In einer riesigen Einkaufsmall in Warschau wurde ein patriotisches Geschäft eröffnet. Klingt auf Anhieb nicht außergewöhnlich. Doch je länger ich darüber nachdenke, umso mehr Zweifel kommen mir auf, ob das überhaupt geht. Ist das noch Patriotismus oder ein reines Geschäft mit dem emotionalen Weltbild des Polen?

Hier zunächst die Fakten:

In der Einkaufsmall Wola Park im Stadtteil Wola hat die Firma Surge Polonia ein Kleidergeschäft eröffnet. Thematisch will die Bekleidungsfirma mit patriotischer Symbolik und selbstverständlich modernem Design reizen. Die Projekte entstehen in den Köpfen junger polnischer Künstler, die die Kleidung in 3 Themenbereiche aufteilen: Armee, Classic, Sport und Schick. Inspiriert durch polnische Geschichte und nationale Symbolik erfüllen die Kleider auch die patriotische Voraussetzung der Produktionsstätte, welche sich ebenfalls in Polen befindet.

Beitragsinhalt

Einkaufsmalls in Warschau
Polnischer Patriotismus
Der Gedanke
Ein weiterer Gedanke
Der letzte Gedanke

In der Einkaufsmall Wola Park im Stadtteil Wola hat die Firma Surge Polonia ein Kleidergeschäft eröffnet. Thematisch will die Bekleidungsfirma mit patriotischer Symbolik und selbstverständlich modernem Design reizen. Die Projekte entstehen in den Köpfen junger polnischer Künstler, die die Kleidung in 3 Themenbereiche aufteilen: Armee, Classic, Sport und Schick. Inspiriert durch polnische Geschichte und nationale Symbolik erfüllen die Kleider auch die patriotische Voraussetzung der Produktionsstätte, welche sich ebenfalls in Polen befindet.

Alles ist polnisch, patriotisch-polnisch – wäre da nur nicht die Einkaufsmall.

1. Einkaufsmalls in Warschau

sky-bar-warschauWarschau quillt über vor lauter Einkaufsmalls. Diese Mini-Städte, in welchen Käufer auf Verkäufer, Produzenten auf Konsumenten treffen, wo ruhigen Charakteren vor Wahnsinn die Streßadern in den Kopf stoßen und Asketen ihre spartanische Lebensphilosophie an den Nagel hängen und oftmals in einen nie dagewesenen Kaufrausch fallen, haben in Warschau „noch“ grüne Fahrt. Die Zentren entstehen hier auch nicht auf der Grünen Wiese, sondern quasi Mitten in der Stadt und sind nicht gerade klein. Die Goldenen Terrasen (poln. Zlote Tarasy), welche mittiger schon gar nicht mehr liegen können, sind unterirdisch mit dem Warschauer Zentralbahnhof verbunden und nur 300 Meter weiter steht auch schon der Kulturpalast (237m). Die gesamte Anlage verfügt über 225.000 m² Nutzfläche, wovon auf ca. 64.000 m² rund 200 Geschäfte Platz gefunden haben. Übrigens – hier wurde 2007 der erste Burger King in Polen eröffnet.* Berühmt und vielfach ausgezeichnet wurde das Projekt vor allem wegen der wellenartigen Dachbedeckung.

* 1992 gab es schon einen Versuch einer Marktetablierung, der jedoch gescheitert ist. 2001 zog sich Burger King aus dem polnischen Markt zurück. 

Nur ca. 3,6 Kilometer Luftlinie weiter steht ein weiterer Koloss – die Arkadia Einkaufsmall. Mit 110.000 m² Einkaufsfläche ist es das größte Einkaufszentrum Polens und zugleich eines der Grössten in Europa.

