Wenn man die Polen beim Betreten der Zebrastreifen beobachtet, stellt man fest, dass dort hohe Vorsicht herrscht. Die Autofahrer lassen nur in den seltensten Fällen den vor den weißen Streifen stehenden Fußgänger vorbei. Lediglich in den Städten geht es kultivierter zu. Woher kommt diese Vorsicht und warum fordern die Fußgänger nicht den Übergang von den Autofahrern? Es scheint nämlich, als hätten sie sich damit abgefunden.

Wie ist die rechtliche Lage in Deutschland?

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Kreuzung / Ronald Redentor de Veyra[CC BY-NC 2.0]

Die umgangssprachlich genannten Zebrastreifen nennt man offiziell Fußgängerüberweg. Die Zebrastreifen dienen unter anderem auch als Hinweis auf ein Halteverbot auf dem Fußgängerüberweg sowie bis zu fünf Meter davor (Anlage 2 – Straßenverkehrs-Ordnung / StVO / lfd. Nr. 66 / Zeichen 293).  Das Verkehrszeichen 350-10 dient als Hinweis auf einen solchen Fußgängerüberweg.

Die Straßenverkehrsordnung (StVO) regelt in § 26 (Fußgängerüberwege):

  1. An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge […] den zu Fuß Gehenden sowie Fahrenden von Krankenfahrstühlen oder Rollstühlen, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Dann dürfen sie nur mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn nötig, müssen sie warten.
  2. Stockt der Verkehr, dürfen Fahrzeuge nicht auf den Überweg fahren, wenn sie auf ihm warten müssten.
  3. […]
  4. […]

Geregelt ist also der sogenannte Vorang von Fußgängern auf Fußgängerüberwegen. 

In folgenden Ländern ist die rechtliche Regelung ähnlich:

  • Österreich
  • Belgien
  • Bulgarien
  • Tschechische Republik
  • Dänemark
  • Niederlande
  • Schweiz

In Frankreich und Norwegen muss der Fußgänger noch nicht mal anzeigen, dass er durchgehen möchte. Der Autofahrer ist ohnehin verpflichtet den Fußgänger durchzulassen (Quelle: transportpubliczny.pl / polnisch).

Wie ist die rechtliche Lage in Polen?

Den folgenden Satz müssen Sie sich unbedingt merken: In Polen hat der Fußgänger an Zebrastreifen keinen Vorrang!

Gemäß der heute in Polen herrschenden Regeln hat der Fußgänger – stark vereinfacht – erst dann Vorrang, wenn er sich schon auf dem Zebrastreifen befindet. Solange er sich noch davor befindet, kann er rübergehen, wenn

  1. keine Fahrzeuge in der Nähe sind
  2. ein Autofahrer nett ist und den Fußgänger erkennbar durchlassen will

Daher kommt es, dass bei Rechtsstreitigkeiten die Fahrzeugführer den berühmten Satz sagen „Der Fußgänger ist auf den Zebrastreifen gelaufen, obwohl ich schon in unmittelbarer Nähe war“. Wenn der Fußgänger nicht auf den Streifen stand, stand er logischerweise noch davor, was heißt, dass er schuldig ist.

Artikel 13.1. der polnischen Straßenverkehrsordnung von 1997 (kodeks drogowy – prawo o ruchu drogowym z 19.08.1997 r.) sagt,

  • polnische Version: Pieszy, przechodząc przez jezdnię lub torowisko, jest obowiązany zachować szczególną ostrożność […]. Pieszy znajdujący się na tym przejściu ma pierwszeństwo przed pojazdem.
  • deutsche Übersetzung: Der Fußgänger hat bei der Überquerung der Fahrbahn oder des Gleisbettes die Pflicht besondere Sorgfalt einzuhalten […]. Der Fußgänger, der sich auf diesem Überweg befindet, hat Vorrang vor dem Fahrzeug.

Daher ist es nicht so, dass sich die Autofahrer in Polen nicht an die Gesetze halten. Ganz im Gegenteil. Es ist sogar so, dass wenn sie einen Fußgänger durchlassen, sogar mehr tun, als sie müssen. Es kommt jetzt nur noch darauf an, aus welcher Perspektive man das beurteilt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

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Sejm / Lukas Plewnia[CC BY-SA 2.0]

Im September 2015 hat der Sejm mit mit 215 zu 187 Stimmen einem Entwurf eines Änderungsgesetzes von Beata Bublewicz zugestimmt, wonach die Fußgänger, wie in Deutschland auch, schon vor dem Zebrastreifen Vorrang hätten. Sie müssten dennoch vor den weißen Streifen kurz stehenbleiben. Problematisch und ungelöst war der Moment des Betretens der Fußgänger, denn diese schienen von dem neuen Gesetz paradoxerweise nicht geschützt. Es klang alles dennoch sehr positiv und der Zustimmung des Senates war man sich schon so sicher, dass die Medien direkt losschrieben, dass ab dem 01. Januar 2017 das neue Gesetz in Kraft treten wird.

Doch der Senat stimmte mit 38 zu 37 Stimmen dagegen und die fast zweijährigen Streitigkeiten in der Komission, die dieses Projekt vorbereitete, schien verlorene Zeit gewesen zu sein. Die Hoffnung stirbt jedoch zuletzt und der Sejm konnte gegen das Veto des Senates stimmen. Im Oktober 2015 kam es zur erneuten Abstimmung. Gegen das Veto stimmten 217 Abgeordnete. Es fehlten leider 3 Stimmen und das Projekt wurde ad acta gelegt. Die damals in der Opposition stehende PiS stimmte gegen das Projekt mit der Erklärung, dass sich die Sicherheit der Fußgänger verschlechtern würde.

Eine politische Angelegenheit

Die Politiker haben bei einer solchen Gesetzesänderung immer leichte Hemmungen, weil es sich dabei um mögliche Verluste bei den Wählerstimmen handelt.

Nun will die mittlerweile regierende PiS das Projekt wieder ins Leben rufen. Es besteht also weiterhin ein Fünkchen Hoffnung. Vielleicht müssen die Polen gar nicht mehr lange warten, denn wie man weiß, arbeitet die jetzige Regierung sehr schnell und sogar nachts! Wie es scheint, bangt die Parte auch gar nicht um den Verlust einiger Stimmen.

Sicherheitsstatistik (2016)

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Unfall im Miniaturwunderland / Stefan Bauckmeier[CC BY-NC 2.0]

In Polen sind 30 Prozent aller Verkehrstoten Fußgänger, was in absoluten Zahlen fast 1000 Leben sind. 2016 sind insgesamt 2993 Menschen bei 33 350 Unfällen ums Leben gekommen. 40 343 wurden dabei verletzt.

In Warschau gab das Verkehrsamt 2016 eine Sicherheitsstatistik heraus. Demmnach waren 2015 sogar 53 Prozent der 61 Verkehrstoten Fußgänger. Meistens sind es Menschen, die 55 Jahre und älter sind. An Fußgängerüberwegen fanden zudem zweidrittel aller Unfälle statt. Gleichzeitig sind die Fußgänger in nur 10 Prozent der Fälle die Schuldigen.


Beitragsbild: Zebrastreifen / visiondrops*flickr [CC BY-ND 2.0]

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