Sehr geehrte Frau Merkel,

Sie sind nun seit über 10 Jahren Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Das ist eine lange Zeit. Während dieser Zeit kann man sein Studium abschließen, ein akademisches Jahr im Ausland verbringen, 6 Mal umziehen, sich verlieben, 3 Europareisen unternehmen und in Warschau eine Stadtführerlizenz erwerben. 2005 waren Sie 51 Jahre alt, ich war 21. Es ist selbstverständlich, dass 10 Jahre von Ihnen als Kanzlerin eines des einflußreichsten Landes in Europa anders wahrgenommen werden als von jemandem, der vor 10 Jahren noch gestresst juristische Klausuren geschrieben hat.
Ihre medialen Auftritte und Aussagen wie Erläuterungen über politische Ereignisse, die guten wie schlechten, die Lösungen, die Sie angeboten haben, alles machte insgesamt einen guten Eindruck. Denken Sie bitte nicht, dass jetzt ein Text folgt,der Ihre Arbeit kritisiert oder dass ich Ihnen Ratschläge geben will, wie Sie Ihr Kanzleramt ausüben sollen. Meine Meinung über Sie als Kanzlerin war und ist insgesamt positiv. Es hatte immer den Anschein, dass Sie alles im Griff hatten. Deutschland kann sich keinen Kanzler erlauben, der die deutschen Werte nicht würdevoll repräsentiert und bisher ist die deutsche Politik dieser Linie treu geblieben.

Aber es gibt dennoch etwas, was ich unbedingt loswerden will. Das, was folgt, ist natürlich an Sie gerichtet, allerdings soll sich auch Ihr politisches Umfeld angesprochen fühlen. Ich bin sicherlich nicht der einzige, weder in Deutschland noch in Polen, der die folgenden Gedanken hat. Allerdings erhoffe ich mir dadurch ein größeres Gewicht meiner Aussagen, dass ich von meinen 32 Jahren insgesamt 23 Jahre in Deutschland verbracht habe und nun seit 3 Jahren in Warschau lebe. Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit einem Deutschen, der Polen vertritt.

Der Grund meines Briefes ist eben die Tatsache, dass ich Deutschland, seine Bewohner und die Politik seit Jahren aus der polnischen Perspektive beobachte und keinen Übersetzer brauche für das, was man in den Medien sagt und schreibt.

Heute habe ich auf http://www.welt.de einen Artikel gelesen mit dem Titel „Polen verstehen“. Dort hat mich vor allem ein Satz magisch angezogen „Die Wirklichkeit ist komplizierter, und die Geschichte noch präsent“. Ich war eigentlich immer überzeugt, dass die deutschen Politiker Polen als Staat mitsamt seinen Bewohnern verstehen. Mittlerweile bin ich zu der traurigen Erkenntnis gekommen, dass man Polen nicht versteht. Salopp gesagt: Man hat gar keine Ahnung. Als lizenzierter Stadtführer bin ich immer wieder erstaunt, wieviele Informationen über die polnische Geschichte oder den polnischen Charakter ein Novum sind. Die Gäste, denen ich die Stadt zeige, können sich gar nicht vorstellen, dass das Königreich Polen einst zu den mächtigsten Ländern auf dem europäischen Kontinent gehörte, dass die Republik Polen 1939 einen Ausländeranteil von über 30% hatte oder dass die Polen fast 10 Jahre vor dem Berliner Mauerfall gegen das kommunistische Regime gekämpft hatten und die Sowjetunion nicht einfach so verschwunden ist. Die Liste ist hier sicherlich nicht zu Ende.

Die Deutschen wollen sicherlich nicht, dass man sie nur Anhand der Jahre 1939 – 1945 bewertet. Genauso wenig möchten die Polen, dass die Jahre 1989 – 2016 als Maßstab für unseren Charakter genommen werden. Wir haben eine tausendjährige Geschichte, mit vielen Höhen und Tiefen. Doch was haben wir davon, wenn sich keiner die Mühe macht und sie sich anschaut, bevor er uns besucht, um grenzüberschreitende politische Themen zu besprechen?

Ich hatte oben erwähnt, dass ich Ihre Arbeit als Kanzlerin nicht kommentieren will. Als Mensch jedoch gibt es etwas, was Ihnen hier in Polen sehr helfen könnte – ein kleiner Blick in unser Herz und ein ganz kleines bißchen Verständnis für unseren Charakter. Polen ist ein großes Land mit 38 Millionen Einwohnern und genauso, wie Polen Deutschland braucht, so braucht Deutschland Polen mehr und mehr. Wenn Sie den polnischen Politikern nicht gesagt hätten, wieviele Flüchtlinge sie aufnehmen sollen, dann müssten sie jetzt nicht so viele Telefongespräche führen mit Vertretern der polnischen Politik, die sensibel auf dieses Thema reagieren. Eines hätten Sie nämlich mit einem tieferen Blick in unsere Geschichte wissen können – wenn man einem Polen sagt, dass er etwas tun muss, dann wird er es oft deswegen nicht tun, weil man es ihm aufzwingt. Das Wort „Freiheit“ hat hier oftmals eine etwas andere Bedeutung und muss mit viel Feingefühl behandelt werden. Ich sage nicht, dass der polnische Charakter einfach ist und will ihn auch gar nicht verteidigen. Aber wir sind, wie wir sind und dazu Teil der Europäischen Union, genauso wie Deutschland.

Wenn Sie mehr erfahren wollen, dann lade ich Sie herzlich ein auf einen Spaziergang durch Warschau – Geschichte lernt man am besten immer vor Ort.

Antoni Wladyka – aus Warschau

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