Veranstaltung am 12.10.2016 im Haus der Begegnungen mit der Geschichte an der ulica Karowa 20 in Warschau

Beitragsinhalt

Ein Gespräch mit Filip Springer
Haus der Begegnungen mit der Geschichte
— Das Gespräch
— Zwei Fragen zum Warmwerden
— Seine Lieblingsstrasse und sein Lieblingsgebäude
— Gibt es ein Leben ausserhalb der Architektur?
— Architektur aktiv erkennen
— Architektonische Pornografie
— Fotografie und die Privatssphäre
— Wofür soll man fotografieren?
— Wie soll man nun die Stadt fotografieren?
— Meine Frage an Filip
Schlußwort

Ein Gespräch mit Filip Springer

Er ist 1982 in Posen geboren, studierte dort an der Adam-Mickiewicz-Universität und lebt nun in Warschau. Als Fotoreporter hat er mit zahlreichen regionalen wie nationalen Zeitungen wie „Polityka“ oder „Przekroj“ zusammengearbeitet. Seit 2011 hat er einige Werke herausgebracht, die ein etwas anderes Polen zeigen sollen.

Das Thema des Gespräches war „Wie macht man Fotos in einer Stadt?“

Haus der Begegnungen mit der Geschichte

Das Gespräch fand an der ulica Karowa 20 statt. In dieser kleinen Nebenstraße direkt neben dem Bristol-Hotel an der Strasse Krakowskie Przedmiescie befindet sich das „Haus der Begegnungen mit der Geschichte“ (Dom Spotkan z Historia). Diese kulturelle Institution wird von der Stadt Warschau geleitet und beschäftigt sich mit der Wissensverbreitung über die Geschichte Polens und Mittel/Osteuropas im 20. Jahrhundert. Die polnische Hauptstadt nimmt dabei eine besondere und hervorgehobene Stellung ein.

Im Versammlungssaal haben sich zahlreiche Interessenten versammelt, was mich positiv überraschte.

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Das Gespräch

Die Organisatoren haben eine nette Atmosphäre geschaffen und so ging es sofort los. Die Vorstellung des Gastes war sehr kurz, da er in der Welt der Fotografie sehr bekannt ist. Dabei meine ich natürlich die „polnische“ Welt.

Zwei Fragen zum Warmwerden

Wie soll man Städte fotografieren und welche Fotos aus der Kollektion von Zbyszek Siemaszko gefallen dir am meisten?

Die erste Frage hat er nicht wirklich beantwortet, da er fast direkt auf die Ausstellung eingegangen ist, die momentan in diesem Kulturhaus gezeigt wird. Es handelt sich dabei um Fotos eines der berühmtesten Fotografen, sofern es um Warschau geht. Da die Ausstellung noch bis zum 30.10.2016 weilen wird, könnt Ihr Euch noch selber von der Richtigkeit dieser Feststellung überzeugen. So hat Filip Springer genau jene Fotos als Beispiel gewählt, um den richtigen Ansatz zu zeigen, wie die Architektur einer Stadt fotografiert werden soll.

Siemaszko hat die Sprache der Architektur gelernt und sie in die Fotosprache übersetzt. Dass das nicht einfach ist, merkt und spürt man schon während des Fotografierens. Es heißt also – üben, üben, üben.

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Lieblingsstrasse und sein Lieblingsgebäude

Filip Springer hat eigentlich weder eine Lieblingsstrasse noch ein Lieblingsgebäude, betont jedoch, dass es etwas sein muss, was eine Geschichte erzählt. Dazu gehört sicherlich der Kulturpalast oder das Witkac-Gebäude.

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Gibt es ein Leben ausserhalb der Architektur?

Nach Filip Springer – Nein! Er hat es verstanden, als er mal ein Interview führte mit einem Architekten. Dieses Interview dauerte fast 8 Stunden und Filip musste schon Schmerztabletten zu sich nehmen, um nicht umzukippen. Nach diesen 8 Stunden traf er den Architekten nochmals. Schon voller Zorn nach dem Gespräch begann der Architekt:     „Jetzt sage ich Ihnen noch etwas. Außerhalb der Architektur gibt es kein Leben“. Wenn man sich mit dieser Materie befassen will, dann muss man es zu seinem täglichen Brot machen, sonst wird es nur zu einem Hobby.

Filip Springer setzte jedoch hinzu, dass die Architektur sich nur schwer definieren lässt. Jeder muss bei der Suche seinen eigenen Weg gehen.

Architektur aktiv erkennen

Architektur muss man aktiv erkennen und die Fotografie kann einem dabei ungemein helfen. Die Fotografie zwingt den Fotografen seine Sachen zu packen und sich zum Objekt der Begierede zu begeben. Die weisse Fassade eines Hauses ist zudem vollkommen unzureichend. Man wartet also – auf eine Frau mit einem roten Mantel oder auf den Mann mit einem schwarzen Hund. Nur so erhält man wertvolle Kontraste. Doch alles erfordert Zeit, Geduld und Aufopferungsbereitschaft.

