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Weihnachten in Polen / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und etwas über polnische Traditionen an Weihnachten erzählen. Heute soll es um den Ablauf am Heiligen Abend gehen. Was kommt auf den Tisch? Wann steht man auf? Wie sehen die Vorbereitungen aus? Also – was machen die Polen eigentlich den ganzen Tag?

Wie viele wissen, sind die Polen die zweitgrößte ethnische Gruppe innerhalb der Bundesrepublik und es muss wohl nicht gesagt werden, dass nicht alle aus Schlesien kommen, so wie meine Familie, die 1989 nach Deutschland aus Pyskowice/Gliwice ausgewandert ist. Ich erhebe keinen Anspruch auf die Darstellung der einzig wahren polnischen Weihnacht. Polen ist ein Land mit zahlreichen überregionalen, regionalen und lokalen Traditionen und jede polnische Mama ist an dem Tag der Chef im Haus. Die Mamas sind meistens auch diejenigen, die die Traditionen am Leben erhalten. Ich würde mich umso mehr freuen, wenn Sie das Kommentarfeld nutzen, um Unterschiede in Ihrer Region (europaweit) aufzuzeigen. Bei der Auswahl des Europamottos kam mein Favorit „Einheit in Vielfalt“ nur in die Endrunde. Doch will ich diesem Motto weiterhin treu bleiben. Denn genau diese Vielfalt müssen wir zunächst ans Tageslicht bringen.

Bei mir zuhause bereitet meine Mutter die Mahlzeiten nach (Ober)-Schlesischer Tradition vor, jedoch gibt mein Vater seinen Senf dazu – und er kommt aus dem Krakauer Umland. Ich wohne seit ein paar Jahren in Warschau, wo ich merke, dass es auch hier kleine Unterschiede gibt. Ohne Toleranz, welche ohne entsprechendem Wissen nicht gewährleistet werden kann, geht es nicht. Denn nur mit dem entsprechenden Wissen und einem Werteverständnis kann man einander näherkommen – oder, um die weihnachtliche Terminologie zu gebrauchen, Nächstenliebe glaubhaft praktizieren zu können.

Morgenstund hat Gold im Mund

An Heiligabend geht das Gerücht um, dass alles, was man an diesem Tag macht, das ganze Jahr hindurch so gemacht wird. Wenn man um 11 Uhr aufsteht, wird es quasi äußerst schwierig sein in den nächsten 365 Tagen vor dieser Uhrzeit in den Tag zu schreiten. Daher klingelt an diesem Tag in vielen Häusern der Wecker relativ früh. Meine Theorie geht dahin, dass die Mütter wissen, dass viel zu tun ist und je früher man anfängt, desto besser für alle. Also – 7 Uhr aufstehen, damit es auch nächstes Jahr gut läuft.

Frühstücken? Nur im Fastenmodus!

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An diesem Tag am besten nur Brot mit Butter / Ralf *Flickr [CC BY-NC-ND 2.0]

Den ganzen Tag lang bis zum wichtigsten Ereignis des Tages – des Abendmahles – darf man zwar etwas essen, doch müssen sich alle an den Fastenmodus halten. Kein Fleisch, keine Süssigkeiten und nicht zu viel. Man kann sich also vorstellen, warum die Küche an diesem Tag der meistbesuchte Raum des Hauses ist. Nicht nur, weil bei den Vorbereitungen geholfen werden muss, sondern weil man – vielleicht, wenn die Mama gerade nicht guckt – hier und da etwas verkosten kann. Süssigkeiten bekommt man erst nach dem Abendmahl. Fleisch hingegen erst am nächsten Tag. Viele gehen deswegen gerne zur Mitternachtsmesse, weil das der Moment ist, ab dem direkt nach der Messe ruhigen Gewissens im Kühlschrank ausschau gehalten wird nach der kiełbasa Krakowska oder der knusprigen Myśliwiecka.

