Beitragsinhalt

Es ist schlimmer als 2015
Der Katholische Staat Polen – kurz ASP
Polen ist erkrankt
Die Medizin
Jeder hat das Recht auf Krankheit
Den Patienten muss man ruhen lassen
Nach der Krise ist vor der Krise

Es ist schlimmer als 2015

Polen ist in einer schwierigen Situation. Sicherlich ist sie schlimmer als 2015. Sie ist auch wesentlich schlimmer, als es alle vorhergesehen haben. Im Dezember beendet der Vorsitzende des Verfassungsgerichtshofes seine Amtszeit. Die regierende Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) kann es kaum erwarten und wird den Gerichtshof mit Gewalt stürmen. Was folgt ist  die volle und ungehemmte Staatsgewalt in der Hand eines verrückten 1,67 Meter großen Mannes mit vielen Komplexen. Sogar der internationale Druck wird ihn nicht aufhalten können. Sein Ziel – größer zu werden als Lech Walesa, größer zu werden als Josef Pilsudski, vielleicht denkt er sogar daran größer zu werden als Johannes Paul II. – hier könnte ich mir jedoch vorstellen, dass er doch eine „religiöse“ Grenze zieht. Schließlich bleibt vor Gott nichts verborgen, noch nicht mal solch verrückte Gedanken.

Der Katholische Staat Polen – kurz KSP

Die Regierung zwingt uns bei jedem Spaziergang am 10. eines jeden Monats an das Attentat in Smolensk zu denken, egal wo man sich zu diesem Zeitpunkt gerade in Polen aufhält. Sogar vor dem Bialowieza-Nationalpark wird nicht Halt gemacht. Da riecht es schon nicht mehr nach Natur, es stinkt vielmehr so ekelhaft wie Staatsmacht nur stinken kann.

Die Regierenden sprechen es noch nicht laut aus, aber es scheint, als wollten sie eine Art Katholischen Staat gründen mit nur einer Staatsreligion und der Vormachtstellung der Polnischen Katholischen Kirche. Als Benedikt XVI. von einer „kulturellen und religiösen Krise in Europa“ sprach, bedeutete es für die Sekte PiS sich dieser schwierigen Lage zu widersetzen und Gott etwas behilflich zu sein bei der Rettung der Menschheit. Die Sekten-Mitglieder fühlten urplötzlich eine Berufung, einen Sinn für ihr sinnloses Dasein. Schauen Sie auch mal in die polnischen Geschichtsbücher – unser Spitzname war seit dem 16. Jahrhundert „Alleiniger Beschützer des Abendlandes“. Wir haben diesen Spitznamen nie ablegen können und nun erlebt er seine zweite Hochzeit.

Polen ist krank

Diese Menschen glauben tatsächlich, dass in laizistischen Staaten die 10 Gebote ihre Geltung verlieren könnten. „Du sollst nicht töten“ gehört wohl zum wichtigsten Gebot – dabei ist die Mord- und Totschlagsrate in wohlhabenden laizistischen Ländern wesentlich kleiner als in sehr religiösen Ländern.

Diese Menschen wollen uns verbieten sich der Liebe wegen zu lieben, miteinander zu leben ohne vorher den heiligen Bund der Ehe eingegangen zu sein und die Pille-Danach zu nehmen, weil man für ein Kind nicht bereit ist. Schließlich stellt diese Pille eine evidente Ingerenz in den Plan Gottes. Man will uns die Entscheidungsfreiheit nehmen und sie ersetzen mit absolutem Gehorsam gegenüber der Kirche und dem Großen Jaroslaw Kaczynski.

Polen ist krank – doch die Krankheit ist heilbar.

Die Medizin

polen-trumpWie beim Menschen das eigene Immunsystem ist für Polens Krankheit die polnische Gesellschaft die beste Medizin. Die Polen haben schon schlimmeres erlebt und die Erfahrung mit Diktaturen der Lüge sind in diesem Breitenkreis wirklich kein ungeschriebenes Blatt. Die Diktatoren wollten uns schon viel Mist glauben lassen. Jetzt ist es der Glaube daran, dass am 10. April 2010 Bombem unter Deck in die Luft gegangen sind, die nur mit PiS-Augen gesehen und nur mit PiS-Ohren gehört werden können.  Ich persönlich glaube, dass die dümmsten Diktaoren, die die Welt bisher gesehen hat, an diese vermeintlichen Bomben glauben msüssen wie die Katholiken an die Auferstehung Jesu Christi, sonst fällt Ihr Weltbild zusammen wie ein Kartenhaus. DIe Medizin – wie gesagt – sind wir selber. Seit 1990 gehört das Land zwischen Bug und Oder uns allein und niemand befiehlt uns in fremder Sprache. Was innerhalb der Grenzen Polens passiert liegt in unserer alleinigen Verantwortung.

