Beitragsinhalt

Meine Vorgeschichte
Was habe ich mir dabei gedacht?
Es war dann doch einfacher als gedacht
Polish American Way of Life
Warschau ist nicht Polen
Wieso ziehen (zogen) die Polen massenhaft aus? Und wieso ziehen sie nicht nach Warschau?
Meine Antwort

Meine Vorgeschichte

Die Grenzen wurden 1989 geöffnet und hunderttausende Schlesier haben sich auf den Weg Richtung Westen gemacht. Die Beweggründe waren alle sehr unterschiedlich, doch kann man zusammenfassend sagen, dass die Aussicht auf ein besseres Leben der Hauptgrund war. Ich war damals 5 Jahre alt. Im Prinzip war es mir egal, was da vor sich ging und schon nach kurzer Zeit fing es an mir sogar Spass zu machen. In den nächsten 23 Jahren war ich hunderte Male unterwegs nach Polen, um die Familie und Freunde zu besuchen. Im Laufe der Zeit entstand eine modifizierte Art des Heimwehs, denn mein Heim, meine Heimat, war doch in Deutschland, oder nicht? Dabei entstand nie der Gedanke irgendwann für immer nach Polen zu ziehen. Warum nicht? Das lässt sich hier und jetzt nicht in ein paar Sätzen erklären, allerdings war es der entgegengesetzte Grund, den die Schlesier hatten, um 1989 nach Deutschland zu ziehen. Nach Polen zog man nicht und dachte nicht mal daran, weil das Land zu arm war.

2008 habe ich am ERASMUS-Programm teilgenommen und bin zum ersten Mal in meinem Leben nach Warschau gefahren. Das was er, was ich all die Jahre gesucht habe. Hier fühlte ich mich vom ersten Tag an wohl und die Entscheidung nach Warschau zu ziehen wurde sofort beschlossen. 

Was habe ich mir dabei gedacht?

Seit 2013 bin ich nun in der polnischen Hauptstadt. Nur ein paar Tage nach Erhalt meines Universitätsabschlußes habe ich meine Klamotten gepackt, meine Eltern verabschiedet und los ging es – Richtung Osten.
polen-flaggeBild: polnische Flagge // CC0 // http://www.pexels.com

Viele haben sich gefragt, was ich mir dabei gedacht habe. Vom Ruhrpott über Berlin bis nach Warschau – für alle war klar, ich komme bald wieder und werde mich an dieses Ereignis in 25 Jahren mit einem Lächeln erinnern. Lediglich die Fragestellung war eine etwas andere und natürlich regional bedingt und gefragt haben sich nicht nur die Deutschen, denn die Polen waren ebenfalls sehr erstaunt. Die polnische Frage lautete also „Jetzt bist du schon in einem der reichsten Länder der Welt aufgewachsen und ziehst jetzt nach Polen? Warum? Bist du wahnsinnig?“ Die deutsche hingegen lautete „Was willst du da eigentlich machen? Gibt es da überhaupt etwas?“ Auf diese Fragen musste ich natürlich auch Antworten finden und vor Ort sucht es sich bekannterweise am besten.

Es war dann doch einfacher als gedacht

Nun sind mehr als vier Jahre vergangen. Ich persönlich hätte nicht gedacht, dass der Wechsel so einfach ablaufen würde. Scheint fast so, als wäre hier schon immer ein Plätzchen für mich frei gewesen. Aber eine Sache hat mich dann doch ins Grübeln gebracht. Das ist die Tatsache, dass ich polnischer bin als ich dachte, dass ich deutscher bin als ich vermutete und dass die Deutschen und die Polen sich mehr voneinander unterscheiden, als sie selbst je geahnt haben.

Polish American Way of Life

Man muss schon tatsächlich eine gewiße Zeit in Polen verbringen, um festzustellen
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können, dass der American Way of Life in Polen zum daily business gehört. Zu sehen ist das vor allem am Tempo, an den riesigen Malls im Stadtzentrum, an der Vorliebe für große Autos oder daran, dass alles machbar ist, auch wenn es eine Gefahr für Leib und Leben darstellt. Schließlich ist Entertainment das, was zählt.

 P.S. Keine Sorge – die Anglizismen sind gewollt und werden sich nicht häufen. 

