Eine Streitschrift

piskorski-vertreibung
Editions:Paperback (Deutsch)
ISBN: 3-929759-96-9
Size: 14,50 x 20,90 cm
Pages: 180

Deutschland und Polen haben eine sehr schwierige Geschichte hinter sich, die es zu verarbeiten gilt. Um verarbeiten zu können, muss man wissen. Der Glaube an ein gemeinsames Nebeneinander ist der einzige Weg, den alle beschreiten solten. Dabei muss die Geschichte kein Hindernis sein.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat 151 Seiten und ist in 2 Teile gegliedert.

I. Zwei Reiter der Apokalypse - Umsiedlungen in Europa unter Hitler und Stalin

II. Die Deutschen Vertriebenen und das "Zentrum gegen Vertreibungen"

Interessant finde ich den polnischen Originaltitel, der heißt: "Polacy i Niemcy. Czy przeszlosc musi byc przeszkoda". Auf deutsch: "Polen und Deutsche. Muss die Vergangenheit ein Hindernis sein?". Dann liest es sich von Anfang an ganz anders. Der polnische Titel war auch der Grund, warum ich dieses Buch hier vorstellen möchte.

Was hat das Buch mit Warschau zu tun? Es gibt im deutsch-polnischen Raum kein schwierigeres Terrain sofern es um die Aussöhnung dieser beiden Gesellschaften gibt. Nicht umsonst zeigt das Buchcover Willy Brandt, wie er am 07. Dezember 1970 vor dem Denkmal der Helden des jüdischen Ghettos in Warschau niederkniet. Das ist nun schon 46 Jahre her und doch gibt es noch viel zu tun. Diese Aussöhnung möchte ich vorantreiben - aus der polnischen Hauptstadt, auf Deutsch, im Jahre 2017. Und wir alle haben es in diesen Zeiten bitter nötig.

Der Autor Jan Piskorski beginnt seine Streitschrift mit einer unverblümten Darstellung der Völkermorde und den massenhaften Bevölkerungsverschiebungen. Ohne Übertreibung stellt er fest, dass für die Umsetzung der kranken Ideen der "neuen Herren" der Welt Millionen Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Dieser Abschnitt ist relativ kurz und dient als Übersicht für die weiteren Ausführungen.

Der nächste Abschnitt beginnt mit einer Kritik am Bund der Vertriebenen. Dabei kommt Erika Steinbach nicht sonderlich glimpflig davon.

Jan Piskorski schließt daran eine terminologische Ausarbeitung an, die nicht wirklich leicht zu lesen ist. Insbesondere dann nicht, wenn man der polnischen Sprache nicht mächtig ist. Es geht dabei um Begriffe wie Aussiedlung, Transfer, Deportation, Zwangsmigration, Exodus, Flucht, Auswanderung, Austreibung und Vertreibung - und nun stellen Sie sich diese Wörter noch auf polnisch vor.

Mir gefällt vor allem der folgende Teil über Umsiedlungen im historischen Kontext und der kurze Satz "Aussiedlungen sind jedenfalls kein Kind des Nationalismus, wie man häufig meint (...)". Der Autor hilft dem Leser sich nicht zu sehr einzuschränken und die vielen Fehler der Menschheit in einem breiteren Kontext zu verstehen.

Es folgt eine Beschreibung der Begriffe Verbrechen - Schuld - Strafe und ihr gegenseitiges Verhältnis. Hier will ich folgendes Zitat einfügen - "Der Vergleich des Bösen führt zu nichts, (...). Man müsse das Böse  einfach anerkennen und es zum Ausgangspunkt der Versöhnung machen. Andererseits darf man nicht vergessen: "deutsche Verbrechen an Polen und Juden bleiben einzigartig in der Geschichte", und man kann ohne sie die Aussiedlung der Deutschen aus Ostmittel- und Osteuropa nicht verstehen. Diese Feststellung lässt sich wohl unterschreiben. Das befreit uns aber nicht von der nächsten Frage, nämlich der, wie wir, die Polen, mit der Feststellung umgehen, dass die Polen (...) mit der Aussieldung nicht nur jene bestraften, die das Schwert gegen sie erhoben, und nicht nur jene, die dem Bösen stillschweigend zuschauten, sondern auch unsere deutschen Verbündeten im Kampf gegen Hitler". Diese Frage sollten wir uns alle stellen.

Ziel des Buches

In einem Postscriptum zur deutschen Ausgabe schreibt der Autor, dass es ihm "um eine Zusammenfassung ging der deutsch-polnischen Kontroversen der letzten Jahre und um ihre zeitliche und räumliche Kontextualisierung, die in den schnell geschriebenen Texten für die Tagespresse und in den mit heißer Nadel gestrickten Aussagen von Politikern häufig fehlt." Mir gefällt, dass Jan Piskorski kein Blatt vor den Mund nimmt und auch hier offen sagt, dass die Deutschen und Polen eine 200-jährige Zeit der Feindschaft hinter sich haben und der 2. Weltkrieg nur eine logische Schlußfolgerung davon war. Er weiss, dass man mit zwischenstaatlichen Verträgen nicht viel erreichen wird. Vielmehr ist hier Kulturarbeit nötig. Das Buch fasst die hitzigen Streitigkeiten nur bis 2004 zusammen und doch ist es heute aktueller denn je. Die regierende Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) zwingt die intelektuelle Welt zu erneuten Debatten und Diskussionen über diese Themen und seit 2015 hat das Wort "Flüchtling" aber auch "Vertriebener" an neuem Input gewonnen. Was vor Jahren noch so offensichtlich klang, führt heute zu Verwirrung und Missverständnissen.

