Das religiöse Leben der Polen

Zunächst etwas Statistik

Das Polnische Hauptstatistikamt (Główny Urząd Statystyczny) hat 2016 eine Übersicht unter dem Titel Religiöse Konfessionen in Polen 2012-2014 (Wyznania religijne w Polsce 2012-2014) veröffentlicht. Die statistischen Daten zur Religionszugehörigkeit stammen von der Volkszählung im Jahre 2011 und von den Daten, die die Konfessionen selbst erheben und an das Statistikamt weiterleiten.

Die Frage nach der Religionszugehörigkeit wurde 2011 zum ersten Mal seit 1931 gestellt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Religionsfrage aus ideologischen Gründen ausgelassen. Die erste Volksbefragung nach der Zeit des Kommunistischen Regimes fand 2002 statt, doch auch hier wurde sie weggelassen – dieses Mal aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken.

Die Veröffentlichung von 2016 wurde mit einer neuen Klassifizierung der Religionsgemeinschaften und Konfessionen vorgenommen, um so detailliertere und breiter gefasste Ergebnisse zu erhalten.

 

Konfessionen in Polen

In Polen gibt es derzeit (2016)  196 registrierte Konfessionen, welche in folgenden Religionen aufgehen:

  • Christentum: 121
  • Islam: 5
  • Judentum: 6,
  • Buddhismus: 19
  • Hinduismus: 9
  • Heidentum und Neuheidentum (Neopaganismus): 5
  • andere: 21
  • ohne Klassizifizierung: 10

Die Ergebnisse der Volkszählung 2011 im Hinblick auf die Religionszugehörigkeit

Gezählt hat man 2011 insgesamt 38.511,8 Tausend Polen (Juli 2017: 38.426 Tausend), wovon 35.151,4 Tausend die Frage nach der Religionszugehörigkeit beantwortet hatten. 34.222 Tausend gehörten einer Konfession an, 929,4 Tausend waren konfessionslos.

Die Konfessionsverteilung sah wie folgt aus (nur die größten Konfessionen):

  • katholisch: 33.782 Tausend (87,7 Prozent der Gesamtbevölkerung / 96,1 Prozent derjenigen, die die Konfessionszugehörigkeit angegeben haben)
  • protestantisch: 122,6 Tausend (0,3 Prozent / 0,3 Prozent)
  • Zeugen Jehowas: 137, 3 Tausend
  • islamisch: 5,1 Tausend
  • jüdisch: 0,8 Tausend
  • budhistisch: 6 Tausend
  • hinduistisch: 0,9 Tausend
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Lesen Sie auch – Einwohnerzahl Warschaus. Statistik vs. Realität.

Wovon leben die Geistlichen?

Am Beispiel der katholischen Kirche in Polen soll gezeigt werden, wie sich die Kirchen in Polen finanzieren (lassen können).

Dazu muss man wissen, dass das Einkommen der Katholischen Kirche steuerfrei ist, sofern es sich um eine nichtwirtschaftliche Tätigkeit handelt. Zudem ist die Kirche nicht verpflichtet einen Einkommensnachweis zu führen.

Konkordat zwischen Polen und dem Heiligen Stuhl

Am 28. Juli 1993 wurde zwischen der Republik Polen und dem Heiligen Stuhl ein Konkordat (polnisch + italienisch) unterzeichnet, welches u.a. die Finanzierung der katholischen Kirche in Polen regelte. Die Ratifizierung erfolgte erst am 8. Januar 1998 mit einem Stimmenverhältnis von 273 Ja-Stimmen zu 161 Nein-Stimmen. 2 Abgeordnete enthielten sich. Es wurde eine Sonderkommission eingerichtet, die die notwendigen Änderungen der Finazierung der Kirche vornehmen soll.

Kirchenfond (Fundusz Kościelny)

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Geldmünzen / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

1946 wurden alle kirchlichen Verlage, 1949 die katholischen Krankenhäuser, 1950 der Landbesitz aller Religionsgemeinschaften, 1952 die Stiftungen und schließlich alle Schulen und Kindergärten der katholischen Kirche verstaatlicht.

