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Der Pole und der Deutsche
Toleranz = Polen
Verantwortung übernehmen braucht Zeit

Der Pole und der Deutsche

Die Überschrift ist keine Vermutung, These oder gar eine sakrastische Bemerkung, sondern eine Aussage, die ich ernst meine und auch zu verteidigen weiss.

Aufnahme der Juden in Polen
Die Aufnahme der Juden in Polen 1096            Quelle: Wikipedia

Zunächst jedoch will ich sicher sein, dass alle über den selben Polen sprechen. Wenn man nämlich viele westeuropäische Medien liest, hochrangigen Politikern zuhört und Bemerkungen auf der Straße nachhorcht, dann ist klar: alle sprechen über den Polen, der zwischen 1989 und 2016 lebt und steht. Doch was ist mit unserer reichen kulturellen Tradition? Wie verhält sich unser heutiges Dasein zur 2. und 1. Rzeczpospolita? Soll man nicht auch die Zeit zwischen 1945 und 1989 dazunehmen und sich fragen, ob damals in Polen wirklich alles polnisch war? Polens Geschichte fängt im Jahre 966 an, was bedeutet, dass jeder, der über Polen sprechen will, zumindest im Ansatz etwas über die letzten 1000 Jahre wissen müsste.

Stellen Sie sich vor, man würde die Deutschen tatsächlich NUR an den Jahren 1933 – 1945 messen? Was wäre, wenn wir den Kniefall von Willy Brandt einfach ausblenden und behaupten, dass die Deutschen noch die selben Nazis sind wie 1945? Dann nämlich würden militärische Einsätze der Bundeswehr außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik als Fortführung des Versuchs der Welteroberung durch die Nazis gelten müssen – die Zeit nach 1945 würde man als Aufrüstungs- und Erholungsphase beschreiben. Sie merken, dass das keinen Sinn macht. Eine andere Beschreibung dessen, was man in Polen manchmal fühlt, wenn man Texte über sein Land liest.
Manchmal macht man es sich einfach zu einfach. Polen in den Jahren 1945 – 1989 ist für viele Westeuropäer das selbe Polen wie nach 1989. Erzählen Sie das mal dem Polen. Die Solidarnosc wurde schließlich nicht gegründet, weil es uns hier prächtig ging.

Raten Sie mal, warum Polen zwischen 1945 und 1989 keine Ausländer aufgenommen hat – die Grenzen waren zu, man kam weder rein, noch raus. Vielen Dank liebes Moskau für diese seelenruhe über 40 Jahre lang.

Toleranz = Polen

religionen

Und nun will ich Ihnen etwas erzählen vom tolerantesten und liberalsten Land in Europa – Polen. 1939 hatte Polen einen Ausländeranteil von über 30% – fast 9% der Bevölkerung waren Juden. Die jüdische Gemeinschaft in Warschau war mit über 350.000 Juden die größte der Welt. In der 2. Polnischen Republik (Rzeczpospolita) lebten Polen, Ukrainer, Weissrussen, Deutsche, Russen und andere ethnische Gruppen mit allen nur erdenklichen Religionszugehörigkeiten nebeneinander. Natürlich gab es in jenem Polen auch Pogrome gegen Juden und Kämpfe zwischen den Gruppen untereinander, doch insgesamt hat es funktioniert. Das Land war souverän und wusste seine Bürger zu schützen.

Wenn jüdische Touristengruppen durch den jüdischen Friedhof in Warschau entlangspazieren, dann erwähnen die Touristenführer mit aller Deutlichkeit, dass Polen in seiner ganzen tausendjährigen Geschichte das einzige europäische Land (Königreich) war, welches die Juden nie rausgeworfen hat. Zusätzlich zogen die Juden aus Spanien, England oder Italien nach dem Rauswurf oftmals in Richtung des polnischen Königreiches, denn es herrschte Gewißheit darüber, dass die Juden dort aufgenommen werden. Anders lässt es sich nicht erklären, dass 1939 über 3 Millionen Juden in Polen ihr Zuhause hatten.

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Eine letzte Sache möchte ich noch ergänzen – die Warschauer Konföderation von 1573 war ein Gesetzesakt, welcher alle Religionen im Königreich Polen rechtlich gleichberechtigt nebeeinander stellte und alle Andersgläubigen unter staatlichen Schutz stellte. auf Wikipedia gibt es dazu auf Deutsch noch nicht einmal einen Text. Sie wissen sicherlich, dass die Westeuropäer 1618 anfingen sich wegen der Religion gegenseitig abzuschlachten. In Polen wurde der Dreißigjährige Krieg kommentarlos und kopfschüttelnd beobachtet.

Verantwortung übernehmen braucht Zeit

Ich möchte, dass man uns Zeit gibt endlich so zu werden, wie wir eigentlich sind. Es muss noch viel nachgearbeitet werden und darüber sind sich hier die meisten einig, auch wenn die Medien anderes vermuten lassen. Man kann von uns nicht erwarten, dass durch den Bau der Autobahnen, der schönen Innenstädte in Breslau, Krakau, Danzig oder Warschau der kulturelle Umschwung automatisch erfolgt. Wir müssen uns untereinander zanken und streiten, Fehler begehen und manchmal dummes Zeug von uns geben, denn es ist das erste Mal seit 1795 (mit einer kurzen Pause von 1918-1939), dass wir für unser Los selbst verantwortlich sind und nun mit uns selber klar kommen müssen. Dieses Mal liegt die Verantwortung bei uns.

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