Die Warschauer Enklave

Die Definition von Enklave auf Wikipedia lautet wie folgt:

Eine Enklave (von französisch enclaver ‚umschließen‘) ist ein Staatsgebiet, das vollständig vom Gebiet eines anderen Staates umschlossen ist, also keine Grenze zu einem zweiten Staat und keinen eigenen Zugang zur hohen See hat.

Beispiele sind Büsingen am Hochrhein, Lesotho, San Marino, die Vatikanstadt und….Warschau.

Auf Wikipedia ist die polnische Hauptstadt natürlich nicht auf der Liste. Vom Gefühl her ist das jedoch gar nicht so weit von der Definition entfernt. Als Wahl-Warschauer lebe ich in einer Stadt, die nicht nur für sich selbst sorgen kann, sondern sich gerade auch zu einem Giganten entwickelt, der andere polnische Städte weit hinter sich lässt – von der Provinz ganz zu schweigen.

Daher verwundert es nicht, dass Polen aufgeteilt wird in Warschau und Rest-Polen.

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Eine gelungene Ehe?

Ist die Existenz dieser zwei „Territorien“ vergleichbar mit einer Diamantenen Hochzeit? – eine Partnerschaft, unzerstörbar wie der wertvolle Edelstein?

Eher nein – vielmehr lässt sich sagen, dass das ein schweigendes Nebeneinander ist, eine Art Zwangsheirat. Es ist wie es ist und ändern lässt es sich nicht. Vermeintlich.

Was denkt der Warschauer über Rest-Polen?

Der Warschauer, dessen Vorfahren hier schon gelebt haben, bezeichnet die Zugereisten als „Sloiki“ – also Einmachgläser. Jene fahren nämlich oft zur Familie auf das Land und kommen anschließend mit Lebensmitteln zurück – diese gut eingeschloßen in Einmachgläsern. Das sagt schon viel aus über das Verhältnis zu den „fremden“ aus der Provinz.

Was denken die Bewohner Rest-Polens über die Warschauer?

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Lubomierz in Niederschlesien by aNdrzej / CC BY 2.0

Beliebt ist Warschau samt seinen Einwohnern nicht unbedingt. Viele haben das Gefühl, dass die Hauptstädter immer mit der Nase nach oben rumlaufen und sich zu sehr wie die Herren über Polen aufführen. Ist das ein berechtigter Vorwurf? Darüber lässt sich streiten!

Eine Dreier-Beziehung

Warschau – andere Städte – die polnische Provinz – diese Dreiergruppe baut untereinander Beziehungen auf, die alle aufeinander abgestimmt werden müssen. Andernfalls, ohne Harmonie, wird es nicht zu einer Gesellschaft werden können, die außerhalb ihrer Grenzen als seriöser Mitstreiter wahrgenommen werden wird.

Der Warschauer auf einer „Auslands“-Reise

Wenn der Warschauer sein Staatsgebiet verlässt und sich auf den Weg macht Richtung Danzig, Posen, Breslau oder Krakau, dann erlebt er eine deftige Ohrfeige. Sein Warschau-zentriertes Weltbild wird einer harten Probe unterstellt und am Ende wird er gezwungen vieles zu relativieren.

In Danzig sieht er die Mariacka-Straße, welche in all ihrer Schönheit mit keiner Warschauer Straße verglichen werden kann. Die wundervollen Stadttore  zeugen von Macht in einer Zeit, als Warschau gerade mal aus dem Ei schlüpfte.

In Posen besucht er eine barocke Pfarrkirche, die alle Warschauer Kirchen und Kathedralen an Reichtum überflügelt. Die Jesuiten waren auch in Warschau sehr aktiv, doch die Gegenreformation in Posen hinterließ eine unglaublich prächtige Kirche in der Nähe des Altstadtmarktes.

In Breslau ragen Kirchtürme in die Höhe, die die Höhe von einigen Warschauer Wolkenkratzern erreichen. Der zweitgrößte Marktplatz Polens hingegen beherbergt das älteste Restaurant Europas. Schon im 13. Jahrhundert speisten hier reiche Kaufmänner und Adlige. Warschau erhielt im 14. Jahrhundert die Stadtrechte.

