Während meiner Stadtführungen in Warschau ist es äußerst schwierig den normalen Tagesverlauf zu zeigen. Dabei ist es doch das, wofür man sich am meisten interessiert, wenn man in andere Städte oder Länder reist.

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Dusk In the center of Warsaw by wilth / CC BY-NC-SA 2.0

Durchschnittlich verbringt der Tourist in Warschau 1,7 Tage und hält sich während dieser Zeit meistens im touristischen Bereich (→ zum Stadtplan) auf. Doch dann schaut er sich natürlich auch nicht in Gegenden um, wo die Warschauer zur Arbeit gehen, ihre morgendlichen Brötchen kaufen und nach ihrem Feierabend relaxen.

Es entsteht eine Art Realitätsverfremdung. Auf der einen Seite die touristischen Attraktionen und auf der anderen das im Hintergrund verlaufende wahre Leben. Meistens nimmt man nur das erste mit nach Hause.

Das ist nun auch der Grund, warum ich diesen Artikel verfassen möchte. Er soll zumindest einen kleinen Einblick liefern in den Alltag des Warschauers – und alle wissen, dass das Leben nicht nur aus Zuckerschlecken besteht. 

Die Warschauer machen es mir nicht sonderlich leicht, denn auch sie halten sich im touristischen Bereich auf. Dort machen die noch morgens rücksichtlosen Autofahrer wesentlich öfter an Zebrastreifen halt, die Kelnner grüßen die Gäste schon beim Betreten des Lokals und die Angestellten spazieren ohne Eile im Park oder entlang der Krakauer-Vorstadt-Straße und hinterlassen den Anschein Mitglied einer sehr besinnlichen und ruhigen Gesellschaft zu sein. Und nebenbei – JA, dieses Warschau existiert tatsächlich auch. Das steht außer Frage. Hier sehen Sie die Gewinner. Das sind die, die es geschafft haben, sich einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern und die schönen Seiten der Stadt genießen. 

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Warschau ist eine der größten Großstädte Europas, entwickelt sich rasant in jeder Hinsicht und mittlerweile hat man verstanden, dass unzufriedene Gäste nicht wiederkommen und niemandem das Lokal weiterempfehlen. Langsam aber sicher werfen die Polen das schwere Erbe des Kommunismus von sich. Daher wächst auch von Jahr zu Jahr die Anzahl derjenigen, die unsere tolle Stadt und dieses Land besuchen. 

Mordor in Warschau

Doch es gibt auch das andere Warschau. Dieses erlebt man auf dem Weg zur Arbeit und 8 Stunden später auf dem Heimweg. Während der rush hour ist die Quote derjenigen, die einen am Zebrastreifen höflich durchlassen, wesentlich geringer, der Stress steht den Leuten in Bussen und S-Bahnen ins Gesicht geschrieben und von Ruhe und Gelassenheit gibt es keine Spur. Das Paradebeispiel einer solchen Hetzjagd erlebt man seit Jahren in einem der zwei Bürozentren Warschaus im Stadtteil Mokotow (poln. Mokotów). Dort kam die Stadt mit dem Ausbau der infrastrutktur nicht hinterher. Nicht ohne Grund entstand im Laufe der Zeit die Bezeichnung Mordor an der Domanieswska-Straße. Wenn Sie dieses Warschau ebenfalls erleben möchten, dann empfehle ich Ihnen einen Spaziergang zur Domaniewska-Straße – natürlich morgens ab 7 Uhr.

Die Generation 65+

Dann gibt es aber noch die Generation 65+, die zu den größten Verlierern dieses Systemwechsels gehören.  Wieso kann man die Vertreter dieser Gruppe kaum oder nie auf den Promenaden und in den Einkaufsmalls sehen? Warschau ist morgens nach der rush hour wie ausgestorben, weil die Menschen alle in ihren Büros sitzen. Aber dann würden die älteren Damen und Herren doch die Gunst der Stunde nutzen und ihren Morgenkaffee auf der Krakowskie-Przedmiescie-Promenade genießen? Oder? Die Wahrheit ist jedoch sehr traurig und erschreckend zugleich. Diese Menschen können es sich schlicht nicht leisten. Stattdessen verbringen sie ihre freie Zeit (und davon haben sie ja zu Genüge) auf Basaren oder eben zu Hause.

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Wenn Sie dieses Warschau also sehen und fühlen wollen (bisher hatte keiner meiner Gäste ein solches Bedürfnis), dann müssen Sie sich mit den Warschauern auf den Weg machen zur Arbeit oder auf den Basar.  

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Was bringt die Zukunft? by Antoni Wladyka / CC BY-SA 2.0

Diese Seite der Stadt ist auch deshalb so interessant, weil Sie in Warschau einen europäischen Newcomer dabei beobachten können, wie er sich von Grund auf neu definiert. In Warschau spricht man viel von der tragischen Vergangenheit und auch von der vielversprechenden Zukunft. Die Gegenwart ist allerdings ein weißes Blatt Papier., welches erst beschrieben werden muss. Eigentlich wissen wir wer wir sind und sind uns unserer Geschichte sehr bewußt. Doch das Wort eigentlich macht den großen Unterschied.

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