img_0085Ich möchte die Gelegenheit nutzen und etwas über polnische Traditionen an Weihnachten erzählen. Hier geht es nur um den Heiligen Abend – was kommt auf den Tisch und wie sieht in etwa der Ablauf aus.

Es muss aber eines klar sein: ich erhebe hiermit keinen Anspruch auf die Darstellung der „wahren“ polnischen Weihnacht. Polen ist ein Land mit zahlreichen überregionalen, regionalen und lokalen Traditionen. Ich würde mich umso mehr freuen, wenn Sie das Kommentarfeld nutzen, um Unterschiede in Ihrer Region (europaweit) aufzuzeigen. Bei der Auswahl des Europamottos kam mein Favorit „nur“ in die Endrunge – er lautete „Einheit in Vielfalt“. Und genau diese Vielfalt müssen wir zunächst ans Tageslicht bringen.

Bei mir zuhause bereitet meine Mutter die Mahlzeiten nach (Ober)-Schlesischer Tradition vor, jedoch gibt mein Vater seinen Senf dazu – und er kommt aus dem Krakauer Umland. Ich wohne seit ein paar Jahren in Warschau, wo ich merke, dass es auch hier kleine Unterschiede gibt. Sie sehen also, dass Toleranz auch Wissen voraussetzt, denn nur mit dem entsprechenden Wissen und einem Werteverständnis kann man einander näherkommen – oder, um die weihnachtliche Terminologie zu gebrauchen, Nächstenliebe glaubhaft praktizieren zu können.

Vorbereitungen

img_0093Genau hier fangen polnische Weihnachten an. Es dreht sich fast alles um die Mahlzeiten. Bei uns sollen es nach Möglichkeit 12 sein. Von allem muss man probieren, weshalb man anfangs nicht übertreiben sollte. Da die Gesamtfläche der polnischen Tische oft zu 99 Prozent mit Essen zugedeckt werden müssen, fallen die Einkäufe an diesen Tagen auch entsprechen üppig aus.

Tannenbaum

Der Tannenbaum ist, wer es noch nicht weiss, zwar keine deutsche Erfindung, jedoch trat er von hier seinen Siegeszug an und wird nun auf allen Kontinenten. aufgestellt. Ein Weihnachtsbaum darf natürlich auch in polnischen Häusern nicht fehlen. In großstädtischen Häusern und Wohnungen regiert zum Teil eine Tannenbaum-Mode, auf dem Lande werden die Bäume mit allem geschmückt, was man hat – es kommen dann auch Äpfel, Süßigkeiten und Kekse auf die Zweige.

Mahlzeiten

  1. Rote-Bete-Suppe mit kleinen Teigtaschen, die man auch „Öhrchen“ nennt. Gefüllt sind diese mit gemixten Zwiebeln und Pilzen
  2. Pilzsuppe
  3. Kartoffeln
  4. Karpfen – mancherorts sieht man schon mal einen Karpfen-Ersatz (lies: Lachs oder Zander)
  5. Gesalzene Heringe eingelegt in Sahne
  6. Sauerkraut mit Erbsen (gekocht)
  7. Schlesischer Mohn – Mohn mit Mandeln, Rosinen, Walnüsse, Orangen-Schale, Honig, Butter
  8. Polnischer Mohn – Mohn mit Nudeln
  9. Kompott aus getrocknetem Obst (u.a. Pflaumen, Apfel, Birne)

Diese Gerichte findet man während des restlichen Jahres nicht oft auf polnischen Tischen. In unserem Fall stehen nur die Kartoffeln öfters auf dem Speiseplan. Die Pilzsuppe wird seltener, aber schon 1 bis 2 Mal pro Monat gemacht. Die restlichen Leckereien sehe ich persönlich gefühlsmäßig nur an Weihnachten. img_0091

Der Teller für den unerwarteten Gast

Es ist äußerst wichtig, dass auf jedem polnischen Tisch an Heiligabend ein Teller für einen unerwarteten Gast bereitsteht. In heutigen Zeiten der massenhaften Flüchtlingsbewegungen hat dies eine umso wichtigere Bedeutung. Ich will hier jetzt nicht unbedingt eine laute Diskussion hervorrufen, doch interessant wäre nun, was diejenigen tun würden, die lautstark gegen die Aufnahme von Flüchtlingen waren, nicht wahr Herr Kaczynski? Soll man den Syrer vor der Tür stehen lassen? Josef und Maria kamen zwar auch ohne Hilfe zurecht, aber das hätte auch schief gehen können. Das polnische Glaubensbekenntnis wird in dieser Weihnachtszeit (hoffentlich) auf die Probe gestellt.

