Beitragsinhalt

Jedes Land hat seine Sitten
Polnische Perspektive
Der Pole – das ewige Opfer
Der Pole – ein Imperialist
Opfer – Imperialist – ein schwieriges Zusammenspiel
Museum der Polnischen Armee
Der Pole – ein Europäer

Jedes Land hat seine Sitten

polnisches-imperiumIn der Supermarktkette Leclerc fand ich bei Gelegenheit ein Buch mit dem ansprechenden Titel „Das Polnische Imperium – Alle vom Königreich Polen eroberten Ländereien“ (poln. Polskie Imperium. Wszystkie kraje podbite przez Rzecypospolita). Und nein – hier folgt jetzt keine Buchkritik oder dergleichen. Ich will auf etwas ganz anderes hinaus. Natürlich kann ich jedem, der Polnisch lesen kann, dieses empfehlen. Glauben Sie mir – staunen werden Sie und das nicht nur einmal.

Ich fahre fort mit meinem eigentlichen Gedanken.

 Wenn Sie in Großbritannien, Frankreich oder Deutschland aufwachsen, dann wird Ihnen ein bestimmtes Geschichtsbild mit dem entsprechenden Geschichtsverständnis Ihrer Heimat mit auf den Lebensweg gegeben. Das hat folglich großen Einfluß darauf, wie man sich anderen gegenüber verhält, wie man spricht und was man denkt. 

Der Brite hat also das größte koloniale Imperium, welches die Menschheit je gesehen hat, vor Augen. Der Franzose denkt an die Grand Nation, die mit Napoleon nach Moskau gezogen ist. Der Deutsche hingegen erinnert sich zwar ungern an zwei gescheiterte Versuche ein Global Player zu werden, doch immerhin hat es gereicht, um zum wichtigsten und einflußreichsten Staat in der Europäischen Union aufzusteigen. Deutschland ist zum European Player geworden. 

Polnische Perspektive 

Woran denkt nun der Pole? Alle kennen oder haben zumindest schon mal mit einem Polen Kontakt gehabt. Wie verhält er sich, wenn es darum geht über politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Themen zu diskutieren? Am einfachsten und gemütlichsten ist es, sich darüber erst keine Gedanken zu machen. Einige nennen solches Verhalten sogar Ignoranz. Aber das ist ein anderes Thema. Viel schwieriger ist es, dem Polen tatsächlich zuzuhören. Was schlummert dort tief in der polnischen Seele?

Es sind dummerweise zwei Weltbilder, mit denen der Pole konfrontiert wird und keines überwiegt gänzlich das andere. Sie existieren nebeneinander wie Pech und Schwefel, wie der Gute und der Böse Engel, wie Krieg und Frieden. 

Der Pole – das ewige Opfer

Polen ist 1795 von der politischen Landkarte verschwunden. Es wurde aufgeteilt zwischen Preußen, Russland und Österreich/Ungarn. Was folgte ist der Ausschluß von der aktiven Teilnahme an den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Europa – Polen verschwand von der Landkarte. Nun waren diejenigen, die sich als Polen definierten, intensiv damit beschäftigt ihre verlorene Freiheit wieder zu erkämpfen. Diese sogenannte „Intelligenz“ (poln. inteligencja) sah in militärischen Aufständen die wohl einzige Möglichkeit genau dieses Ziel erreichen zu können. Wie Sie sich vorstellen können, hat es nicht wirklich geklappt oder haben Sie im 19. Jahrhundert etwas vom Land „Polen“ gehört?

Obwohl es im ganzen 19. Jahrhundert nicht zur Entstehung eines souveränen polnischen Staates gekommen ist, versuchten es weiterhin viele weitere Generationen mit meist fatalen Folgen – 1830, 1863, 1905, 1914/1918,  1918 (Wojewodschaft Großpolen), 1944, 1956, 1968, 1989. Die meisten davon sind fehlgeschlagen, nur 2 waren erfolgreich. 1918 trennte sich das Gebiet um Posen vom Deutschen Reich und schloß sich der neu entstandenen II Republik Polen an. Schließlich 1989 – ein Aufstand ohne seinesgleichen – ohne Blutvergießen wurde das geographisch größte Imperium der Welt herausgefordert und das sehr erfolgreich – Polen wurde frei und konnte von nun selber über sein Los entscheiden.

Zeitgleich hat Polen zwischen 1683 und 1920 keinen größeren militärischen Erfolg zu verzeichnen, was die Polen bis heute nur schwer überwinden können.

