In Polen war es wieder Zeit für den Unabhängigkeitstag am 11. November und wie jedes Jahr war in Warschau wieder Demo-Tag. 12 große Demonstrationen in der ganzen Stadt verteilt, Donald Tusk am Grab des Unbekannten Soldaten und sogar Faschisten aus anderen Ländern Europas nahmen teil. 

Der Smoleńsk-Marsch am 10. November

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Teilnehmerin des Smoleńsk-Marsches im April 2017/ Antoni Władyka [CC BY-SA 3.0]

Zunächst wurde sich jedoch warmmarschiert. An jedem 10. des Monats findet in Warschau der Marsch zur Erinnerung an die Opfer des Flugzeugabsturzes bei Smoleńsk 2010 statt. Im November 2017 war es der 91. Marsch.

Um 19:00 Uhr ging es los mit der Messe in der Johanneskathedrale in der Warschauer Altstadt. Es nahmen Teil u.a. Jarosław Kaczyński, Premierministerin Beata Szydło, Verteidigungsminister Antoni Macierewicz oder auch Innenminister Mariusz Błaszczak. Von den Oppositionsparteien – von den staatlichen Sendern auch Totale Opposition genannt – sieht man dort Niemanden. Seit dem 10. März 2016 organisiert die Gruppe ObywateleRP (Bürger der Republik Polen) einen Kontra-Smoleńsk-Marsch. Dieses Jahr jedoch versammelten sich jene Teilnehmer vor dem Kulturpalast, wo sich Piotr Szczęsny am 19. Oktober 2017 selbst angezündet hat und einige Tage danach verstorben ist.

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Anschließend beginnt der eigentliche Marsch bis zum Präsidentenpalast, der nur einige hundert Meter weiterliegt. Es wird laut gebetet und dieser Abschnitt der Krakowskie-Przedmieście-Straße wird für dieses Ereignis schon früh am Morgen gesperrt und unter Polizeischutz gestellt. Es geht dabei – angeblich – um die Sicherheit der Demonstranten vor den Gegendemonstranten.

Der Vorsitzende der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hält an diesen Tagen seine laut kommentierten Reden. In diesem Monat kündigte er den baldigen Abschluß der Prozeduren im Hinblick auf die Aufstellung der Denkmäler zu Ehren seines Bruders Lech Kaczyński und weiterer Verstorbenen. Die Denkmäler sollen in der Nähe der Prachtstraße Krakowskie-Przedmieście aufgestellt werden. Dagegen wehrt sich natürlich die Präsidentin der Stadt aus der Oppositionspartei Bürgerplattform (PO). Das wird noch ein heißes Thema in Warschau.

Jarosław Kaczyński erwähnte auch, dass „wir“ vor der großen Chance stehen ein neues Polen zu bauen. Das soll ein Polen werden, welches das Gefühl vermittelt, dass wer ein Pole ist, der soll sich in Europa wichtig fühlen können.

Vor dem Piłsudski-Denkmal lud er auch schon ein zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit 2018. In kommenden Jahr, so sagte Kaczyński, muss alles daran gesetzt werden, dass die ungeheilten Narben aufhören ungeheilt zu sein, damit der polnische Geist sich stärken kann. Für diejenigen, die jetzt nicht wissen, welche Narben Herr Kaczyński gemeint hat, hier eine kleine Auflistung: die fehlende Unterstützung während des polnisch-bolschewistischen Krieges 1919-1920, der perfide Angriff Nazi-Deutschlands 1939, der Angriff durch die Sowjetunion 17 Tage später, die Ermordung von 6 Millionen Polen von 1939 bis 1945, die Katyń-Morde von 1940, die Unterdrückung des polnischen Volkes durch das Kommunistische System von 1945 bis 1989 und womöglich auch der Verrat der Vorgängerregierungen am polnischen Volk von 1990 bis 2015. Sicherlich auch – was man an diesen Märschen sehen kann – der in den Augen der regierenden PiS nicht zufällige Flugzeugabsturz bei Smoleńsk 2010. Wenn man polnisches Fernsehen schaut, sind diese Themen allgegenwärtig.

Seien wir also gespannt, was da noch auf uns zukommt.

Unabhängigkeitstag am 11. November

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Zweite Republik Polen / Україна derivative work: NNW [CC-BY-SA-3.0]

Am 11. November 1918 entstand aus Teilen des Russischen Zarenreiches, des Deutschen Kaiserreiches und der k. u. k Monarchie die Zweite Republik. 123 Jahre nach der 3. Polnischen Teilung entstand wieder ein unabhängiges und freies Polen, welches nur 21 Jahre später von zwei totalitären System in Stücke gerißen wurde und 6 Millionen Bürger verloren hat. Es ist der wichtigste staatliche Feiertag im Jahr und lockt hunderttausende Polen in die polnische Hauptstadt.

Donald Tusk in Warschau

Der polnische Präsident Andrzej Duda verschickt jedes Jahr an alle ehemaligen Präsidenten und Premierminister Einladungen zur Teilnahme am Unabhängigkeitstag. Bisher hat Donald Tusk alle Einladungen dieser Art abgelehnt. Dieses Jahr hat der Präsident des Europäischen Rates angenommen. Die ganze Politikwelt – man kann es sich denken – war in Aufruhr.