Jeder hat das Recht auf Krankheit

Können Sie sich an die Spiegel-Affäre in Deutschland erinnern? Falls Sie damals noch nicht auf der wundervollen Welt waren, dann empfehle ich eine Reise durch die Geschichte. 1962, also nur 17 Jahre nach Kriegsende, mussten Mitarbeiter der Redaktion um ihr Leben bangen, weil sie sich kritisch über den Deutschen Staat äußerten, in Wort wie Schrift. Sie wurden strafrechtlich verfolgt – Anklage: Landesverrat. 2012 wurde bekannt gegeben, dass der Bundesnachrichtendienst die Redaktion „Der Spiegel“ verfolgte und bespitzelte. Was kam am Ende heraus? Die Analysten sehen darin den Beginn der politischen Stellungnahme der westdeutschen Öffentlichkeit und eine Stärkung der Pressefreiheit, wie wir sie heute in Deutschland kennen.

Hat sich damals irgendjemand eingemischt, als Staatsbeamte nachts in private Häuser eingedrungen sind um die Mitarbeiter zu untersuchen und zu befragen? Nein! Warum? Weil das die innere Angelegenheit war eines souveränen Staates. Deutschland hat daraus gelernt und gut daran getan. Deutschland war auch krank und das nicht nur ein mal, nicht nur 1962. Ich denke, dass ich die restliche deutsche Patientenakte hier nicht weiter ausführen muss und es geht mir nicht nur um die Zeit 1933 – 1945.

Es soll auch nicht alles an Deutschland hängen beiben. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Westeuropäischen Staatenlenker vergessen haben, wieviele Menschen in den 70ern und 80ern sterben mussten, weil die Gesellschaften sich „finden“ mussten. Woher kamen denn die Bombenleger in Irland, Großbritannien, Deutschland und anderen Staaten? Aus den eigenen Reihen, das waren unsere eigenen Nachbarn und keinesfalls Fremde oder Eindringlinge. Heute wird sich kaum jemand daran erinnern können oder verschweigt es, weil es keine schöne Zeit war. Um vorwärts zu kommen, sind womöglich solche Krisen eine Notwendigkeit. Die westeuropäischen Staaten hatten zwischen 1945 und 1990 viel Zeit und Möglichkeiten, um Fehler begehen zu können. Die Möglichkeiten haben sie genutzt, denn es war ihr gutes Recht. Nun tun sie so, als ob es all das nie gegeben hätte.

Den Patienten muss man ruhen lassen

Wieso darf also Polen keine Fehler machen? Haben alle gedacht, dass der polnische Staat und die polnische Gesellschaft in Polen und überall anders auf der Welt (die Polonia zählt bis zu 15 Millionen Menschen) sich entwickeln wird ohne Zwischenfälle? Wurde etwa nicht in Erwägung gezogen, dass die polnische Gesellschaft einen Diktator der Lüge aus den eigenen Reihen wählen würde? Es ist etwas unschönes geschehen, aber die Erfahrung der westeuropäischen Gesellschaften, angefangen im 9. Jahrhundert mit Karl dem Großen, muss doch instinktiv vorgegeben haben, dass Polen ein normales Land ist wie jedes andere auch und dass es deshalb zu den selben oder zumindest ähnlichen Ereignissen kommen wird. Oder haben wir kein Recht auf Fehler? Wieso mischt man sich nur Tage nach einer Demokratischen Wahl in die innere Angelegenheit der polnische Öffentlichkeit ein und wirft ihr vor, dass die Wahl „schlecht“ war? War die Wahl Berlusconis besser? War die Wahl Angela Merkels schon vorab von Gott abgesegnet? Was würden Sie sagen, wenn die polnische Regierung damals in den Medien verlauten ließ, dass die Deutschen mit der Wahl Angela Merkels zur deutschen Kanzlerin einen „Fehler“ gemacht hätten? Würde Sie dem einfach zustimmen?

Lassen Sie uns also etwas mehr freiraum, lassen Sie uns die Krankheit erleben. Polen ist krank und die einzige Medizin sind wir selber.

Nach der Krise ist vor der Krise

Lassen sie den Polen das Recht, welches ihnen den Weg vorbereitet hat zu der Gesellschaft zu werden, die sie heute darstellen. Lassen sie uns mal in Ruhe liegen. Wir machen das schon, denn wir sind die Medizin, die uns nicht nur heilt, sondern auch stärker macht für die nächste Krise.Denn diese wird unweigerlich kommen. Aber das wissen Sie sicherlich auch schon.

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