Man bezeichnete große Imperien wie das Spanische im 16. Jahrhundert oder das ehemalige British Empire (nicht zu verwechseln mit Großbritannien) als Großreiche, in denen die Sonne nie unterging. Der Einflußbereich Großbritanniens erstreckte sich im 19. Jahrhundert über die ganze Weltkugel und die mal mehr und mal weniger humane Präsenz des britischen Verwaltungsapparates bekamen Bewohner auf allen Kontinenten dieser Erde zu spüren. Kommen wir nun zu Polen im 21. Jahrhundert.

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Polen im Jahre 1569 – eines der mächtigsten und größten Königreiche des damaligen Europa

Jetzt gibt es sicherlich einige Leser, die im weiteren Verlauf dieses Textes Schlimmes befürchten. Möchte der Autor etwa mit dieser Einleitung über das kommende erlösende polnische Imperium berichten? Hier möchte ich Sie beruhigen. Es wird ein eher harmloser Text. Sie können also aufatmen. Als selbsternannte Beschützer des katholischen Abendlandes sehen sich die Polen in der Weltgemeinschaft ohnehin auf einem höheren Podest, als dem, den sie momentan zugesprochen bekommen. Zum anderen gibt es noch das einzigartige Um-Polungs-Spiel des polnischen Charakters und die vor allem für die Polen gefährliche Oszillation zwischen Martyrium und einem Imperialen Dasein, welche uns zu einer der kompliziertesten Gesellschaften auf der Welt macht.

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Wie ist das nun mit dem Sonnenuntergang?

polen-flaggeNein, es sind nicht die nicht vorhandenen Kolonien (welche die 1. Rzeczpospolita de facto auch mal besaß*), welche diesen Satz über die nie untergehende Sonne begründen könnten. Vielmehr sind es die Polen selbst, welche die Weiten der Erde bevölkern und mich dazu bewegt haben, davon in diesem Beitrag zu berichten.

*das Herzogtum Kurland und Semgallen (poln. Księstwo Kurlandii i Semigalii) unterhielt Kolonien in Amerika und Afrika. In Amerika war es die Kolonie in Tobago von 1654 bis 1659 / 1660 bis 1689. In Afrika war es die Kolonie auf James Island zwischen 1649 und 1660. In jener Zeit unterstand das Herzogtum der Oberhoheit des Polnischen Königreiches.

Wir nennen diese weltweit zerstreute Gemeinschaft POLONIA (aus dem lateinischen für Polen). Mitglied der Polonia sind nur diejenigen Polen, die als Emmigranten bezeichnet werden können, was sich aufgrund der zahlreichen Grenzverschiebungen in Polens Geschichte nicht so einfach gestaltet. Ausgeschloßen sind in erster Linie diejenigen, die auf ehemals polnischem Territorium, welches durch Grenzverschiebungen verloren gegangen ist, geboren sind. Dazu gehören

  • das Olsagebiet (slowakisch-polnisches Grenzgebiet)
  • die Zips (heute: Slowakei)
  • die sogenannten Kresy – die weiten Ostgebiete zur Zeit der 1. Rzeczpospolita (bis 1795)

Defintion eines Auslandspolen

Definitionsgemäß gehört jeder zur Polonia, der außerhalb der Grenzen des heutigen Polens lebt und des weiteren

  • die polnische Staatsbürgerschaft besitzt, ohne notwendig einen Reisepass oder Personalausweis zu haben

oder

  • die polnische und daneben noch eine weitere Staatsbürgerschaft besitzt

oder

  • die polnische Staatsbürgerschaft nicht besitzt, jedoch polnischer Herkunft ist, wodurch die polnische Staatsbürgerschaft festgestellt werden kann

Es ist also nicht notwendig in Polen geboren worden zu sein. Die Herkunft ist das maßgebenede Kriterium.