Die Enteignung des Landbesitzes umfasste alle Glaubensgemeinschaften und die Pfründen der Pfarrer mit einer Fläche von über 50 Hektar (im Bistum Posen, in Pommern und Schlesien über 100 Hektar). Auf diese Weise gingen 127.169 Hektar Land und 3437 Gebäude der Katholischen Kirche in Staatseigentum über.

Daher wurde 1950 ein sogenannter Kirchenfond (Fundusz Kościelny) eingeführt, der alle Konfessionen für diese Enteignungen kompensieren sollte.

(Quelle: Wojciech Sadlon SAC: Zwischen Volksreligiosität und gemeinnütziger Tätigkeit. Die aktuelle Diskussion um die Finanzierung der Kirche in Polen / September 2014 – deutsch)

Davon werden u.a. die Renten- und Versicherungsbeiträge der Geistlichen finanziert. Dieser Fond ist Teil des polnischen Staatshaushalts und wird jedes Jahr aufs Neue bestimmt. Die Verwaltung der Gelder übernimmt das Innenministerium. Die Ausgaben im Budget der letzten Jahre sehen wie folgt aus:

  • 1990: 2 Millionen PLN
  • 2000: 67,8 Millionen PLN
  • 2010: 86,3 Millionen PLN
  • 2011: 89 Millionen PLN
  • 2012: 94,4 Millionen PLN
  • 2013: 118,2 Millionen PLN
  • 2014: 133,1 Millionen PLN
  • 2015: 128,1 Millionen PLN
  • 2016: 145,3 Millionen PLN

Obwohl der größte Teil des Kirchenfonds der katholischen Kirche zugute kommt, reicht es bei weitem nicht aus, um den himmlischen Betrieb in Gang zu halten.

Freiwillige Spenden der Gläubigen

Nach Angaben der Katholischen Nachrichtenagentur (KAI / Katolicka Agencja Informacyjna) stammen die Einnahmen der katholischen Kirche zu 80 Prozent aus den Spenden der Pfarrmitglieder. Die Zahl der Pfarreien in Polen liegt bei ca. 10,5 Tausend. Jeden Sonntag kommt da also jeder Menge zusammen.

Nach Angaben des Instituts für Statistik der Katholischen Kirche (Insytut Statystyki Kościoła Katolickiego) nehmen etwa 40 Prozent der polnischen Katholiken jeden Sonntag an der Eucharistie teil.

Weniger Kirchgänger heißt auch weniger Geld im Körbchen

Nach einer Umfrage (polnisch) des Polnischen Meinungsforschungszentrums (CBOS) im Jahre 2012 zum Thema Meinungen zur Finanzierung der Kirche (Opinie o finansowaniu kościoła) kamen u.a. folgende Ergebnisse heraus:

Frage: Ist die Katholische Kirche in Polen eine arme oder reiche Institution?

  • es ist eine reiche Institution: 46 Prozent
  • es ist eine eher reiche Institution: 26 Prozent
  • es ist eine weder arme noch reiche Institution: 20 Prozent
  • es ist eine eher arme Institution: 3 Prozent
  • es ist eine arme Institution: 1 Prozent
  • schwer zu sagen: 4 Prozent

Frage: Wie ist Ihrer Meinung nach der Lebensstandard der Priester in Polen?

  • wohlhabend: 49 Prozent
  • eher wohlhabend: 29 Prozent
  • weder bescheiden noch wohlhabend: 15 Prozent
  • eher bescheiden: 2 Prozent
  • bescheiden: 1 Prozent
  • schwer zu sagen: 4 Prozent

In einer weiteren Umfrage von 2013 zum Thema Die Polen über die Gehälter verschiedener Berufsgruppen (polnisch) waren die Polen der Meinung, dass die Priester allgemein zu viel verdienen.