Zum Vergleich: Bei dem Attentat im Münchner Stadtteil Moosach im Juli 2016 wurde viel über das betroffene Olympia-Einkaufszentrum berichtet und man überlegte zudem, ob die Einkaufszentren in Deutschland generell nicht viel zu groß und zu gefährlich seien. Das genannte Zentrum hat eine Mietfläche von 40.000 m² und ist bis heute das Grösste in Bayern und ist auch eines der Größeren in Deutschland. (Quelle: www.manager-magazin.de) In Warschau würde es die Mall nicht in die Top-15 schaffen.

Wenn man eine Top-10-Liste der Warschauer Malls sortiert nach dem GLA (gross leasable area – Erklärung auf Wikipedia) zusammenstellt, entsteht folgendes Ranking (Quelle: www.propertynews.com):

  1. Arkadia 113.000 m²
  2. Park Handlowy Targówek 80.700 m²
  3. Wola Park 74.200 m² – dieses steht heute im Mittelpunkt
  4. Centrum Handlowe Janki 68.500 m²
  5. Centrum Krakowska 61 – 66.400 m²
  6. Zlote Tarasy / Goldene Terrassen 63.500 m²
  7. Galeria Mokotów 62.500 m²
  8. Park Handlowy Janki 60.900 m²
  9. Blue City 60.000 m²
  10. Atrium Promenada 60.000 m²

Zählt man alles zusammen, sind es 709.700 m² ! Man bedenke dabei, dass das „nur“ die Top-10 ist.

Eines haben diese Einkaufsmall jedoch gemein – sie alle unterstehen ausländischem Kapital. Diese Tatsache ist wichtig, sonst macht diese relativ lange Einleitung keinen Sinn.

Auf diesem Stadtplan kann man sehen, wo die Malls liegen

2. Polnischer Patriotismus

warschau-projekt-2017Kommen wir nun zum spannenderen Unterpunkt. Der polnische Patriotismus ist etwas, worüber man sicherlich eine gute Doktorarbeit schreiben könnte. Leider muss ich mich hier etwas zurückhalten. Vielleicht waren Sie schon mal in Polen oder Warschau und haben gemerkt, dass die Einstellung der Polen zu ihrer eigenen Geschichte, sinnloser Aufopferung, politischer Ehrlichkeit und Naivität im Hinblick auf Ehre, Stolz und Polnischem Katholizismus eine Mischung ergeben, die nur die Polen verstehen und vor allem leben können. So wie die polnische Variante der europäischen Renaissance den polnischen Sarmaten geschaffen hat, so hat die polnische Variante der europäischen Nationalismen in Europa einen Patrioten geschaffen, den es so kein zweites Mal gibt.

Nebenbei: In meinem Beitrag „Das Polnische Imperium“ gibt es einen Vorgeschmack über den polnischen Charakter zu diesem Thema.

warschauer-aufstandWas heißt das im Konkreten? Das heisst, dass man als Fremder in Polen genau zuhören muss. Als Investor darf man nicht einfach drauf losbauen. Was nämlich für den Investor eine alte Holzhütte aus dem 19. Jahrhundert ist, kann für den Warschauer ein Ort von hoher Wichtigkeit sein, weil dort z. B. ein Hauptquartier eines polnischen Generals aus der Zeit des Januaraufstandes ist. Man sollte als Politiker nicht nach Warschau reisen und den Warschauer Aufstand unerwähnt lassen, denn würde es so bewertet, dass er/sie diesem Ereignis nicht die nötige Ehrerbietung erweist. Im weiter oben erwähnten Beitrag über das „Polnische Imperium“ sind die Widersprüche und die damit zusammenhängenden Analyse-Schwierigkeiten genannt und genauso ist es auch nun in meinem Beitrag über Einkaufsmalls und Patriotische Läden.

Der Gedanke

Was ging mir nun durch den Kopf bei den Begriffen „Einkaufsmall“ und „patriotisches Geschäft“?