Die Polonia in Zahlen

Die Zahlen der Auslands-Polen sehen sehr imposant aus. Hier einige Beispiele:

  • Argentinien 450 000
  • Australien 200 000
  • Weissrussland ca. 400 000, was 3,9% der Gesamtbevölkerung ausmacht
  • Brasilien 1 800 000
  • Frankreich 1 050 000
  • Niederlande 60 000
  • Island 7 000
  • Kanada 900 000
  • Litauen 235 000, was 6,7 % der Gesamtbevölkerung ausmacht
  • Deutschland > 2 000 000
  • USA ca. 9 300 000, was ca. 3% der Gesamtbevölkerung ausmacht
  • Großbritannien > 850 000
  • Italien 110 000

Diese Zahlen stellen in den meisten Fällen nur eine vorsichtige Schätzung dar. Man geht jedoch davon aus, dass weltweit zwischen 12 und 15 Millionen Auslandspolen leben. In Polen selbst sind es ca. 38 Millionen, wobei seit dem Beitritt Polens in die EU knapp 1,5 Millionen ausgewandert sind, also knapp 3 % der Bevölkerung.

Im weltweiten Vergleich sind wir dennoch nicht die größte Emmigrantengruppe, denn vor uns platzieren sich noch drei weitere – die Chinesische, die Deutsche und die Italienische – natürlich in absoluten Zahlen gerechnet.

Die größten „polnischen“ Städte

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Warschauer City by night by P. Heeling / CC0

Warschau ist mit über 2,5 Millionen Einwohnern die größte polnische Stadt in und außerhalb Polens. Im gesamten Poloniagebiet folgen jedoch nicht Krakau, Lodz (poln. Łódż oder Wroclaw (Breslau), sondern Chicago mit 1,5 – 1,8 Millionen Einwohnern. Weitere größere Menschenanhäufungen der Auslandspolen finden wir in New York mit ca. 700.000 Polen, im Ruhrgebiet mit über 700.000 Polen, in Paris mit über 300.000 Polen, in London mit über 190.000 Polen oder in Berlin mit ca. 150.000 Polen.

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Was hat die Polen eigentlich in die Welt getrieben?

Ich würde fast schon sagen, dass die Polen ein außergewöhnliches Talent besitzen im Ausland aufsehenerregende Karrieren an den Tag zu legen. Auf der anderen Seite ist die Wahrscheinlichkeit bei 12 – 15 Millionen Auslandspolen relativ hoch, dass hier und da große Sänger, Generäle, Entdecker oder Fussballer polnischer Herkunft den Olymp der Unsterblichkeit erreichen.

Ich persönlich würde mir wünschen, dass diese Polen in Polen große Dinge erreichen, damit die polnische Gesellschaft direkt Nutzen davon ziehen kann. Als Immigrant und Emmigrant zugleich weiss ich jedoch aus Erfahrung, dass sich solche Aussagen leichter aufschreiben als tatsächlich in die Tat umsetzen lassen.

Gründe für das massenhafte Auswandern

Darüber will ich hier nicht schreiben, weil der Beitrag sonst viel zu lang wird. Wenn es soweit ist, wird es hier eine Weiterleitung zum entsprechenden Beitrag geben.

Die Polnische Nationalhymne

Die polnische Hymne heißt Mazurek Dąbrowskiego und wurde nach dem polnischen Nationalhelden Jan Henryk Dąbrowski benannt. Der Text gehört zu den besten Beschreibungen der Geschichte der Polen der letzten 200 Jahre. So viele Auslandsbeziehungen hat wohl keine andere Nationalhymne. Man kann fast schon sagen, dass man sich mit diesem Text an die „anderen“ wenden wollte. Die Analyse wird jedoch nur gelingen, wenn man vorab die vorherigen 800 Jahre polnischer Geschichte zumindest im Ansatz nachliest.

Ausschnitt der Hymne:

Noch ist Polen nicht verloren,
solange wir leben.
Was uns fremde Übermacht nahm,
werden wir uns mit dem Säbel zurückholen. 

Marsch, marsch, Dąbrowski,
Von der italienischen Erde nach Polen.
Unter deiner Führung
vereinen wir uns mit der Nation. 

Wir werden Weichsel und Warthe durchschreiten,
Wir werden Polen sein,
Bonaparte gab uns ein Beispiel,
wie wir zu siegen haben.

Wie Czarniecki bis nach Posen
Nach der schwedischen Besetzung,
Zur Rettung des Vaterlands
kehren wir übers Meer zurück.