Seit 1980 führt die katholische Kirche in Polen eine Statistik über die sonntäglichen Gewohnheiten „ihrer“ Gläubigen. Dabei unterscheidet die Statistik zwischen den

  • dominicantes:  Teilnehmer an der Sonntagsmesse

und

  • communicantes: also denjenigen, die während der Messe auch zur Heiligen Kommunion antreten.

Die letzte Zählung wurde am 15. Oktober 2017 durchgeführt, jedoch noch nicht veröffentlicht.

Gab es 1980 noch etwas mehr als 50 Prozent dominicantes, fiel diese Zahl im Jahre 2016 auf knapp 36,7 Prozent.

Auf der anderen Seite stieg die Zahl der communicantes von etwa 8 Prozent im Jahre 1980 auf knapp 16 Prozent im Jahre 2016.

Zwischen den Diözesen gibt es sehr große Unterschiede. In der Diözese Tarnów lag der Anteil der dominicantes bei 67 Prozent, in der Diözese Sosnowiec hingegen bei 10 Prozent.

(Quelle: Institut für Statistik der Katholischen Kirche / tabellarische Aufzeichnung / polnisch)

Von Jahr zu Jahr sinkt also die Zahl der aktiven Gläubigen und somit der Kirchgänger in Polen. In den letzten 15 Jahren waren es schätzungsweise ca. 2 Millionen Gläubiger weniger. Einige scherzen dabei, dass diese 2 Millionen sich in England, Deutschland oder Norwegen befinden und daher nicht teilnehmen können. Weniger Gläubige heißt aber auch weniger Geld im Körbchen.

Die Summen, die die Messdiener sonntags durchzählen, schwanken zwischen 500 PLN und 2300 PLN. In größeren städtischen Pfarreien können es auch schon mal 4000 PLN werden.

Iura stolae – was kostet es denn eigentlich?

Von dem, was die Gläubigen ins Körbchen werfen, müssen die Pfarrer allerlei Sachen bezahlen. Dazu gehören die Heizkosten,  Renovierungsarbeiten, Steuern oder auch Versicherungen. Zusätzlich will der Orgranist und andere an der Messe teilnehmende Personen eine Entlöhnung erhalten. Die Pfarreien sind von den Diözesen finanziell relativ unabhängig und die Pfarrer sind zugleich auch die finanziellen Verwalter ihrer eigenen Gemeinden.

Was den Pfarrern persönlich zusteht ist die sogenannte iura stolae, also die Gebühren für die Leistungen in Hinblick auf die einzelnen Sakramente wie Taufe, Firmung, Eheschließung, Beerdigung oder auch gesonderte Andachtsgottesdienste. Einen großen Teil ihrer Einkommen erhalten die Pfarrer auch während ihrer Hausbesuche in der Weihnachtszeit.

Es gibt grundsätzlich keine Preisliste, bezahlt wird nach dem Motto was beliebt (co łaska). Für eine Taufe können es also schon mal 500 PLN werden, für eine Hochzeit 1500 PLN und für Beerdigungen muss man sogar bis zu 3000 PLN aufbieten.

Viele Gläubige, viele Anegdoten

Bei einer ziemlich übersichtlichen Konfessionszugehörigkeit und zugleich so hohen Anzahl an Gläubigen (katholisch) ist auch die Anzahl der erlebten (zum Teil unglaublichen) Geschichten und Anegdoten in polnischen Familien sehr hoch. Jeder in Polen hat mindestens eine Geschichte zu erzählen, die zum Teil so abstrus klingt, dass man sie kaum glauben mag. Vergleichbar ist es mit den zahlreichen Vodka-Geschichten vor allem in den 90er Jahren. Doch diese werden immer weniger. Und genauso ist es mit dem religiösen Leben der Polen. Vor allem in den Städten. Es wird halt immer weniger.

Die Stimmung kippt!