Warum sollte man das Buch lesen?

deutsch-polnische-partnerschaftAllein deswegen, um bei solchen Gesprächsthemen nicht mit populistischen Argumenten kämpfen zu müssen. Es sollte sachlich zugehen und mit diesem Buch bekommen Sie eine große Ladung solcher nützlichen Informationen.

Das Buch wird auch helfen die deutsch-polnischen Beziehungen zu verbessern. Davon bin ich überzeugt. Der Autor geht mit dem Vertriebenenthema aus polnischer wie deutscher Perspektive sehr gerecht um. Deshalb baut er ein konstruktives Fundament auf für weiterführende Diskussionen und Überlegungen.

So sieht es womöglich auch das Auswärtige Am, mit dessen Unterstützung das Buch veröffentlich wurde. Finanzielle Hilfe kam von der Stiftung für  Deutsch-Polnische-Zusammenarbeit und der Posener Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften.

Published:
Publisher: Fibre Verlag
Excerpt:

Klappentext

Die jüngsten deutsch-polnischen Debatten um den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen stellen die Beziehungen zwischen beiden Löndern vor eine harte Belastungsprobe. Das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" und die Aktivitäten der "Preußischen Treuhand" haben in Polen Befürchtungen geweckt, die Deutschen seien heute stärker auf ihre eigenen Opfer des Krieges fixiert und würden das Schicksal der Polen unter dem NS-Terror aus den Augen verlieren.  Die Besorgnis über eine Revision des deutschen Geschichtsbildes äußerte sich auch in einer Sejm-Resolution über Reparationsforderungen an Deutschland.

Lies mehr

In der vorliegenden, im Original 2004 erschienen Streitschrift beschreibt und kommentiert der Historiker Jan M. Piskorski die jüngste deutsch-polnische Geschichtsdebatte. Als hervorragender Kenner der mitteleuropäischen Zeitgeschichte betont er auch die Chancen einer solchen Diskussion, die beide Seiten zu einer Beschäftigung mit ihrer eigenen Geschichte führen kann.  Besonderen Stellenwert nimmt die Interpretation des Zweiten Weltkrieges und der Vertreibung der Deutschen aus der Sicht der deutsch-polnischen Nachbarschaft ein. Jan M. Piskorski bereichert die Debatte mit einer pointierten Analyse, die zudem deutschen Lesern die polnischen Begrifflichkeiten und Sichtweisen erschließt.

"Auf erfreulich direkte Art und Weise und immer wieder untermauert von Zitaten bezieht Piskorski Stellung gegen alle Versuche der Geschichtsklitterung in beiden Ländern"

Inter Finitimos. Jahrbuch zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte, Nr. 2, 2004

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Reviews:Rainer Ohliger bei H-Soz-Kult schreibt:

Das in derselben Reihe erschienene Buch von Jan Piskorski, Professor für vergleichende Geschichte Europas an der Universität Szczecin/Stettin, bietet daher eine willkommene Ergänzung. Der Autor geht ausführlich auf die polnischen und deutschen Debatten ein, nennt Akteure und Interessen und bettet die Diskussion dezidiert in den deutsch-polnischen historischen und geschichtspolitischen Kontext ein. Man ist als Leser immer wieder überrascht, wie wenig streitsüchtig der Autor dieser „Streitschrift“ tatsächlich ist. Gemessen an den polemischen Tönen deutscher Historiker bei historiographischen Debatten oder der Leidenschaft, mit der das Thema Zwangsmigration im deutsch-polnischen politischen Kontext verhandelt wurde, ist dieses Buch vergleichsweise sachlich.

Matthias Stickler bei bücher.de schreibt:

Wichtig ist Piskorskis Streitschrift vor allem deshalb, weil sie bei aller Emotionalität, die zwischen den Zeilen immer wieder durchschimmert, dem deutschen Leser sachlich, ohne Aufrechnung und Polemik, polnische Sichtweisen und Begrifflichkeiten erschließt und hierdurch einen wichtigen Beitrag zur wechselseitigen Dialogfähigkeit leistet.


 

OriginaltitelPolacy i Niemcy. Czy przeszłość musi być przeszkodą?
Übersetzt aus dem PolnischenAndreas Warnecke

Der Autor

Jan M. Piskorski, geb. 1956, ist Professor für vergleichende Geschichte Europas an der Universität Stettin und Ko-Vizepräsident der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der UNESCO; er lebt in Posen (aus dem Klapptext).

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