Kamil Stoch hat als zweiter Skispringer in der 66-jährigen Geschichte der Vierschanzen-Tournee alle vier Springen gewonnen. Am letzten Tag des Turniers am 06.01.2017 hat er in Bischofshofen bewiesen, dass er zu den besten Skispringern überhaupt gehört. Am gleichen Tag wurde Kamil in Polen zum Sportler des Jahres gewählt. Die Versuchung zu einem sportlichen Vergleich mit Adam Małysz ist groß, sollte jedoch nicht überbewertet werden. Die Zeiten haben sich nämlich schon gravierend verändert.  

Polen (wieder) im Skisprung-Fieber

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Kamil Stoch / Ailura – wikimedia [CC BY-SA 3.0 AT]

Von 2000 bis 2011 gab es ein regelrechtes Skisprung-Fieber, welches durch die jahrelange Dominanz von Adam Małzysz hervorgerufen wurde. In Polen nannte man die Zeit małyszomania. Nun passiert das gleiche mit seinem Nachfolger Kamil Stoch. Noch während er in Bischofshofen gefeiert wurde, verkündete man im polnischen Fernsehen das Wahlergebnis zum Sportler des Jahres. Kamil Stoch konnte sich gegen Robert Lewandowski und Anita Włodarczyk (2 x Olympisches Gold beim Hammerwurf) durchsetzen. Das ist nach 2014 sein zweiter Sieg. In der Małysz-Ära wurde Adam drei Mal hintereinander gewählt – 2001, 2002 und 2003. Anschließend nochmal 2007.

Im Fernsehen, in sämtlichen Zeitungen und auf allen Social-Media-Portalen wird über sein Leben, seine Erfolge und Misserfolge, sein Verhältnis zu Adam Małysz und seinen liebevollen Charakter berichtet. Nur einen besonderen Namen hat man dieser Zeit nicht verpasst – und das ist auch gut so!

Es ist schön, dass Sport für ein paar Wochen wichtiger scheint als Politik und das Theater im Parlament. Ob das in der aktuellen Situation auch gut ist, bedarf einer weiteren Analyse. Es tut jedoch der eigenen Seele gut, wenn die Menschen mal mit etwas anderem abgelenkt werden, weil man auf dem Weg zur Arbeit das Gefühl hat, dass sie irgendwie lockerer drauf sind.

Dabei würde ich mich gar nicht wundern, wenn jetzt jemand auf die Idee kommen würde, einem der beiden Springer einen Ministerposten anzubieten.

Kamil Stoch hat fast alles gewonnen

Kamil Stochs Pokal- und Medaillenliste liest sich mit viel Respekt. Derzeit kann er sich mit folgenden Titeln rühmen:

  • 2 x Olympisches Gold in Sochi 2014 (Normal- und Großschanze)
  • 2 x Gold und 2 x Bronze bei den Nordischen Weltmeisterschaften (2013, 2015 und 2017)
  • Weltcup-Sieger 2013/2014 (3. Platz 2012/2013 / 2. Platz 2016/2017)
  • 2 x Sieger der Vierschanzentournee (2017 und 2018)

Insgesamt stand er 26 Mal auf dem höchsten Podium (von 65 Malen überhaupt) bei einem Weltcup-Springen.

Auf nationaler Ebene wurde er 8 Mal polnischer Meister, 5 Mal Vize-Meister und 2 Mal holte er den 3. Platz.

Was gibt es noch zu holen?

Kamil Stoch gewann noch nie die Skiflug-Weltmeisterschaft, die alle 2 Jahre ausgetragen wird. Glücklich für ihn, dass sie genau dieses Jahr stattfindet. Sie beginnt am 18. Januar dauert bis zum 21. Januar. Austragungsort ist Oberstdorf auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze.

Verteidigung des Olympischen Goldes

Es ist bisher auch noch niemanden gelungen zwei Mal hintereinander olympisches Gold zu gewinnen. Auch hier werden im Februar alle gespannt nach Pyeongchang schauen.

In guter Gesellschaft

Dennoch – Kamil Stoch befindet sich in guter Gesellschaft. Zum einen sind er und Sven Hannawald die einzigen Springer, die bei einer Vierschanzentournee alle vier Springen gewonnen haben. Sven Hannawald gelang dieses Meisterstück vor 16 Jahren / 2001/2002.

Außerdem gehört er zu jenen 5 Athleten, die die wichtigsten 4 Wettbewerbe im Skispringen gewonnen haben. Neben ihm sind es:

  • Espen Bredesen / Norwegen
  • Thomas Morgenstern / Österreich
  • Matti Nykänen / Finnland
  • Jens Weißflog / Deutschland

Nein, Adam Małysz ist nicht dabei.