Vorbereitungen

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Vorbereitung auf Heiligabend / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

Genau hier fangen polnische Weihnachten für viele erst an, weil es sich um das Essen dreht. Etwas anders sehen es natürlich die, die aufräumen müssen. Sie merken – das Essen ist Dreh- und Angelpunkt dieses Tages. Bei uns zu Hause sollen es am Abend nach Möglichkeit 12 Speisen werden – also so viele wie es Apostel gab. Von jeder Speise muss man probieren, weshalb man anfangs nicht übertreiben sollte. Da die Gesamtfläche der polnischen Tische oft zu 99 Prozent mit Essen zugedeckt werden, fallen die Einkäufe an diesen Tagen auch entsprechen üppig aus.

Tannenbaum

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Geschmückter Tannenbaum / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

Der Tannenbaum ist, wer es noch nicht weiss, zwar keine deutsche Erfindung, jedoch trat er von hier seinen Siegeszug an und wird nun auf allen Kontinenten aufgestellt. Ein Weihnachtsbaum darf natürlich auch in polnischen Häusern nicht fehlen. In großstädtischen Häusern und Wohnungen regiert zum Teil eine Tannenbaum-Mode, auf dem Lande werden die Bäume mit allem geschmückt, was man hat – es kommen dann auch Äpfel, Süßigkeiten und Kekse auf die Zweige. Über die eine oder andere Mode macht man sich hier weniger Gedanken. Das wichtigste ist doch, dass die Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen können.

Mahlzeiten

  1. Rote-Bete-Suppe mit kleinen Teigtaschen, die man auch „Öhrchen“ nennt. Gefüllt sind diese mit gemixten Zwiebeln und Pilzen
  2. Pilzsuppe
  3. Kartoffeln
  4. Karpfen – mancherorts sieht man schon mal einen Karpfen-Ersatz (lies: Lachs oder Zander)
  5. Gesalzene Heringe eingelegt in Sahne
  6. Sauerkraut mit Erbsen (gekocht)
  7. Schlesischer Mohn – Mohn mit Mandeln, Rosinen, Walnüsse, Orangen-Schale, Honig, Butter
  8. Polnischer Mohn – Mohn mit Nudeln
  9. Kompott aus getrocknetem Obst (u.a. Pflaumen, Apfel, Birne)

Diese Gerichte findet man während des restlichen Jahres nicht oft auf polnischen Tischen. In unserem Fall stehen nur die Kartoffeln öfters auf dem Speiseplan. Die Pilzsuppe wird seltener, aber schon 1 bis 2 Mal pro Monat gemacht. Die restlichen Leckereien sehe ich persönlich gefühlsmäßig nur an Weihnachten.

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Die kleinen Öhrchen, die in die Rote-Bete-Suppe kommen / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

Der Teller für den unerwarteten Gast

Es ist äußerst wichtig, dass auf jedem polnischen Tisch an Heiligabend ein Teller für einen unerwarteten Gast bereitsteht. In heutigen Zeiten der massenhaften Flüchtlingsbewegungen hat dies eine umso wichtigere Bedeutung. Ich will hier jetzt nicht unbedingt eine laute Diskussion hervorrufen, doch interessant wäre nun, was diejenigen tun würden, die lautstark gegen die Aufnahme von Flüchtlingen waren, nicht wahr Herr Kaczynski? Soll man den Syrer vor der Tür stehen lassen? Josef und Maria kamen zwar auch ohne Hilfe zurecht, aber das hätte auch schief gehen können. Das polnische Glaubensbekenntnis wird in dieser Weihnachtszeit (hoffentlich) auf die Probe gestellt.