Vor allem wartete man auf die Reaktion des staatlichen Nachrichtensenders TVP Info. Nach langem Schweigen kam endlich auf dem Sender der langersehnte Kommentar: „Tusk wollte Sanktionen gegen Polen einleiten, er legte keine Rechenschaft ab über seine Affären – jetzt will er am Unabhängigkeitstag teilnehmen“. Auf dem Internetportal des Senders verfasste der Chef von TVP Info einen Beitrag mit dem Titel „Der bisher beleidigte Donald Tusk erscheint am 11. November. Welches Spiel spielt er?“

Als er vor dem Grab des Unbekannten Soldaten einen Kranz niederlegte, hörte man zahlreiche Pfiffe und Buhrufe.

Er sollte gemäß der lauten Ansage durch das Mikro zusammen mit dem Vize-Vorsitzenden des Europaparlamentes aus den Reihen der regierenden PiS Ryszard Czarnecki den Kranz niederlegen. Dieser bevorzugte es jedoch nicht neben Donald Tusk vor dem Grab des Unbekannten Soldaten zu stehen.

Jarosław Kaczyński in Krakau

Nach den einleitenden Märschen in Warschau einen Tag zuvor, begab sich Jarosław Kaczyński am 11. November nach Krakau zum Grab seines Bruders Lech Kaczyński.

Auch hier hielt er eine Rede, doch nun unter einem anderem Motto. Er ging u. a. auf das Thema der Reparationszahlungen ein.

„Den Franzosen hat man gezahlt, den Juden hat man gezahlt, vielen anderen Nationen hat man für die Verluste aus der Zeit des 2. Weltkrieges gezahlt, den Polen nicht. Das Anerkennen dieser Tatsache als Selbstverständlichkeit ist ein Element der nationalen Mikromanie, des Komplexes, welchen man uns immer einredete. Das müssen wir ablegen, das ist ein Teil des großen Projektes, weil es hier nicht nur um materielle Güter geht, es geht um unseren Status, um unsere Ehre“.

Für das kommende Jahr macht er schon große Pläne:

Möge das Jahr, welches vor uns liegt, das Jahr großer Anstrengungen in Richtung Sieg sein, in Richtung des endgültigen Sieges, welcher sich dieser Nation gehört.

Am 11. November ist Demo-Tag

Insgesamt waren für diesen Tag 12 Demonstrationen und Märsche registriert. Auch dieses Jahr der Zehn-Kilometer-Lauf mit 18.000 Teilnehmern.

Der größte Marsch ist jedoch der seit 2006 stattfindende Unabhängigkeitsmarsch. Die Polizei schätzt die Teilnehmerzahl auf ca. 60.000 Teilnehmer. Gekommen sind definitiv weitaus weniger. Die Opposition geht von ca. 30.000 aus. Begleitet wurden die Teilnehmer von 6.000 Polizisten. Unglaublich aber wahr – es gab keine größeren Zwischenfälle. Auf der anderen Seite standen ca. 1500 Teilnehmer linker Gruppen.

Es gab auch zahlreiche Teilnehmer aus anderen Ländern. Faschisten aus Ungarn, Schweden, Italien oder Spanien unterstützten den in den letzten Jahren zur patriotisch-faschistischen mutierten Kundgebung. Dieser Marsch wird organisiert durch die Allpolnische Jugend (Młodzież Wszechpolska) und das Nationalradikales Lager. Es gab leider zu viele anti-islamische Parolen. Das Motto des Marsches war Wir wollen Gott.

Doch in diesem Marsch ist die Mehrheit sicherlich nicht rechtsextrem und islamofob. Die Grenze ist in der polnischen Gedankenwelt jedoch sehr schwer voneinander zu trennen und befarf noch zahlreicher Reflexionen. Die meisten Teilnehmer haben keinen Bezug zu den Gruppen, die diese Märsche organisieren und stellen ihren Patriotismus als Leitmotiv an erste Stelle.

Zusammenhalt und Spaltung

Der Unabhängigkeitstag gilt in Polen sicherlich nicht als ein Tag des Zusammenhalts und ruhigen Besinnung. Wenn man die Feierlichkeiten von außen beobachtet, scheint der gesunde Patriotismus zwar zu überwiegen und der Zusammenhalt gewährleistet. Vielleicht wissen und verstehen wir Polen ja doch, dass innere Ruhe und gemeinsame Interessen maßgebend sind für erfolgreiche Gesellschaften und garant für Erfolge auf dem internationalem Politikparkett?

Wenn man jedoch genauer hinschaut, dann sieht man auf ganzer Breite viele kleine und feine Riße. Wieder war es ein Tag, an welchem alle verschiedenen Blickrichtungen in der warschauer Innenstadt zusammentreffen. In den früheren Jahren war man sich noch einig, wer außerhalb von Polen der Freund und wer Feind ist. Mittlerweile ist das nicht mehr genau definierbar. Dass es in der Gesellschaft seit zwei Jahren auf politischer Ebene einen heftigen Riß gibt, der sogar Familien trennt, daran hat man sich schon gewöhnt. Eine Lösung wird man jedoch finden müssen, weil das kein Dauerzustand sein darf.

Der Präsident Andrzej Duda lässt etwas Hoffnung aufkommen, wenn man sieht, dass er seit Monaten zumindest versucht die Gesellschaft als ganzes zu repräsentieren.

Die Hoffnung besteht darin, dass man glauben darf, dass diese  Zeit einen Schockzustand darstellt, der in einem Chaos der Gemüter ausartete und langsam zur inneren Ruhe und Besinnung führt. Hoffentlich!

 

 

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