen Bevölkerung.

1. Weltkrieg
Nach dem Abzug der Russen aus Warschau am 1. August 1915 besetzten die Preußen erneut die Stadt. Dieses Mal noch kürzer als Ende des 18. Jahrhunderts. Am 11. November 1918 wird Polen unabhängig. Die Preußen ziehen nach knapp dreijährigem Aufenthalt die Stadt. Zu wenig, um sprachlich oder kulturell sichtbaren Einfluß zu nehmen. Immerhin hat General-Gouverneur Hans Hartwig von Beseler 1916 das Stadtgebiet um das Dreifache vergrößert.
2. Weltrieg und seine politischen Folgen
Über den Zeitraum von 1939 bis 1945 brauche ich an dieser Stelle nicht viel zu sagen. Die Deutschen besetzen Warschau zum dritten und bisher letzten Mal. Zerstörung, Mord, Torturen und Holocaust. So lässt sich die Terrorherrschaft in aller Kürze zusammenfassen.
Doch die politische Konsequenz war ähnlich wie auch 1815. Polen gerät nun unter sowjetisch-russischen Einfluß. Die Folgen sind dieselben wie nach dem Wiener Kongreß. Warschaus ist gen Osten gerichtet. Die Weltsprache ist Russisch, der kulturelle Einfluß ist degradierend russisch und Abschottung von der Außenwelt und somit auch vom deutschen Kulturkreis spürbar.
Wenn in den Jahren von 1945 bis 1990 Touristen nach Polen kamen, dann gingen sie entweder nach Krakau, Danzig oder Breslau. Warschau wurde gemieden, es sei denn, man musste hierhin. Während also Krakau als UNESCO-Objekt seit 1968 für Weltenbummler interessant war, geriet Warschau ins Vergessen.
Nach 1990
Nach 1990 wurde Russisch feierlich zur lingua non grata gekürt. Nicht nur wegen der für die Psyche einer ganzen Nation destruktiven Konsequenz des Sozialismus/Kommunismus, sondern auch wegen des sinkenden Handelsvolumens. Warschaus neuer Großer Bruder wird New York und die polnische Gesellschaft wird amerikanisiert. Die zweite Sprache nach Polnisch wird Englisch. Krakau, Danzig und Breslau hoben ihre historisch starken Beziehungen zu Deutschland wieder hervor. Warschau hatte in dieser Angelegenheit keine Bezugspunkte und musste sich neu entdecken. Und diese Entdeckungsreise dauert weiterhin fort. Ohne Bezug zu Deutschland, ohne Bezug zur deutschen Sprache. Daran wird sich in naher Zukunft nichts ändern. Es bleibt also für mich als Stadtführer in Warschau viel zu tun.







„Warschau, ohne Bezug zu Deutschland, ohne Bezug zur deutschen Sprache. Daran wird sich in naher Zukunft nichts ändern.“ ?
Gibt es für Warschau keine Städte-Partnerschaft in Deutschland?