Was sonst noch auf den Tisch kommt

Das war noch nicht alles. Damit es auch nächstes Jahr auch wieder gut oder besser wird, legt man noch folgendes auf den Tisch:

  1. ein Kreuz (ist ja klar)
  2. ein Gebetsbuch
  3. ein Portemonaie – damit es in dieser Hinsicht an nichts mangelt. Natürlich muss in der Geldbörse auch Bares drin sein. Ob hier auch die Kredtkarte ausreicht?
  4. Butter
  5. eine Scheibe Brot
  6. Wurstwaren – ein polnisches Haus ohne Wurst im Kühlschrank ist wie ein Parlament ohne einer linken Partei – ist das in Polen nicht der Fall?
  7. eine Christkindfigur liegend im Heu

Wenn der Karpfen zubereitet wird und man die Schuppen abkratzt, legt man diese oft zur Seite, trocknet sie und verteilt sie an alle. Wenn man diese in Geldbörsen und Spardosen aufbewahrt, dann werden jene nicht leer sein. Bei mir klappt es soweit ganz gut.

Oblaten

Bevor man das Gebet spricht, teilt man miteinander noch die Oblaten. Jeder bekommt ein Stück und teilt es mit jedem am Tisch. Für jeden Wunsch, den man an sein Gegenüber richtet, bricht sich der Empfänger ein Stückchen ab und nimmt es zu sich. Die Oblate ist ein Symbol für Vergebung und Einigung, ein Zeichen der Freundschaft und Liebe. Wenn Menschen miteinander dieses symbolträchtige Gebäck, welches aus weissem Mehl und Wasser besteht, teilen, bekunden sie damit die Lust zusammen zu sein. Für mich persönlich ist es eine der schönsten Traditionen.

Beten, Essen und Geschenke

Anschließend spricht man ein Gebet, dankt Gott für die Gaben und beginnt mit der Mahlzeit.

Wie ich oben schon gesagt habe, muss man von allem zumindest etwas probieren. Wenn man dann noch dazu in der Lage ist, steht nichts im Wege mehr zu verkosten. Man sollte auch während der ganzen Mahlzeit den Tisch nicht verlassen, sei es um das Geschirr in die Küche zu bringen oder um das Telefon abzuheben.

Zu guter letzt gibt es ja noch die Geschenke! Wer bringt diese? Bei uns zu Hause ist es das Christkind. Die Kinder werden dafür in ein Nebenzimmer gelockt und wenn sie das Läuten der Glöckchen hören, heisst es, dass sie zurück kommen sollen zum Weihnachtsbaum und – siehe da – die Geschenke liegen bereit. Das Christkind hat nebenbei auch die Kekse und die Milch an der Eingangstür genußvoll „verputzt“.

Keine Wurst bis Mitternacht

Mit den Regeln ist hiermit jedoch noch lange nicht Schluß. Man darf nämlich bis zur Mitternachtsmesse keine Wurstwaren zu sich nehmen. Ich kann an dieser Stelle nicht genau sagen, warum das so ist. Dieser Abschnitt wird nach genauerer Recherche aktualisiert.

Schlußwort

Im polnischen Feiertagskalender gibt es drei große Ereignisse – Ostern, Allerheiligen und Weihnachten. Diese drei Feiertage lassen wirklich tief in die Welt der Traditionen reinblicken. Jeder Pole sagt sich, dass er es nächstes Jahr ruhiger angehen wird und dann kommt es doch wie immer.

Allerheiligen habe ich hier beschrieben und in ein paar Monaten ist ja auch schon wieder Ostern.

Feiertage, der Glaube, Nächstenliebe, Religionen, …….. das sind sicherlich alles schwierige Themen. Am Ende geht es jedoch nur um eines – Zusammenhalt und Erholung. Stellen Sie sich eine Welt vor ohne Feiertage! Heutzutage sind alles ständig und überall unterwegs, sodass man manchmal gar keine Zeit hat, um seine engsten Verwandten zu besuchen. Solche Tage zwingen die Menschen sich endlich um das wichtigste im Leben zu kümmern.

Insoweit wünschen ich allen Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins nächste Jahr 2017.

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