Jarosław Kaczyński ist seit 1991 Abgeordneter des polnischen Parlamentes, seit 2003 Vorsitzender der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS / Prawo i Sprawiedliwość) und war vom 14. Juli 2006 bis zum 16. November 2007 Ministerpräsident von Polen. Was kann man nach einer solchen Karriere noch von der Politik wollen? Oder geht es vielleicht um etwas ganz anderes?

Bei all dem Trubel um die Kaczyński-Zwillingsbrüder muss man doch ehrlich sagen, dass beide eine auf dem Papier glanzvolle politische Karrieren hinter sich haben oder hatten. Als Jarosław Kaczyński Ministerpräsident von Polen wurde, erhielt er die Ernennungsurkunde von seinem Bruder und Präsidenten von Polen Lech Kaczyński. In der Geschichte eine sehr seltene Situation, dass zwei Brüder die wichtigsten Ämter eines Staate inne haben.

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Teilnehmerin des monatlichen Smoleńsk-Marsches am 10. April 2017 / by Antoni Władyka / CC BY-SA 2.0

Mit seinen 68 Lebensjahren und 26 Jahren im Parlament könnte man doch meinen, dass Jarosław Kaczyński alles erreicht hat und sich langsam zurückzieht oder zumindest das Ruder an die nächste Generation übergibt. Doch stattdessen will er mehr und bei seinen allmonatlichen Smoleńsk-Reden vor dem Präsidentenpalast ist weiterhin die Rede vom Aufbau eines „neuen“ Polen – also der 4. Rzeczpospolita – sowie eines unermüdlichen Kampfes gegen die, die diesem Projekt entgegenstehen.

Józef Piłsudski, Lech Wałęsa und nun Jarosław Kaczyński?

In Polen herrschte schon ein immer ein starker Personenkult, der unter anderem dazu führt, dass das starke Geschichtsgedächtnis verunstaltet wird durch ein beschränktes Geschichtsverständnis. Die Analyse von Geschichtsereignissen wird oft nur aus der Perspektive von einzelnen Persönlichkeiten oder Gruppen aus betrachtet, die man als die Guten bezeichnet. Die andere Seite gehört dann logischerweise zu den Bösen. Die Emotionen spielen dabei eine starke Rolle und somit sind Diskussionen nahezu unmöglich.

Jarosław Kaczyński würde gerne dazugehören. Doch wie hoch setzt er an? Wer könnte als Maßstab dienen?

Józef Piłsudski – Polnische Legionen und die 2. Rzeczpospolita

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Józef Piłsudski zwischen 1918 und 1935 / Witold Pikiel / Public Domain

Er ist 1867 in Zułowo (litauisch Zalavas)  62 Kilometer nord-östlich von Vilnius (heute Litauen, damals Russisches Zarenreich) geboren und gilt als einer der bekanntesten und größten Polen in der über 1000-jährigen Geschichte des Landes.

Als 20-jähriger wurde er für die angebliche Planung eines Attentates auf den russischen Zaren nach Sibirien verbannt und kam erst nach 5 Jahren wieder zurück. Während einer Prügelei wurden ihm die beiden oberen Vorderzähne rausgeschlagen. Um diese Lücke zu verdecken, ließ er sich sein Markenzeichen, den buschigen Schnurrbart, wachsen, den er danach nie wieder abrasiert hatte.

Durch intelligente Manöver auf dem politischen Parkett sowie seine legendäre Führung der Polnischen Legionen während des 1. Weltkrieges  wuchs sein Bekanntheitsgrad so sehr, dass es am 11. November 1918 keinen anderen geben konnte, der Polen in die Unabhängigkeit führen sollte. Am 10. November 1918, nachdem er aus dem Magdeburger Gefängnis rausgelassen wurde, stieg er am Bahnhof in Warschau aus und wurde von einer imposanten Menschenmenge empfangen. Einen Tag später entstand die 2. Rzeczpospolita, ein unabhängiges Polen nach 123 Jahren Unterdrückung und Teilung.

Doch der Kampf im Osten ging weiter, denn die Bolschewiken wollten ihre glorreiche Ideologie auf der ganzen Welt verbreiten. Im Wege stand eigentlich nur noch Polen, welches man überrennen wollte. Die Rotarmisten waren überzeugt, dass wenn sie die Weichsel überqueren, sie nichts und niemand mehr aufhalten könne. Auf diesem Wege kommt man zum nächsten Ereignis, welches Piłsudski unsterblich gemacht hatte.  Die Schlacht bei Warschau entschieden die polnischen Einheiten für sich und marschierten im Anschluss sogar noch weit in den Osten vor. Diese Schlacht nennt man in Polen auch das Wunder an der Weichsel, was heute eine positive Konnotation hat, was anfangs nicht der Fall war. Den Urpsrung hatte es nämlich darin, dass seine politischen Gegner sagten, dass ihm nun nur noch ein Wunder helfen könne.

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Nach der Schlacht um Warschau. Polnische Soldaten mit den eroberten Standarten der Bolschewiken / by Unknown / Public Domain WikimediaCommons

Józef Piłsudski schenkte den Polen die lang ersehnte Unabhängigkeit und war bekannt als Bezwinger der roten Horde aus dem Osten. Seine Beerdigung auf dem Wawelberg in Krakau zwischen den polnischen Königen und den größten Persönlichkeiten der Geschichte war für niemanden eine Überraschung und eine Selbstverständlichkeit.

Lech Wałęsa – Solidarność und die 3. Rzeczpospolita

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L. Wałęsa während des August-Streiks in der Lenin-Werft in Danzig 1980 / WikimediaCommons / CC BY-SA 3.0 PL

1943 in Popowo (Polen) geboren und weltweit bekannt als Solidarność-Führer sowie Friedens-Nobelpreisträger. Heute reist er in der ganzen Welt herum und erzählt seine Lebensgeschichte und den unerschrockenen Kampf der Polen gegen die übermächtige Sowjetunion. Dass ihr Ende ohne Blutvergießen eingeläutet wurde kommt einem Wunder sehr nahe.