Die Polen mögen die Malls nicht, sofern es um Herzensangelegenheiten geht. Die Malls zerstören nämlich angeblich die kleinen Tante-Emma-Läden auf dem Land und auch in den Städten. Dazu kann ich hier nicht viel sagen, denn liegen mir dazu keine Zahlen vor. Doch für den Polen (weniger für den Warschauer, allerdings kommt diese Meinung auch hier des öfteren vor) ist so eine riesige Mall das Symbol des Sich-Breit-Machens ausländischen – lies: fremden – Kapitals. Einige sehen darin sogar die Verblendung und indirekte Plünderung polnischer Familien durch die jüdisch-masonische NWO – als ob die nichts anderes zu tun hätten außer Eikaufszentren in Warschau zu bauen.

Und dann lese ich, dass in der drittgrössten Einkaufsmall ein Geschäft eröffnet wird, welches patriotische Kleidungsartikel verkauft. Wäre es nicht patriotischer dieses Geschäft in einem Gebäude zu eröffnen, welches in polnischer Hand ist? Vielleicht wäre es sogar besser sich gleich auf einen Basar einen Stand zuzulegen? Dann bliebe auch der Umsatz dritter Firmen in Polen, oder ist das nicht mehr so relevant?

Ein weiterer Gedanke

Der polnische Patriotismus ist nicht einfach handzuhaben. Er ist – zumindest für mich – eine unfassbar interessante Angelegenheit und zugleich die Quelle dessen, was ich „Mein Leben in meinem Warschau“ nenne. Er erfordert jedoch einer gewißen Kolorierung des etwas veralteten schwarz-weiß-Patriotismus aus dem 19. und 20. Jahrhunderts.  Wir Polen sind nun seit 27 Jahren ein unabhängiger Staat, doch haben wir uns über viele Sachen noch keine Gedanken gemacht. Was wir benötigen ist eine Verifizierung unserer alten Definitionen, welche in jenen Momenten nötig waren, um gegen menschenverachtende Systeme zu kämpfen, einen allgemeingültigen Patriotismus für alle Polen zu schaffen und uns „wieder“ in der europäischen Gesellschaft zu etablieren. Dank dieser ehrenvollen, doch in einem freien Polen nutzlosen, Gedankenguts, können solche Menschen wie Jaroslaw Kaczynski sich das aus der Luft gegriffene Recht nehmen und entscheiden, wer Pole ist und wer nicht.

Der letzte Gedanke

Ob sich jemand in Warschau ebenfalls Gedanken über die Lokalisierung des polnischen patriotischen Geschäfts Gedanken gemacht hat? Ich denke schon, doch wird er seine Gedanken nicht auf Deutsch verfasst haben.

polen-imperiumFragt sich natürlich, wie man mit dieser Tatsache umgehen sollte. Vor allem sollte man sich als echter polnischer Patriot (einfach mal Herrn Kaczynski fragen, wer das ist) an die gesamte polnische Geschichte zurückerinnern. Die Vielfalt der polnischen Gesellschaft war immer die Stärke der Polnischen Krone. Im 16. Jahrhundert gab es Momente, in denen mehr als die Hälfte des Polnischen Sejm Nicht-Katholiken waren, in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren weniger als 50% der Polen katholisch, 1939 lebten in Polen über 3 Millionen Juden (heute haben 70% der Juden Weltweit polnische Wurzeln) und 35% der Bevölkerung gehörten ethnischen Minderheiten an und 1610 hatte das Königreich Polen eine Fläche von über 1 Million km² und gehörte zu den mächtigsten und wohlhabendsten Königreichen in Europa. Gebietserweiterungen wurden in den meisten Fällen mit Verträgen und nicht mit Angriffskriegen errungen, was die Mitgliedschaft in der Polnisch-Litauischen Union so attraktiv machte. Toleranz war nämlich das, was die Vielfalt innerhalb der polnischen Machtsphäre zusammenhielt. Nun dürfen wir davon nicht ablassen und auch einen patriotischen Markenladen in einer Einkaufsmall, welche sich in fremder Hand befindet, zulassen.

Doch zunächst müssen wir uns das klarmachen – und dazu muss man in Umlauf bringen.

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