Ich kann nicht sagen, wie die Stimmung in den provinziellen Ortschaften ist. In den Städten jedoch merkt man eine gewiße Abkehr von den kirchlichen Institutionen. Die Kritik gegenüber der Kirche wird immer größer, die Anzahl der nur standesamtlichen Eheschließungen immer höher und die Ehrfurcht gegenüber Geistlichen immer geringer.

Die katholische Kirche in Polen ist die einzige Institution in der tausendjährigen Geschichte des Landes, welche ununterbrochen präsent ist. Sie ist auch diejenige Institution, die bei den zahlreichen Aufständen gegen die Besatzer, vor allem im 19. Jahrhundert, eine entscheidende Rolle gespielt hat. Hinzukommt der Einfluß von Johannes Paul II. auf das politische Geschehen in Polen in der 80er Jahren. All diese Errungenschaften und die Aufopferungsbereitschaft der Geistlichkeit will niemand abstreiten.

Doch die Stimmung kippt! Man hat das Gefühl, dass die Kirche in „Friedenszeiten“ zu hochnäsig und dekadnet geworden ist. Man mag fast schon glauben, dass sie sich deshalb zu viele Rechte herausnimmt, um sich so ihr Engagement für die Gesellschaft zu vergüten. Die Stadtgemeinschaften werden jedoch immer größer und vor allem immer liberaler. Es entsteht eine Art Konkurrenzkampf um die Seelen der Stadtbevölkerung, welchen die Kirche nicht gewinnen wird. Vielmehr bildet sie mit ihren irrationalen Handlungen ungewollt eine immer größer werdende Gegnerschaft aus, die sich den Mund nicht mehr verbieten lässt.

Ein ähnliches Bild kann man auf politischer Ebene erkennen. In stürmischen Zeiten des 19. Jahrhunderts, während des 2. Weltkrieges und während des kommunistischen Regimes waren sich die Polen stets einig und arbeiteten – mehr oder weniger – zusammen. In Friedenszeiten gibt es jedoch keinen gemeinsamen Feind und so hörte 1990 der politische Partisanenkrieg auf. Nun muss man zusammenarbeiten, was sich nicht so einfach bewerkstelligen lässt.

Die Kirche muss auch langsam verstehen, dass die Menschen eine andere Art der Freiheit fordern. Waren es die Kirchengebäude, die den Menschen Schutz und relative Meinungsfreiheit anboten, so sehnen sich die Menschen jetzt nach einer Freiheit außerhalb der Kirchenmauern. Will man diese Einschränken, macht man sich selber zu dem Feind, den man einst gemeinsam bekämpft hatte.

Eigentlich müsste die älteste Institution in Polen so etwas wissen. 


Link zum Beitragsbild: Only in the subway / Jehangir Irani [CC BY-NC 2.0 – flickr]

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Kategorien:Feuilleton, Menschen

  1. Hallo,
    Meiner Meinung nach musst du den Beitrag gar nicht erweitern, denn der Titel lautet „das religiöse Leben der Polen“ und nicht „was können wir an der polnischen Kirche kritisieren“.
    Vielleicht ist es ein Vorschlag für deinen nächsten Beitrag?! Das vielleicht eher.

    Guter Beitrag und sehr informativ!
    Man kann ganz genau verfolgen wie immer weniger Menschen in die Messe gehen …..es ist fast schon ein Wunder, dass es immer noch so viele sind…..

    Freue mich auf mehr ……

  2. das ist ein informativer Beitrag, allerdings bleibt unklar, was die Kritikpunkte an der Kirche sind. Ich vermute mal, es ist das, weshalb es schon heftige Proteste gegen die PiS-Regierung gab.

    • Hallo Ditze,
      danke für den Hinweis. Ich werde den Beitrag erweitern. Grundsätzlich ist es die Tatsache, dass die Kirche
      — sich zu sehr in die Politik einmischt
      — zu sehr mit hohen politischen Beamten verwoben ist
      — zu sehr in das Privatleben der Menschen eingreift
      — die Anzeichen einer sich veränderten Gesellschaft völlig übersehen hat
      etc.

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