Architektonische Pornografie

Das ist doch mal ein Schlagwort. Dahinter verbirgt sich etwas sehr interessantes, nämlich eine Visualisierung der Gebäude, die erst entstehen sollen. Es wird den Bewohnern etwas präsentiert und am Ende sind alle enttäuscht, weil es in der Realität „etwas“ anders aussieht.

Beispiel 1: Ein Mehrfamilienhaus. Vor dem Haus viele Grünflächen, spielende Kinder und der Schein von Ruhe und Erholung. Obwohl es für Menschen um die 30 gedacht ist, die um die 4000 PLN im Monat verdienen, stehen auf dem Parkplatz ein Ferrari und ein Bentley. In der Realität braucht man keinen Pakrplatz, weil man sich kein Auto leisten kann und die Kinder – wie Kinder halt sind – schreien sich ihren Frust von der Seele. Von Ruhe und Erholung also keine Spur.

Beispiel 2: Der Wolkenkratzer „Zlota 44“ in der Warschauer Innenstadt gegenüber vom Kulturpalast. Der Investor hat das Hochhaus so präsentiert, als würde man die Biegung aus jeder perspektive tatsächlich erkennen können. In der Realität scheint das Gebäude viel flacher zu sein. Die Orco-Gruppe, die als erster Investor das Gebäude fertigstellte, entgegnete auf die Kritik, dass es nicht ihnen, sondern lediglich den 266 Bewohnern gefallen muss. Gut, dass die Gruppe für die Ignoranz eine saftige Rechnung erhalten hat.Mehr zum Thema hier.

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Fotografie und die Privatssphäre

Filip Springer wurde gefragt, ob die Fotos aus den Innenhöfen von Wohnblöcken, nicht auf Kosten der Privatssphäre Dritter gemacht wurden. Seine Antwort war natürlich negativ. Die Erklärung hingegen etwas schwamig. Die Menschen würden in diesen Höfen nichts hinstellen, was ihnen peinlich wäre. Hier kann man streiten, allerdings wurde das Thema fallengelassen.

Wofür soll man fotografieren?

Diese Frage ist gar nicht so einfach. Filip sagt, dass sich diese Frage jeder selbst stellen muss. Jeder wird auch für sich eine individuelle und angepasste Antwort finden müssen.

Er selber benutzt die Fotografie als Erkennungswerkzeug. Als Schriftsteller reicht es aus, wenn man einfach losschreibt. Die Vorstellungskraft genügt. Das Fotografieren hilft ihm jedoch, die Realität zu verstehen. Es geht ihm also nicht vorrangig um ein gutes Foto, sondern um das Fotografieren als solches. Ehrlich kann man das in seinen Fotos sehen – diese sind „einfach“, wenig künstlerisch, oft schlecht belichtet und doch erzählen sie etwas. Aber er sagt selber, dass seine Fotos nicht gelungen sein müssen. Das Schriftstellerische ist am Ende dann doch das Entscheidende.

Wie soll man nun die Stadt fotografieren?

Da packte er sich an Kopf, denn eigentlich dachte er, dass er diese Frage schon beantwortet hätte.

Zusammenfassend stellt er fest, dass es viele Wahrheiten gibt und die Geschichte muss jeder für sich erzählen.

Meine Frage an Filip

Ich wollte wissen, wie man in einem Blog über Warschau in einer Fremdsprache die Stadt darstellen sollte. Ist es sinnvoll auch die „unschönen“ Ecken zu fotografieren? Er gab mir darauf keine konkrete Antwort, gab jedoch hinzu, dass man alles darf, sofern man nichts verkaufen will. Ich vermute also, dass er mich hierbei auf den vorherigen Satz verweist. Ich werde es mir selber beantworten müssen.

Schlußwort

Filip Springer ist sicherlich eine Bereicherung für das Warschauer Kulturleben. Mit seiner langährigen Erfahrung ist es interessant zu sehen, wie er sich weiterentwickeln wird.

Erfreut hat es mich, dass so viele Menschen mitten in der Woche zu einer solchen Veranstaltung gekommen sind. Fotografie ist in Warschau und Polen noch nicht den Mittelstand erreicht. Das merkt man, wenn man ein Buch über Fotografie in den größten Büchereien erwerben will. Es gibt kaum eine Auswahl. Schön, wenn man Deutsch spricht und sich dann auch auf anderen Märkten umschauen kann.

Es tut sich aber etwas und Menschen wie Filip Springer bringen viel dazu bei, dass auch andere zu einer Kamera greifen.

Ich will hier auch alle auf meine eigene online Warschauer Galerie einladen – www.warschau-galerie.com 

Das Treffen fand im Haus der Begegnungen mit der Geschichte statt.

Adresse

  • ulica Karowa 20 – Nebenstrasse der Hauptpromenade Krakowskie-Przedmiescie, Internet: http://dsh.waw.pl/en/ – die Seite ist auch auf Englisch
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