Was bleibt einem Polen dann anderes übrig als sich als Opfer Europas zwischen den Großen Mächten darzustellen? Sie hatten keine andere Möglichkeit, um die Aufmerksamkeit Europas auf sich zu lenken als zu sagen, dass sie unterdrückt werden. Das zieht immer. Ist heute nicht anders. 

Wenn man diesen kleinen Überblick vor Augen hat, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Polen wieder Mal davon sprechen, dass das polnische Volk schon genügend gelitten hat und Entschädigungen einfordert. Bevor Sie sich also wegdrehen, wenn Sie solche „Texte“ hören, hören Sie lieber genauer hin, versuchen Sie zu verstehen. So haben Sie den Polen immer noch am Tisch sitzen und das Gespräch kann weiter gehen. 

Ja – den Polen sage ich ebenfalls dasselbe. Sie sollen ebenfalls zuhören und verstehen lernen. Ansonsten ergibt das ales wirklich keinen Sinn.

Der Pole – ein Imperialist

Polen will zeitgleich auch Mitspracherechte in der EU haben, mitentscheiden und zu den Entscheidungsträgern aufsteigen. Hier kommt also das der Weltöffentlichkeit eher unbekannte Polnische Imperium ins Spiel. Es kommt vor, dass Politiker vom Polen zwischen zwei Meeren sprechen, dass sie daran erinnern, dass der Kreml nur 1 Mal in seiner Geschichte so wirklich eingenommen wurde (natürlich von Polen) oder dass Sigismund III. Waza, der frei gewählte König von Polen, ein Reich schaffen wollte, welches größer sein sollte als das von Dschingis Chan oder Alexander dem Großen. Diese wundervollen Geschichten sollen das Fundament legen für die zukünftige Position Polens im politischen Machtgefüge Europas.

Opfer – Imperialist – ein schwieriges Zusammenspiel

Das passt doch mal überhaupt nicht mehr ins Bild der Polen als Opfer, oder?

 Wir Polen sind also Opfer und Imperialisten zur selben Zeit. Das macht es alles nicht einfacher. Während wir in den letzten 200 Jahren nur Opfer waren, werden jetzt Bücher verkauft, die uns als Großmacht darstellen. Immerhin hat unsere Geschichte schon über 1000 Jahre. Das schafft auch nicht jeder und sicherlich nicht als reines Opfer. 

Diese krassen Gegensätze müssen erstmal verarbeitet werden. Jetzt, wo wir frei sind, haben wir endlich Gelegenheit dazu. 

Die Geschichte Polens ist viel umfangreicher und lebendiger als man denkt. So wie die Deutschen nicht möchten, dass man ihre Geschichte auf die Zeit 1939 – 1945 beschränkt, so wollen die Polen ebenfalls nicht, dass „Die Polnische Wirtschaft“ der Maßstab ist. 

Nur zur Erinnerung – die polnischen Geschichtsbücher fangen im Jahre 966 an. 

Museum der Polnischen Armee

Im Museum der Polnischen Armee in Warschau finden sie das perfekte Abbild dieser zwei Charaktereigenschaften der polnischen Nation. 

Man fängt früh an, nämlich schon im 10. Jahrhundert und erfährt später, dass die Polen eine der besten Kavallerieeinheiten der Welt hatten – die Husaria. Man sieht Landkarten, die zeigen, dass Polens Grenzen bis nach Moskau, Bukarest, Estland und an die Krim reichten.

Und plötzlich – hört die polnische Militärgeschichte abrupt auf. Es beginnt die Geschichte der polnischen Aufstände, der Unterdrückung durch fremde Reiche und ein Partisanenleben in Wäldern. 

Das macht die polnische Geschichte umso interessanter, doch auch komplizierter für den Westeuropäer und Weltbürger.

Der Pole – ein Europäer

Ich kann ihnen allen nur raten – schnappen sie sich eine kleine Zusammenfassung der polnischen Geschichte und tun sich einen Gefallen. Sie werden nicht nur etwas über die polnische, sondern generell über die Osteuropäischen Geschichte erfahren und verstehen lernen. Dann wird die Bezeichnung „Polnisches Imperium“ auch für sie gar nicht mehr so abwägig sein. Schließlich gehört Polen nach Europa und das nicht nur weil Europa es will, sondern weil die Polen echte Europäer sind. 


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