So wie Józef Piłsudski in Verbindung gebracht wird mit der Unabhängigkeit vo 1918 gebracht wird, so gilt Lech Wałęsa als Symbolfigur für die 3. Republik, ein freies Polen nach 45 Jahren Unterdrückung durch die „Moskale“. Symbolträchtig war die Übereignung der Insignien des Exil-Präsidenten Ryszard Kaczorowski (1919-2010) an den ersten frei und direkt gewählten Präsidenten der neuen Republik am 22. Dezember 1990.

Ungeachtet dessen, was man in Polen über Lech Wałęsa sagen mag, wird man ihm das Attribut der Solidarność nicht mehr wegnehmen können. Dahingehend verweise ich auf die Diskussion darüber, ob und in welchem Umfang Lech Wałęsa als Agent des russischen Sicherheitsdienstes war.

Jarosław Kaczyński – Smoleńsk und die 4. Rzeczpospolita?

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Flugzeugabsturz in Smoleńsk 2010 / WikimediaCommons / CC BY-SA 2.5

Wie nun kann man Jarosław Kaczyński in diese Dreiergruppe eingliedern? Ist es denn nicht das, was er möchte? Natürlich nach leichter Anpassung der Geschichte? Er ist 1949 in Warschau geboren und wie seine Familie sehr eng mit dieser Stadt verbunden. Sein Bruder Lech Kaczyński war von 2002 bis 2005 Präsident der polnischen Hauptstadt und das Museum des Warschauer Aufstandes ist hier quasi sein Lebenswerk. Das Museum ist übrigens sehr gelungen und gehört zu den meistbesuchten Museen der Stadt. Nach dem Flugzeugabsturz wurde er, wie Józef Piłsudski, auf dem Wawelberg in Krakau beigelegt. Eine Entscheidung, die nicht von allen geteilt wurde.

Sein Vater Rajmund Kaczyński kämpfte als Soldat der Armia Krajowa während des Warschauer Aufstand von 1944.

In der Solidarność stand er immer im Schatten von Lech Wałęsa, sodass es hier nichts zu holen gibt. Die Versuche zahlreicher Politiker und Institutionen Wałęsa als russischen Agenten in die Geschichtsbücher eingehen zu lassen, werden scheitern. Die Menschen haben seit 1990 ein immer schlechteres Gedächtnis, was uns mehr und mehr zu echten Europäern werden lässt.

Jarosław Kaczyński will jedoch Teil werden der heroischen polnischen Geschichte mit all ihren Helden, die seit über 2 Jahrhunderten für die Freiheit kämpfen oder vielleicht einfach kämpfen, weil sie frei sind und keine andere Wahl haben. Sollte es ihm nicht gelingen, bleibt er lediglich, wie so viele Politiker, ein kleiner Eintrag auf einer Seite, welche die meisten übersehen oder erst gar nicht lesen werden.

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Jarosław Kaczyński / by Adrian Grycuk / CC BY-SA 3.0 PL

Die Gelegenheit dazu bietet ihm der Slogan der 4. Rzeczpospolita, der von seiner Partei konsequent seit 2005 als politisches Ziel ausgerufen wird. Damit im Zusammenhang steht eine komplette Umkrempelung des polnischen Staatsgefüges. Kritisiert werden dabei auf heftigste die Rechtsgrundlagen sowie die Strukturmechanismen der 3. Republik. Würde das neue Polen entstehen, stünde er sicherlich wie Piłsudski im Falle der 1. Republik und Lech Wałęsa im Falle der 3. Republik an deren Spitze und der n’chste Personenkult entstünde. Die ganze Kaczyński-Familie im Dienste der Freiheit des Polnischen Staates gegen die Barbaren aus dem Osten. Sein Vater beim Warschauer Aufstand von 1944, sein Bruder Lech „gefallen“ in Smoleńsk und nun Jarosław, der Begründer der ersten freien und unabhängigen Republik seit 1939. Da zusätzlich die 4. Republik die Republik von Lech Wałęsa ablösen würde, würde jener mit ihr untergehen.

Smoleńsk könnte dabei den Kampf gegen Russland darstellen, wobei es in einem weiteren Rahmen gesehen werden muss. Lech Kaczyńskis Unterstüztung Georgiens bei seinem unerwarteten Besuch im Jahre 2008, der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland und schließlich der Flugzeugabsturz, oder gemäß der PiS-Partei das Attentat, im Jahre 2010 schaffen ein Bild der aktiven Gegenwehr gegen die vermeintlichen Eroberungsversuche Russlands, und das über die unmittelbar angrenzenden Länder hinaus. Polen ist – gemäß der Partei Recht und Gerechtigkeit – in großer Gefahr und muss sich zu verteidigen wissen, denn die Weltgemeinschaft wird es dieses Mal wohl „wieder“ nicht tun. Auch ist die 3. Republik nicht ganz frei, was dazu führt, dass die 4. Republik die endgültige Unabhängigkeit von Russland bringen würde. Und so hätten wir das perfekte Bild eines Kämpfers und Staatslenkers, über den man in den neuen Geschichtsbüchern lesen und lernen würde. Und wenn schon auch hier die Menschen aufhören werden Bücher zu lesen und ihre eigene Geschichte vergessen, so werden die Denkmäler die Erinnerung wach halten.

Während bei Piłsudski und Wałęsa die Geschichte ihren eigenen Weg gegangen ist, muss dieser im Falle Kaczyński etwas begradigt werden.

 

 

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