 Bekannte Auslandspolen

  • Zbigniew Brzezinski – 1928 in Warschau geboren / Berater Lyndon B. Johnsons von 1966 – 1968 und Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter von 1977 – 1981. Oft sieht man in ihm einen großen politischen Rivalen von Henry Kissinger, welcher in Fürth geboren ist. Doch insgesamt haben diese beiden großen politischen Denker mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Diese beiden Politiker sind ein gutes Beispiel dafür, wie Polen und Deutsche sich näher kommen sollten.
  • Marie Sklodowska-Curie – zweifache Nobelpreisträgerin, ihr Mann Pierre Curie, ihre ältere Tochter Irene Joliot-Curie und ihr Ehemann Frédéric erhielten ebenfalls jeweils einen Nobelpreis. Maries jüngere Tochter Eve Curie Labouisse hatte zwar direkt nie einen Nobelpreis erhalten, nahm allerdings mit ihrem Mann Henry Labouisse den Friedensnobelpreis entgegen, der an die UNICEF vergeben wurde. Henry Labouisse war damals Exekutivdirektor des UN-Kinderhilfswerks.
  • Frédéric Chopin – 1810 in Zelazowa Wola (ca. 60 km von Warschau entfernt) geboren und 6 Monate nach der Geburt mit der ganzen Familie nach Warschau gezogen. Er gehört zu den besten und bekanntesten Pianisten in der Geschichte der Menschheit. Verstorben und begraben in Paris. Sein Herz befindet sich in Warschau eingemauert in einer Säule in der Hl.-Kreuz-Kirche in der Krakowskie-Przedmiescie-Straße.
  • Thomas Godoj – deutscher DSDS-Gewinner
  • Arthur Rubinstein – 1887 in Lodz geboren. Weltbekannter Pianist und der größte Chopin-Interpret.
  • DJ Tomekk – geboren in Krakau; DJ und Musikproduzent
  • Joseph Conrad – eigentlich Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski – gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts in England
  • Pola Negri – geboren in Lipno (damals Russisches Kaiserreich); großer Star des Stummfilms in den USA
  • Roman Polanski – Filmregisseur, Drehbuchautor und Schauspieler
  • Rosa Luxemburg – geboren in Zamość; einflussreiche Vertreterin des Marxismus
  • Lukas Podolski – geboren in Gliwice; deutscher Fussballspieler
  • Robert Lewandowski – geboren in Warschau. Profifussballer beim FC Bayern München und Kapitän der A-Mannschaft der Polnischen Nationalmannschaft
  • Angelique Kerber – lebt und trainiert im polnischen Puszczykow
  • Sabine Lisicki – Tennisspielerin
  • Dariusz Michalczewski – geboren in Gdansk; Profiboxer
  • Caroline Wozniacki – Tennisspielerin
  • Tadeusz Kosciuszko – kämpfte im Rang eines Generals im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg an der Seite George Washingtons. Erbauer des Forts am Hudson River, wo sich heute die West-Point Militärakademie befindet.
  • Joanna Krupa – Model und Schauspielerin, in den USA tätig
  • Daniel Libeskind – geboren in Lodz, Architekt und Stadtplaner. Sein berühmtestes Projekt in Polen ist das höchste Wohngebäude in der EU – Zlota 44 (Beitrag → Zlota44) welches in Warschau steht (192 Meter). Seine Mutter stammte aus Warschau.
  • Kazimierz Pulaski – General der Kontinentalarmee im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und Begründer der amerikanischen Kavallerie
  • Pawel Edmund Strzelecki – Erstbesteiger des höchsten australischen Berges (australischer Kontinent). Nach ihm hat der Entdeckungsreisende Charles Sturt die Strzelecki-Wüste in Australien benannt. Der höchste Berg Australien heißt Mount-Kosciuszko > siehe Tadeusz Kosciuszko.

Welchen Lauf nimmt die Sonne in Zukunft?

Soll es beim polnischen Dauer-Tag bleiben oder sollte die Matka-Polka, unsere Mutter Polen, ihre Kinder zurückholen? Ist es nicht schön, wenn die Polen zeigen, dass es egal ist, wo man lebt und die Welt zu seinem Zuhause macht? In Zeiten einer mittlerweile langjährigen Flüchtlingswelle in Europa scheint es um so wichtiger zu werden, wie eine Nation von Emmigranten mit Emmigranten umgehen will. Nehmen wir also ein Beispiel an …… uns selbst!

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