Interessant ist, dass es bisher nur einem Skispringer gelungen ist, alle Wettbewerbe im Skispringen zu gewinnen – dieser Mann heißt Matti Nykänen und wer weiß – vielleicht heißt er Kamil Stoch noch in diesem Jahr in seinem kleinen Club willkommen.

Adam Małysz oder Kamil Stoch?

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Adam Małysz und Kamil Stoch in Planica am 20.03.2011

Das schöne ist, dass in den Berichterstattungen nicht darüber debattiert wird, welcher nun von beiden der bessere ist.  Beide Springer sind zu Helden aufgestiegen und erleben diese für sie wundervolle Zeit gemeinsam.

Am 20.03.2011 beendete Adam Małysz seine Skisprung-Karriere nach dem Skifliegen in Planica. Es war zugleich das letzte Springen der Saison 2010/2011. Die Symbolkraft der der Siegerehrung hätte für die polnische Skisprung-Welt nicht stärker sein können. Damals nämlich belegte zwar Adam Małysz den dritten Platz, doch der Sieger an diesem Tag war – Kamil Stoch. Für alle war klar – hier fand eine Art Übergabe der Führungsrollen statt.

Heute ist Adam Małysz Leiter der polnischen Skisprunggruppe und kümmert sich um deren Wohlbefinden. Es war für ihn selbstverständlich die Skier für Kamil Stoch zu halten, damit dieser seine Siege feiern konnte.

Adam Małysz hat zwar keine Olympische Medaille und auch keine Skisprung-Weltmeisterschaft gewonnen, doch auf der anderen Seite hat er als einziger Springer 3 Mal in Folge den Gesamtweltcup gewonnen und auch die meisten Goldmedaillen bei den Nordischen Weltmeisterschaften errungen. Doch es ist noch etwas anderes, was Adam so besonders macht. Es war dieses magische Gefühl, dass ein Pole – quasi im Alleingang – zu den besten der Welt gehören kann. Dass ein Pole mit den besten der Welt mithalten und dazu noch dominieren kann. Die neunziger Jahre waren schon rum, Polen kam allmählich aus der Umstrukturierungsphase nach dem Kollaps des Kommunismus heraus und das Leben normalisierte sich. Doch es fehlten den Menschen einfache Erfolgserlebnisse, sei es im Sport, in der Wissenschaft oder auf anderen medienstarken Gebieten. Die Stimmung nach den neunziger Jahren kippte etwas und die Menschen sehnten sich nach etwas Ruhe, aber auch nach einem Erfolg, der die Mühe der letzten Jahre verdient machte.

Und da kam er entlanggeflogen – und sprang von Sieg zu Sieg und das über viele Jahre hinweg. Die małyszomania-Zeit hat – und das wird jeder Pole bestätigen können – es hat den Menschen hier wirklich gut getan. Noch bis heute lächelt jeder Pole, wenn er über diese Zeit spricht und schaut dabei voller Nostalgie in den Himmel. Manchmal muss man sie wieder zurückholen.

Auch für die Auslandspolen war es nicht nur ein sportliches Ereignis, sondern die Bestätigung dessen, dass das Land, wo sie herkommen, ein Land von Siegern sein kann. Es reichte allmählich sich ständig die nervigen Polenwitze anhören zu müssen und belächelt zu werden, dass in Polen keine führenden Persönlichkeiten herkommen (was ja an sich nicht stimmt). Man kann also sagen, dass die małyszomania den Beginn einer anderen Ära einläutet. Benennen muss man sie nicht – weil es zu viele Sportler sind, die zu Sportlern des Jahres gekürt werden könnten.

Mittlerweile ist es tatsächlich so, dass man in jeder Jahreszeit an zahlreichen Sportereignissen mitfiebern kann. Sei es im Handball (Vizeweltmeister 2007 / 3. Platz 2009 und 2015), Volleyball (Weltmeister 2014 / Vize-Weltmeister 2006 / Europameister 2009) oder auch (endlich) im Fußball, als die Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2016 bis ins Viertelfinale einzog.

Sowohl Adam als auch Kamil haben (hatten) in ihrer aktiven Sportlerzeit andere Ziele vor Augen, aber auch andere Grundvoraussetzungen. Adam Małysz hat 39 Mal ein Weltcup-Springen gewonnen, was anhand der (fehlenden) Voraussetzungen niemand vorausahnen konnte. Kamil Stoch hingegen hat nun Adam Małysz als Unterstützung und kann auf diese Weise das nachholen, was der andere nicht geschafft oder verpasst hat. Am Ende bleibt ja sowieso alles in der Skisprung-Familie.

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