In Krakau hingegen hat der Marktplatz Ausmaße eines größeren Teils der Warschauer Altstadt. Mit dem Salz aus dem Wieliczka-Salzbergwerk erbaute man die Tuchhallen, Kirchen und prächtige Verwaltungsgebäude. Dieses Ensemble ergibt eine der schönsten Altstädte Europas. 1978 entstand die erste UNESCO-Weltkulturerbeliste mit 12 Objekten auf der ganzen Welt. 2 von Ihnen befanden sich in Polen – das Salzbergwerk und die Krakauer Altstadt.

Voneinander lernen

Wie soll es also weitergehen? Die polnischen Städte erleben momentan eine Art Renessaince – einige von ihnen waren in weiter Vergangenheit mächtige politische wie wirtschaftliche Zentren, doch waren jene zu weit voneinander entfernt, dass sie hätten jemals zusammenarbeiten können und geschweige denn Entscheidungsträger im ganzen Land werden können. Den Kampf um Einflüsse verloren diese schließlich zu Gunsten des polnischen Adels, vor allem zu Gunsten der übermächtigen Magnaten.

Diese Entwicklung führte zu einer politischen Entwicklung, welche nur auf dem Gebiet der 1. Rzeczpospolita zu beobachten war.

Der Adel existiert nicht mehr und politisch befindet sich die 3. Rzeczpospolita – mehr oder weniger – auf demselben Pfad wie alle anderen europäischen Staaten. Doch die Städte sind immer noch da und entwickeln sich zu Zentren auf allen Gebieten – politisch, wirtschaftlich wie kulturell. Es findet ein noch nie dagewesener Umsturz statt und die polnischen Städte übernehmen Schritt für Schritt die absolute Herrschaft über dieses Land.

Dabei meine ich alle Städte – also nicht nur Warschau.

Die Provinz hingegen muss sich ebenfalls neu entdecken und einen Weg für sich finden. Jene war immer eng mit dem Adel verbunden und somit Teil des Machtapparates. Jetzt fällt er etwas in den Hintergrund und muss lernen damit umzugehen.

Es wird also Zeit, dass beide Seiten voneinander lernen und anfangen sich gegenseitig mit Respekt zu behandeln. Sowohl die Städte untereinander, aber auch die Städte und die Provinz.

Das polnische Königreich übernahm in den 15. und 16. Jahrhundert eine so überragende Stellung in Osteuropa ein, weil alle an einem Strang zogen.Die Harmonie zwischen dem Königreich, den Städten und dem Adel (Provinz) war ausschlaggebend für die Übermacht der Jagiellonnen-Dynastie und später der gewählten polnischen Könige.

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Nun müssen wir Polen uns auf diese Harmonie berufen und von ihr lernen. So wenig Polen heute ohne Warschau existieren kann, genauso wenig würde Warschau ohne Polen zu dem werden, was es heute ist. Die Aufstände im 19. Jahrhundert waren u.a. deswegen nicht erfolgreich, weil die Möglichkeiten des polnischen Volkes nur in geringem Maße genutzt wurden.

Auch das Verhältnis der Städte zueinander muss besser werden. Man kann sich streiten solange der Streitfaktor gering gehalten wird und vielleicht sogar eine Prise Humor beigemischt wird. Doch auch hier gilt – nur gemeinsam sind wir stark. Erst wenn die Harmonie zwischen den Städten hergestellt wird kann und wird die Stärke Einflüße nach außen produzieren, die es erlauben werden das gemeinsame traditionsreiche liberale Gedankengut nach außen zu bringen. Diese Aufgabe gestaltet sich jedoch umso schwerer, da es bisher eine solche Zusammenarbeit nicht gegeben hat.

Ich bin überzeugt, dass man nur so ein Polen schaffen kann, welches die Welt noch nicht gesehen hat und welches ein Mitspracherecht haben wird, welches nicht in Frage gestellt wird.

 

 

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