Was sonst noch auf den Tisch kommt

Das war noch nicht alles. Damit es auch nächstes Jahr auch wieder gut oder besser wird, legt man noch folgendes auf den Tisch:

  1. ein Kreuz (ist ja klar)
  2. ein Gebetsbuch
  3. ein Portemonaie – damit es in dieser Hinsicht an nichts mangelt. Natürlich muss in der Geldbörse auch Bares drin sein. Ob hier auch die Kredtkarte ausreicht?
  4. Butter
  5. eine Scheibe Brot
  6. Wurstwaren – ein polnisches Haus ohne Wurst im Kühlschrank ist wie ein Parlament ohne einer linken Partei – ist das in Polen nicht der Fall?
  7. eine Christkindfigur liegend im Heu

Wenn der Karpfen zubereitet wird und man die Schuppen abkratzt, legt man diese oft zur Seite, trocknet sie und verteilt sie an alle. Wenn man diese in Geldbörsen und Spardosen aufbewahrt, dann werden jene nicht leer sein. Bei mir klappt es soweit ganz gut.

Oblaten

Bevor man das Gebet spricht, teilt man miteinander noch die Oblaten. Jeder bekommt ein Stück und teilt es mit jedem am Tisch. Für jeden Wunsch, den man an sein Gegenüber richtet, bricht sich der Empfänger ein Stückchen ab und nimmt es zu sich. Die Oblate ist ein Symbol für Vergebung und Einigung, ein Zeichen der Freundschaft und Liebe. Wenn Menschen miteinander dieses symbolträchtige Gebäck, welches aus weissem Mehl und Wasser besteht, teilen, bekunden sie damit die Lust zusammen zu sein. Für mich persönlich ist es eine der schönsten Traditionen.

Beten, Essen und Geschenke

Anschließend spricht man ein Gebet, dankt Gott für die Gaben und beginnt mit der Mahlzeit.

Wie ich oben schon gesagt habe, muss man von allem zumindest etwas probieren. Wenn man dann noch dazu in der Lage ist, steht nichts im Wege mehr zu verkosten. Man sollte auch während der ganzen Mahlzeit den Tisch nicht verlassen, sei es um das Geschirr in die Küche zu bringen oder um das Telefon abzuheben.

Zu guter letzt gibt es ja noch die Geschenke! Wer bringt diese? Bei uns zu Hause ist es das Christkind. Die Kinder werden dafür in ein Nebenzimmer gelockt und wenn sie das Läuten der Glöckchen hören, heisst es, dass sie zurück kommen sollen zum Weihnachtsbaum und – siehe da – die Geschenke liegen bereit. Das Christkind hat nebenbei auch die Kekse und die Milch an der Eingangstür genußvoll „verputzt“.

Keine Wurst bis Mitternacht

Mit den Regeln ist hiermit jedoch noch lange nicht Schluß. Man darf nämlich bis zur Mitternachtsmesse keine Wurstwaren zu sich nehmen. Ich kann an dieser Stelle nicht genau sagen, warum das so ist. Dieser Abschnitt wird nach genauerer Recherche aktualisiert.

Schlußwort

Im polnischen Feiertagskalender gibt es drei große Ereignisse – Ostern, Allerheiligen und Weihnachten. Diese drei Feiertage lassen wirklich tief in die Welt der Traditionen reinblicken. Jeder Pole sagt sich, dass er es nächstes Jahr ruhiger angehen wird und dann kommt es doch wie immer.

Allerheiligen habe ich hier beschrieben und in ein paar Monaten ist ja auch schon wieder Ostern.

Feiertage, der Glaube, Nächstenliebe, Religionen, …….. das sind sicherlich alles schwierige Themen. Am Ende geht es jedoch nur um eines – Zusammenhalt und Erholung. Stellen Sie sich eine Welt vor ohne Feiertage! Heutzutage sind alles ständig und überall unterwegs, sodass man manchmal gar keine Zeit hat, um seine engsten Verwandten zu besuchen. Solche Tage zwingen die Menschen sich endlich um das wichtigste im Leben zu kümmern.

Insoweit wünschen ich allen Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins nächste Jahr 2017.


Beitragsbild:  Gedeckter Tisch am polnischen Heiligabend / Antoni Władyka [CC BY-SA 2.0]

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