Die polnische „Amerikanismus“ hat hier eine etwas Natur, denn er ist vermischt mit dem europäischen Weltbild. Polen könnte also einen interessanten Mix auf die Beine bringen, der anziehend wirken könnte für den mittlerweile „ausgelebten“ europäischen Lebensstil. Genau das ist es, was mich hier so fasziniert. Es ist etwas neues, was man entdecken und mit dem man sich beschäftigen kann. Glauben Sie mir – ihre Seele wird sich hier – also in Warschau – sicherlich wohlfühlen.

Warschau ist nicht Polen

Zwsichen 1989 und 2013 war ich nicht ein einziges Mal in Warschau. Wir hatten schlicht keinen Grund, um in die Hauptstadt zu fahren. Krakau, Danzig, Posen oder Breslau waren interessanter. Doch in diesen Städten ist ein Neuanfang schwieriger, denn die Gesellschaften sind hier gefestigter und schwieriger zu durchbrechen. Bei einem längeren Aufenthalt als Student, bei kürzeren Aufenthalten als Tourist oder bei Familienbesuchen ist eine intensive Integration nicht notwendig.. Doch das Leben sieht etwas anders aus und derjenige, der mit Ambitionen an die Sache rangeht und teilnehmen will, der braucht auch einen Zugang z.B. zu öffentlichen Institutionen. In Deutschland sah es für mich auch nicht anders aus. Mit einem polnischen Nachnamen und einem Migrationshintergrund ist es wesentlich schwieriger zu den oberen 10% zu gehören. 

In Polen ist der Weg nach oben einfacher. Die Stadt ist multikultureller, offen für neues und wurde während des 2. Weltkrieges völlig zerstört. Anschließend konnte sich hier keine elitäre Gruppe entwickeln. Warschau ist eine Stadt, in der man quasi bei Null anfangen kann und die Chance, dass daraus etwas werden kann, ist sehr groß. Aber – das wird irgendwann auch nicht mehr so sein. Ich persönlich gehe davon aus, dass die Stadt in 10-15 Jahren gesellschaftlich ähnlich aufgebaut sein wird wie Berlin, Krakau, Paris oder London. Noch kann man sich ein Stück vom Kuchen abschneiden. 

Wieso ziehen die Polen massenhaft aus? Und wieso ziehen sie nicht nach Warschau?

Viele Polen sind in den letzten Jahren ausgewandert. Man spricht sogar von einer regelrechten Auswanderungswelle, die zweite seit 1989 und eine von den zahlreichen Auswanderungswellen seit 1795 (1795 war die 3. Polnische Teilung – Polen existierte von 1795 bis 1918 nicht als eigenständiger Staat). Obwohl man natürlich auch viel Negatives über die Polen in den jeweiligen Einwanderungsländern hört, integrieren sie sich und passen sich größtenteils an.  Die Exil-Polen oder die sogenannte Polonia hat weltweit zwischen 15 und 18 Millionen Mitglieder. Das ist fast die Hälfte der in Polen lebenden Polen.

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Warschauer Innenstadt / CC0 // http://www.pexels.com

Polen hingegen scheint mir ein Land zu sein, wo die Integration für Ausländer schwieriger ist. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Akzeptanz seitens der Gesellschaft fehlt. Vielmehr liegt es eben am American Way of Life – damit hängen zusammen ein quasi nicht existierendes Sozialsystem, die tägliche Angst es nicht über die Runden zu schaffen, das schnelle Tempo 7 Tage die Woche und die chaotischen Verhältnisse bei der Organisation der Städte, Straßen und Verwaltung. Sobald man sich jedoch wohl fühlt, dann geht es schnell und der Weg nach oben steht jedem offen. Soweit muss man allerdings erstmal kommen.

Schauen Sie sich eine Kurzfassung der polnischen Geschichte an. Dort werden sie sehen, warum die Polonia so zahlreich ist. Und warum ziehen die Polen nicht nach Warschau? Das hat zwei Gründe. Erstens – Warschau ist eine typische Dienstleistungsstadt und die Auswanderer haben oftmals nicht die entsprechenden Qualifikationen für die hier angebotenen Jobs. Fabriken und Lagerhallen gibt es in Warschau so gut wie gar nicht. Zweitens – der Wohnungsbau ist nicht schnell genug.

Meine Antwort

Meine polnische Antwort lautet also „Nicht nur das Geld und der Lebensstandard zählen, sondern auch das geistlich-mentale Wohl“. Den Deutschen hingegen kann ich nur sagen „Es gibt in Polen manchmal sogar mehr als in Deutschland. Hier muss man sich jedoch selber auf die Suche machen“. 

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